KULTURNOTIZEN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1984 erschienen.
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KULTURNOTIZEN

"Driest gegen Bohm - wer macht das Rennen?"

fragte "Bild" und benannte auch gleich den Zielstrich: "Welcher an der Kasse das Rennen macht, entscheidet sich nächste Woche". So einfach darf und will es sich der gehobene Filmkritiker nicht machen.

Zunächst einmal gibt es die Filme nur, weil Bohm/Driest unter Übergewicht leiden: "Jeder der beiden wuchert mit den Pfunden, die er hat". Dann haben sie aber auch ein Gewissen, das sie mit dem Objektiv besänftigen - der eine hatte sich an einem Elch vergriffen, der andere an etwas Zarterem: "Beide Filmemacher haben etwas wettzumachen - einen mißglückten Elch (der durch einen Film wandelte) der eine, eine etwas im Zwielicht verschwommene Lundi-Affäre der andere." Weiterhin lassen sie "auch tiefere, existentielle Probleme erkennen", die sie zur Filmtat zwangen. Der eine war früher in der Schule, der andere an der Universität; das mußte aufgearbeitet werden: "Bohm erzählt, daß ihm während des Drehens 'so alte Sartre-Geschichten' im Kopf herumgegangen seien, das, was man als Schüler so gelesen hatte... Die Tat als die Tat als die Tat - die aus Bindungen befreit und neue Verstrickungen knüpft, das alles will auch Driest in dem Stoff gefunden haben. Wenn er schildert, wie er sich aus den Fesseln des Jura-Studiums 'befreit' habe, mit ungeladener Pistole, maskiert..." Der eine frisch entbunden, sogleich wieder verknüpfstrickt - der andere in einer Störung verbrochen: "Irgendwo gibt es da auch tiefergreifende Verstörungen mit dem Elternhaus, das den Bruch vom Krieg zum Nachkrieg nicht geschafft hat..."

Zwei Existenzen also, geworfen ins Zelluloid, stoßen ins Nichts vor - nicht ohne Schuld auf sich zu laden: "Kunst stößt da an die Grenzen der Wirklichkeit. Eine Geschichte verselbständigt sich und schluckt die Realität, auf der sie basiert. Und das ist verhängnisvoll. Zum Glück ist Bohms eigene Verantwortung nicht justitiabel." Worin besteht die Schuld? Gut, Zugeständnisse an den Kommerz müssen wohl sein - "Wie dem Kalkül der Vermarktung in diesem Fall zu entrinnen wäre? Gar nicht." -, gar zu begrüßen; nach langen kulturlosen Jahren mit lauter "verfilmten Simmeln" müssen nämlich mehr verfummelte Simpel her: "Ein Film-Simmel hätte diesem Land besser getan als ein verfilmter Simmel."

Absolut unerträglich ist aber:

a) Wer einen Standpunkt hat, der nimmt eine Standkamera und wackelt nicht herum: "Schon im Voispann droht er an, seine persönliche Interpretation zu liefern. Das würde einen eindeutigen Standpunkt voraussetzen. Aber Bohms Kameramann unterläuft diese Notwendigkeit mit seiner verwackelten Handkamera..."

b) Wenn der Himmel weint, haben Titten nichts im Bild zu suchen: "Bohm braucht Regen zur emotionalen Steigerung, Driest mehr zur Steigerung der Transparenz einer Bluse."

c ) Ein Filmschauspieler darf nicht einfach bloß schreien, wenn geschmerzt - "Bohm kennt für die Darstellung des Schmerzes nur kreischende Ausbrüche. Das mag im Leben so sein; im Kino ist es zu wenig." -, sondern muß dabei den Kopf an die Wand hauen: "Bohm zeigt, wie diese Frau nach dem Tod ihrer Tochter den Schmerz in autistische Akte der Selbstzerstörung steigert - wieder und wieder schlägt sie mit dem Kopf gegen die Wand..."

Das haut rein "und nutzt die Emotionsfähigkeit des Zuschauers bis zum Äußersten".

In der Frage, wer das Rennen macht, ist dennoch bislang ein Unentschieden zu vermelden - Die beiden Kinder, lebhaft und dunkeläugig stehen sich in nichts nach." (Zitate: Spiegel, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine)

Kulturdenkmäler

sollen im Kriegsfall auf alle Fälle und gemäß der Haager Landkriegskonvention geschönt werden, damit die Überlebenden noch bewundern können, was für eine Kultur die Umgekommenen ihnen hinterlassen haben. Vorsorglich hat deshalb die Bundesregierung Auftrag erteilt, die relevanten Denkmäler der Republik "mit Plaketten zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten" zu versehen. Dies mußte den Protest von "610 Kunsthistorikern, Denkmalpflegern, Architekten und Restauratoren" hervorrufen. Erstens aus künstlerischen Gründen, wegen der "selektiven" Art des Vorgehens und aus der gesamtkünstlerischen Erwägung heraus, daß "einzelne, herausragende Werke mit ihrem baulichen und historischen Kontext auch ihren Sinn verlieren würden". Neben diesem Verstoß gegen "ihr Kulturverständnis" halten die Kunstwarte zweitens von ihrem militärischen Verständnis her den Bautenschutz "ohnehin für fiktiv". Richtig daran ist, daß die Kultur, um auch den nächsten Krieg unbeschadet zu überleben, keine Plaketten braucht. Immerhin verdanken wir der Tatsache, daß sich alliierte Bombenflugzeuge an die "schon im Zweiten Weltkrieg" gültigen "internationalen Abkommen" nicht gehalten haben, so eindrucksvolle Kulturdenkmäler, wie die Ruine des Turms der Kaiser-Wilhelms-Gedächtniskirche in Westberlin und für die "zahlreichen vernichteten Denkmäler" sind mindestens ebensoviele Kriegerdenkmäler selbst in den entlegensten Ortschaften entstanden.

"Risiko"?

Eine Friedenspolitik mit immer mehr Raketen, eine Vaterlandsverteidigung unter Einsatz des ganzen Volkes ist eine Sache. Eine Industrie, die auf den Spaß am Ballern und am spielerischen Kriegführen setzt, ist eine andere Sache. Letzteres ist für Freunde einer anständigen Jugend schon immer ein Hauptgegenstand der Beschwerde gewesen. Das Krieg-Spielen gilt bürgerlichen Moralisten von Haus aus eher als Grund des Krieges als umgkehrt.

Wie gesagt, das ist eine Eigenart bürgerlicher Moral. Mit dem Krieg verträgt sich diese Moral durchaus, weil er eine zu ernste Sache ist, um bloß als Spiel behandelt zu werden. Daß diese Moral sich auch mit der Spielzeugindustrie verträgt, beweist eine jüngste richterliche Entscheidung in Sachen Spielzeug: "Überfall auf Nachbarn ist erlaubt".

Das 'Risiko'-Spiel - ein mittlerer Schlager auf dem Markt - "in Paris mit dem 'Oscar der Spiele' ausgezeichnet - in der BRD zwischen 1972 und Oktober 1982 nach Angaben des Herstellers 65800 mal verkauft" - erteilte bisher an Würfelfreudige den Auftrag, fremde Kontinente zu erobern oder feindliche Armeen zu vernichten.

"Ziel des Spiels ist es laut Anleitung, 'Länder, insbesondere Nachbarländer, zu überfallen, Kontinente und die Welt zu erobern sowie die Gegner zu schlagen'. Sieger ist, wer zuerst die Weltherrschaft erringt."

Kein dummer Einfall, außer der unvermeidlichen Schwäche, daß es im Gegensatz zur Realität dem Glück des Würfels überlassen war, diesen Auftrag zu erfüllen. Die NATO plant da anders. Und NATO-Ideologen und ihre Nachbeter denken da anders. 30 Jahre "NATO-Frieden" müssen auch zur spielerischen moralischen Erziehung der Jugend taugen:

"In der mündlichen Verhandlung sagte der Vertreter der Bundesprüfstelle, 'Risiko' sei dazu geeignet, Kinder und Jugendliche sittlich zu gefährden, weil Krieg und Gewalt verharmlost würden und die spielerische Nachvollziehung von diktatorischem Handeln sich zwangsläufig gegen den Gedanken der Erziehung zum Frieden richte sowie die Gefahr naheliege, daß durch das Spiel Angriffskriege positiv bewertet würden."

Das VerwalturJgsgericht Köln hat jetzt entschieden, daß dieses Kriegsspiel moralisch unbedenklich ist. Dennoch hat sich die Firma die Bedenken der Bundesprüfstelle zu eigen gemacht und läßt ab sofort junge Deutsche (und andere unbewußte Freiheitsfans) nur noch nach der richtigen Ideologie würfeln. Nicht mehr Einser und Sechser, um Australien gegen die blaue Armee zu halten oder Lateinamerika unter Verlust einiger Armeen zu erobern, sondern um den hehren Zweck, "besetzte Länder zu befreien".

"Bomben auf Berlin"

zeigte das ARD-Fernsehen am 12. Januar und bot dem Publikum "erstmals Ausschnitte aus Wochenschauen, die Goebbels unter Verschluff gehalten hat". Für heute sind sie aber anscheinend sehr passend, weil sie die unerschütterliche Durchhaltemoral der Zivilbevölkerung dokumentieren. "Leben zwischen Furcht und Hoffnung", so der Untertitel dieses "Dokumentarfilms", zeigte das Aufkeimen "unverfälschten privaten Frohsinns" zwischen den Angriffen, das unverdrossene Wiederaufbauen nach jeder neuen Zerstörung und das Stattfinden einer Kultur in der Reichshauptstadt bis wenige Wochen vor Kriegsende. Auch im Krieg geht das Leben weiter, in gewisser Hinsicht sogar intensiver als im Frieden, weil man fürs nackte Überleben schon dankbar ist. "Wir haben nicht an IHitler gedacht" - wird eine Tagebuchautorin zitiert, die ihre Gedanken beim Aufräumen niederschreibt. So mußte auch ein heutiger Zuschauer nicht unbedingt an die NATO denken, um dieses Stück moralischer Aufrüstung in Noch-Friedens-Zeiten richtig zu würdigen.

Päpstlicher als der Papst

selbst beantwortete Lech Walesa den "Fragebogen" in der "Frankfurter Allgemeinen"-Wochenbeilage vom 6. Januar, mit dem das gebildete Publikum "Geist und Witz" prominenter Zeitgenossen am Sprühen bewundern darf, wenn sie den "heiteren und heiklen Fragen" der FAZ-Feuilletonisten sich stellen zu dürfen die Ehre haben. Hier ausschnittweise ein paar Antworten des polnischen "Arbeiterführers" mit der Frage an unsere Leser, welche echt sind und welche einfach dazu erfunden werden mußten:

"Wo möchten Sie leben? Im Vatikan.

Ihr Lieblingsmaler? Der Papst. Er entwirft eine neue Gestalt der Welt; er malt ein BiLd des echten Menschen.

Ihr Lieblingskomponist? Der Papst. Er komponiert eine wahrhaft christliche WeLt.

Ihre Lieblingsbeschäftigung? Audienz beim Papst.

Wer oder was hätten Sie sein mögen: Schweizer Gardist.

Ihre Lieblingsfarbe? Purpur.

Ihr Lieblingsschriftsteller? Der Papst.

Ihr Lieblingslyriker? Der Papst.

Ihre Helden in der Wirklichkeit? Der Papst.

Ihre Heldinnen in der Geschichte? Die Heilige Mutter, weil es keine weiblichen Päpste gegeben hat.

Ihre Lieblingsnamen? Johannes, Paul.

Welche natürlichen Gaben möchten sie besitzen? Die Unfehlbarkeit.

Welche militärischen Leistungen bewundern Sie am meisten? Den Kreuzzug Urbans II.

Ihr Motto? Ich will sein und alles so machen, daß mein Gewissen rein ist."

Für die richtige Beantwortung unserer Frage gibt's ein kußechtes Porträt des Papstes. Bei mehreren richtigen Einsendungen entscheidet unter Ausschluß des Rechtswegs ein Konklave der MSZ-Redaktion.