LE MEME QUATSCH

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1988 erschienen.

25 Jahre deutsch-französischer Kulturaustausch
LE MEME QUATSCH

Für "Kulturnationen" halten sich Staaten, die überzeugt sind, auf der Welt einiges zu vermelden zu haben oder zumindest haben zu sollen - also so ziemlich alle. Für dieses Selbstbewußtsein findet sich immer irgendwie eine historische Leistung, die als nationale Kultur gilt, auf die sich stolz sein läßt und die die Konkurrenz respektieren soll.

In Deutschland stehen dafür von Goethe über die V 2 bis zur jüngsten olympischen Goldmedaille viele schöne Demonstrationsobjekte einer Kultur "made in Germany" zur Verfügung. Die Franzosen halten mit Sonnenkönig, "force de frappe" und Brigitte Bardot als Markenartikel ihrer "civilisation" dagegen. Zum Jahrmarkt nationaler Eitelkeiten gehören die Abfälligkeiten gegenüber de Konkurrenten wahlweise "boche" oder "Franzmann". Letzterer hat eben keinen Boris, der in Monte Carlo Ehre fürs Vaterland einlegt; ersterer würde ohne französische Aufklärung noch im Urwald hausen. An kulturellen Angeboten herrscht jedenfalls reichlich Überfluß, und so wird das Zeug über die Grenzen geschoben.

Maßstab der Bewertung dessen, was rüberkommt, ist das eigene Nationalgefühl - auch Geist geheißen. Daß der mit wahren Urteilen nichts am Hut hat, wußten schon unsere germanischen Vorfahren, die - voll im Bewußtsein ihrer Kultur - darunter eine gegen außen gerichtete zornige Erregung verstanden. Diese interessierte Einstellung hat der, seit nun 25 Jahren offiziell veranstaltete Kulturaustausch zwischen der französischen und der Bundesrepublik nicht aus der Welt schaffen wollen. Er ist im Gegenteil darauf berechnet, den Nationalkultus diesseits und jenseits des Rheins kräftig zu befördern, was nur mit den gesunden Vorbehalten gegeneinander zu haben ist, die die Völker der Konkurrenz ihrer Herrschaften ablauschen. Andererseits hat, sich mit der gegenseitigen Würdigung eine methodische Gemeinsamkeit eingestellt, die sich in der Beschwörung des Bindestrichs "deutsch-französisch" und "franco-allemand" gefällt. Jeder fühlt sich für den anderen mitzuständig und versichert, es von Haus aus mit der Bedeutung der anderen Kulturnation besonders ernst zu nehmen. So kommen deutscher und französischer Nationalismus immer auch im Gewand eines sich heuchlerisch überschlagenden Supranationalismus daher. Der edle parteiliche Wettstreit geht darum, das gleichsam bessere nationale Ego der Gegenseite zu verkörpern die Franzosen als die besseren Deutschen, diese als Vervollkommnung der französischen Seele. Da blüht die abendländische Kultur.

In der Bundesrepublik sorgen sich lauter gewissenhafte Anwälte des französischen Geistes. Ihm wird attestiert, mit seinen weltweiten Ambitionen prinzipiell richtig zu liegen:

"Frankreich hat sich ein gewisses Prestige in der Welt bewahrt, das über seine tatsächliche politische, wirtschaftliche oder militärische Stärke hinausgeht. Es hat eine große kulturelle Ausstrahlung; der Einfluß der französischen Kultur, der Sprache, des Rechtssystems erstreckt sich über viele Regionen der Welt." (Informationen zur politischen Bildung 186, 1980)

Daß Kultur auch eine materielle Basis hat, dessen muß sich die windige französische Abteilung ausgerechnet von ihren Neidern philosophisch belehren lassen. Dank dieser geistigen Waffenhilfe entfaltet sich die Vision eines zu voller Wucht gelangenden kulturellen Einflusses in der Welt, der sich auf die wesensverwandte Stärke politischer, wirtschaftlicher und militärischer Leistungen stützen kann. "Europa" heißt der anspruchsvolle Titel gegenüber dem Rest der Nationen, und Deutschland sitzt an verantwortlicher Stelle im Management. Wieder einmal ist eine Idee der Wirklichkeit um etliches voraus, doch gehört das zu den Selbstverständlichkeiten einer Kulturnation, die sich auf kosmopolitisches Denken traditionell gut versteht. Von Karl dem Großen bis Martin Heidegger - wieviele Vertreter einer Kultur, die stets weit über Deutschland hinaus war und vor allem französisches Wesen unerbittlich strukturierte!

Während sich der deutsche Geist den französischen universalistisch einverleibt, um sich gebührenden Nachdruck zu verleihen, hat das französische Betreuungsverhältnis für "die rätselhaften Deutschen" (Sauzay, 1986) einen dieser Nation eher angemessenen kritizistischen Dreh entwickelt:

"Die Deutschen haben viel zu viele Ängste... Dabei sind sie so reich und stark... Die Deutschen wenden sich wieder Byzanz zu... Dagegen verkauft sich perestroika bei uns sehr schlecht; da sind wir sehr, sehr skeptisch... Wenn sie mehr Identität gewinnen, verlieren sie ihre Ängste."

Wenn der "ökonomische Riese" Bundesrepublik Deutschland Ostgeschäfte betreibt, die drüben mit politischen Zugeständnissen bezahlt werden, so sieht der westliche Nachbar einen "politischen Zwerg" unsichere "Sonderwege" beschreiten. Von "Illusionen" ist da die Rede, was die Wahrung des "Zustands der Freiheit, die Westeuropa konstituiert", betrifft - gerade so, als ob in Deutschland Neutralismus auf der politischen Tagesordnung stünde, wenn Regierung und Opposition dem Osten geschlossen mit ihrem Befriedungsprogramm entgegentreten und noch der letzte Kolumnist seine Hetzartikel als Menschenrecht/Ost einklagt. Selbst wenn die Grünen in Moskau frech werden und finden, daß die Sowjetunion mehr Waffen hat, als ihr nach grüner Rechnung guttun, läßt sich der französische "esprit" noch eine fabelhafte Spitze einfallen:

"Die Grünen in Deutschland sind sehr freundliche, sehr offenherzige Schafe. Sie glauben, daß der Wolf ein Vegetarier sei. Das aber ist ein schrecklicher Irrtum." (Yves Montand)

Die luzide französische Gedankenführung hält es mit den Hämmern "Polen", "Afghanistan" und "Nicaragua", wo sich Castro, dieser "Importeur des leninistisch-stalinistischen Terrors in Lateinamerika" an den selbstlosen Interessen der USA vergreift:

"Die grundlegende Frage ist die der Haltung gegenüber der Sowjetunion... Die marxistisch-leninistische Doktrin führt unausweichlich zu Unterdrückung und zur Diktatur." (Le Point 489, 1982)

Französischer Geist meint, dem deutschen immer erst noch die Stoßrichtung geben zu müssen, die ihn als Idee eines Freien Europas bis zum Ural tauglich macht. Deutsche Kulturträger werden ihren Beitrag zu diesem Kreuzzug gen Osten etwas eigenständiger bewertet wissen wollen, schließlich verstehen sie sich auch auf Ideen, die "der Macht" - ebenfalls ein gelungenes philosophisches Konstrukt - den Weg weisen sollen: gegen "Materialismus" und "Totalitarismus". Hier kann nicht genug "geistige Führung" her, was ihnen ihr Kohl sicher gern bestätigt - auch wenn er als Politiker total mit den materiellen Interessen der Nation befaßt ist. Hauptsache, die Richtung stimmt! Das müssen sich im übrigen auch die Herren Froschesser gesagt sein lassen, wenn sie schon die Intellektuellen als "antitotalitäre Partei" im "Kampf gegen den Irrtum" marschieren lassen wollen.

Kurzum: An den Grunddogmen europäischer Kultur wird jedenfalls allseits schwer gefeilt.