LEKTIONEN ZUR FOLTER

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1982 erschienen.
Systematik: 

LEKTIONEN ZUR FOLTER

"Was die Folter angeht, so glaube ich ausschließen zu können, daß sie in Italien praktiziert wird, wenigstens wenn man unter Folter nicht ein paar Tritte in den Hintern oder Kinnhaken versteht, die, in der Theorie, niemand verpassen dürfte, die aber tatsächlich jede Polizei, auch die korrekteste und sanfteste - und die italienische Polizei gehört dazu - verabreicht."

"Ich sage, 'ich glaube ausschließen zu können', weil ich noch bei keinem Verhör anwesend war."

"Aber da ich von gewissen 'signorini' verhört worden bin, die an Methoden zur Beschleunigung eines Geständ¡zisses nichts von niemandem dazulernen konnten - iclz spreche von der deutschen SS -, weiß ich sehr genau, wie so etwas in der Praxis abgewickelt wird und wie überflüssig dabei die Folter ist. Da reicht es schon, den Befragten ununterbrochen 10 oder 12 Stunden lang dem Druck der Befragung auszusetzen, vorzugsweise nachts und unter einem Licht mit starker Voltzahl, um die Nerven kaputtzumachen und dem Mund jedes gewünschte Geständnis zu entlocken."

"Aber mehr noch: Die Folter läßt sich nicht verheimlichen, man sieht sie dem Gefolterten auf den ersten Blick an, auch wenn er keine Verletzungsspuren aufweist: Man sieht sie am erloschenen Blick, am Zittern, an der Langsamkeit der Reflexe, am Mangel an Reaktionen. Und mir scheint nicht, daß die Terroristen, die behaupten, gefoltert worden zu sein, diesen Anblick boten. Im Gegenteil: dreist und unverschämt brüllten und lachten sie nur hämisch in ihren Käfigen."

"Alles in allem scheint mir die Folter wenig, um nicht zu sagen gar nicht wahrscheinlich." (Indro Montanelli in "Oggi")

Lektion Nr. 1:

Sehen Sie das Folterproblem erstmal theoretisch, zumal hier die Grenzen fließend sind. Die Frage: wo fängt sie an, wo hört sie auf, ist nur durch die Praxis zu entscheiden.

Lektion Nr. 2:

Wenn alle (ein ganz klein wenig) foltern, kann von Folter nicht die Rede sein: Die Sache hat unzweifelhaft ihre Vorzüge.

Lektion Nr. 3:

Sie waren nicht dabei! Also erheben Sie keine vorschnellen Vorwürfe gegen zartbesaitete Ordnungskräfte, sondern schenken Sie ihnen Vertrauen!

Lektion Nr. 4:

Sie waren nicht dabei! Also informieren Sie sich genauestens über die Feinheiten des Folterwesens, um mitreden zu können.

Lektion Nr. 5:

Merken Sie sich: Beim Foltern kommt's auf das Geständnis an - und mittelalterliche Methoden wie Daumen- oder Beinschrauben waren schon unter den Nazis nicht mehr up to date.

Lektion Nr. 6:

Identifizieren Sie jeden, der sich nicht um die Effektivität des Polizeiapparats kümmert, als Staatsfeind. Schmettern Sie den Vergleich zwischen den Verhörmethoden Ihres und des Nazi-Staates damit ab, daß bei der SS von Folter nicht die Rede sein kann!

Lektion Nr. 7:

Lassen Sie sich nichts vormachen: Folter ist brutal! Schauen Sie sich die Gefangenen genau an:

  • Solche, die nach der Tortur noch die Kraft zur Behauptung aufbringen, gefoltert worden zu sein, sind in den seltensten Fällen wirklich gefoltert worden.
  • Solchen, die noch mehr überschüssige Energie aufweisen, täte ein wenig - Sie wissen schon, was ich meine - nicht schlecht, um sie endlich zu zivilisieren.

Lektion Nr. 8:

Formulieren Sie gerade zu so einem heiklen Thema wie der Folter stets die offizielle Sprachregelung als Ihre ganz persönliche maßgebliche Meinung!