MISSION UND OHNMACHT DES ISLAMISCHEN ANTI-IMPERIALISMUS

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Dieser Artikel ist in der MSZ 9-1987 erschienen.
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Die islamische Republik Iran und ihr Krieg:
MISSION UND OHNMACHT DES ISLAMISCHEN ANTI-IMPERIALISMUS

Die islamische Republik Iran schickt reichliche Massen ihrer Jugend in den sicheren Tod an der irakischen Front, wann immer sie eine Gelegenheit für eine erfolgversprechende Offensive sieht. So ist das in einem Krieg. Deswegen machen die regierenden Geistlichen auch kein Geheimnis daraus. Sie wissen ja gute Gründe dafür - mindestens so gute wie Alfred Dregger, der seinem an der Ostfront gefallenen Bruder die Ehre erwiesen haben will, daß niemand seinem Tod ein "sinnlos" nachruft; mindestens so gute wie Heiner Geißler, der schon bei der Bewältigung ziviler Katastrophen Christen für die tauglicheren Bürger hält, weil die ihre wahre Heimat im Himmel haben, wo es keine Umweltverschmutzung gibt.

Die Mullahs versprechen sogar einen deutlich höheren Lohn als den "Dank des Vaterlands"' Wer fällt, gelangt als Märtyrer schnurstracks und ohne die langwierigen Verfahren, die der Koran der Menschheit ansonsten in Aussicht stellt, ins Paradies. Schließlich kennen die Gottesgelehrten den hohen Dienst, den ihr Kanonenfutter in Wahrheit leistet:

"Der Baum des Islam kann nur wachsen, wenn er ständig mit dem Blut der Märtyrer getränkt wird." (Khomeini)

Die Logik ist die jedes Heldengedenkens und Volkstrauertags: Wer für eine Sache in den Tod geht, bezeugt damit deren absoluten Wert - im Fall der islamischen Republik Iran: deren unbedingtes Recht als vorbildlich gläubige Nation. Und zwar gegen lauter Feinde, die nun allerdings im Koran gar nicht vorkommen. Es klingt wie ein Scherz, wenn z.B. der Staatsminister Nabavi vor der Außenministerkonferenz der Blockfreien Staaten am 12.2.81 die Sure 2,177 zitiert, um die "wirkliche Bedeutung der 'Blockfreiheit'" zu verdeutlichen:

"Das gute Handeln besteht nicht darin, daß ihr euch nach Osten oder Westen wendet, es besteht vielmehr darin, daß man an Gott, den Jüngsten Tag, die Engel, die Schrift und den Propheten glaubt."

Völlig ernstgemeint ist beides: die Absage an den Imperialismus der westlichen wie an die östliche "Supermacht" - und der religiöse Rechtsstandpunkt, von dem aus diese Absage erteilt wird.

Die schiitische Mission

Für den Iran hat mit der Vertreibung des Schah jede Blockzugehörigkeit aufgehört. Die Unterwerfung des Staates unter das Kommando der Geistlichkeit ist keineswegs zum bloßen Austausch des Führungspersonals geraten. Die Freie Welt - deren führende Mitglieder sich sonst sicher sind, dank der erpresserischen Wucht ihrer Angebote zur "Zusammenarbeit" auch nach einem Umsturz unhaltbar gewordener politischer Verhältnisse immer wieder ins politische und ökonomische Geschäft zu kommen, und zwar zu ihren Bedingungen - sieht sich einer nicht nachlassenden, wenn auch nach Staaten unterschiedenen Feindseligkeit gegenüber. Und die Sowjetunion, die die herrschende Mannschaft des Iran freigebig mit revisionistischen Komplimenten bedacht hat -

"Auch in Anbetracht aller Komplikationen und Widersprüche ist die iranische Revolution im wesentlichen eine antiimperialistische Revolution, obgleich die innere und äußere Reaktion versucht, die Substanz der Revolution zu ändern. Das iranische Volk sucht seinen eigenen Weg zu Freiheit und Wohlstand. Wir wünschen ihm aufrichtig Erfolg und sind bereit, mit dem Iran auf der Grundlage der Gleichberechtigung und natürlich der Gegenseitigkeit gute Beziehungen zu entwickeln." (Breschnew 1981) -,

wurde unversöhnlich abgeschmettert:

"Wir bekämpfen den internationalen Kommunismus im gleichen Maße wie die westlichen Weltvernichter." (Khomeini)

Dem Kampf gegen den internationalen Kommunismus fiel u.a. die der subversiven Agententätigkeit für Moskau beschuldigte Tudeh-Partei des Iran zum Opfer, die den Aufstand gegen den Schah mitgetragen hatte. Demgegenüber durften die westlichen Weltvernichter ihr diplomatisches Personal nach mehrmonatiger Festsetzung zwar ziemlich unbeschädigt abholen; doch mit dem absichtsvollen Bruch der diplomatischen Verkehrsregeln im Umgang mit den USA - unter den Gesichtspunkten des Menschenrechts ein sehr viel schlimmeres Vergehen des "Staatsterrorismus" als die Massenhinrichtungen sowjetfreundlicher Kommunisten - war die Absage an jedes Mittun bei der amerikanischen Weltpolitik vollzogen, und die ist bis heute nicht revidiert.

Ihren Grund dafür, die Blockfreiheit dermaßen radikal zu praktizieren, erläutert das Oberhaupt der islamischen Republik mit Phrasen der folgenden Art:

"Unsere Stimme ist die Stimme der Verarmten, der Notleidenden, der Barfüßigen und der unterprivilegierten Massen, deren Produkte aus harter täglicher Sklavenarbeit ausgebeutet werden von internationalen Banditen, die das Blut der armen Nationen, der Arbeiter und der Werktätigen im Namen des Kapitalismus, des Sozialismus und des Kommunismus aussaugen, das Lebensblut der Weltwirtschaft zu sich befördert und die Weltbevölkerung daran hindern, ihre verdienten Rechte zu erlangen."

Die Empörung über den schäbigen Weltlauf und die moralische Parteinahme für die Erniedrigten und Beleidigten könnten insoweit fast wörtlich einer antiimperialistischen Polemik aus der unartigen Vergangenheit von "Sozialismus und Kommunismus" entnommen sein; und auf die eine oder andere Weise kann jeder Führer eines "Entwicklungslandes" Beschwerden über die Ungerechtigkeiten und verheerenden Wirkungen der Weltwirtschaft hersagen, die auf dasselbe Weltbild hinauslaufen. Das ist kein Wunder. So definieren allemal Staaten, die ihre Rolle im Weltgeschehen und ihren Anteil am Weltgeschäft für weitaus zu geringfügig befinden, ihren Wunsch nach einem besseren Tabellenplatz als das abgrundtiefe Recht der Opfer, über die sie zu herrschen haben - an deren Herstellung sie selbst also nicht ganz unbeteiligt sind. Mit diesem Beschwerdestandpunkt melden sie sich nämlich nicht ab aus der "Völkerfamilie", sondern melden ihren Anspruch an, erfolgreicher als bisher in der Konkurrenz der Nationen mitzutun. Die Hauptnutznießer der laufenden Konkurrenz als Missetäter für die eigenen Mißerfolge haftbar zu machen, ist auch kein besonders revolutionärer Einfall; mit Anklagen dieser Art nehmen Regierungen bloß eine Anspruchshaltung gegenüber den Mächten ein, von denen sie abhängen und von denen sie wissen, daß das die maßgeblichen Adressen sind. Deswegen folgt logischerweise der Beschwörung des Jammers der Massen der Vorwurf, die imperialistischen Staaten ließen die kleineren Souveräne u wenig zum Zuge kommen, und die Forderung an sich selbst und seinesgleichen, Souveränität zu beweisen - was nun gar keinen ökonomischen Inhalt mehr hat. So auch Imam Khomeini im Amschluß an die zitierte Beschwerde, referiert von seiner Bonner-Botschaft:

"Er rief die islamischen Nationen auf, sich von der östlichen und westlichen Abhängigkeit zu befreien, die Symptome des Imperialismus in ihren Ländern zu beseitigen und sich zu bemühen, die östlichen und westlichen Militärbasen in ihren Ländern zu schließen."

Von dem Souveränitätsidealismus, mit dem noch jeder "Drittwelt"-Führer, der auf sich und seine Nation etwas hält, seinen Einstand in der imperialistischen Weltordnung selbständiger Staatsgebilde feiert, unterscheidet sich dieser Aufruf nur durch seine Bezugnahme auf eine Religion, deren Geboten die angesprochenen Staaten eine autonome Aufführung offenbar schuldig sein sollen. Bei den Führern des Iran ist das nun allerdings etwas anderes als ein berechnend gewählter Titel, der einen idealen Legitimationsanspruch ausdrückt, so wie andere Vertreter einer neuen oder erneuerten nationalen Unabhängigkeit sich etwa in den 60er Jahre mit Vorliebe auf den - z.B. "afrikanischen" - "Sozialismus" berufen haben. Hier predigt ein Geistlicher, der sich m seiner Sache willen genötigt sieht, Politik zu machen, und der dabei das Netz guter Beziehungen, die der Imperialismus über die Welt geknüpft hat, als Gegner kennengelernt hat.

Tatsächlich hatte ja die "Modernisierungs"-Politik des Pahlevi-Schah die "schiitische Sache" durchaus in Gefahr gebracht: Mit der Einsetzung weltlicher Gerichte und mit kaiserlichen Bildungskampagnen wurde der Religionsdienerschaft ihre Existenz als staatlich anerkanntes Rechts- und Unterrichtsorgan fürs Volk bestritten; die Ruinierung der herkömmlichen Produktionsweise auf dem Land und die dadurch in Schwung gebrachte Landflucht zersetzte wie von selbst die Traditionen islamischer Sittlichkeit; vom Kaiserhof gingen - für ganz andere Gesellschaftsschichten - dieselben unfrommen Tendenzen aus und wurden als Modernisierung gefördert - Brennpunkt war die "Tschador-Frage" -; die Kaiser-Ideologie der Pahlevis sollte in Konkurrenz zu der islamischen Lehre von Herrschaftsrechten und Untertanenpflichen treten... Protest dagegen verstand sich für die Geistlichkeit von selbst. Sie verwahrte sich gegen eine Entwicklung, die ihr vom Standpunkt des Vorbetens und Predigens aus als atheistische Kulturrevolution vorkam und, weil ihre Proteste wirkungslos blieben, als sündiger Anschlag auf die große islamische Gemeinde:

"... daß Sie dem Rat der 'Olama keine Beachtung schenken und meinen, gegen den heiligen Qor'an, die Verfassung und das allgemeine Gefühl der Bevölkerung handeln zu können.... Die 'Olama erklärten öffentlich, daß das Frauenwahlrecht und der Verzicht auf die Bedingung, nur als Moslem das aktive und passive Wahlrecht ausüben zu dürfen, im Gegensatz zum Islam und zur Verfassung stehen. Wenn Sie glauben, Sie könnten den heiligen Qor'an durch die Awest der Zoroastrier, die Bibel oder sonstige fehlgeleitete Bücher ersetzen, befinden Sie sich im Irrtum." (Khomeini 1962 in einem Brief an den Schah)

Da bekam nun auf einmal die islamische Theologie vom Bösen und von der Zweiteilung der Welt in die des Islam und die "des Krieges" eine Wahlrechtsreform zum Inhalt, und außerdem Eigentumsfragen des staatlichen Agrarbusiness usw. - Teufeleien, von denen Mohammed sich nun wirklich nichts hatte träumen lassen. Die theologische Fahndung nach den Schuldigen stieß auf zahlreiche Figuren, die dem Koran auch noch nicht geläufig waren: geschäftstüchtige Schah-Berater, Bankiers und Geldanleger, Militärs und Öl-Multi-Vertreter aus dem Ausland, die teilweise von der nationalen Gerichtsbarkeit ausgenommen waren; die Lehre von den Widersachern des gottgefälligen Lebens war um die Personnage des Imperialismus zu erweitern. Eine Religion, die sich von ihrer Obrigkeit so in die Defensive gedrängt sieht, muß sich eben über alle möglichen Dinge sachkundig machen, die eine mit dem weltlichen Auftraggeber bruchlos einige Frömmigkeit gar nicht zu kennen braucht - wobei die Sachkunde sich freilich darauf beschränkt, eine neue Besetzung für die Rollen ihrer alten Legenden zu finden.

Der notwendige nächste Schritt einer so aktualisierten Religion besteht darin, daß sie sich ihre eigene Ohnmacht zum Problem macht; auch das erst einmal theologisch. Denn grundsätzlich war religiöses Gemecker über die schlechten Herrscher im Iran nichts Neues, ohne daß sich die Geistlichkeit mit ihren Herren groß angelegt hätte; im Gegenteil: Die schiitische Glaubenslehre verfügt - genauso wie jede christliche Kasuistik - über eigene fromme Beweisführungen zur Unterordnung auch unter Obrigkeiten, die es an islamischer Sittlichkeit fehlen lassen. Die Theologie trifft eben ihre Vorkehrungen dafür, daß der Antimaterialismus der Religion eine einseitige Sache bleibt, nämlich den Materialismus der Herrschenden auf sich beruhen läßt. Diese religiöse Indolenz spricht auch sehr deutlich ausgerechnet aus der Polemik, die Khomeini als Radikaler unter den Ayatollahs schon früh dagegen angestrengt hat - bezeichnenderweise erregt ihn die Freundschaft des Schah mit einer Macht, der er eigentlich nichts schlimmeres als die Hoheit über Heiligtümer vorzuwerfen hat, die eigentlich seinem Allah gehören:

"Wir haben vieles geduldet: den barbarischen Angriff auf den heiligen Boden der theologischen Schule in Qom, die Einkerkerung, Folter und Verfolgung unserer national und religiös gesinnten Leute, den Angriff auf unsere Universitäten und andere Ausbildungsstätten, die Unterdrückung aller öffentlichen und individuellen Rechte und Freiheiten. Wir übersahen Bestechung, Korruption, Dekadenz und Verrat und den Brudermord in vielen Teilen unseres Landes. Doch wie können wir die Schande ertragen, daß unser islamisches Land in einen Stützpunkt für Israel und den Zionismus verwandelt wird?"

Aus dermaßen gerechter Empörung heraus kümmert sich Khomeini ausgiebig um die theologische Ableitung des Grundsatzes, die islamische Geistlichkeit dürfe das Feld der Politik nicht ihren Gegnern überlassen und sich im Privaten einhausen:

"Eine Trennung von Politik und Religion sei dem Islam fremd. Der Islam sei untrennbar mit allen Lebensbereichen verbunden. Die Unterscheidung zwischen dem Bereich des Säkularen und des Religiösen sei nichts als ein verderblicher Versuch des Westens, die islamische Welt zu verwirren und auszubeuten. Spöttisch fragt er, ob denn zur Zeit des Propheten Religion und Politik zwei verschiedene Dinge gewesen seien und ob es damals vielleicht auf einer Seite Ulama (Geistlichkeit), auf der anderen Seite Diplomaten und Politiker gegeben habe. 'Was für eine lächerliche Idee!' ist seine Antwort. Und jene, die eine solche Trennung befürworten, suchten nur Mittel und Wege, um den Islam vom Volk zu trennen und es wie eh und je mit der Politik des Divide et Impera auszubeuten. 'Sie wollen, daß wir weiterhin nur beten, ohne einen Gedanken an die Politik zu verschwenden, um so weiterhin unseren nationalen Reichtum zu stehlen', behauptet er von den westlichen Regierungen und von den pro-westlichen säkularen Führern des Iran."

Das alles ist freilich selber - bloß Theologie, eine Doktrin über den puren Idealismus der Einmischung von einem Standpunkt der praktischen Ohnmacht aus; die Ähnlichkeit mit offiziell verworfenen Sumpfblüten des Christentums wie der "Theologie der Befreiung" ist kein Zufall. Daß der Protest, der so über seinen Anspruch räsoniert, zur politischen Macht zu werden, tatsächlich politisch wirksam und sogar zur herrschenden Staatsmacht geworden ist, liegt weder an ihm noch an der Versicherung, Religion dürfe keine bloß innerliche Sache sein und bleiben. Die iranischen Volksmassen haben sich den geistlichen Auftrag, die islamische Gemeinde zu retten, praktisch zu eigen gemacht; und dafür werden sie schon den Grund gehabt haben, den sie nun wirklich unmißverständlich zum Ausdruck gebracht haben: Sie waren die Schah-Regierung leid.

Materielle Gründe dafür hatten sie mehr als genug. Die "weiße Revolution" des Schah hatte mit ihren Geboten und Anstrengungen, aus der dörflichen Landwirtschaft mehr oder überhaupt einen in Geld existierenden Reichtum erauszuholen, die alte Produktionsweise ersatzlos ruiniert und ein beträchtliches Massenelend geschaffen. Die aus Ölgeldern finanzierte luxuriöse Staatsindustrie hatte für die freigesetzte Landbevölkerung keine lohnende Verwendung und für ihr Proletariat sehr wenig Lohn übrig. Grund zur Unzufriedenheit hatten auch die in allen Erzählungen über das islamische Revolutionsgeschehen gewürdigten Bazarhändler: Durch die vom Schah geförderte großkapitalistische Konkurrenz, auch aus dem Ausland - die manchem Städter vielleicht sogar das Leben billiger gemacht hätte -, sahen sie ihr Einkommen geschmälert und gefährdet. Für ihre materiellen Interessen sind aber allenfalls die Letzteren in Opposition zum Schah gegangen; eine Minderheit hatte sozialistische Alternativen im Sinn, wie immer die auch aussahen. In der Hauptsache und im Endergebnis war der Sturz des Pahlevi-Clans eine religiöse Aktion. Nicht Streiks waren angesagt, die dem Regime seine Machtbasis entzogen hätten, und auch nicht der bewaffnete Aufstand, sondern Massenaufmärsche, bei denen sich Hunderttausende den Polizeitruppen des Schah entgegenstellten und ihre unbedingte Entschlossenheit kundtaten, sich ohne weiteres erschießen zu lassen - im festen Vertrauen auf die Zusicherung der Mullahs, es handle sich um reguläre Märtyrerprozessionen und dabei anfallende Tote gelangten auf direktem Weg ins Paradies.

Wer so handelt hat kein bürgerliches - pluralistisch-distanziertes, aus psychologischen Sinnbedürfnissen heraus unterhaltenes - Verhältnis zu seinem religiösen Wahn, sondern ein fanatisches - ganz so, wie der zuständige Theoretiker es aus dem modernen Gemeinwesen ausgeschlossen wissen wollte:

"Das Feld der Religion ist die Innerlichkeit. Wenn nun die Religiosität im Staate sich geltend machen wollte, wie sie gewohnt ist auf ihrem Boden zu sein, so würde sie die Organisation des Staates umwerfen. Wollte sie alle Beziehungen des Staates ergreifen, so wäre sie Fanatismus." (Hegel, Rechtsphilosophie, Paragr. 270, Zusatz)

Wenn ein ganzes Volk so handelt, dann beweist es damit, daß es von seiner modernisierungsbeflissenen Obrigkeit überhaupt nicht in bürgerliche Lebensverhältnisse versetzt und an ein entsprechend heuchlerisch-tolerantes Verhältnis zu seinen Glaubensüberzeugungen gewöhnt worden ist. Der Schah hatte sein Volk aus seinen vorkapitalistischen - Lebensbedingungen vertrieben, ohne es in seiner Masse einer kapitalistischen Benutzung zuzuführen und mit den entsprechenden weltlichen Sorgen zu beschäftigen. In diesem Volk eine Aktionseinheit gegen die Urheber des Massenelends zu stiften, eine Aktionseinheit eben von Leuten ohne praktischen gesellschaftlichen Zusammenhang und ohne materielle Machtmittel: Darin war die islamische Religion im Iran konkurrenzlos gut, und sie ist erfolgreich geblieben. Mit der Durchsetzung Khomeinis als letzte politische Instanz ist die religiöse Fiktion einer Volksgemeinschaft Allahs zum geltenden Standpunkt der iranischen Staatsmacht geworden.

Das allerdings ist ein Widerspruch. Denn keine Religion gibt eine Politik, geschweige denn ein nationales Programm her, auch die iranische Schia nicht. Die Fiktion einer frommen Gemeinde kann zwar Aufstände bis zum erfolgreichen Ende beflügeln, aber weder eine nationale Produktionsweise ersetzen noch der Nation einen weltpolitischen Standpunkt verschaffen - noch nicht einmal in der Theorie. Sie belehrt ja gar nicht über Bankgeschäfte, Ölexport, nationale Souveränität oder Einkommensquellen. Es ist umgekehrt: Was "die Religion rät" in politischen Fragen, wozu sie ihren radikalisierenden oder besänftigenden Senf hinzugibt, das muß sich schon aus anderen Quellen ergeben.

Und in dieser Hinsicht ist den Mullahs kein, geschweige denn revolutionärer, Einfall gelungen.

Die schiitische Staatsreform: Die alte Scheiße mit neuem Überbau

Bei der Besichtigung des schlecht behandelten und verelendenden iranischen Volkes verfielen die politisierenden Gottesdiener auf den noch jedem Weltverbesserer geläufigen "Schluß", das alles müßte doch nicht sein. Nach der Logik der Moral, daß der gute Wille alle Berge versetzen kann, erschien ihnen ihr altüberlieferter Gerechtigkeitsidealismus glatt wie eine wirtschafts- und sozialpolitische Alternative zu den Fakten, die der Schah als Partner des Imperialismus geschaffen hatte:

"Die Gleichheit vor dem Gesetz, unabhängig vom sozialen Rang, würde anständiges und rücksichtsvolles Verhalten fördern und Gewalttätigkeit vermeiden helfen. Die Gesellschaft wäre dann nicht mehr zwischen Reich und Arm geteilt, zwischen denjenigen, die aufgrund ihrer guten Verbindungen über dem Gesetz stehen und denjenigen, denen in ihrem Elend aus den Gesetzen keinerlei Recht zukommt. Wenn die Macht von wahren Moslems ausgeübt werde, die mit dem islamischen Recht vertraut sind und ihm völlig entsprechen, würden die Probleme des Staates verringert und vereinfacht."

"'Das islamische Wirtschaftssystem ist perfekt: Es ist bislang nur nicht verwirklicht worden.' Wenn das islamische Steuersystem, das unter anderem aus Zakat (5% der landwirtschaftlichen Produktion), Khoms (20% des jährlichen Netto-Profits) und Jeziyah (von Christen, Juden und Zoroastriern für staatlichen Schutz und Dienstleistungen zu zahlende Kopfsteuer) besteht, getreulich verwirklicht würde, dann wären Armut, Arbeitslosigkeit und Regierungsschulden ein für allemal beseitigt. Wenn die Steuerzahler den Nutzen ihrer an die Regierung geleisteten Abgaben zu spüren bekämen, würden dem Staat sogar noch größere Steuerbeträge zukommen."

Wer allgemeinen Wohlstand durch gerechte Steuern will, der hat keine Kritik an den Einkommensquellen, auf die die Gesellschaft festgelegt ist, und will noch nicht einmal wahrhaben, daß es gerade an Einkommensquellen, von denen sie leben könnten, den iranischen Gotteskindern fehlt. Wer angesichts der unausbleiblichen Konsequenzen Arm und Reich in religiösem Geist versöhnen möchte, der hat noch nicht einmal etwas mit dem entwicklungspolitischen Ideal im Sinn, die Armut für die Mehrung eines national nachgerechneten Reichtums nutzbar zu machen und dadurch "langfristig" - abzuschaffen. Die Übernahme der im Lande verbliebenen Vermögenswerte des Kaiserhofs durch eine dem Imam unterstellte "Stiftung der Entrechteten" sollte überhaupt nie ein Stück nationaler Wirtschaft schaffen oder in Schwung bringen, sondern Mittel für ein landesweites Almosenwesen bereitstellen, das erst einmal - wie zu Zeiten des Schah, als es auch schon Ähnliches gab - seine Verwalter bereichert; schließlich entzieht das religiöse Verbot der Korruption diesem Erwerbszweig nicht den Boden, sondern bezieht sich darauf als gesellschaftlichen Normalfall. Das verfassungsrechtliche Verbot von Grundbesitz und Firmengründungen durch Ausländer ist nichts als eine feindselige Reaktion darauf, daß unter dem Schah Kapitalgesellschaften aus dem Ausland Reichtum aus dem Land gezogen haben; als Absicherung eines Programms, diesen Reichtum weiterhin zu schaffen, aber mit volksfreundlichen Methoden und Verwendungszwecken, ist es noch nicht einmal gemeint. Die komplett verstaatlichten Banken wurden aufs islamische Zinsverbot umgestellt; seit ein paar Jahren zahlen sie ihren Einlegern keine Zinsen mehr, sondern eine Art Gewinnbeteiligung, nehmen auch von ihren kommerziellen Kunden Rendite in Form eines Profitanteils entgegen, verdienen an Privatkunden in der Weise, daß sie den zu kreditierenden Artikel kaufen und auf Raten teurer verkaufen. Und mit diesem Geschäftsgebaren, das auch nicht verrückter ist als eine Hypothek oder ein "Genußschein", ist die umstürzlerische Absicht, in der die Geistlichkeit das Kommando über den Kreditsektor übernommen hat, auch schon am Ziel: Lauter Umsätze mit fiktivem Kapital, die kein Prophet je vorhergesagt hat, sind mit dem Buchstaben einer frommen Polemik gegen das Laster des Wuchers in eine geradezu ironische Übereinstimmung gebracht. Die private Geschäftswelt, die sich auf eine ebenfalls religiös verankerte Eigentumsgarantie und ein zutiefst islamisches Sozialismusverbot - auch das gibt der Koran her! - fest verlassen kann, entwickelt ein paar neue Techniken, um in der Konkurrenz mit dem so reorganisierten Kreditwesen gut wegzukommen. Die Geschäfte, die sie treibt, sind ansonsten dieselben wie unter dem Schah, nur laufen sie besser, weil die islamische Republik die Konkurrenz durch kaiserliche oder ausländische Kapitalgesellschaften unterbunden hat. Wie unter dem Schah läuft auch die staatliche Großindustrie als Verlustgeschäft weiter, offenbar aber auf kleinerer Stufenleiter; die zur Fortführung nötigen Deviseneinnahmen müssen wichtigeren Zwecken dienen.

Und die eigentumslose Mehrheit, ununterbrochen vermehrt durch Bauern, die aufihren Äckern kein Auskommen mehr finden, läßt die Slums um die iranischen Großstädte herum weiter wachsen; angeblich ist allein Teheran seit dem Umsturz um 3 Millionen Zuzügler größer geworden. Der höchst moralische Einfall der frommen Obrigkeit, dieses Verelendungssymptom zu bekämpfen, indem den landflüchtigen Familien Unterkunft und Unterstützung in der Stadt entzogen und ein 100-Marks-Kredit als Starthilfe für ein neues Landleben in Aussicht gestellt wurde, hat den Fortgang der vom Schah eingeleiteten Modernisierung des Landes an dieser Stelle überhaupt nicht aufgehalten - von wegen "Rückkehr ins Mittelalter"!

Die islamischen Republikaner führen den Iran ungefähr als das weiter, als was sie ihn vom Schah übernommen haben: eine devisenbringende Ölquelle mit sehr viel Volk, das in jeder Hinsicht zu zahlreich ist: für die Überreste einer agrarischen Subsistenzwirtschaft, für den Arbeitskräftebedarf des im Lande blühenden Geschäftslebens, für die Bedienung der Ölexportwirtschaft. Bereichert haben die Mullahs an der Macht dieses imperialistische Kunstprodukt um die Restauration eines Rechtswesens, das die Leute verstümmelt, um ihnen Ärger im Paradies zu ersparen -

"Aber diejenigen, die es besser wissen und an die Bestrafung im Jenseits glauben, sind davon zum Beispiel überzeugt, wenn die Hand eines Mannes aufgrund eines Diebstahls abgeschlagen wird, daß dies für ihn ein Segen ist, der im Jenseits sichtbar wird." -,

sowie um die gewaltsame Renaissance religiöser Moden, die Symptome des vom Schah gepflegten Modernisierungswahns beseitigt und einiges an Unterhaltung und Wissenschaft gleich dazu.

In dieser Kulturrevolution mit Tschador und Musikverbot liegt eine gewisse Ironie: Sie stellt das Ölgeschäft mit dem Ausland, die Geschäftemacherei mit Lebensmitteln und Importartikeln, die Verelendung der Massen, ohne daran materiell etwas zu verändern, unter das Vorzeichen einer wiedergewonnenen islamischen Eigenständigkeit. Es ist, als wollten die Mullahs beweisen, daß ein Volk den religiösen Adel als auserwählte Gottesmannschaft dann am allerbesten gebrauchen könnte, wenn die imperialistische Zurichtung des Landes ihr Werk getan und das geehrte Volk zu ökonomischer Überflüssigkeit verurteilt hat.

Und damit mögen sie sogar Recht haben. Subjekt seiner eigenen Geschichte ist ein solches Volk nämlich allemal bloß in seiner Einbildung. Seine Einheit existiert als Fiktion, seine Macht als geglaubtes Jenseits. Um so mehr bedarf es, um politisch überhaupt zu zählen, der dauernden Bekräftigung seines schlagkräftigen Daseins durch das öffentliche Schauspiel gläubiger Einigkeit und durch einen Auftrag, der seine moralische Einheit verlangt. Dieser Auftrag hieß zunächst: Beseitigung des Schah.

Inzwischen hat er einen neuen Inhalt, der genausowenig aus den religiösen Fiktionen deduziert worden ist und schon gar nicht aus einem materiellen Anliegen der iranischen Gesellschaft. Es gilt, einen Krieg zu gewinnen - für die meisten Iraner das erste und letzte Angebot in ihrem Leben, sich nützlich zu machen.

Die Triumphe des schiitischen 'Dritten Wegs' zwischen Ost und West und ihre Vorraussetzungen: Allah lenkt - der Imperialismus denkt

In ihrem Feldzug gegen die am Kaiserhof versammelten Feinde der schiitischen Sache haben die neuen Führer des Iran auch das amerikanische Militär und dessen Stützpunkte aus dem Land geworfen; ohne Rücksicht auf die eigene waffentechnische Abhängigkeit von den USA, ohne weitere weltpolitische Berechnung - außer der auf die Vorbildlichkeit ihres Befreiungsakts -, und ohne sich auf die andere Seite der westöstlichen Front zu schlagen. Damit waren ihre antiimperialistischen Taten auch schon so ziemlich vorbei. Seither helfen die Mullahs ihren Glaubensgenossen in Afghanistan und ignorieren souverän, daß sie damit zwar vielleicht Allah, ganz bestimmt aber ein wichtiges Unteranliegen der amerikanischen Weltpolitik fördern. Außerdem haben sie den Krieg der Fraktionen und Stellvertreter größerer Mächte im Libanon um eine Miliz bereichert, die auf sie hört, die mit ihrem Einsatz aber alles andere macht als dem ins Visier genommenen Zionismus Schwierigkeiten. Ansonsten ist dem polemisch auftrumpfenden Antiimperialismus der Republik Khomeinis kein Inhalt zu entnehmen.

Schon gar kein ökonomischer. Das Ölgeschäft mit den kapitalistischen Interessenten läuft dank Preisnachlässen wie in den alten Zeiten, als Khomeini noch die Einflußlosigkeit der Religion am Kaiserhof für die Aussaugung dieses edlen Saftes durch das Ausland haftbar machte. Die dabei eingenommenen Dollar machen Iran zu einem nach wie vor höchst "interessanten Markt", um den nach dem Ausscheiden der Amerikaner deutsche und japanische Firmen um so erfolgreicher konkurrieren. Die Mullahs werden schon wissen, weshalb sie die engsten weltpolitischen Verbündeten der USA von ihrer Absage an jenen allergrößten Satan ausnehmen.

Wahrscheinlich halten sie ihren Ölexport und ihre Importbeziehungen zu kapitalistischen Staaten für ihr Mittel zur Förderung des weltweiten Einflusses des Islam - und haben damit noch nicht einmal zur Hälfte recht. Denn erstens gilt für den Iran nach wie vor und wie für alle "Rohstoffländer", daß sein "natürlicher Reichtum" ein Dreck ist, solange sich nicht auswärtige Abnehmer dafür interessieren und ihn mit Vorteil zu ihrem Geschäftsartikel machen; Abnehmer, die über Reichtum in seiner weltwirtschaftlich einzig gültigen, gar nicht "natürlichen", nämlich in Devisenform verfügen, weil das Kreditgeld ihrer Länder zur allgemein gefragten Währung geworden ist. Dieser wirkliche Reichtum steht Staaten, die eine Laune der Natur auf ihrem Gelände ausverkaufen, um einen Anteil daran zu kriegen, nicht als Mittel zur Verfügung; er funktioniert nach seinen eigenen Gesetzen und Konjunkturen als eine Macht, von der solche Staaten, die nach ihrem Zulieferdienst heißen, abhängig sind.

Und zweitens ist es eben eine Lüge, daß die Politik, für die die islamische Republik sich mit Ölverkäufen Dollars beschafft, den Kampf gegen den Imperialismus, den sie beabsichtigt, auch zum Inhalt hätte. Die regierenden Mullahs haben getan, was allein in ihrer Macht liegt, nämlich ihr Land den strategischen Interessen der "Supermächte" entzogen; welche strategischen Interessen diese Mächte an ihrem Land hatten und weiter haben und wie sie sie durchsetzen, das bleibt deren Sache. Auch als islamische Republik ist der Iran das Objekt weltmachtmäßiger Kalkulationen, denen es allenfalls statt Angeboten keine machen kann, und nur in der religiösen Phantasie ihrer Führer ein Subjekt, das solche Kalkulationen anstellt und mit dem amerikanischen "Papiertiger" spielt. Sogar diese Verwechslung und der Anspruch, als autonome Kraft in der Weltpolitik respektiert zu werden, haben ihre Grundlage nicht in eigenen moralischen Wunderwaffen, sondern in der relativ wichtigen Rolle, die die amerikanische Weltherrschaft dem Iran beigelegt hat, in dem Interesse, das deswegen auch die sicherheitsempfindliche Sowjetunion an diesem Staat nimmt, und in den Schranken, die dieses sowjetische Sicherheitsinteresse und keine islamische Großtuerei - der westlichen Weltmacht gesetzt hat, als die sich Aufräumarbeiten der massiveren Art überlegte. Der Glaube der Mullahs an die antiimperialistische Qualität und Wucht ihres Standpunkts ist nur so "wahr", wie der Schah es fertiggebracht hat und wie sie es heute noch fertigbringen, das Interesse der Imperialisten sowie ihrer sowjetische Gegenspieler auf sich zu lenken was durch ein bißchen Krieg am sichersten zu erreichen ist.

Es wird schon so sein, daß das religiöse Oberkommando diese äußerst imperialismus-konforme Berechnung o nicht anstellt. Es ist bei seiner Fahndung nach auswärtigen Feinden der schiitischen Sache und ihres Erfolgs ganz von selbst erst einmal auf die anderen islamischen Staaten gestoßen, die es an gläubigem Einsatz fehlen lassen und die sich deswegen den Vorwurf des Gottesverrats machen lassen müssen; einen Vorwand, dessen moderate Variante die Bonner Botschaft der islamischen Republik so zitiert:

"Er appellierte an die Muslime der Welt, den käuflichen Führern einiger Länder, die über sie herrschen, gegenüberzutreten und sie durch Rat und Tat aus ihrem tiefen Schlafzu wecken."

Einer der ausgemachten Verräter, Iraks Saddam Hussein, ist sogar selber initiativ geworden und hat alle frommen Überlegungen der iranischen Führung, wo der Satan zuerst zu bekämpfen sei, höchst wirkungsvoll abgekürzt. Ihr antiimperialistischer - Standpunkt hat seither einen materiellen Stoff: Die Republik führt Krieg, und zwar in der Überzeugung, mit dem höchsten Recht Allahs im Rücken in Saddam Hussein einen Stellvertreter des US-Imperialismus bestrafen zu müssen und damit den US-Imperialismus selbst zu treffen.

Allerdings stirnmt noch nicht einmal das - so schön die darin enthaltene Ironie der Weltgeschichte auch wäre.- Ihr Krieg hat einen Haken, der auch einem Gottesmann auffallen könnte, wenn der sich bloß mal kurz von seinem Koran losreißen und statt der Rechtfertigung des Kriegführens -

"Wenn wir uns heute für den Krieg gegen Saddam und seine Verbündeten engagieren und wenn heute unsere Jugend ruft 'Krieg bis zum Sieg', so widerspricht das nicht dem Koran. In der Tat ist das, was sie sagen, nur ein Bruchteil dessen, was der Koran besagt. Das, was wir sagen, liegt innerhalb der Grenzen unserer Möglichkeiten. Aber Gott, der Allmächtige, weil er die Welt in Einheit sieht, sagt: 'Krieg bis zur Auslöschung von Fitnah vom Antlitz der Erde'." (Khomeini) -

dem wirklichen Nutzeffek t der Schlächterei seine Aufmerksamkeit widmen würde. Auch im Iran ist ja keineswegs unbekannt, daß der Krieg die Interessen des Imperialismus zwar heftig berührt, aber nicht schädigt, sondern selbst Objekt imperialistischer Nutzenkalkulationen ist. Der Irak ist angetreten, um in einer von den westlichen Mächten definierten und kontrollierten Interessenssphäre und für diese Interessen wichtiger zu werden; und so bezieht sich der Westen auch auf ihn: als Faktor, mit dem man rechnet; nicht als Partei, mit der man sich bedingungslos identifiziert, so daß deren Niederlage die eigene wäre. Überdies wird die Führung des Iran selbst am besten wissen, daß und wie ihre eigene Kriegführung ganz genau dieselbe Aufmerksamkeit und Anteilnahme findet. 'Selbst mit ihren Erfolgen setzt sie keine eigenen politischen Interessen und strategischen Kalkulationen als die maßgebliche "Lage" für die Golfregion durch, sondern sie modifiziert bloß, und zwar keineswegs notwendigerweise gegen imperialistische Interessen, ein paar Größen in der Rechnung, die mit den Golfstaaten; ihrer Konkurrenz und ihrem politischen und militärischen Kräfteverhältnis angestellt wird. So verbucht der Westen beispielsweise den Wandel des Irak vom "radikalen" Problemfall der Region zum tief verschuldeten Söldner der islamischen Partner Amerikas als schöne Gratisgabe der hartnäckigen gottgefälligen Schlachten, die die Iraner liefern. Daß gleich drei NATO-Mächte sich mit Schiffsgeschwadern und Truppen am und im Golf eingenistet haben, ist auch kein schlechter Effekt und zeigt neben er, wer dort wirklich in letzter Instanz "Herr im Haus" ist. Und da die iranische Seite diese Demonstration - bislang jedenfalls - respektiert, ist sie auch keineswegs hoffnungslos als Feind abgeschrieben; zumal ein Überlaufen ins Lager des weltpolitischen Gegners von der Staatsführung dauernd mit einer Betonung als undenkbar zurückgewiesen wird, die der imperialistischen Diplomatie natürlich zu denken und zu mauscheln gibt. Nicht ganz zufällig sind die Generäle des Ayatollah immerhin noch ans nötigste amerikanische Kriegsgerät gekommen.

An diesem Kunststück zeigt sich am deutlichsten, wie scheinhaft der Standpunkt der Absage an den Imperialismus in materieller Hinsicht ist, den die islamische Republik in ihrer Staatsideologie so kompromißlos einnimmt. Ihren Krieg für die schiitische Sache, gegen die Verräter und Feinde der Religion, führt sie mit Mitteln, die sie sich nicht per Koran, sondern aus der imperialistisch konkurrierenden bzw. eingeordneten Staatenwelt beschafft. Sie zehrt von der Ausstattung, die der große Satan dem gestürzten Schah noch hat zukommen lassen und verlangt auch immer noch die Lieferung des bereits bezahlten Rests -, von der ungebrochenen Ertragskraft des Ölgeschäfts, das sie nur durch Billigpreise günstig beeinflussen kann, und von einem internationalen Waffenmarkt, auf dem für viel Geld viel zu schieben ist.

Das einzige Machtinstrument, das sie sich tatsächlich selbst geschaffen hat, ist das religiöse Ethos, mit dem ihre Massen sich als gottgefällige antiimperialistische Volksaktion aufführen. Tauglich ist dieses Machtmittel allerdings auch nur für Erfolge auf dem Felde der Moral. Entsprechend wird es eingesetzt; insbesondere bei massenhaften Demonstrationen, die die Überlegenheit der eigenen Sache machtvoll fingieren. Der Wunsch, die Muslime in aller Welt möchten sich diesen moralischen Smbolhandlungen anschließen, die im Kampf gegen den Schah ihre Wirkung gehabt haben, hat zu dem Einfall geführt, gleich eine ganze Massendemo nach Mekka, an den heiligsten Ort der islamischen Weltgemeinde, zu exportieren. Daß die saudischen Polizeikräfte den Auftrag zu einer noch machtvolleren Gegendemonstration bekamen - des Inhalts, daß die arabischen Herrscher einem frommen Volksaufstand keine Chance lassen werden -, kann nach Auffassung der obersten Einsatzleitung in Teheran die Symbolkraft und damit den beabsichtigten moralischen Effekt der Veranstaltung nur steigern. Das Demonstrieren geht da über die Techniken der Kriegführung aus der Position der Ohnmacht heraus: mit todesbereiten Terrorkommandos. Die haben andernorts schon Schaden an militärischen Außenposten der westlichen Mächte angerichtet; sie lassen sich natürlich auch gegen amerikanische Kriegsschiffe vor der iranischen Küste losschicken - sofern die fromme Regierung es sogar noch darauf ankommen lassen will, ihre militärische Auslöschung durch die heiligen Waffen der Demokratie zu riskieren. Einstweilen dürfen beträchtliche Massen von begeisterten Freiwilligen an der Irak-Front das Schauspiel eines richtigen Glaubenskriegs vorführen - neben dem profesionellen Schlachten. Der demonstrative Todesmut von kaum bewaffneten Heerscharen, die durch Minenfelder auf feindliche Stellungen zulaufen, um in den Himmel zu kommen, soll den Feind demoralisieren - eine sehr religiöse Umkehrung des üblichen militärischen Rezepts, die Moral des Gegners durch Terror und Vernichtung gegen ihn brechen! - und endgültig mobilisierend auf unterdrückte Glaubensgenossen wirken. Die Sache mit dem Martyrium wird da ernst genommen: das Demonstriere zum Krieg ausgestaltet und der Krieg als Demonstration durchexerziert. Der erklärte Kriegszweck paßt dazu: Es geht um die Absetzung des Teufels Saddam. Hussein als weithin sichtbares Zeichen für die Unbesiegbarkeit des Glaubens.

Diese blutige Sinnstiftung, die die Macht der Mullahs dem gläubigen Volk zu bieten hat, haben Khomeinis- Kriegstheologen sich aus dem Koran zurechtgelegt. Dabei steht in dem wirklich nichts davon geschrieben, was für Aufträge ein auf wahre Autonomie bedachter Souverän für sich in einer Staatenwelt entdeckt, die voll unter dem Regime der Weltwirtschaft des Kapitals und ihrer großen strategischen Aufsichtsbehörde mit antisowjetischer Hauptfront steht, und auch nichts von den Interessen, denen ein militantes Unabhängigkeitsbemühen sich andienen muß und denen es nützt. Mit welchen Mitteln und welchem Nutzen fromm regiert und als Märtyrer gestorben wird das geht - von wegen "Rückkehr ins Mittelalter" - immer noch nach den Drehbüchern des demokratischen Imperialismus.

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Die Zitate sind aus:

Iran und die Islamische Republik, Heft 8, April 1981, hrsg. von der Botschaft der Islamischen Republik Iran, Bonn; S.23

Botschaft des Führers der islamischen Revolution Imam Khomeini an die Muslime der Welt, Zeitungsanzeige der Botschaft der Islamischen Republik Iran, Bonn, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 18.8.1987

Religion und Politik im Iran, Jahrbuch zur Geschichte und Gesellschaft des Mittleren Orients, hrsg. vom Berliner Institut für Vergleichende Sozialforschung, Frankfurt/Main 1981; S.129, 134, 318, 322

Iran - Irak / 'Bis die Gottlosen vernichtet sind', rororo aktuell, hrsg. - von A. Malanowski/M.Stern, Hamburg 1987; S.51, 52, 130.

Das theoretische Organ der Marxistischen Gruppe RESULTATE Nr. 6 - Imperialismus 3 behandeit ausführlich den Iran: - Ölquelle mit Volk