MIT 100 DM SIND SIE DABEI

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1980 erschienen.

Philosophischer Zivilschutz
MIT 100 DM SIND SIE DABEI

Es ist durchaus kein Widerspruch zur gepredigten Verantwortung des Geistesschaffenden - wie ein besorgter Frager Prof. C. F. WEIZSÄCKER auf einer Veranstaltung, Universität und Gesellschaft in München heimlich unterstellte -, daß er "ausgerechnet in der gegenwärtigen Weltkrise die Schließung seines Starnberger Instituts tatenlos" über sich ergehen läßt. Erstens war er der einzige, der diesem Friedensinstitut mit dem erforderlichen Geist vorzustehen verstand, zweitens nutzt er den für Friedensforscher günstigen Lauf der Welt, um gegenüber den Verantwortlichen und sich für alles verantwortlich Aufspielenden die praktische Bedeutung seiner keineswegs nur philosophisch abgehobenen Friedens'arbeit'unter Beweis zu stellen.

Humanität und nationale Verteidungskraft

Denn gerade jetzt läßt sich aufs schönste die Harmonie mit den friedliebenden Verantwortlichen demonstrieren - wo früher der eine oder andere Weizsäcker-Adressat noch fälschlicherweise geglaubt haben mag, dessen Appell an die Zuständigen, doch die möglichen Kriegsfolgen zu bedenken, enthalte einen wie immer gearteten Gegensatz zu den Initiatoren der bundesdeutschen Aufrüstung. Und zweitens gibt es auf dieser Basis für einen Friedensforscher mit Zukunftsorientierung ein schönes neues Aufgabenfeld über die laufend den Politikern zur gefälligen Betrachtung unterbreiteten 'Verteidigungswaffen'-Umrüstungs-Studien hinaus. Während früher, als die BRD als Kriegsschauplatz noch nicht ausgesprochener Gegenstand diplomatischer Händel war, die Warnung vor dem Krieg von sehr viel verantwortlichem Weit- und Durchblick zeugte, eröffnet sich heutzutage die interessante Perspektive der Sorge um die Menschheit nach dem nächsten Krieg. "Falls es doch Krieg gibt... Ein Plädoyer für den Bevölkerungsschutz" ist der Titel, unter dem sich WEIZSÄCKER in altbekannter Integrität in der "Zeit" das Gehirn zermartert über die brutale Frage einer möglichen "Humanisierung" des durch die leidigen "technischen (!) Mittel unseres Jahrhunderts fortschreitend barbarisierten Kriegs", Folgende Punkte sind für WEIZSÄCKER im "Fall" des Krieges also schon so klar, daß sie keiner 'Problematisierung' für wert befunden werden:

  • Kapitulation vor dem Feind, nämlich vor den Russen, ist ein "Extremfall", mit dem der Friedensforscher nicht zu rechnen braucht - warum auch sollte ausgerechnet der Experte in Sachen negativer Kriegsfolgen etwas anderes als die Kampf-Devise "lieber tot als rot" vertreten: wer vom "Frieden" spricht, den es zu "sichern" gilt, meint schließlich, auch wenn er mit der Vorstellung kokettiert, von vornherein nicht, daß es um das Leben von Menschen geht, sondern daß der Staat seine Grenzen, wo sie auch liegen mögen, sichern soll.
  • Deswegen ist auch klar, daß das Draufgehen der kampffähigen männlichen Bevölkerung im Dienste des Vaterlands einkalkuliert ist und die WElZSÄCKERsche "Humanisierung des Krieges" nur die betreffen soll, deren Tod für das Vaterland keinen Sinn hat.

Daß sich auch der Staat inzwischen verstärkt seine Gedanken über den Zivilschutz macht, nämlich daß er wohl zweckmäßig ist - ohne Volk ist schließlich nach einem Krieg kein Staat zu machen -, aber andererseits teuer, weshalb es am besten ist, die Bevölkerung versorgt sich selbst, begeistert WEIZSÄCKER so sehr, daß er die Ideologie, mit dem dieser die Einrichtung von Bunkern begleitet - sie dienen, wie sollte es anders sein, durch Abschreckung dem Frieden - ernst nimmt und zu einer vollständigen Doppelstrategie von Humanität und nationaler Verteidigungskraft ausbaut:

"Diese Politik darf also nicht so handeln, als käme nur ein unbegrenzt dauernder Friede oder eines Tages die sofortige Kapitulation in Betracht. Abschreckung kann nicht glaubwürdig, also nicht wirksam sein, wenn vorweg klar ist, daß die Bereitschaft zu kämpfen nicht besteht. Dies ist das militärpolitische Argument für Bevölkerungsschutz, den man unter diesem Aspekt als Zivilverteidigung im Rahmen der Gesamtverteidigung bezeichnet.

Friedensforscher, der er ist, kann er jedoch nicht umhin, dem militärpolitischen Anliegen, das schon human genug ist, noch eine "humanitäre Begründung (!) des Bevölkerungsschutzes" hinzuzufügen:

"Der Planer des Bevölkerungsschutzes ist hier in derselben Lage wie der Arzt, der dem hippokratischen Eid verpflichtet ist. Wenn ich Mittel zur Hilfe habe, so ist es nicht in mein Ermessen gestellt, sie dem Mitmenschen, dem sie helfen können, vorzuenthalten... Ich spreche von der Hilfe für Menschen, deren Leben noch die Chance einer echten Zukunft hat, auch wenn der Weg dahin ein Weg durch vorhersehbare Leiden ist. Dies aber ist voraussichtlich die Lage der Menschen nach einem Krieg."

Zivilmilitärische Staatsvorsorge

Voller Verantwortung für 'die Menschheit', der er jetzt nationalgesinnt seine unverfrorene Rechnung mit einem Krieg aufmacht, konkretisiert deshalb der philosophische Charakterkopf und Zukunftsmahner seine Sorge um das Überleben unserer menschheitsbeglückenden Herrschaft in einer konsequenten Analyse der zivilmilitärischen Staatsvorsorge für die nächste Friedenszeit in ein paar humanen Folgerungen:

Nr. 1: "Eine der wichtigsten Maßnahmen zum Bevölkerungsschutz ist die Sicherstellung eines Existenzminimums an längerfristiger Versorgung durch Vorräte und die Ermöglichung einer partiell autarken Binnenwirtschaft. Schon der erste Schritt zur Formulierung praktischer Konsequenzen führt uns in die Versuchung der Resignation zurück... Aber wir haben der Resignation zu widerstehen...", womit wir zur

zweiten Folgerung kommen: "Etwas vom Wichtigsten für den Neubeginn nach dem Krieg ist aber körperliche Gesundheit der Arbeitenden... Gegen Radioaktivität abgeschirmte Schutzräume in möglichst großer Zahl sind notwendig... 100 DM pro Kopf der Bevölkerung bleibt unter dem durchschnittlichen heutigen Alkoholkonsum. Offenkundig würden die Kosten für ein solches Schutzraumprogramm sogar von der Bevölkerung allein aus ihrer eigenen Tasche getragen werden, wenn die Menschen in unserem Lande den Eindruck gewännen, dies sei vernünftig ausgegebenes Geld. Eben dann würde aber auch die Bewilligung der entsprechenden Mittel in den Staatshaushalten keine Schwierigkeit machen. Ich überlasse die Details der Expertendiskussion und ziehe, um diese Diskussion herauszufordern, die

dritte Folgerung: Eine Verzehnfachung der heutigen jährlichen Ausgaben für Zivilschutz ist möglich und notwendig. Auch dieses Programm ist für die akuten Gefahren zu langfristig... sehr große technische und organisatorische Schwierigkeiten... innenpolitisch Panik, außenpolitisch gefährliches Mißtrauen...

Vierte Folgenng: Improvisierbare Maßnahmen sind vordringlich. Hier sind zu nennen: Abdichtung vorhandener Kellerräume... Dies kann, bei vernünftiger Anleitung, in seinem Haushalt in wenigen Wochen realisiert werden, in einem Jahr in wenigen Jahren. Für mögliche staatliche Maßnahmen liegen unter anderem die folgenden Vorschläge bereit...

Alles technisch Sinnvolle kann getan werden, wenn wir, die Menschen dieses Landes, es als sinnvolle Vorsichtsmaßnahme erkennen; nichts Sinnvolles wird geschehen ohne diese Erkenntnis. Ich ende mit meinem Anfangssatz - der

fünften Folgerung: Dringend not tut heute ein Wandel des öffentlichen Bewußtseins in Fragen des Bevölkenngsschutzes."

Ein verdienter Bunkerplatz

Der scheidende Leiter des "Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt", der bei seinem jüngsten Blick in dieselbe als Lebensbedingung lauter präparierte Tiefgaragen ausgeforscht hat, ist also selbst in seiner brutalen Verrücktheit, sich die Rettung des Staatswesens mit allem nötigen Zubehör an Menschen- und sonstigem Material im Bunker vorzustellen, einerseits ganz Philosoph, der für eine eingebildete reine Staatsvernunft plädiert, andererseits deswegen aber auch ganz Realist, der praktische Urteilskraft nicht vermissen läßt. Philosoph, weil er sich eine eigene Kriegs- und Nachkriegsstaatenwelt frei konstruiert, so als würden Politiker Kriege führen und ihre Macht und ihr verfügbares Material einsetzen, um hinterher mit den vorsorglich dafür aufbewahrten Resten auf Sparflamme wieder ganz neu anzufangen. Philosoph auch, weil er in schöpferischer Synthese dieses Spleens mit der humanen Frage des menschlichen Überlebens unserer Nation den Springpunkt für das Gelingen dieses Programms in einem Wandel des Bewußtseins zu seinen Ausgeburten einer staatsbesorgten Zivilschutz-Phantasie ausmacht. Auf der anderen Seite Realist, da er auf die Bewußtseinsfragen deshalb stößt, weil er die Kriterien staatlicher Kriegskostenkalkulation wenigstens ideel teilt und auf den Geldbeutel der Betroffenen spekuliert. Realist schließlich auch deswegen, weil er, der vor der Katastrophe nicht mehr warnen, sondern sie praktisch philosophisch ausmalen will, das modische neue Bewußtsein nur als theoretische Forderung in die Welt gesetzt und der geflissentlichen Begutachtung anheimgestellt haben will. Denn sein Nutzen für die Bewußtseinsbildung besteht ja nicht darin, daß seinem originellen Plädoyer für die Gestaltung der Lebensbedingungen unserer wissenschaftlich-technischen Welt Folge geleistet würde und etwa noch aus seinen Gründen, sondern allein darin, für die Kenner und Möchtegern-Bescheidwisser die Notwendigkeit eines allgemeinen Umdenkens in Sachen Krieg anhand eines humanitär-militär-zivilstrategischen Hauptproblems in den geistigen Raum gestellt zu haben. Der "Zeit" Leser wird bedächtig mit dem Kopf nicken und im Bewußtsein, daß er den Wandel unter solch ansprechender Anleitung schon vollzogen hat, der freien und zufriedenen Auffassung sein, daß dieser Wandel notwendig und human sein könnte.

WEIZSÄCKER jedenfalls hat für seine stringente Ableitung der Humanität und militärischer Durchschlagskraft konsequenter staatlicher Zivilschutzlastenverteilung einen Platz im Bunker verdient. Auf solche Leute wie ihn kann der Staat einfach nicht verzichten.

Der atomare Konflikt droht - was dann <<<

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