"MADE IN GERMANY" BESUCHT DIE "GELBE GEFAHR"

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1984 erschienen.
Systematik: 

Deutsche Wirtschaftsausstellung in Japan
"MADE IN GERMANY" BESUCHT DIE "GELBE GEFAHR"

Unter dem Titel "Made in Germany - gestern - heute - morgen" findet in Tokio vom 24.4. bis zum 6.5. eine "wirtschaftliche Leistungsschau" statt, die als "die bisher aufwendigste Selbstdarstellung der BRD in einem anderen Industrieland" vorgestellt wird.

150 Millionen Mark sind Regierung und Kapital der BRD diese Demonstration weltweiter Exporttüchtigkeit beim Erzkonkurrenten wert. Der soll ja nach landläufiger Meinung kein Stück guter deutscher Wertarbeit ins Land lassen und mit seinen Billigprodukten den deutschen Markt überschwemmen und mit solchem Eigennutz die Prinzipien des profitträchtigen Welthandels mit Füßen treten. Dennoch wurden die Ausstellungsstücke nicht heimlich ins Land der gelben Gefahr geschmuggelt, sondern in einem Staatsakt von der anwesenden gesamten Regierungsmannschaft Japans willkommen geheißen. Der wurde vor der Kulisse bodenständiger deutscher Fachwerkhäuser - alles an Spitzenprodukten deutscher Kultur um die Ohren gehauen, was dafür zählt, von den Märschen des Luftwaffenmusikkorps bis zur Bach-Kantate: "Singet dem Herrn ein neues Lied". Und alles, was Schlitzaugen von deutscher Weltgeltung träumen lassen soll, wurde aufgeboten: Bier, Volkstrachten und der erste Deutsche im Weltall, Ulf Merbold. Nicht zu vergessen: der deutsche Wirtschaftsminister, vier Ministerpräsidenten und die gesamte Creme der bundesdeutschen Unternehmerschaft.

Hier suchte eben nicht deutsches Geschäft verschämt Einlaß beim "gelben Koloß", sondern der erfolgreiche Konkurrent fordert von Japan das Bekenntnis ein, daß dessen wirtschaftliche Zukunft nicht ohne oder gar gegen "Made in Germany" geht. Von wegen: Japanische Niedriglöhne und skrupellose Geschäftspraktiken machen die deutsche Wirtschaft kaputt - einhellig weiß die deutsche Presse jetzt zu berichten, daß Nippon um die Anerkennung deutscher Konkurrenzfähigkeit nicht herumkommt: dies die Botschaft der Wirtschaftsschau. Wenn da die "Frankfurter Rundschau" noch einmal die alte Tour anstimmt von der gelben Gefahr, der wir nichts entgegenzusetzen haben, dann ist das ein lächerlicher Einzelgang:

"Ob in diesem Umfeld der 'Michel' mit seinem Imponierversuch Eindruck schinden kann, ist sehr die Frage. Zweifel drängten sich bereits auf, als der Thyssen-Konzern unlängst zu einer Vorschau seiner Exponate einlud und neben Videofilmen als nahezu einziges konkretes Schaustück eine Nockenwelle aus Edelstahl präsentierte".

Warum sollte Thyssen auch etwas anderes tun? Die "Edel"produkte dieses Konzerns werden in Japan ja nicht als Schaustücke bewundert, sondern profitlich ver- und gekauft. Kein deutsches Großunternehmen versäumte es, zur Handelsausstellung ein Grußwort in eigener Sache zu melden. Deren Botschaft ging nach dem immergleichen Motto, mit dem sich der Igel im Märchen beim Hasen meldet: "Ick bin allhier". Kooperationen mit allen japanischen Großkonzernen wie zwischen Nissan und VW, Geschäfts- und Finanzbeteiligungen bei allen lohnenden Sparten fernöstlichen Geschäftslebens und überhaupt nur ein Bedenken: Geht die "Exportoffensive nach Fernost" auch zügig genug voran?

Deshalb erschöpft sich das offizielle Treffen der befreundeten Politiker und der Geschäftsfreunde beider Nationen auch nicht in Wünschen danach, "daß das breite Angebot der deutschen Industrie auf dem japanischen Markt ebenso selbstverständlich wird wie das japanische Angebot auf dem deutschen Markt" (Rodenstock, BDI). Wo von der Verbesserung der Handelsbeziehungen die Rede war, wurden Drohungen laut - und dies sehr einseitig.

"Lambsdorffs Forderungen an Japan" und "Wirtschaftsminister erteilt in Tokio deutschen Importhürden eine Absage" lauteten die Überschriften der bundesdeutschen Presse, die unisono ein Handelsdefizit von 9 Milliarden DM gegenüber Japan für einen unerträglichen Skandal hält, auch und gerade wenn die gekauften japanischen Produkte die Geschäfte bundesdeutschen Kapitals beflügelt haben.

Weg mit jedem "protektionistischen" Hindernis, mit dem Japan dem unwiderstehlichen Aufschwung deutscher Geschäfte Steine in den Weg zu legen versucht dafür ab und an notwendige Beschränkungen für japanische Autos und Videos, die den deutschen Markt ruinieren! Keine AIleingänge Japans - das hält die Weltwirtschaftsordnung nicht aus und vor allem nicht die Verantwortung, die die BRD für dieses Gebilde trägt.

"Wir appellieren an die japanische Industrie, weitere japanische Exportoffensiven zu bremsen, da sie längerfristig nur neuen Schaden und neue Spannungen stiften könnten... Wir uerpassen die Chancen zu einem stabilen weltwirtschaftlichen Wachstum..., wenn jedes Land seine industriellen Anstrengungen allein auf eigene Faust versucht, was zwangsläufig noch mehr Protektionismus vorprogrammiert". (Wolff u. Amerongen)

Der so begrüßte Gastgeber verstand dies richtig: "Der japanische Wirtschaftsminister verspricht, den japanischen Markt weiter zu öffnen". "Die japanische Wirtschaft gestand ausdrücklich ein, daß ihre ständig wachsenden Überschüsse im Handel mit Europa und den USA "unerwünschte Belastungen" verursachen, die durch die weitere Öffnung des japanischen Importmarktes und die Beseitigung von Handelshemmnissen abgebaut werden müßten" (Süddeutsche Zeitung 21.4.). Gleichzeitig beschloß die japanische Regierung ein "Paket zur Öffnung des einheimischen Marktes für Einfuhren", um "handelspolitische Differenzen mit den USA und der EG abzubauen".

Während so unmißverständlich klargestellt wurde, welche Ansprüche bundesdeutsches Kapital und bundesdeutscher Staat an den "Wirtschaftsgiganten" Japan stellen und stellen dürfen, brauchen diejenigen, die mit ihrer Arbeit die Mittel dafür bereitstellen und deshalb nichts davon haben, auf ihre bisherigen Vorstellungen nicht zu verzichten. Der ideelle Lohn dafür, daß ihre Arbeit sich für sie nicht auszahlt, wird ihnen weiterhin reichlich gespendet: "35-Stunden - da freuen sich die Japaner" (Werbespruch der Unternehmer zur jetzigen Tarifrunde); "die japanische Wirtschaft würde im Interesse der eigenen Wettbewerbschancen eine Arbeitszeitverkürzung in der BRD sicherlich begrüßen" (Lambsdorff in Tokio). Und daß der nationale Stolz das Unterpfand dafür ist, sich als deutscher Arbeiter im Namen der Konkurrenzfähigkeit deutscher Wirtschaft eine Lohnsenkung nach der anderen gefallen zu lassen, weiß die "Bild"-Zeitung wie üblich dadurch zu bebildern, daß sie einen der für "uns" so verderblichen Schlitzaugen das Geheimnis japanischen Wirtschaftserfolgs ausplaudern läßt: "Wir machen alles mit dem, was wir von den Deutschen gelernt haben: mit Disziplin und Fleiß. Doch in Deutschland scheinen diese Tugenden heute häufig zu fehlen."