"MENSCHLICHE ERLEICHTERUNGEN" 1982

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1983 erschienen.

"MENSCHLICHE ERLEICHTERUNGEN" 1982

Kanzler Kohl hat in seiner Neujahrsrede die Bundesbürger dazu aufgerufen, "die familiären und freundschaftlichen Beziehungen zu den Landsleuten in der DDR zu stärken und zu vertiefen. Jeder, der das unternimmt, ist ein deutscher Patriot, ein Bote des Friedens."

Dabei ist sowohl Einfallsreichtum wie Vorsicht notwendig, wie ein paar deutschdeutsche Kontakte des vergangenen Jahres beweisen.

Wer nämlich "die familiären und freundschaftlichen Beziehungen zu den Landsleuten" dadurch stärkt, daß er bei der japanischen Regierung interveniert, damit der zum Staatsbesuch in Japan eingeladene SED-Chef wieder ausgeladen wird, wie der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Vogel, muß darauf gefaßt sein, daß ihm die hinterhältige SED eine Privatreise in die DDR untersagt. Reisen in der umgekehrten Himmelsrichtung, auch wenn sie den Schein einer Privatbeziehung erwecken, sollten daher genauestens observiert werden. Wegen der sogenannten "Lebensgefährtin", die sich der ehemalige Regierungssprecher Bölling aus der DDR mitgenommen hat, konnte der CDU-Pressedienst die Frage nicht ungefragt lassen,

"ob dies nicht den Vorwurf politischer Korrumpierbarkeit rechtfertigen könnte, denn das DDR-Regime pflegt sich jede Leistung großzügig vergüten zu lassen. Ausgerechnet der bisherige Ständige Vertreter der Bundesregierung in Ostberlin, der weiß, wieviele Deutsche unter den unmenschlichen Reisebedingungen des DDR-Regimes leiden, das Ausreisewillige bestraft und ins Gefängnis wirft, beansprucht für sich eine einmalige Sonderbehandlung in Form der freien Ein- und Ausreisemöglichkeit für seine Lebensgefährtin."

Deshalb ist die Bölling-Frau zweifellos eine Spionin. Nach einem Bericht der "Welt", hat sie den verstorbenen DDR-Regisseur Konrad Wolf gekannt, einen Bruder von Markus Wolf, dem Geheimdienstchef der DDR. Außerdem soll ihre Großmutter Stalin einmal einen Blumenstrauß überreicht haben.

"Die Bundesregierung erweckt Mißtrauen, wenn sie gegen Böllings Freundin nicht die sicherheitsmäßigen Konsequenzen trifft, die sie gegen jeden 'kleinen' Beamten in vergleichbaren Fällen ergreifen würde." (CDU-Pressedienst, 27.7.)

Im weiteren mißbraucht die DDR in schamloser Weise ihre von uns geöffnete Grenze, wenn sie unsere Türken von Berlin-Schönefeld aus zu Dumping-Preisen in die Türkei fliegt. Dabei geht es gar nicht um den Flughafen Berlin-Tegel, sondern um die Integrationsarbeit an den Gastarbeitern, die wir leisten und der die DDR schweren Schaden zufügt:

"Die Industrie- und Handelskammer zu Berlin macht darauf aufmerksam, daß mehr als 1,5 Millionen Türken in der Bundesrepublik leben. Um ihre soziale und wirtschaftliche Integration sicherzustellen, würden aus den öffentlichen Haushalten erhebliche Mittel eingesotzt. Gleichzeitig werde damit ein bedeutender deutscher Beitrag zur Stabilisierung der wirtschaftlichen Lage und des Arbeitsmarktes in der Türkei geleistet. Es sei wichtig, die Türkei mit dem gebotenen Nachdruck darauf hinzuweisen, daß sie im Falle der Fortsetzung der Flüge vom DDR-Flaghafen Schönefeld zu Dumping-Preisen gegen wesentliche Interessen der Bundesrepublik Deutschland verstoße." (19.7.)

Schließlich muß sich jeder "Patriot und Bote des Friedens", der die DDR bereist, vorsehen, daß er nicht zum Opfer eines protokollarischen Anschlags auf die Wiedervereinigungsrechte wird, worum sich aber Gott sei Dank bloß höherstehende Persönlichkeiten Sorgen machen müssen. Im Vorfeld des Luther-Jahres konnte nämlich gerade noch ein abgefeimter Plan der SED aufgedeckt werden:

"Das atheistische Regime will dem Luther-Jahr ein feierliches Gepränge geben. Wenn es ihm gelänge, bei einer Zusemmenkunft von Staatsoberhäuptern aus lutherisch-geprägten Ländern der Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland mit demselben Protokoll wie beispielsweise den König von Schweden zu behandeln, wäre es abermals in einer Status-Frage ein Stück weitergekommen." (Bonner Kreise; 28.12.)

Daß mittlerweile die DDR aber darauf verzichtet hat, den Bundespräsidenten einzuladen, stellt zweifelsohne eine schwere Beeinträchtigung der "freundschaftlichen Beziehungen" dar, die die BRD so nachdrücklich pflegt.