MIT 15 HAT MAN NOCH TRÄUME

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1981 erschienen.
Systematik: 

Das "Kursbuch"
MIT 15 HAT MAN NOCH TRÄUME

"Kursbücher schreiben keine Richtung vor. Sie geben Verbindungen an, und die gelten so lange wie diese Verbindungen. So versteht die Zeitschrift ihre Aktualität... In künftigen Heften wird die Rede sein von den Themen der KPCh und von der mathematischen Grundlagenforschung, ferner von Ballonfahrern, ferner davon, was der Ausdruck bedeutet: Es wird von etwas die Rede sein."

Daß Eisenbahnen nicht in genau festgelegten Richtungen an ihr Ziel fahren würden, glaubt zwar kein normaler Mensch, doch so einer ist vom ersten Fahrplaner eines geistigen Streckennetzes in der BRD, Hans Magnus Enzensberger, ja eh nicht ins Auge gefaßt. Auch ohne handfeste Kursbestimmung halten sich die "Kursbücher" seit 15 Jahren auf dem in ihrer Nummer 1 programmierten Kurs. Auf einem exklusiven Geister-Bahnkörper begleiten sie den Zug der Zeit mit Reden, die zwar keinen realen Zweck haben, dafür aber eine um so höhere geistige Bedeutung: Je mehr assoziative "Verbindungen" sich die intellektuellen Trittbrettfahrer unterwegs auszudenken vermögen, desto unabweisbarer der Sinn ihrer Reise nach Nirgendwo - sie sind mit ihrem Gelaber immer auf Achse, das heißt "aktuell" dabei.

Zwar änderten sich immer schon die Konjunkturen dessen, worüber man sich als Intellektueller zu schwafeln verpflichtet fühlt, aber den "Kursbuch"-Schreibern kommt auf diesem Gebiet zweifellos das große Verdienst zu, das methodische Prinzip als eines des Herumschnüffelns von Anfang an offen propagiert zu haben. Und das zu einer Zeit, als gerade erst ein wichtiger Mann aus der damaligen deutschen Politik, Ludwig Erhard, den Pinscher Vorwurf gegen alles leichtfertig Intellektuelle erhoben hatte. Da galt es, sich freimütig zu bekennen, anstatt an diesem Staatsmann samt seiner Republik zu merken, daß die sich schon damals den Geist nur als konstruktiven zu erhalten gedachten: Man wollte zum kritischen Anmachen da sein, und deshalb mußte für die Ratten und Schmeißfliegen von damals ein "Kursbuch" her, in dem Heinrich Böll einen ketzerischen "Brief an einen jungen Nichtkatholiken" (alias Günther Wallraff) schreiben, Günter Grass von ein bißchen Dreck in Deutschland als "vom Rest unterm Nagel" dichten und Hans Magnus Enzensberger Rudolf Augstein und Karl Schiller fragen durfte, ob sie es denn nun wirklich mit der Wiedervereinigung ernst meinten.

Nachdem sich 1966/67 die Große Koalition etabliert und Enttäuschung über die "angepaßte" SPD so manchen Proteststurm unter deutschen Jungakademikern hervorgerufen hatte, die auf ihre eigene politische Funktion in der Gesellschaft mit Stolz bedacht waren, schlug für die"Kursbuch"-Pinscher die Stunde der Gunst: Gemeinsam mit massenhaft ihre Rolle reflektierenden Intellektuellen stellten sie "Vermutungen über die Revolution" an, die in dem absehbaren Urteil gipfelten, in aller Welt müsse eine angeblich bewußtlos agierende "Bürokratie" auf ihren intellektuellen Vordermann gebracht werden. So konnten verantwortungsbewußte Abrechnungen gerade auch mit dem Establishment im Osten nicht ausbleiben, wo doch bekanntlich dort die Freiheit des Geistes direkt beschnitten wird, während es im Westen seit Jahrzehnten eher der unglaublich materielle Wohlstand geistigen Ansprüchen schwermachen soll durchzudringen. Die Institutionen, die die "Kursbüchler" deswegen zu beseichen hatten, hießen im Westen daher zwanglos "Gaststätten", "Das Geld", "Kapitalismus in der BRD" usw., während sie sich im Osten stets auf die eine reduzierten - die schreckliche Partei, die der Intelligenz nicht einmal die "Kursbuch"-Freiheit gewährt, lauter verrückte "Verbindungen" vor allem geistig darbender Massen zu Gaststätten, Geld, Kapitalismus und neuerdings sogar "Wegwerfbeziehungen" und dem "Wetter" auszudenken. Der explizite Antikommunismus des "Kursbuchs" beginnt umstandslos mit Nr. 9, dem Dossier Enzensbergers über die bolschewistische Niederschlagung des Aufstandes der Kronstädter Matrosen, 1921, die - unbeschadet ihrer wirklichen historischen Rolle - mit ihren Toten fortan als Avantgarde kritischen "Kursbuch"-Geistes gelten können.

Die Auflage der schöngeistigen Zeitschrift ließ sich binnen kurzem bereits für die erste Auflage auf über 50.000 steigern, was ihren Herausgeber bewog, sich künftig vorrangig Problemen zu widmen, die "Studenten und die Macht" betreffen. Der deutschen Studentenbewegung brachte dies den revolutionären Ratschlag ein, der Macht ihres geschärften Selbstverständnisses zu vertrauen und wie in aller Welt so auch im Ostblock "dialektisch" darauf zu hoffen,

"daß die Liberalisierung... ihren Fortgang nimmt. Ohne Zweifel wird sie revisionistische, opportunistische, vielleicht sogar konterrevolutionäre Züge annehmen, bevor die Massen ihr Selbstvertrauen zurückgewinnen, zu spontaner politischer Aktion wieder fähig werden und anfangen, revolutionäre Forderungen zu stellen." (Nr. 13)

Mit der visionären Schaffung vieler kieiner Hans Magnusse, die von geistiger Urbanität der "Kursbuch"-Schreiber künden, war für die Zeitschrift der Punkt höchster Emanzipation erreicht. Die Autoren machten sich auch äußerlich unabhängig vom SuhrkampVerlag und widmeten sich fürderhin jedem höheren Blödsinn, den ihnen der geistige Atem der 70er Jahre in die Redaktionsstube wehte.

Zunehmend interessierte sich die intellektuelle Elite für die welterschütternde Frage nach der Innenausstattung ihres Geistes. Die Fähigkeit zu undogmatischer "Kritik und Selbstkritik" bewährte sich unter anderem in "Drei Versuchen über die Ratlosigkeit", "Das Elend mit der Psyche" mußte sich zwei Bände lang hinterfragen lassen, wie unausweichlich gesellschaftlich es sei. "Die Schwierigkeit, zeitgenössisch zu sein", drückte sich in "Unwissenschaftliche Betrachtungen eines weiblichen Monsters" aus, und überbaupt wurden zur Erziehungsproblematik an allen Fronten reichlich "Baukästen", "Gemeinplätze", "Kursbögen" mit "Liebesspielen im Kinderzimmer" gereicht. Bei soviel Sinn des Kursbuchgeistes für seine selbstbeglückte Gegenwart konnte eine leicht irre "Kritik der Zukunft" nicht ausbleiben. Doch auch die eigene geistige Vergangenheit will bewältigt sein, wozu "Vatis Argumente" für die nötige Toleranz nicht fehlen dürfen:

"Wenn ich mit den 18- bis 25jährigen rede, merke ich oft, daß sie mehr Duldsamkeit für menschliche Schwächen haben als manche, die ich aus den Jahren der Studentenbewegung kenne. Sie können die eigene Verletzbarkeit leichter zugeben und eher bei anderen annehmen. Sie sind weder mit sich selbst noch mit anderen so streng, wie man das uns Studentenbeweglern eingebleut hat. Der Kult der eigenen Stärke, der uns oft so anzieht, findet bei ihnen weniger Anhänger. Diese Toleranz gegenüber Schwäche ist eine der produktivsten Auswirkungen jener Befreiungsversuche, die die Studentenbewegung einst in ersten Schritten begann. Mich hat die größere Verständnisbereitschaft der heutigen Jugendlichen sehr irritiert. Trotzdem hat sie mich erleichtert." (Nr. 55)

Der einsichtsvolle Weg des Geistes in sich geht natürlich auch weit aus sich beraus sieht es doch nicht überall auf der Welt so sauber aus wie in dem von jedem vernünftigen Gedanken geläuterten Gewissen der Kursbuchgemeinde:

"Henry Luce hat einmal Uncle Sam als den guten Samariter beschrieben, der lieber gibt als nimmt. Wir meinen, nach allem, was wir hier dargestellt haben, daß es sich umgekehrt verhält." (Nr. 22)

Das sind vielleicht "nordamerikanische Zustände" - in Indochina, Mittelamerika und anderswo. "Manuela, die Mexikanerin", kann ein Liedchen davon singen, von "50 Jahren cubanischer Geschichte, gesehen mit den Augen einer Köchin". Ob Minenarbeiter in Chile, jugendlicher Ghettobewohner oder indianische Gebärmutter - sie alle haben dem polyglotten Kursbuchleser, der an der Vorführung von soviel individuellem Leben gar nicht genug kriegen kann, eine Botschaft zu überbringen - allerdings auch nur eine: Überall gibt es Ansätze solch exotischen Problembewußtseins zu besichtigen, wie er selber es auf deutschem Boden pflegt - wie läßt sich sinnreiches Leben denken unter so komplizierten Existenzbedingungen, die am Menschen vor allem sein Selbstverständnis immer wieder schwer in Frage stellen?

Doch auch im eigenen Land braucht der besorgte Intellektuelle sein "Kursbuch", um angesichts für Deutschlands Wirtschaftskraft strahlender Atomkraftwerke die futuristische Frage der Gen-Manipulation bis ins 3. und 4. Glied seiner Nachkommenschaft aufzuwerfen; angesichts einer Eigentumsordnung, die die Masse der Gesellschaft über den Verkauf ihrer Arbeitskraft ihr Leben zu zerstören zwingt, die überlegene Frage sinnvoller Nutzung des Eigentums in den Wohnraum zu stellen; angesichts deutscher Kriegsvorbereitungen die idiotische Frage zu thematisieren, ob es überhaupt eine Bundeswehr gibt, "die diesen Namen verdient", oder ob es sich bei ihr nicht vielmehr um "eine Mischung aus Wehrmacht und amerikanischem Expeditionscorps" (Nr. 61) handelt usw.

Fragen über Fragen, auf die mittlerweile über 60 Kursbücher die Antwort darstellen. In souveräner Gleichgültigkeit gegenüber jedem Problem dieser Welt lassen sich daher auch unter der runden Nummer 60 alle eigens ausgeklügelten Problemchen des "Kursbuchs" dahingehend zuspitzen, wie gefährlich es sei, sich in der Freiheit seines Denkens allzusehr auf überkommene Interpretationsmuster, hier "Moral" genannt, festzulegen:

"Moral allenthalben. Wir sind umzingelt von Moral. Moral durchsetzt alle Lebensbereiche, ist allgegenwärtig im Alltag... Moral verhindert Denken. Aber ein Leben ohne Moral - ginge das überhaupt, wollen wir das wirklich?" (Nr. 60)

Nur logisch, daß es weiter Kursbücher geben muß, die durch jedes moralische Denkschema hindurchleuchten und die Starrheit der Moral verflüssigen:

"Neue Erkenntnis, daß ein großer Teil der bürgerlichen Moral gut und verteidigenswert ist: Demokratie, Freiheit, Meinungsfreiheit, Reisefreiheit usw, und Toleranz, vielleicht sogar Humor." (ib.)

So gesehen ist Demokratie ein Begriff, der so frei ist, sich allzeit bewitzeln zu lassen, was die wirkliche Demokratie den Kursbuchkomikem allerdings immer hat durchgehen lassen, weil sie sich von derartigen Verrücktheiten erst gar nicht angekratzt sieht.

In ihrer Narrenfreiheit sind sich demokratische Intellektuelle ja auch zu nichts zu blöd. Ihren albernen Denkspielen haben sie in "Kursbuch" 63 "Spielregeln" abgewonnen, die das dümmste Herumassoziieren als gelungene Phantasietätigkeit gelten lassen. Solche Kreativität heißt im Kursbuchjargon sogar "ästhetisch", wie überhaupt dieses Buch ein Tummelplatz fortschrittlichen Literatentums ist. Die Hauptschwierigkeit besteht darin, haarsträubende Einfälle so miteinander zu vermengen, daß purer Unsinn herauskommt, über den aber keinesfalls gelacht werden darf - die gelungene Gehirnakrobatik soll vielmehr Staunen auslösen. Eine Gräfin Plessen z. B. möchte sich als alte Baubo, auf einem Mutterschwein reitend, betrachtet sehen, hatte doch ihr Vater, der lose Lehnsgraf, sie als Kind einmal ein Spanferkel verlosen lassen: "Mein Vater hatte uns vereinigt. Das blieb mir hängen." (Nr. 63). Gott sei Dank bleibt beim Lesen der Kursbücher nichts hängen. Sie sind deshalb auch kein Ärgernis, sondern für die geistige Elite dieses Landes durchaus empfehlenswert. Ansonsten ist für 8 Mark ihr Heizwert gering, was angesichts wachsender Energieprobleme schon etwas ärgerlich ist. Schade auch um das Geld für die Anzeige, mit der die Marxistische Gruppe im "Kursbuch" 63 für ihre Psychologie-Broschüre wirbt.