KULTURNOTIZEN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 11-1983 erschienen.
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KULTURNOTIZEN

Der Literaturnobelpreis 1983

Den Literaturnobelpreis 1983 kassierte der Engländer William Golding, dessen 1954 erschienener Roman "Der Herr der Fliegen" allein in der BRD bis heute an die 400.000 mal verkauft worden ist. Die Geschichte einer Gruppe englischer Schulbuben, die ein Flugzeugabsturz auf eine Robinson-Insel im Pazifik verschlägt, dient seitdem den Studienräten, die mit der geistigen Ertüchtigung der Jugend - an den gehobenen Bildungsanstalten befaßt sind, als Gleichnis, das Aufschluß darüber geben soll, was die Leute im richtigen Leben treibt und wohin man sie auf keinen Fall treiben lassen darf. Der "blondhaarige Junge" Ralph läßt sich demokratisch zum Insel-Anführer wählen, beraten vom Brillenträger Piggy (ein Intellektueller). Sein Gegenspieler Jack wird entsprechend eingeführt: "Er hatte ein verzerrtes, sommersprossiges, häßliches, aber durchaus nicht einfältiges Gesicht." So kommt es, wie es kommen muß: Vom Hunger geplagt folgt bald die Mehrheit der Jungs dem erfolgreichen Wildschweinjäger Jack, den allein der Machthunger treibt. Mord und Totschlag im Paradies, garniert mit archaischen Ritualen, vernichten Ralphs beste Absichten. Rettung bringt in letzter Minute ein Offizier ihrer britischen Majestät nebst "stolzem Kreuzer". Dcr Soldat und sein Kriegsgerät: Zeichen der Erlösung. Der Autor ist in der Tat ein "Meister der Allegorie". Auch die Moral von der Geschichte wird brühwarm ausgeschcnkt: "Mit verfilztem Haar, schmutzigem Leib und verschmierter Nase beweinte Ralph das Ende der Unschuld, die Finsternis in des Menschen Herz." Bereits im Menschen als Kind lauert des Bösen Abgrund und wartet nur darauf, von falschen Führern bloßgelegt zu werden. Ohne Ordnung gewinnt der Sumpf in "des Menschen Herz" die Oberhand, gegen den es letztlich nur einen Damm gibt: "Er taumelte hoch, auf weitere Schrecken gefaßt, und sah über sich eine große Schirmmütze. Er sah weißen Drillich, Schulterstücke, einen Revolver, eine Reihe goldener Knöpfe vorn an einem Uniformrock herunter." Entgegen lautgewordener Kritik an der Entscheidung der Stockholmer Akademie also ein ziemlich aktueller Autor.

War Games

heißt der jüngste Kinorenner aus Hollywood, in dem Regisseur John Badham ebenfalls mittels eines Schulgängers der Menschheit den Abgrund inszeniert, vor dem sie stehen soll, weil einmal alle Sicherungen durchbrennen können. Held David hat keine Finsternis im Herzen, er spielt halt geme mit seinem Heimcomputer und gewinnt als Spielkieraden das Elektronengehirn der US-Army zum Match namens "Global Thermonuclear War." Weil sowas im richtigen Leben unvorstellbar, läßt es sich für die Vorstellungskraft unterhaltsam inszenieren. Nun sollte man einem Spielfilm nicht vorhalten, daß er ein Märchen inszeniert. Ebenso abwegig ist aber die Kritik an ihm, er verspiele die Bebilderung einer real existierenden Gefahr, des Weltkriegs per Computerfehler. Angesichts des Tag für Tag den Taten und offiziellen Verlautbarungen westlicher Spitzenpolitiker zu entnehmenden Kriegsprogramms der NATO ist allein die Annahme, der III. Weltkrieg würde durch einen Fehler beim Programmieren ausgelöst, ein abwegiger Gag. Solange die Leute vor der Technik des Krieges sich wohlige Angstschauer über den Rücken rieseln lassen, brauchen sich die Kiegsherren keine Sorgen zu machen.

Manes Sperber

hat für seine Verdienste als Kronzeuge gegen das "totalitäre Sowjetimperium" den Friedenspreis der westdeutschen Buchhändler nach Paris überwiesen bekommen. Ex-Kommunisten sind besonders glaubwürdig für den ideologischen Teil westlicher Konfrontationspolitik gegen den Osten, den Anti-Kommunismus, weil sie mit einem eigenen, besonders "tragischen Schicksal" aufwarten können.

Sperbers Zeugnis gewinnt an Schlagkraft dadurch, daß der geläuterte Verführte von einst sich selbst in seinem breit ausgewalzten autobiographischen Epos "Wie eine Träne im Ozean" als besonders widerwärtiges Exempel dessen darstellt, wovon er sich "befreien" konnte, der "Diktatur einer Partei über die Seele der Menschen". Anläßlich der Preisverleihung durften deutsche Fernsehteilnehmer sich noch einmal vorm überwundenen Fanatismus des Jung-Sperber fürchten, um dann den Fanatismus für die richtige Seite richtig würdigen zu können, den der Laureat in dcr Paulskirche von Alfred Grosser verlesen ließ: "Europa wird sich nicht dank masochistischer Wehrlosigkeit, sondern nur dann aus dem Konflikt heraushalten können, wenn es selbst eine Supermacht geworden sein wird, so abschreckend wie jene Riesenstaaten." Mit dem Friedenspreis wird 1983 ein Mann ausgestattet, dem die "Nachrüstung" noch zu wenig ist. Dieser "alte Revolutionär" (Sperber über Sperber) will vielmehr aus lauter Liebe zur "alten Kultur" Europas und aus "tiefempfundener Achtung vor Amerika" ein ganz eigenes abendländisches Kemarsenal gegen das Böse im Osten. Die Juroren sind dabei nicht auf Sperber "hereingefalIen", wie Bernt Engelmann meint, der Sperber aufforderte, "den Preis zurückzugeben".

Wo die NATO immerfort den Frieden sichert, da paßt auch ein Mann als Friedenschampion, der sie bei diesem Geschäft um eine komplette europäische Zweitgarnitur der Waffen zwecks Friedenssicherung bereichem will.

In den Hitparaden

wird ebenfalls kräftig nachgerüstet. Ganz vorne sorgt Geier Sturzflug für Stimmung bei der Zivilbevölkerung. Wo die Stationierung beschlossene Sache ist und man vom Krieg nicht nur mehr aus fernen Landen und aus den Erzählungen der Väter was erfährt, konnte es nicht ausbleiben, daß sich die Unterhaltungsbranche des Stoffs annimmt. Und Dieter Thomas Heck tut der Rockgruppe auch noch den Gefallen, den Scherz vom "Koch aus Übersee", der "seine alte Welt flambiert", mit Kritik zu verwechseln. Öffentlich distanzierte er sich im Namen seines "Hitparade"-Publikums von dessen schlechtem Geschmack. Dabei zeugt gerade der Verkaufserfolg solcher Scheiben davon, wie sehr das Publikum mittlerweile an die von seinen Politikern diktierte Stimmung gewöhnt worden ist. So erfolgreich, daß es über den "Neutronenwaffelduft" vom Kölner Dom lachen kann, im Ernst also doch nicht daran glaubt, sondern es eher schon mit Udo Jürgens' jüngster Unsäglichkeit hält, derzufolge man mit ihm an den Endsieg des "guten Willens" im Menschen über die "Megatonnen" glauben darf.

Daß bei jenen DDR-Verantwortlichen wirklich "alles längst zu spät" ist, die dem anderen westdeutschen "Schlageraffen" namens Udo einen Auftritt in Ostberlin nicht nur gestatten,'sondern auch noch bezahlen - der Eindruck drängt sich uns auf. Da darf Lindenberg im Stationierungsjahr ausgerechnet im vordersten Zielgebiet der NATO-Raketen "Abrüstung in Ost und West" dröhnen, und dem Fernsehen-West ist der Beleg eine Sondersendung wert, daß die vielgeschmähte Indoktrination der Ostjugend selbst auf dem vergleichsweise einfachen Felde des Musikunterrichts gescheitert ist. Wenn man heute schon mit einem "Sonderzug nach Pankow" die DDR knacken kann, wundert es uns nicht, daß sie diesen "Schrat" auch noch ungeschoren wieder rauslassen...