MEHR HYGIENE FÜR DIE RÜSTUNGSDIPLOMATIE

Info
Dieser Artikel ist in der MSZ 11-1985 erschienen.
Systematik: 

Friedensnobelpreis
MEHR HYGIENE FÜR DIE RÜSTUNGSDIPLOMATIE

Passend zum Genfer Höhepunkt der Rüstungsdiplomatie ist das Nobelkomitee bei der Suche nach würdigen Preisträgern für die Sache des "Friedens" fündig geworden. Unter 99 Bewerbern hat es zwei Mediziner, der eine aus Ost, der andere aus West, ausgewählt, die schon vor 20 Jahren zu einer weltbürgerlichen Freundschaft gefunden und 1980 eine "blockübergreifende" Initiative friedensbewegter Mediziner gegründet hatten. Inspiriert war dieser "menschliche Dialog zwischen Bürgern der beiden Supermächte" (SZ vom 12.10.) keineswegs von einer Einsicht in den unfriedlichen Charakter der Politik, den die Fortschritte bei der Bewältigung des Ost-West-Gegensatzes in Rüstung und Diplomatie offenbaren. Beide mochten gegen die westliche Kriegsplanung nur Bedenken anmelden, zu denen sie sich aufgrund ihres Ethos als Mediziner berufen wähnten:

"Ich fühlte, daß ich meinen ärztlichen Auftrag nicht ernst nähme, wenn ich zur atomaren Bedrohung schwiege." (Preisträger Lown, Frankfurter Rundschau vom 12.10.)

Nicht in einem Einwand gegen die politisch in die Wege geleiteten Schritte der Kriegsplanung - und erst recht nicht in einem Einwand gegen die Indienstnahme des menschlichen Materials dafür, die das Aushalten des "Friedens" so gemütlich macht - fanden die beiden zueinander, sondern in einer moralischen Idiotie: EIne "atomare Bedrohung" wollen beide ausgemacht haben, die, über jeden politischen Gegensatz erhaben, der Menschheit überhaupt droht und ihm von der Politik in Auftrag gegebenen und bereitgestellten Kriegsgerät ihren letzten Grund hat - "Unser Feind heißt nicht Kommunismus und nicht Kapitalismus, sondern Atomwaffen." (Preisträger Lown). Die absichtsvolle Verwechslung von Mitteln der Kriegsführung mit einem mit diesen sich Geltung verschaffenden Zweck des absurden Inhalts "Zerstörung der Menschheit" stiftet die medizinische Anschauung vom Krieg als "schlimmste Seuche, die heute die Menschheit bedroht" (FR), und macht aus weißbekittelten Einfaltspinseln Bevollmächtigte der Menschheit:

"Wer sonst, wenn nich die Ärzte, sollte Bescheid wissen, wenn es um das Leben geht." (FR)

In der Tat ist dieser Moralismus grenzüberschreitend. Die "beträchtlichen Verdienste um die Menschheit durch die Verbreitung fundierter Informationen und die Schaffung eines Bewußtseins für die katastrophalen Folgen eines Atomkriegs" (SZ), die ihm entspringen, richtet sich gegen nichts und niemanden mehr. "Ärzte gegen den Atomkrieg" bezeugen nichts als den unverwüstlichen Glauben, ein Krieg mit sinnreich perfektionierten Waffen könne nie und nimmer im Bereich der gültigen und maßgeblichen politischen Absichten der Weltmächte liegen.

Dieser nicht übermäßig 'reinen' Torheit wurde der Friedenspreis des alten Sprengstoffindustriellen Nobel umgehängt. Denn sie ist gefragt, damit die Weltöffentlichkeit Reagans SDI und Gorbatschows Abrüstungsvorschläge im rechten Licht sieht: als Grund für Hoffnung auf eine "Welt ohne Krieg". Auch und gerade, wenn es im Grunde jeder besser weiß.