MARSCHALL VON GOTTES GNADEN

Info
Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1980 erschienen.
Systematik: 

MARSCHALL VON GOTTES GNADEN

"Sie sagen: Tito ist tot! / Nein, nein, nein! / Hundert / Tausend / Zwölf Millionen mal nein. / Er lebt / Ewig lebt er / In mir / Dir / In uns. / Er lebt in der Morgenröte / In den Strahlen der Sonne / In den Blumen des Maien. / In den Fabriken lebt er, in den Schulen / In den Liedern der Dörfer / Der Städte." ("Vjesnik", Leserzuschrift in der Rubrik "Das Volk schreibt dem Präsidium")

"Niemals darfst du akzeptieren, ein Satellit zu sein oder der Versuchung zu unterliegen, jemandem zu Kreuze zu kriechen." (Josip Broz Tito)

Dem toten Staatspräsidenten auf Lebenszeit wird vom Volk das Mandat verlängert und seine Nachfolger, das "kollektive Präsidium der SFRJ", landeten bereits einen ersten Treffer mit dem Andenken des Verschiedenen: Als Staatstrauer machten die Werktätigen des Landes unbezahlte Sonderschichten, verpflichteten sich zu Produktionssteigerungen und nahmen offiziell für ein paar Wochen Abstand von den Praktiken und den Streitereien, die im Selbstverwaltungssozialismus zwischen dem "Selbst" und den verschiedenen Ebenen der "Verwaltung" im Alltag so üblich sind. Was Tito, den Sohn eines kroatischen Vaters und einer slowenischen Mutter über 40 Jahre an der Spitze von Staat und Partei hielt, war nicht die - jedem Nationalitätenproblem Hohn sprechende - Liaison seiner Eltern, nicht sein Durchsetzungsvermögen in der Partei, seine bauernschlaue Kritik und Selbstkritik und seine wenig zimperliche Bereitschaft, Positionen der sozialistischen und Arbeiterbewegung einzunehmen, fallen zu lassen und miteinander zu harmonisieren, wie es gerade opportun war, sondern auch und vor allem seine Fähigkeit, mit jedem Schritt, den er tat, die Verehrung, die ihm seine Vielvölker entgegenbrachten, zu steigern. Daß es dieser an Leib und Macht füllige Partei- und Staatschef beim Volk zu derartiger Reputation gebracht hat, erklärt sich aus den Verdiensten, die ihm die Jugoslawen zugute halten:

  • als antifaschistischer Partisanenführer Hitler getrotzt;
  • kaum die Deutschen rausgeworfen, dem "Waffenbruder" die Stirn geboten (Tito: "Wir sind aus eigener Kraft mit Hitler fertig geworden, wir werden auch vor Stalin nicht kuschen!");
  • die Ökonomie dem Westen geöffnet und als erster sozialistischer Staat Coca-Cola ins Land geholt;
  • dabei noch für Freiheiten und Überlebensmöglichkeiten trotz Sozialismus gesorgt, die ihm so leicht keine Bananenrepublik nachmacht.

Tito ist für die Jugoslawen das Symbol für die Bewältigung aller inneren und äußeren Schwierigkeiten, denen die Jugos "seit Jahrzehnten nicht zu knapp ausgesetzt waren und sind. Als Person hat er für sich seinen symbolischen Gehalt auch ganz handfest Wirklichkeit werden lassen: Jede Republik wurde an reizvollen Ecken durch einen Landsitz des Genossen Tito geehrt, der die schönste Adriainsel wie ein Selbstverwaltungsonassis für sich absperren ließ. Und zumindest solange als er noch rüstig war, gestaltete der lebensfrohe Marschall die Übergänge zwischen Staatsbesuch und Tourismus so fließend, daß er oft schon unterwegs war, ehe die Einladung erging. Im Lande ewiger Kampagnen gegen die Korruption kam niemand auf die Idee, Tito miteinzubeziehen: er repräsentierte antizipatorisch das, was er seinem Volk ihm, was er hatte, weil er der Garant des wenigen war, was die Jugoslawen sich nach der Hitlerokkupation und gegen Stalins Pläne erarbeiten konnten. Auf dem Felde der großen Politik war Tito ganz Staatsmann, der den Statthaltern von imperialistischen Gnaden aus der "Dritten Welt" vorführte, daß man - wenn man nur will - aus dem Ostblock ausscheren und sich ganz blockfrei an den Imperialismus 'anlehnen' kann und dabei noch persönlich eine gute Figur macht.

Im eigenen Land galt er nach wie vor als der Partisan, der mit den alten Durchhalteparolen die Leute für die neuen Aufgaben bei der Stange hielt, obwohl er nicht mehr wie Fidel mit seinen Partisanenklamotten durch die Lande zog, sondern nur das Feinste vom Feinen trug (schon Stalin störte die zerfetzte Partisanenkluft, weshalb er ihm gleich ordentlich russische Uniformen schneidern ließ).

Nur hatten sich eben die Zeiten geändert: Partisanenmentalität predigte das Staatsoberhaupt nicht mehr so sehr gegenüber einem äußeren Feind, sondern nun eben gegenüber den vom jugoslawischen Staat selbst produzierten ökonomischen Schwierigkeiten. Die rhetorische Frage, ob "wir sie überwinden können", war noch jedesmals der Auftakt zu Verzichtsappellen:

"Ich bin überzeugt, daß wir es können. Wir haben dank der Einheit und der Anstrengungen der Arbeiterklasse und des Bundes der Kommunisten Jugoslawien schon viel größere Schwierigkeiten und Probleme bewältigt. (...) Dieses Jahr wird keineswegs leicht sein. Wir müssen uns bewußt sein, daß es unter den Problemen sehr schwierige und komplexe gibt, die vor allem durch beharrliche Anstrengungen aller, ja Opfer und Verzicht zu lösen sind." (Tito)

Dieser Moral ohne ihre Personifizierung nichts mehr zuzutrauen, gibt es wenig Gründe. Die balkanische Sentimentalität in der Trauer um Tito "Nein, Tito lebt, er ist nicht von uns gegangen, er wird nicht von uns gehen" (so der Sprecher von Radio Ljubljana nach der Bekanntgabe von Titos Tod mit tränenerstickter Stimme) -

ist die Verpflichtung auf diese Ideologie und dafür taugt auch noch der tote Tito - er ist eine unerschöpfliche Quelle revolutionärer Inspiration" (Gemeinsame Erklärung des Partei- und Staatspräsidiums unmittelbar nach Titos Tod).