LINIENTREUE FÜR NÄCHSTENLIEBE

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1983 erschienen.
Systematik: 

"Hilfe" für die "Dritte Welt"
LINIENTREUE FÜR NÄCHSTENLIEBE

Ausgerechnet die katholischen und evangelischen Hilfswerke "Misereor" und "Brot für die Welt" sowie eine überall in Schulen verwendete Kinderfibel zur "Dritten Welt" sind unter ideologischen Generalverdacht bei der neuen christdemokratischen Führung gefallen.

Die verbreitete Manier, ein eigentliches entwicklungspolitisches Anliegen der Nation hochleben zu lassen, das von der Politik immer nur mehr schlecht als recht oder gar nicht verfolgt würde, diese verständnisvolle Kritik ist dem neuen Minister Warnke (CSU) und seinen Freunden ein Dorn im Auge. Sie führen einen regelrechten Feldzug gegen all diejenigen, die mit Idealen von Entwicklungshilfe die Erfolge deutschen Wirkens in diesen Regionen als Scheitern und Verstoß gegen diese Ideale kritisieren. Gegen jeden, der auch nur im entferntesten den Eindruck erweckt, getrennt von den entwicklungspolitischen Taten gäbe es gültige moralische Maßstäbe, an denen sich die Politik blamieren könne, wird offiziell gegeifert - egal, wie sehr er überhaupt der Politik ins Gehege kommen will oder nur mit dem Appell an die Verantwortung jed es einzelnen zum Spenden animieren will. Ohne große Rücksicht auf geistige Verwandtschaft wird da mit der Vorstellung, ja auch nur dem berechnenden Schein, "Entwicklungshilfe" sei ein in höheren humanitären Sphären angesiedelter Anspruch an die Politik und nicht ihr exklusives Mittel, aufgeräumt. Was human ist, das definiert sich einzig durch unsere nationalen Interessen, und kritikabel sind einzig die Hindernisse, die sich dem überall in den Weg stellen! Unter diesem Motto beansprucht die neue Mannschaft eine umstandslose moralische Berechtigung, also umstandslose Billigung durch jedermann.

Verboten: Die Kinderfibel zur "Nord-Süd-Problematik"

"Die Autoren der Schrift haben es geschickt verstanden, die Gedanken der subjektiven Wertlehre von Karl Marx in Kinderdeutsch umzusetzen." (CDU-Stellungnahme, lt. "Stuttgarter Nachrichten" vom 8.12.82)

"Von 30 Pf., die eine Banane hier kostet, fließen 27 Pf. dem Handel und nur 3 Pf. dem Bauern zu: 3 Pf. sind aber zu wenig für den Landmann, der den Boden pflegt, auf dem die Bananen wachsen. Wenig für einen, der sie in brütender Hitze ernten muß. Auch Bananenpflücker wollen anständig verdienen... Die Menschen, bei denen der Kakao wächst, verkaufen ihn an andere Länder. Aber was er kosten soll, dürfen sie nicht bestimmen. Das legen die anderen fest, ausgerechnet die, die Schokolade nur aufessen." (Schön wär's!) "...Wo der Kakao wächst, sollte auch die Schokolade gemacht werden." (Zitate aus dem inzwischen aus dem Verkehr gezogenen Kinderbuch)

Mit Marxens "Wertlehre" und "klassenkämpferischer Schwarz-Weiß-Malerei" hat zwar die Beschwerde über einen ungerechten Preis für Bananenpflücker, über mangelnde Preisgestaltungsmöglichkeiten der Kakaomenschen (Plantagenbesitzer kommen ebensowenig vor wie Schokoladenfabrikarbeiter, alles sind produzierende und konsumierende "Menschen"! ) und über die ungute Trennung von Kakaopflanze und Schokoladenproduktionsstätten nichts zu tun. Aber den politischen Anwälten weltweiten deutschen Geschäfts reicht für den Kommunismusverdacht die Vorstellung aus, der Welthandel hätte einen außerhalb jeglichen Geschäftskalküls liegenden Zweck, dem er leider immer nicht Genüge tut: z.B. den Baumwollpflückern einen "anständigen Verdienst" zu verschaffen. Nicht einmal hierzulande geht es doch beim Kaufen und Verkaufen jemals darum, daß eine Gerechtigkeit sein soll und schon gar nicht geht es um einen anständigen Verdienst und Konsum. Solche Maßstäbe taugen einzig und allein dazu, die Wirkungen des Markts in einen Verstoß gegen seine eigenen Prinzipien umzudeuten und damit den Markt hochleben zu lassen. Wenn der Welthandel wirklich zur Versorgung der Völker da wäre, dann wäre es allerdings ein ziemliches "Paradox", daß es noch einmal ein Extra-Pech ist, als lebendes Inventar eines "Rohstofflandes" geboren zu werden! Und mit genau solchen fingierten "Paradoxien" = "Ungerechtigkeiten" hat besagte Fibel Kinder "aufgerüttelt", sprich: für ein staatsbürgerliches schlechtes Gewissen agitiert. Aber nach Warnkes Vorstellung soll sich ein mündiger Staatsbürger unserer deutschen Weltmacht aus den allen humanitären Idealen spottenden Resultaten deutscher Geschäftstätigkeit und politischen Einflusses in allen Weltgegenden gar kein Gewissen machen, sondern sich um den Erfolg unserer Nation sorgen : Erstens ist schon der Gedanke, billige Asiaten, Afrikaner oder Lateinamerikaner in auswärtigen Schokolade-Fabriken zu vernutzen - statt arbeitsame Deutsche in "unserer" Süßwaren-Industrie - ein Anschlag auf "unsere Interessen" ("Jetzt ist den Schoko-Herstellem Genugtuung zuteil geworden... denn Jürgen Warnke ist jetzt Entwicklungshilfe-Minister"); und zweitens ist die Vorstellung vom noch herzustellenden "wechselseitigen Nutzen" ein Anspruch, den legitimerweise nur "wir" zu stellen haben. ( Siehe Warnke-Artikel!)

Abgekanzelt: Südafrika - Fastenaktion von Miseror:

"Als 'Kenner der Situation im südlichen Afrika', so kanzelte der bayerische Ministerpräsident den Kölner Kardinal ab, sei er 'zutiefst empört über soviel Unkenntnis, Verhetzung und Wahrheitsverletzung, obwohl ich kein Advokat der Apartheid bin'." Strauß' Predigt zeigt "inzwischen deutliche Wirkung. Nicht nur in den bayerischen Diözesen weigern sich vereinzelt Pfarrer, Mitarbeiter von Misereor in ihren Gemeinden über Südafrika sprechen zu lassen. Oft werden auch Plakate, auf denen ein verhärmter schwarzer Minenarbeiter abgebildet ist, gar nicht erst aufgehängt." (Süddeutsche Zeitung, 25.3.83)

Einem von der weltpolitisclien Berufung Deutschlands überzeugten Politiker ist es nicht einmal peinlich, daß die Sterblichkeitsraten, mit denen Misereor das Verhungern der Schwarzen in den Homelands illustriert, immerhin aus der offiziellen südafrikanischen Statistik zitiert sind. Er erklärt sie für Lug und Trug, der einzig zum "Aufreißen von Fronten", sprich: zu verbotenem Gemecker über einen verdienten "Freund des Westens" führen kann. Dabei wollten die Katholen gar nicht "der Gewalt das Wort reden" (schon gar nicht der der Opfer!), sondern eine der Kirche und ihrem sozialpolitischem Wirken zuträgliche falsche Deutung des von der RSA inszenierten Elends hier unter die Leute bringen: An "Verständigung" zwischen den Hautfarben und "menschlicher Teilhabe" mangelt es dort drunten - ein Auftrag an jeden Christen, es daran wenigstens hierzulande nicht fehlen zu lassen und mit Spenden, teilzuhaben am "Schicksal" der Menschen dort. So als ob es nicht offensichtlich wäre, daß es sich bei den Homelands um sehr geschäftsdienliche, die freie Verfügung über ein Heer von Billiglohnsklaven garantierende Einrichtungen handelt. So als ob Armut nicht auch hierzulande das Erpressungsmittel wäre, mit dem die profitliche Benutzung des staatlichen Menschenmaterials ins Werk gesetzt wird. Aber all das ist gleichgültig, weil der deutsche Mentor gewaltsam geordneter Verhältnisse in Südafrika, Lateinamerika, Türkei und anderswo an solcher Ordnung nichts kritisieren lassen will - auch nicht aus kirchenpolitischen Gründen. Also muß die "Glaubwürdigkeit der kirchlichen Entwicklungsarbeit" noch eine Spur unterwürfiger, rein nach staatspolitischen Gesichtspunkten unter Beweis gestellt werden: Hungerspenden und Freiheitsparolen nur gegen Osten!

Auf dem Gesinnungsprüfstand: "Brot für die Welt"

"Agrarökonomen kritisieren 'Brot für die Welt' / Arbeitshefte zum Thema 'Hunger durch Überfluß?' erregten Anstoß / Protestbrief an Bischof Lohse... 'Haben Sie eigentlich keine Spur von Selbstzweifel, ob Ihre pauschalen Thesen über den Agrarexport stimmen?'" (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.12.82)

"Doktrinäre Aussagen", "intellektuelle Überheblichkeit" statt gebotener "Differenzierung", "Rundumschlag" -

ausgerechnet die engagierten Christen von "Brot für die Welt" haben sich von Anhängern der Politchristen Totschlägersprüche eingefangen, die sonst für die Entlarvung kommunistischer Umtriebe reserviert sind. Womit haben die Anhänger der Brotvermehrung sich den Vorwurf unverantwortlicher Nestbeschmutzung eigentlich verdient? Zwei Beispiele:

"Verkleinert oder vergrößert unser Überfluß den Mangel von Millionen in den Entwicklungsländern? ...Die Produktion für den Agrarexport geht oft zu Lasten der Nahrungsmittelselbstversorgung breiter Bevölkerungsgruppen, die von den Exporterlösen (Devisen) kaum profitieren." (Arbeitsheft 1982/83)

"...Ich war hungrig, und Ihr wolltet nicht auf das Steak aus Südamerika verzichten.

Ich war hungrig, und Eure Konzerne pflanzten auf meinen besten Böden Eure Wintertomaten..." (Beispiele aus einem "Meditationstext", ebda.)

Was die in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zitierten Herren von der Zeitgeistfront daran anstößig finden? Sicher nicht die Fehler einer Betrachtungsweise, die die Wirkungen der imperialistischen Weltordnung zum moralischen Imperativ für "uns alle" zurechtdeutet.

  • Von wegen "reicher Norden", "Überfluß" und "wir"! Nur weil es den Schwarzen vergleichsweise noch schlechter geht als den hiesigen Opfern des Wirtschaftssystems! Am demokratischen Umgang mit überzähligen "Gastarbeitern", Arbeitslosen (nicht nur in Detroit), Rentnern etc. könnte einem doch auffallen, daß die "Dritte-Welt-Eliten", wenn sie den für den Nationalreichtum unbrauchbaren Leuten ein Elendsleben verordnen, gar keinen so exotischen Standpunkt einnehmen!
  • Von wegen Konsumenten mit unersättlichen Bedürfnissen nach Bananen, Steaks etc.! Bekanntlich wissen die arbeitenden Massen hierzulande gar nicht mehr wohin mit den Steaks, die sie den Indios in Lateinamerika samt ihren Ländereien weggenommen haben; bekanntlich wird Kapital nicht durch die kostengünstige, also billige und extensive Anwendung von Arbeitskräften, sondern durch das Übermaß von Konsum und Lohn hierzulande vermehrt.

Und überhaupt: Mit welcher "Zwangsläufigkeit" folgt denn ausgerechnet aus dem Bedürfnis nach südländischen Gebrauchswerten, daß diese auf eine Art und Weise produziert werden, die Millionen ins Elend stürzt? Da braucht es schon die absurde Fiktion einer Weltgebrauchswertproduktion, die einen feststehenden Kuchen hervorbringt, von dem für die einen immerzu nichts übrigbleibt, weil die anderen...

Und deshalb schließlich von wegen: bei weniger Konsum und zahlungsfähiger Nachfrage von "uns" werden Agrarüberschüsse an die Bevölkerung dort unten verteilt. Ausgerechnet der schlechte Geschäftsgang südlicher Exportprodukte soll die Souveräne zum Versorgungsstandpunkt bekehren? Als ob die Umstürzler von "Brot für die Welt" nicht wüßten, daß diese Zulieferstaaten des Weltmarkts aus Absatzschwierigkeiten ganz andere, brutale Konsequenzen ziehen, weil sie sich auf den Weltmarkt als ihr Reichtumsmittel beziehen?

Die "FAZ" stören aber nicht diese Fehler, sondern allein der moralische Imperativ, alle Menschheit müßte doch gerechterweise durch einen ordentlichen Weltmarkt versorgt werden. Deswegen reicht die pure Feststellung des Faktums, daß die "ökonomische Zusammenarbeit" der Dritten Welt mit der Ersten mit Hunger und Elend einhergeht - daß es durch diese "Zusammenarbeit" produziert wird, wollen die Christenfunktionäre ja gar nicht behaupten -, um gehorsame Kirchenvertreter in den Ruch ideologischer Unzuverlässigkeit zu bringen.

Da mag der Christenverein diesen Sachverhalt noch so treudoof deuten - vorkommen darf er offenbar nur in einer Weise: Etwa im Lob der "politischen Reife" eines Mugabe, der Zimbabwes florierende Exportplantagen vor dem Zugriff des "landhungrigen" Pöbels rettet.

Not und Elend haben ausschließlich als ein Argument für die Politik zu gelten, die sie hervorbringt. Alles andere ist Abweichlertum von der geltenden Politik und damit auch schon widerlegt. Deshalb gilt selbst eine aus kirchenpolitischem Verantwortungssinn heraus fingierte Zuständigkeit für notleidende Völker schon als Anmaßung, weil sie sich nicht ohne Wenn und Aber für die wirklich Zuständigen und ihre segensreichen Interessen stark macht.