"KRITISCHE AFFIRMATION DES RUSSISCHEN STAATS"

Info
Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1989 erschienen.
Systematik: 

Korrespondenz
"KRITISCHE AFFIRMATION DES RUSSISCHEN STAATS"

Wie Ihr selber konstatiert, haben wir in den realen Sozialismen Staatskapitalismen vorliegen. Daß Kommunismus weder mit Staat noch mit Lohnarbeit etc. zu vereinbaren ist, ist ebenfalls Eure Auffassung. Da er so überhaupt nirgendwo existiert, ist auch klar. Daraus ist zweierlei klar:

a) Gorbatschow hat sich außer um Staatskapitalismus (vielleicht jetzt etwas mehr Privatkapitalismus) in seinem Land nicht noch um einen imaginären Ruf eines imaginären Kommunismus zu kümmern.

b) Als Ergänzung zu a): Da kein Kommunismus existiert, kann er auch nicht groß rufen. Er hat keinen Ruf. Natürlich kann einer rufen, der ihn will und dieser Ruf kann sogar gut sein. Nur: Dieser gute Ruf kann doch bloß von Kommunisten selber ruiniert werden, aber nicht von Leuten, die nicht das Geringste mit ihm am Hut haben, eben solchen, die anstatt Kommunismus Staat und Kapitalismus machen. Gorbatschow ist doch ein Staatsmann, oder? Und konsequenterweise macht er auch Kapitalismus.

Ich verstehe Euch da also überhaupt nicht; Gorbatschow ist als Staatsmann rein gar nichts vorzuwerfen. Er ist so gut wie Reagan oder Kohl oder Honnecker oder 150 weitere Staatschefs. Er will dem Schuldschein Geld in seinem Land mehr Wert verschaffen, weiter nichts. Alle Staaten wollen das. Es ist das einzige, was sie konsequenterweise auch bloß wollen können, es sei denn, sie schaffen sich selber mitsamt Geld ab und überlassen dem Volk seine eigenen Interessen. Aber im Gegenteil: Genau dagegen müssen sie sich ständig abzusichern versuchen. Denn dann wäre es ja aus für den Staat mit seinen Staatsmännern, Beamten, seinem Apparat und und und. Gesetzt, der Staat wäre tatsächlich das, was er als aller erstes immer von sich behauptet, nämlich der Garant für das Glück des Volkes, dann wäre es schlecht für das Volk, wenn er verschwände. Zeigt die Analyse das Gegenteil, dann ist es gut, wenn er verschwindet. Um euch meine persönliche Meinung zu präzisieren: Die Frage, ob ein Staat gut oder schlecht ist, ist eine Frage, die den Staat kritisch affirmiert, aber die entscheidende Frage: ob Staat überhaupt, ja oder nein, keiner Kritik unterzieht.

Genau diese kritische Affirmation des russischen Staates, als nämlich an sich guter, sehe ich hinter Eurem Bedauern, daß G. den guten Ruf des Kommunismus ruiniere. Ich bitte euch, zu dieser meiner großen Verwunderung darüber Stellung zu nehmen.

W.P., Westberlin

Was Moskau sagt, gilt als Kommunismus

Also, die Sache ist die: Mit diesem Brief ruinierst Du den guten Ruf des MSZ-Lesers. Der ist nämlich an sich gut, weil er seine Zeitung regelmäßig studiert, auf die Argumente aufmerkt und - wenn er keine Fehler entdeckt sein Wissen erweitert. Dabei mag er sich fragen, wie derart Außergewöhnliches für zweieinhalb Märker zu machen geht. Andere, seinen eigenen Fehlern entspringende Fragen, darf er zwar auch stellen - aber dann macht er den notorisch guten Ruf des MSZ-Lesers kaputt. Und damit ist doch niemandem gedient. Deshalb kriegt er auf solche Fragen eine Antwort.

Wenn wir zeigen, welche Veränderungen die sowjetische Führung an ihrer Weltanschauung vornimmt, dann stellen wir einen Vergleich an. Und wenn dabei herauskommt, daß so gut wie alle Positionen, mit denen man sich bislang in Moskau den Gegensatz zwischen Ost und West, die Notwendigkeit einer Überwindung des Kapitalismus etc. zurechtgelegt hat, geräumt werden, dann ist dieses Ergebnis bemerkenswert. Insbesondere dann, wenn das "neue Denken" aus ziemlich alten bürgerlichen Ideologien besteht.

Dergleichen hat überhaupt nichts zu tun mit einer "kritischen Affirmation des russischen Staates". Mag sein, daß Du als MSZ-Leser ein mal den Gedanken gut gefunden hast, man sollte beim Kritisieren nicht den Fehler begehen, den Gegenstand seiner Kritik treusorgend retten zu wollen. So daß es Dir wie eine Verletzung unseres Prinzips vorkommt, wenn wir den Fortschritt der Verblödung im Kreml besprechen. Dein Desinteresse an diesem Fortschritt vermeldest Du stolz als die einzig senkrechte Haltung, die ein gestandener Kommunist gegenüber der SU einnimmt: "Von denen läßt man sich doch nicht enttäuschen, ist doch längst klar, daß die nichts taugen!"

Was Dir da alles längst klar ist, erstaunt uns nicht nur. Wir sind auch ein wenig enttäuscht, was ein MSZ-Leser der Redaktion so alles nach dem Motto "Da sind wir uns doch einig, oder?" mitteilt. Daß "Staatskapitalismen vorliegen", Gorbatschow "als Staatsmann rein gar nichts vorzuwerfen ist" - das sind schon sehr überhebliche Zeugnisse von Unwissenheit. Wie wenig das Kürzel "Staatskapitalismus" hergibt für jemanden, der sogar den damit angedeuteten Gegensatz zum Privateigentum übersieht, wußten wir schon. Daß aber ein Leser der zahlreichen Erklärungen, die wir zur Politökonomie des anderen Systems verfaßt haben, so gleichgültig gegen jeden Unterschied ist, führt die Redaktion schnurstracks in eine Sinnkrise. Jetzt ist der Staatsmann Gorbatschow plötzlich "auch einer" und damit dasselbe Kaliber wie die Herren Reagan und Kohl? Sein ökonomisches Programm zielt auf den Wert seines "Schuldscheins Geld"? Du zählst offenbar auch zu den Leuten, denen die Wahrnehmung jedes Unterschieds zwischen Ostsystem und Freiheit wie ein Lob oder gar eine Verharmlosung des realen Sozialismus vorkommt!

Das spitzfindige Getöber mit dem "Ruf des Kommunismus" in Deinem Schrieb hat denselben Grund. So ein bescheuerter Gedanke ist uns schon lange nicht mehr untergekommen wie Dein Einfall, daß Gorbatschow, weil gar kein Kommunist, den Ruf des Kommunismus gar nicht schädigen könne. Wo er doch, weil Staatsmann, "Kapitalismus macht"! Diesen Ruf jedenfalls, den Du ihm anhängen möchtest, verdient Gorbatschow nie und nimmer. Den anderen, den er wegen der Opposition zum kapitalistischen System, dessen Weltmarkt und dessen Gewalt hat, auch ein bißchen wegen der Berufungsinstanz für die politökonomische Alternative, der er vorsteht, gibt es wenigstens schon. Was Moskau sagt, gilt als das, was sich in der weltbürgerlichen Öffentlichkeit unter Welt- und Absicht des Kommunismus so vorgestellt wird. Wir können wahrlich nichts dafür, daß keiner seinen "Ruf" selber fabriziert, weil das immer die andern machen!

Unter Verweis auf diesen Sachverhalt haben wir dargelegt, welcher Mist dank Gorbatschow derzeit unter dem Titel "Kommunismus", moderner, rangiert. Und was müssen wir uns anhören? - Der Mist wäre gar kein Kommunismus! Na ja, so ähnlich haben wir's auch gemeint. Nichts für ungut - aber unsere Erklärungen über das andere System nimmst Du nochmal durch, gell!

MSZ-Redaktion