MIT EINEM SOZIALPAKET DIE SCALA RUNTER

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1983 erschienen.
Systematik: 

Italien
MIT EINEM SOZIALPAKET DIE SCALA RUNTER

Auch in Italien wird der Lohn als gesamtnationales Problem verhandelt. Mit der Rede von den "inflationstreibenden Arbeitskosten" wird nicht der normale Gang der Lohnsenkung begleitet, sondern ein Generalangriff auf das Ausbeutungsniveau und die Ausbeutungstechniken als solche gestartet. Die Lamentiererei über die "zu hohen Arbeitskosten", ist schon immer eine absichtsvoll in die Welt gesetzte Lüge: Was der Arbeiter für den Lohn leisten muß, zählt nichts mehr, wenn er als Kost fürs Kapital beschworen und als solche natürlich immer für zu hoch befunden wird.

So fordert der Bescheid "zu teuer" sämtliche und noch weitergehende Leistungen zu noch günstigeren Konditionen. Daß aber die Unbescheidenheit der Arbeiter in Sachen Lohn die Inflation verschulde, ist die Lüge, mit der sie zur Lösung des Problems Nr. 1 angehalten werden. Man sieht: Der Titel muß nicht unbedingt wie hierzulande "Arbeitslosigkeit" heißen. Ein Beweis, daß sich noch stets eine schädliche Wirkung von Politik oder Ökonomie auf die Arbeiter finden läßt, um damit den Anspruch zu begründen, sie sollten sich grundsätzlich beschränken.

Von der "historischen Errungenschaft"...

Die scala mobile, zu deutsch: Rolltreppe - nach oben natürlich, ist von ihren Erfindern bereits in der Namensgebung als Einrichtung kenntlich gemacht, mit der sie deren Empfänger zu Dank verpflichten. Ein Land, in dem die Löhne "automatisch steigen", muß einem Arbeiterparadies schon ziemlich nahekommen. Als Normalfall ist dabei nämlich unterstellt, daß sich der Arbeiter mit dem Normallohn zufriedenzugeben hat und dem Kapital die Freiheit einzuräumen ist, ihn laufend zu entwerten. Deswegen wird die Wirkung der Inflations"ausgleichs"zahlung - die drei Monate im nachhinein den Arbeitern, nach Angaben des italienischen Statistischen Bundesamts, die Teuerung der Lebenshaltungskosten zu bestenfalls 70% ersetzt und so verhindert, daß sie n vollem Umfang als Senkung der Lohnkosten durchschlägt - gleich als Lohnsteigerung behauptet.

Der Dank für diese ständige Bereicherung der Arbeiter auf Kosten der inflationsgeschädigten Gemeinschaft wurde daher immer schon von ihren Gewerkschaften in den nationalen Tarifverhandlungen abgestattet, die 1. aus diesem Grund nur alle drei Jahre fällig sind, bei denen 2. Lohnforderungen eigentlich nichts zu suchen haben, weil für die Sicherung des Reallohns der sinnreiche Mechanismus der scala sorgt, so daß 3. bereits die Wiedererlangung des drei Jahre zuvor vereinbarten Lohns als eine Zumutung, d.h. als Forderung nach Lohnerhöhung erscheint, die durch Zugeständnisse in Sachen Leistung erkauft werden muß. Deshalb verstehen 4. die Dachverbände der nationalen Gewerkschaften die nationalen Tarifverträge seit jeher als Mahnadresse an die Unternehmer, für die nötige Produktivität zu sorgen, so daß 5. die leidige Geldfrage bei den - zwischen den nationalen Kontrakten stattfindenden - Betriebsvereinbarungen gelandet wäre. Schließlich ist sie bei dem padrone gut aufgehoben, dessen Kalkulation es anheimgestellt bleibt, sich die - vermehrte - Leistungssteigerung ein paar Pfennige kosten zu lassen oder sich auch noch die mit dem Verweis auf die schlechte Lage des Betriebs zu schenken. Dies der Grund für die "Streiklust" der Italiener.

Entgegenkommen von seiten der Gewerkschaft war dann weiter angebracht, als '77 der (bis Januar '83 gültige) Auszahlungsmodus der scala mobile gesetzlich fixiert wurde. Mit der Einführung des "punto unico" (= der Inflationsausgleich bemißt sich nicht mehr an der Lohnhöhe des einzelnen Arbeiters, sondern an der allgemeinen Armut des statistischen Durchschnittsitalieners) konnte die Gewerkschaft den Sieg der Gerechtigkeit als Errungenschaft der Kämpfe von '68 feiern. Die Regierung, die nun keine Unterschiede mehr kannte und so allen Arbeitern gleich viel, d.h. wenig an Entschädigung zukommen ließ, konnte ihrerseits mit Verständnis rechnen, als sie den Gewerkschaften die Quittung aufmachte. Daß die "Sicherung" auch des minimalsten Lebensstandards der Arbeiter eine sozialstaatliche Wohltat ist, die Regierung und Unternehmer zu allerhand Forderungen denjenigen gegenüber berechtigt, die sie nun als Klotz am Bein haben, wurde in einem "Mini(!)-Sozialpakt" besiegelt:

  • Nichtanrechnung der Erhöhung bestimmter öffentlicher Gebühren auf die scala
  • Verminderung der Zahl der gesetzlichen Feiertage
  • Anwendung der scala auf Betriebsrenten bis '81 eingefroren (so daß diese, ihre Auszahlung verzögert sich schon mal 2 Jahre, bei einer jährlichen Inflationsrate von 20%, 2/5 ihres Werts verloren haben)
  • Vorteile für gewisse Berufskategorien aus der scala abgeschafft
  • Steigerung der Produktivität prinzipiell als Bedingung zur Erhaltung der scala in die Vereinbarung mit aufgenommen.

...zum "teuflischen Mechanismus"

5 Jahre später wurde diese Bedingung dann eingeklagt: Im Juni '82 kündigte der Unternehmerverband (Confindustria) unter Berufung auf den letzten Passus des "Mini-Sozialpakts" den Vertrag über die scala mobile. Daß die Arbeiter ihren prinzipiellen Vertragsverpflichtungen nicht nachgekommen wären, ließ sich zwar nun mit Fug nicht behaupten. Der Erhalt der scala wurde ja von der vereinigten Regierungs-, Unternehmer- und Gewerkschaftsmafia als das Mittel gehandhabt, sie zur Ablieferung jeder gewünschten Menge Leistung anzuhalten. Und ganz egal, ob sich im gleichen Atemzug Freude breit machte über die in der Fabrik herrschende Ordnung, den ,Schwund des "assenteismo" (= "Krankfeiern"), die Senkung des Lohnkostenanteils von 24 auf 17% am Produkt, die Solidität Fiats etc. pp. - von Produktivität konnte schlicht deshalb nie die Rede sein, weil ein braves Arbeitsvolk allein weder den Konkurrenzerfolg des Kapitals auf dem Weltmarkt verbürgt, noch die dem italienischen Staat eigentlich wesentlich angemessenere Position unter den ersten Fünf sichert. In Anbetracht beschränkter Möglichkeiten wird deshalb auf die eine zurückgegriffen, auf die Verlaß ist. Und zwar so, daß die Arbeiterklasse für alle wirklichen und erfundenen Krisen haftbar und in die Pflicht genommen wird. Deshalb hat sich auch im Verlauf der letzten fünf Jahre die scala mobile als Stellvertreterin für den gesamten "Komplex der Lohnstruktur" zu einem wahrhaft "teuflischen Mechanismus" gemausert: War bei ihrer Einführung immerhin zugestanden, daß sie zur Verringerung der durch die Inflation bewirkten Einkommenseinbußen gezahlt wird, ist heute das Verhältnis von Grund und Folge völlig auf den Kopf gestellt - die scala, die ja bekanntlich immer steigt, ist als Verursacherin des Haupt- und Staatsübels, der Inflation, dingfest gemacht. Wenn auch alle Verantwortlichen mit diesem italienischen Nationalleiden zu leben wissen, indem sie Jahr für Jahr die Staatsschuld vergrößern und mit ihr Geschäfte machen; wenngleich also auch in Italien kein Geheimnis daraus gemacht wird, daß die Staatsverschuldung die Inflation in die Höhe treibt, fordern professionelle Krisenbewältiger jetzt mit der Rede von den "inflationstreibenden Arbeitskosten" Tribut ein bei jenen, die allein die Inflation unangenehm zu spüren bekommen. Dieser Angriff auf den Lohn in all seinen Bestandteilen, der längst nicht mehr auf die dem Unternehmen erbrachte Leistung bezogen, sondern an einer Leistung gemessen wird, die er nie und nimmer bringen kann, aber soll: aus Italien eine Schweiz mit japanischen Exporterfolgen, deutscher Inflationsrate, englischem Nordseeöl und amerikanischen Multis zu machen; diese Behandlung des Lohns als nationale Affäre bedurfte keiner weiteren staatlichen Zwangshandlung. Es genügte dort die Bekanntgabe eines "Dachs", welches die Inflation, sprich die Arbeitskosten, nicht überschreiten durften, wolle man sich endlich einer Inflationsrate "europäischen" Zuschnitts annähern - und wer schon konnte dies nicht wollen? Die Unternehmer jedenfalls nicht! Denen war zur Überwindung des "chloroformierten Systems" das Angebot der Gewerkschaften, über die "Desensibilisierung der scala" nachdenken zu wollen, zu wenig "global". Dabei waren die Gewerkschaften für die "prinzipielle Unantastbarkeit", definiert durch das Gerechtigkeitsprinzip des punto unico, zu jeder "Modifizierung" der scala - Höhe, Auszahlungsfrist etc. - bereit. Die Gewerkschaften also jedenfalls auch nicht! Ihnen sagte der Plan der Regierung zu; im Aushecken von Vorschlägen, wo noch überhaupt nicht oder zu wenig stringent "gedämpft" wurde, waren sie erfinderisch. Auf das Niveau ihrer lohnstrukturierenden Gedankengänge hoben sie die Arbeiter mit Hilfe von Fragebogenaktionen, anhand derer sich diese eingestehen sollten, daß sie das Problem der Inflationsbekämpfung noch nie in all seiner staatsbürgerlichen Komplexität, nämlich so wie Regierung und Gewerkschaft, betrachtet hatten. Das Ergebnis stand dabei von vornherein fest: Eigentlich muß überall an einem selbst gespart werden, das Übel war schließlich ein radikales und die situazione mehr denn je gravissima. Noch tadelnswerter erschien den Gewerkschaften aber die Haltung der Unternehmer, die ihnen eine tiefe Kluft zu den wirtschaftlichen Sanierungsvorhaben der Regierung deswegen offenbarte, weil diese sich nicht ebenso vorbehaltlos an die Seite der Regierung und in den Dienst der allgemeinen Sache, der "Wiedererringung der Produktivität", stellten wie die Gewerkschaften. Sie versündigten sich mit ihren "ständischen Egoismen" und der mangelnden Beherrschung ihres Metiers - wo bleiben die Marktanalysen zur Eroberung des europäischen Markts? - an der Nation dadurch, daß sie aus den unter Opfern der Arbeiter erbrachten produktiven Leistungen nichts zu machen verstehen. Daß in dieser angeregten politischen Debatte um den bestmöglichen Erhalt der scala mobile die Regierung ein Hausbaltsloch nach dem anderen ebenso einfallslos wie hierzulande durch Erhöhung der Abgaben und Kürzung der Leistungen unermüdlich stopften, war sehr verdienstvoll, wenngleich sie solches aus Gründen der Gerechtigkeit und ihrer eigenen Glaubwürdigkeit halber doch besser nicht so sehr "einbahnstraßen"mäßig hätte anordnen sollen. Daß so die Unternehmer in der Fabrik unbehelligt mit den Arbeitern anstellen konnten, was sie wollten - rausechmeißen, Kurzarbeit ansetzen, "Produktivitätsinseln" in einer Welt von Gammlern einführen, die die Bezahlung von der Erfüllung eines Plansolls abhängig macht -: Genau dies war eben auch nach Ansicht der Gewerkschaft der Sinn dieser Debatte.

Die Gewerkschaft in der nationalen Verantwortung

Ergebnislos, wie lange beklagt, war die jahrelange Debatte um die scala also mitnichten. In reger Konkurrenz ersannen Regierung, Unternehmer und Gewerkschaften einen Änderungsvorschlag maßloser als den anderen, um die "Lohnstruktur" endlich in einer "einem modernen Industriestaat adäquaten Form" zu gestalten. Kein Wunder, daß sich die Gewerkschaften dabei von keinem der für sich betrachtet schon reichlich "globalen" Änderungswünsche der Herren Kapitalisten - die Regierung kam als Verwalterin des nationalen Inflationsproblems von vornherein nicht als Gegner in Frage - aufs Glatteis führen ließen. War der Unternehmerverhand z.B. der Ansicht, die Arbeitskosten am lässigsten dadurch "einzudämmen", daß er die Eröffnung der - seit über 1 1/2 Jahren fälligen - nationalen Tarifverhandlungen an die erfolgreiche Einigung in Sachen Modifizierung der scala nebst allen anderen "produktivitätshindernden Faktoren" knüpfte, schon beschweren sich die Gewerkschaften darüber als Trick, mit dem die Kapitalisten von dem viel wesentlicheren Problem der Erhaltung der scala "ablenken" wollen. Kaum kündigen sie dann die scala, durchschauen die Gewerkschaften prompt den Dreh, mit dem sie vom allein wichtigen "Kampf für die Neueröffnung" der Tarifverträge auf einen "Nebenschauplatz", auf dem solche "Nebensächlichkeiten" wie die scala verhandelt werden, abgedrängt werden sollen.

Wenn dann von der Gewerkschaftsföderation Streiks angeleiert werden, dann keinesfalls für mehr Lohn und eine Reduzierung der Leistung - immerhin wären so die Tarifverhandlungen, die die Kapitalisten immerzu zu "verzögern suchen (!)", ohne weitere Umstände "eröffnet" und die scala kein Verhandlungsgegenstand mehr: Auch die Regierung ist nämlich nicht so sehr mit Massenveranstaltungen, aber bestimmt damit zu beeindrucken, daß der Reichtum, mit dem sie ihre Vorhaben bestreitet, ausbleibt. Stattdessen sind Streiks dazu da, "um endlich neue Seiten zur nationalen Wirtschaft aufzuschlagen". Für Generalstreiks etwa sind zwei Stunden Zeit genug zur Besinnung - am besten, sie fällt auf einen kirchlichen Feiertag! Anläßlich der Kündigung der scala hatten

"die Gewerkschaften es vorgezogen, den Feiertag - es war nämlich San Giovanni, der Feiertag des Schutzherrs der Turiner: Fiat blieb geschlossen - mit dem Streik zusammenfallen zu lassen."

Die Lieblingstätigkeit der Gewerkschaft besteht mittlerweile ohnehin vorwiegend in der Organisatian von "pittoresken" Massenaufmärschen, die niemandem weh tun. Hier wird dann mit möglicherweise furchtbar "heißen Herbsten" gedroht, wenn die Wirtschaftspolitik nicht endlich vorankommt. Pfiffe, Orangen, Tomaten u. ä. Südfrüchte sind zwar nicht hochwillkommen, aber man kann damit leben. Die Gewerkschaftsführer rollen in kugelsicheren Limousinen an und beschweren sich hinterher über den Undank der "Spalter", denen das Ausbleiben des heißen Herbstes oder sonst ein mangelnder Erfolg der Aktion in Sachen Einheit anzulasten sei. Angesichts dieses "barbarischen" Mißbrauchs der Masse als Plattform des Protests müsse sich die Gewerkschaft in Zukunft schwer überlegen, ob sie die "Basis" weiter mit derart verletzlichen demokratischen Segnungen beglücken könne und dürfe.

Die Proteste sind leider ebenfalls entsprechend. Als getreues Spiegelbild der Gewerkschaft beklagen sie den Verrat der von ihr propagierten Ideale:

  • die mangelnde Einheit: Als ob diese 3er-Konföderation der verschiedenen Gewerkschaftsbünde in Sachen nationaler Krisenbewältigung vom DGB noch was lernen könnte!;
  • den "Ausverkauf" der Arbeiterklasse, "auf deren Seite" die Gewerkschaft nicht stehen soll: Als ob sich eine Gewerkschaft durch Proteste auf Versammlungen von ihrem Kurs abbringen ließe, wie hierzulande die Anerkennung treuen Opfertums einzuklagen; und das gelegentliche Dampfablassen gegen die Kungelei der Gewerkschaftsführung ist die italienische Art und Weise gewerkschaftlicher Solidarität!
  • die mangelnde Eigenständigkeit der Gewerkschaft gegenüber Parteien und Regierung, wenn sich "Vertreter der Regierung", v.a. der Sozialisten, "in die Reihen der Gewerkschaften" einschleichen: Als ob sich die Vorschläge der Gewerkschaften alle miteinander nicht neben denen der Regierung sehen lassen könnten!
  • und schließlich moralisch nicht einwandfreies Benehmen der Gewerkschaftsführer, die sich in politische Bereicherung und sonstige dunkle P2-Skandale verstricken: Als ob Saubermänner wie PCI-Sekretär Berlinguer und sein Gewerkschaftsadlatus Lama von den Arbeitern weniger Opfer verlangten! So werden mit der Gewerkschaft als Hauptfeind ganz nebenbei die Kapitalisten genau so, wie sie das zu tun pflegt, ins Visier genommen: als "padroni", die sich persönlich bereichern und nichts als Knechtung einer Arbeiterklasse im Sinn haben, die Besseres - doch wohl nicht etwa unpersönliche Ausbeutungsverhältnisse?! - verdient hätte. Recht ist der Gewerkschaft diese verkehrte Kritik nicht, die ihr beständig ihren eigenen Standpunkt als besseres Sgiegelbild einer eigentlich für die Arbeiter daseienden Einheitsgewerkschaft vorhält. Das beweist sie nicht erst mit polizeimäßig ausgerüsteten Schlägertrupps auf ihren nationalen Großdemonstrationen. Da genügt es schon, daß ein Betriebsrat die "cassa integrazione" - seit Fiat ist diese urspünglich als Kurzarbeitszeitgeld gedachte Institution das Mittel, mit dem Entlassungen über die Bühne gebracht werden (vgl. MSZ 1/81, "Ein historischer Kompromiß bei Fiat") - als "Vorzimmer der Entlassung" bezeichnet, und schon ist er ein potentieller Terrorist

Einheitsfront zur Lohnkostensenkung

Die Einheit auf der anderen Seite zwischen Kapitalisten, Gewerkschaften und Regierung ist jedenfalls in ihren offiziellen Verlautbarungen nicht zu übersehen. Sieht die Gewerkschaft die Modifizierung der scala nur unter der Bedingung des Erhalts des Reallohns ein, machen die Unternehmer für sich damit Reklame, daß sie als einzige Mannschaft in Europa der Arbeiterklasse - völlig unzeitgemäß! - selbigen - immer noch! - spendieren. Daher kann die "Modifizierung" der scala den Reallohn gar nicht beschneiden und stellt so eine jedermann einleuchtenmüssende, sehr heilsame, zwingende Unumgänglichkeit dar. Die Regierung feiert die Einigung der Kontrahenten in dem neuen Sozialpakt vom 22. Januar dieses Jahres zur Eindämmung der Arbeitskosten als "Schutz der Macht der Errungenschaften der Arbeiterklasse", die unter der Ägide ihres jungen und dynamischen Arbeitsministers Scotti die Senkung der scala um 15 resp. 22% beschlossen. Diese Interpretationsleistung ist der Gewerkschaft, allen voran den Kommunisten, Grund genug, sich das Ergebnis als Sieg an ihre Fahnen zu heften. Sie zitieren Pertini, der Lama zu der Vereinbarung als "Beweis des in der Arbeiterklasse machtvoll vollzogenen Wechsels" gratuliert - ja, wenn "die Vereinbarung die scala und die Tarifverträge in einer Weise modifiziert, die die Macht der Errungenschaften der Arbeiter garantiert", bleibt ja wohl nur noch der Tusch. Alle beteiligten Akteure feiern diese Einigung, die die 1980 am Fiat-Streik exemplarisch durchexerzierte Niederlage der Arbeiterklasse noch weit in den Schatten stellt, als "symbolisches Ereignis" unter dem Applaus der Öffentlichkeit:

"Indem wir die scala zügeln, zügeln wir schließlich auch die Krise. Das Ende der Unantastbarkeit dieser Einrichtung, bis vor einiger Zeit von den Gewerkschaften als wahres und eigentliches Dogma betrachtet, ist sicherlich der positivste Aspekt der Einigung über die Arbeitskosten." (Oggi)

So kommen in der Unzufriedenheit über den angeblich nur "symbolischen" Erfolg lauter neue Absichtserklärungen zur Sprache. Vor allem die eine ist unverkennbar: Nur feste so weitermachen wie bisher, wenn sich die Gewerkschaft schon ihr Dogma wegnehmen läßt! Alles, was in diesem "Vertrag" fixiert ist, ist daher nur für die eine Seite gültig, von der anderen aber stets aufs neue zu revidieren:

  • Die Tarifrunde '83 hat sich unter das 13% "Dach" zu begeben, gerade weil die Inflationsrate gegenwärtig 18% beträgt. Konsequenterweise steht jetzt für die Unternehmer fest, daß mit der im Sozialpakt erzielten Einigung - Senkung der scala um "nur" 15% - bereits Lohn"erhöhungen" von mehr als 13% beschlossen wurden, weshalb in den Tarifverhandlungen nicht nur nichts mehr drin ist, sondern zusätzliche Kürzungen anstehen.
  • Die Modalitäten des "Dämpfens" der scala sind im Abkommen nicht fixiert, so daß die sich hier ergebenden Probleme eines "Interpretationsschlüssels" wohl nur durch ein Machtwort des Arbeitsministers lösen lassen. Zu wessen Gunsten das wohl ausfällt?
  • Tarifverhandlungen, wie gehabt! Der Sozialpakt sieht für die nächsten Verträge eine Laufzeit von 3 1/2 Jahren vor, weshalb die Unternehmer nicht einsehen wollen, warum sie jetzt schon nach 4 Jahren verhandeln sollen. Warum sollen die Arbeiter nicht auch noch 1984 Löhne kriegen, die anno '78 vereinbart wurden?
  • Für die nächsten 1 1/2 Jahre sind Vereinbarungen auf Betriebsebene untersagt, damit das Abkommen ungestört zur vollen Entfaltung gelangen kann. Dafür schlichten staatlichen Kontrolleure den betrieblichen Kleinkrieg, und Amtsärzte erhalten weitgehende Befugnisse zur Bekämpfung des "assenteismo-Problems".

Die "Unantastbarkeit" der scala ist also sicherlich kein Dogma mehr, wenn so alle Lohnbestandteile den Unternehmen und dem Staat zur freien Disposition zu stehen haben. Schon häufen sich die offenherzigen Beschwerden von Olivetti - und anderen Industrieführern -, daß der Kampf gegen die scala das Pferd am völlig falschen Schwanz aufgezäumt habe. Die scala soll wieder an der Lohnhöhe des einzelnen Verdienstes bemessen und so als Instrument der "Wiederherstellung" der Hierarchie in der Fabrik verwendet werden. Ein schöner Beweis, daß die Lohnhierarchie kein Mittel der Besserstellung, sondern der Lohnsenkung ist.

Offensichtlich brauchen sich weder Unternehmer noch Regierung vor irgendwelchen Auseinandersetzungen zu fürchten, wenn sie dreister denn je Forderung um Forderung hinausposaunen: quod licet Iovi, non licet bovi. Und weil das klar ist, wird das Ausmaß der zu erwartenden Streiks von vornherein als zu vernachlässigende Größe taxiert. Die Arbeiter im großen und ganzen werden als zu wirtschaftlicher Vernunft gereifte Trottel gelobt, die akzeptieren, daß der Klassenkampf keiner mehr ist, sobald ihn nur noch die eine Seite aus Verantwortung für das Ganze führt.

Der "confronto globale" geht also weiter. In Italien, wo der Arbeitslosigkeit nicht die Ehre angetan wird, zum Problem zu avancieren, werden mit der Debatte über das Staatsproblem Nr. 1, die Inflation, ganze Teile der Arbeiterschaft für überflüssig erklärt. Die anderen dürfen froh sein, an der Bewältigung des Problems beteiligt zu werden, indem ihr Lohn zum Luxus ernannt wird. Ihre Entschädigung besteht darin, daß sie überhaupt noch arbeiten dürfen. Ansonsten können sie sich in ihrem Gerechtigkeitsempfinden von dem neu entdeckten Phänomen der "pensioni-baby", der Rentenempfänger im Babyalter also, ansprechen lassen. Sie können es aber auch lassen. Daß ein heißer Herbst ansteht, wagen wir zu bezweifeln. Eher die Zunahme von Meldungen wie folgender: Die Arbeitslosen in Brescia, oder in Neapel?, haben unentgeltlich die Treppen des Rathauses gescheuert. Sie verlangen kein Geld von der Stadtverwaltung. Beschäftigung aber tut ihnen not, damit sie sich nicht nutzlos vorkommen.