KREDITSKANDAL IM WESTEND

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Dieser Artikel ist in der MSZ 12-1983 erschienen.
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KREDITSKANDAL IM WESTEND

Gemeinsam stehen sie vor der "Fast-Pleite": die Privatbank Schröder, - Münchmeyer, Hengst und Co (SMH-Bank) und der Baumaschinen-Konzern IBH. Die Sache war ja vorherzusehen, haben sie sich doch haarsträubende, kindische Fehler geleistet.

Horst-Dieter Esch (IBH) hat zum Beispiel darauf gehofft, "mit dem Umsatz von morgen (!) die Kredite von gestern (!) bezahlen zu können" (alle Zitate: "Spiegel" Nr. 45 und 46): Das weiß doch jedes Kind, daß man Kredite nur aufnimmt, wenn man das Geld schon hat, daß also der beste Kredit der ist, den man gar nicht erst aufnimmt. Eine völlig aberwitzige Vorstellung, einen Kredit mit der Absicht aufzunehmen, damit ein Geschäft zu machen, daraus dann den Kredit zurückzuzahlen. Ein eindeutiger Fall von unternehmerischem Versagen!

Und "seit 1975 kaufte er stets ohne Geld (!) verschuldete (!) Unternehmen". Erstens kann man ohne Geld sowieso nichts kaufen, lieber Horst-Dieter Esch; und wenn er es trotzdem getan hat, dann kann es nur eine Fata Morgana gewesen sein. Zweitens kauft man keine verschuldeten Unternehmen, denn nur Idioten fallen darauf herein, daß die billig zu haben sind; daß man sich also Kapital sparen kann, mit dem der Laden dann durchrationalisiert wird. Kluge Unternehmer kaufen nur bombensolide Unternehmen, denn sie stehen meistens nicht zum Verkauf, und wenn doch, dann sind sie so teuer, daß man es besser läßt. Finanzielle Fehlplanung, wohin man schaut!

Dann hat dieser Esch, "Schlosserlehrling mit amerikanischem Universitätsdiplom",

"selbst ausgebuffte Profis zu allem möglichen (!) überredet (!): ihm Maschinen abzukaufen, ihm Firmen auszuliefern, mit Barem in seine IBH-Holding einzutreten, sich barlos mit IBH-Aktien bezahlen zu lassen und ihm höchste Kreditlinien einzuräummen."

So ein Wahnsinn! Ausgebuffte Profis, bloß weil sie der Meinung waren, daß sich das Geschäft mit diesem Menschen lohnt, haben was von ihm gekauft, haben ihm was verkauft, haben sich Aktien geben lassen, wo doch jeder Geschäftsmann den ganzen Tag den Geldkoffer auf- und zuklappt, haben sich von Profiten bestechen lassen, weitere Profitgeschäfte mit ihm zu machen. Und warum das Ganze? Weil sie sich mit Geld zum Mitmachen überreden ließen. Welch ein Abgrund der unternehmerischen Seele!

Hat Horst-Dieter Esch wenigstens einen guten Grund gehabt, ohne Geld die verschuldeten Unternehmen zu kaufen und lauter ausgebuffte Profis 'reinzuziehen?

"Als Drittgrößter am Weltmarkt, so spekulierte der junge Manager, werde ihn der zwangsläufig einer Flaute folgende Bauboom ganz noch oben tragen."

Frech! Hat er doch glatt darauf spekuliert, daß er um so sicherer die Flaute überstehen würde, je größer er wäre, und daß er um so sicherer das Geschäft im Wiederaufschwung machen würde, je mehr er die anderen aus dem Markt drängt. Anständig wäre gewesen, sich gleich selbst aus dem Markt zu drängen, denn wohin hat er es schließlich gebracht: Zum Drittgrößten bloß. Jetzt muß er wohl an den Zweitgrößten (Komatsu, Japan) verkaufen. Größenwahn kommt vor den Konkursrichter!

Gelaufen ist die ganze Chose aber bloß, weil er einen fand, der ihm Kredit gab: Graf Galen von der SMH-Bank. Der ließ sich doch tatsächlich davon beeinflussen, daß schon die Westfalenbank und die Dresdner Bank der IBH Kredite gaben, und daß diese Kredite Profit abwarfen. Und statt seine Kredite bei sich aufzuheben, wo sie doch am sichersten gewesen wären, nutzte "Geld-Pate Galen, dessen Bank im Wertpapier-, Vermögensverwaltungs- und Devisengeschäft internationalen Rang besaß", seinen internationalen Rang dafür aus, sich über 900 Millionen zu besorgen, die er dem Esch borgte. Hat man Graf Galen seinen internationalen Rang denn dafür verliehen, daß er sich Geld besorgte und lukrativ weiterverlieh: Oder hat er ihn nicht umgekehrt dafür gekriegt, daß er sich Geld besorgte und lukrativ weiterverlieh?

Geradezu heimtückisch die Manier des Grafen, seinen Erfolg herauszustellen:

"Die Galens hielten in ihrer Acht-Millionen-Villa regelmäßig Hof... Daheim, in Hotels nnd Schlössern rund um die Geldfestung Frankfnrt, gaben sie ihre berühmten Feste, die zwischen den Stilrichtungen des Zeitungszaren Randolph Hearst und Heinrichs VIII. oszillierten. Zn den geladenen Gästen gehörte anch schon mal der weißhaarige Fiat-Grande Giovanni Agnelli, die Prinziessin Di mit ihrem kronprinzliciien Gatten und die Frankfurter Geldszene."

Da mußten doch die vielen erfolgreichen Leute auf die Idee kommen - schließlich sahen sie sich selbst auf diesen "oszillierenden" Festen -, daß sie mit Galen zusammen Erfolg haben würden.

Was ist draus geworden? Sammeln haben sie müssen:

"Erst als Schroeder-Hohen warth voranging und je 150 Millionen aus dem sogenannten Feuerwehrfonds der Banken und einem nach der Herstatt-Pleite gegründeten speziellen Hilfsinstitut spendierte, zogen die anderen Geldgeber mit... Insgesamt sammelte Schroeder-Hohenwarth 479 Millionen Mark ein."

Die Bank konnte also gerade noch gerettet werden, was ein großes Aufatmen hervorrief. Schließlich standen Deutschlands Kredite in aller Welt auf dem Spiel:

"Weil besonders die deutschen Großbanken mit kritischen Auslandskrediten überfrachtet seien, dürfe nun nicht auch noch im Inland ein spektakulärer Kreditfall aufkommen."

Da eröffnet sich der Blick auf einen ganz neuen Abgrund: Esch/Galen stehen ja nur als Randfiguren für eine überaus gefährliche Tendenz: Gutes deutsches Geld wird ins Ausland geschafft, an allerlei unsichere Kantonisten wie Baulöwen in Hongkong, Geld-Gnome in Zürich, Rüstungsbesessene in Washington verliehen.

Was hätte Horst-Dieter Esch nun stattdessen tun müssen? Esch hätte sich einen ordentlichen Batzen Geld von ersten Adressen leihen müssen, wie zum Beispiel folgender Unternehmer:

"So präsentierte Esch, anläßlich der Einweihung der IBH-Tochter Zettelmeyer in Konz, eine Kapitalerhöhung von 60 auf 200 Millionen Mark, wovon allein der IBH-Aktionär General Motors 30 Millionen zeichnete." So nämlich konnte "Horst-Dieter Esch Zweifel an der Solidität seines weltweit operierenden Baumaschinen-Konzerns abfangen". (Wirtschaftswoche, August 1981, "IBH: Zwang zur Masse")

Weiterhin hätte Esch, dem besagten Unternehmer nacheifernd, weitere Unternehmen aufkaufen sollen, und zwar zu günstigen Konditionen:

"Esch gründete mit einem Kapital uon 20 Millionen Dollar in Ohio die Terex Corp. Das Geld dafür bringt GM ein... Die Terex Division hatte 1972 etwa 6.500 Beschäftigte. 1980 sind es noch 5.500. Die Terex Corp. wird also mit kaum mehr als 5.000 Mitarbeitern starten. Dabei blieb das Sozialplan- und Umsetzungsrisiko der übrigen Belegschaft voll und ganz bei GM." (Wirtschaftswoche, November 1980, "IBH-Holding: Neue Steine auf dem Mühlebrett")

Esch hätte auch ebenso unkonventionell, wagemutig und vorwärts drängend gegen andere sein müssen wie besagter Unternehmer:

"Hier hatte Esch im Gegensatz zu manchem Konkurrenten antizyklisch operiert, dort sein Geschäft ausgeweitet, wo andere noch zögerten" (Wirtschaftswoche, August 1981)

"'Ich werde damit zum drittgrößten Baumaschinenhersteller der Welt', betont Esch... Esch hat sich sogar zum Ziel gesetzt, die Japaner von Platz zwei zu verdrängen. Und seine bisherige Erfolgsstrategie läßt dies durchaus realistisch erscheinen." (Wirtschaftswoche, November 1980, "Neue Steine...")

Dann hätte er sich bloß noch eine Hausbank suchen müssen, die den Prinzipien soliden Bankgeschäfts konservativ verpflichtet ist und auf seine Bedürfnisse maßgeschneidert eingehen kann. Zum Beispiel folgende:

"- Werden die Banken ihre Kreditkunden demnächst kritischer unter die Lupe nehmen müssen?

Ferdinand Graf von Galen: Die Kreditrisiken müssen allgemein viel kritischer beurteilt werden. Zum Beispiel die Überlebensfähigkeit eines Unternehmens, seine Ertragskraft, damit die Rückzahlungsfähigkeit bei Krediten.

- Was kann eine Privatbank mehr tun für ihre Kunden als eine Großbank? Ferdinand Graf uon Galen: Sie kann sich auf die Geschäfte konzentrieren, die auf das Gefüge ihrer Inhaber und Mitarbeiter als Spezialitäten zugeschnitten sind... Hier kann man als Privatbankier schneller und persönlicher arbeiten als ein großes Institut." (Finanzmanagement: "Inflation ist zu vermeiden", Interview der Wirtschaftswoche, Dezember 1982)

Ein letzter Punkt: Esch hätte es nicht an der nötigen Repräsentation fehlen lassen dürfen. Vorbildlich mal wieder:

"Seinen größten Pluspunkt im Vergleich zu manchen Konkurrenten erwähnt er allerdings selten: Als 'Mister IBH' verkörpert er einen Gesamtkonzern und beeindruckt seine Kunden mit persönlichem Auftritt." (Wirtschaftswoche, August 1981, "IBH: Zwang zur Masse")

Tja, und dann hätte Horst-Dieter Esch es nur noch schaffen müssen, Komatsu (Branchenzweiter) oder Caterpillar (Branchenerster) zu werden. Die haben aber genau dasselbe gemacht wie er, mit dem Ergebnis, daß er Branchendritter geblieben ist - er womöglich die Flaute auf dem Baumaschinen-Markt nicht übersteht und von ihnen aufgekauft wird. Also hat er alles falsch gemacht.