MIT DEM GRIFFEL IN DER HAND...

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1981 erschienen.
Systematik: 

Karikaturisten
MIT DEM GRIFFEL IN DER HAND...

Einverständnis mit den Taten der Politik(er) war schon immer die Basis bzw. das Ziel von Karikaturen in demokratischen Blättern. Weil die Zeichner, die zu ihrer Information sich immer nur die Leitartikel ihres Organs zu Gemüte führen (neben denen stehen sie dann auch in der Regel), an den Absichten der - besser: "unserer" - Staatsmänner kein Jota auszusetzen haben, riskieren sie die gewagte Kritik, ihnen persönliches Versagen bei dem Bemeistern der diversen Gräben und/oder sperrigen Personen - vorzugsweise der widerspenstig-verschlafene 'deutsche Michel' - anzurechnen.

Klar, daß immer Schmidt/Genscher die Ärmel hochgekrempelt haben und gerade irgendein heißes Eisen anpacken, für das andere (die kleinen Zwerge der Opposition, bärtig-langhaarige Dauerdemonstrierer und schon immer der störrische Osten in seinen verschiedenen Bebilderungen) nichts als Fallstricke und Pfeile aus dem Hintergrund (gemein!) parat haben. Hauptsache, die Steuermänner unseres Staatsschiffes sind erstens klar erkennbar (Pferdegebiß, Haartolle, dicker Bauch, große Ohren: Genau, das ist er!) - auch die weniger kritischen Staatsbürger bestätigen sich so, daß sie Bescheid wissen in der großen Politik - und zweitens etwas menschlich, weil ihre (eingebildeten) Schwierigkeiten bei der Durchführung der jeweiligen politischen Linie sie ein klein wenig straucheln lassen. Aber nur ein klein wenig! Denn noch alle demokratischen Karikaturen lassen bei aller Ungeschicklichkeit der Verantwortlichen die Lösung durch geschicktes Zupacken doch zumindest erahnen. Wäre doch wirklich gelacht, wenn es einem Schmidt nicht gelänge, sich gegen eine vielköpfige Hydra namens augstein.htm carstens.htm christ.htm edit.htm frankr.htm frieden.htm gall.htm gb.htm gewerk.htm gorz.htm gruest.htm israel.htm italien.htm kader.htm karik.htm karriere.htm kbw.htm ksze.htm linke.htm mamerika.htm partei.htm polen.htm poona.htm pstud.htm reagan.htm rsoz.htm spanien.htm spd.htm spruch.htm szwang.htm tbook.htm titel.htm tmp.html tv.htm utf8 vds.htm wk3.htm zu behaupten.

(Abb. siehe GIF-Datei in diesem Brett. Anm. MG_ARCHIV)

Kein Wunder also, daß Politiker bei ihren Parties sich besonders gern mit der Creme der Karikaturistenzunft schmücken. Diese leistet ihnen natürlich gern auch diesen Dienst: Ihr Stolz gründet sich ja auf ihr bedingtes Dafürsein, mit dem sie die Tagespolitik der Macher - diese stehen nicht zufällig im Mittelpunkt des Karikaturisteninteresses - in kleine Bildchen umsetzen.

Eine wohlgefällige Betrachtung erreichen sie bei denen, die die Politik vom Standpunkt des Gelingens aus betrachten: Das schafft Anteilnahme mit den Politikern, die auf Inkonsequenz, Abweichen von den gemeinsamen Idealen, Nachgeben vor inneren und äußeren Gegnern etc. durchgecheckt werden. Eines der beliebtesten Argumente ist das vom 'Sachzwang' - will heißen (und genau so taucht es in den Karikaturen auf): Es gibt eherne Aufgaben und Gesetze der Politik, die es einfach verlangen, in die Tat umgesetzt zu werden. Geben die Politiker das Wort von der funktionsuntüchtigen Bundeswehr aus, schon arbeitet das Staatsbürger- und Karikaturistenhirn und produziert ein Bild:

(Abb. siehe GIF-Datei in diesem Brett. Anm. MG_ARCHIV)

Wer will da überhaupt noch einen Zweifel am Sachverhalt anbringen? Der Karikaturist zeigt einen hilflosen Apel, der sich mit seinem Leopard im Milliardenloch befindet (Warntafel nicht beachtet, oder?) oder dem irgendjemand ein Loch in die Hose gerissen hat... Er, der Minister, ist auf jeden Fall exkulpiert, hat nichts zu tun mit der von ihm beschlossenen Aufrüstung, im Gegenteil: Er versucht, das Loch zu flicken, etwas ungeschickt, aber immerhin usw. usf.

(Abb. siehe GIF-Datei in diesem Brett. Anm. MG_ARCHIV)

Die wirklichen Opfer der Politik sind in den Karikaturen folgerichtig nur präsent als welche, die sich ihren Schaden wegen ihrer Schlafmützigkeit selbst zuzuschreiben haben: Der "deutsche Michel" ist ein arges Problem für die Politiker, und nicht umgekehrt, und wenn die Politik einmal zuschlägt, dann hat er es eben verdient:

(Abb. siehe GIF-Datei in diesem Brett. Anm. MG_ARCHIV)

Die platte Verherrlichung der Herrscher als Leute mit kleinen Schwächen, die deshalb umso liebenswerter sind, erinnert nicht zufällig an die saublöden Pennäler und Bürowitzchen, mit denen die Opfer von Schule und Beruf sich einverstanden mit den Chefs/ Lehrern und deren Aufgaben erklären - Karikaturisten liefern am laufenden Band die Übersetzung des gängigen Psychologenspruchs, daß der Mensch sich nach nichts so sehnt wie nach einer ordentlichen Führung. Neben die Idealisierung "unserer" demokratischen Führer tritt die Verteufelung all derjenigen, die in irgendeiner Form etwas auszusetzen haben. Gerade Karikaturen sind die in Bilder umgesetzte Befolgung der Hauptaufgabe der demokratischen Öffentlichkeit, die in der Kritik der Kritiker besteht.

(Abb. siehe GIF-Datei in diesem Brett. Anm. MG_ARCHIV)

Schmidt als störrischer Geißbock, der sich Eppler und dessen Zukunftspfad in den Weg stellt? Unmöglich, schließlich sitzt doch unser Kanzler entschlossen auf dem Tandem und weiß genau, was er will...

(Abb. siehe GIF-Datei in diesem Brett. Anm. MG_ARCHIV)

Die talentierte Unterwürfigkeit der Karikaturisten, die sich schon in 'normalen' Zeiten darin beweist, die jeweils gebrauchten Feindbilder auszumalen, kommt so richtig zur Entfaltung, wenn es nur noch darauf ankommt. So wie es mittlerweile aus der Mode gekommen ist, Ölscheichs zu zeigen, wie sie den berühmten Hahn zudrehen, konzentriert sich die schöpferische Phantasie der Zeichner nun ganz freiwillig auf das gegenwärtig gefragte Feindbild. Es liegt in der Natur der Sache, daß sich der Karikaturistenkopf nicht übermäßig anstrengen muß: Der Russe ist tolpatschig und will immer mehr

(Abb. siehe GIF-Datei in diesem Brett. Anm. MG_ARCHIV)

(Machttrieb!) und am liebsten die ganze Welt au einmal. Wen stört es da schon, daß Breschnew (zur Zeit der Paraderusse) sich im Falle

(Abb. siehe GIF-Datei in diesem Brett. Anm. MG_ARCHIV)

Angolas ausgerechnet einen Elefanten einverleibt - der bringt's halt, weil er so schön groß ist und den mächtigen Appetit so richtig vorführt. Noch besser natürlich die direkte Übersetzung des unersättlichen Russen in dem nicht tot zu kriegenden Bären, der ja schon den Faschisten und der CDU in den glorreichen 50er Jahren seine Dienste geleistet hat; bzw. den hinterlistig finsteren Dieb, der mit Maschinenpistole bewaffnet gerade

(Abb. siehe GIF-Datei in diesem Brett. Anm. MG_ARCHIV)

das Haus Polen überfällt, während der Wachmann (jawohl: die NATO) nur über ein kleines Holzschwert verfügt. Gerade auf diesem Felde werden Karikaturisten mit Begeisterung kritisch: Der Westen total unbewaffnet, während die waffenstarrende SU..., oder: Wir liefern Weizen, während die SU... Auch Kritik innerhalb des Bündnisses darf geäußert werden:

(Abb. siehe GIF-Datei in diesem Brett. Anm. MG_ARCHIV)

Der Moloch NATO kann von unserem Helmut nicht genug kriegen, und überhaupt der Friedenskanzler: Der denkt immer nur an Entspannung und Abiüsten, während Mr. Reagan oder Jimmy Carter ihn nur behindern...

Fürs bedingte Dafürsein genügt es eben, seinen Verstand in einem Bleistift zu haben.