KEIN VERSTÄNDNIS FÜR "SPIEL"VERDERBER

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1984 erschienen.
Systematik: 

Die Sowjetunion nicht beim US-Olympia
KEIN VERSTÄNDNIS FÜR "SPIEL"VERDERBER

Der sportliche (Wett-)Kampf zwischen den Nationen findet nun in Los Angeles ohne die Sowjetunion und ihre Verbündeten statt. Dabei waren die USA immerhin so großzügig, den Athleten aus Staaten, die nach westlicher Auffassung eigentlich längst keine Existenzberechtigung mehr haben, die Einreise ins Führungsland der Freiheit zu gestatten. Jetzt müssen sie im "Völkergefängnis" bleiben und werden von ihrer Führung um "ein großes Fest" gebracht.

Dabei wurde in den USA schon seit Monaten ein Empfang geprobt, der Los Angeles 1984 wirklich zu einem "unvergeßlichen Erlebnis" für junge Menschen aus den sozialistischen Staaten gemacht hätte:

- Angesichts der "zu erwartenden terroristischen Anschläge" brachte das US-Fernsehen spannend aufgezogene Bilder von realistisch nachgestellten Terror- und Antiterrorszenen in und um die olympischen Spiele.

- Zahlreiche Anti-Soviet-Committees entwarfen in aller Öffentlichkeit ihre fertigen Pläne, wie sie den Russen zeigen würden, was "eine freie Gesellschaft" von ihnen hält.

- Ganz offen wurde darüber spekuliert, ob nicht irgendein "Fanatiker" mit der Knarre in der Hand durchdrehen würde, um privat und unautorisiert die Maximen Reaganscher Ostpolitik an sowjetischen Olympioniken in die (Einzel-)Tat umzusetzen.

"Die Sowjetsportler durften zu den Olympischen Spielen in Kalifornien nicht fahren, weil sie dort Gefahren ausgesetzt sind: Terroristen, Spionagejägern, Superpreisen, Kriminalität, Smog, Hitze mit hoher Feuchtigkeit -- und Abwerbung durch Antikommunisten."

Der "Spiegel" drückt damit keineswegs sein Verständnis für die Entscheidung des sowjetischen NOK aus, sondern hetzt entschieden gegen die "Feigheit" der Russen vor den überlegenen Segnungen freiheitlichen Lebenstils. "Dramatisierung" nennt man das; und dazu neigen die Russen, die auch schon den friedliebenden Wink mit Pershing II in die falsche Kehle gekriegt haben. Jetzt ist dieses totgeweihte Unfreiheitssystem schon so angeschlagen, daß es selbst vor Superpreisen, schlechter Luft, ein paar Killern, den konzentrierten US-Geheimdiensten und so selbstverständlichen Phänomenen der Meinungs- und Demonstrationsfreiheit wie den für Los Angeles geplanten "Beat-the-Russians" Aktivitäten die olympische Fahne einzieht wie ein geprügelter Hund den Schwanz.

Zivilisierte Spiele mitten im Krieg

Da die UdSSR für dieses sportliche Vergnügen nicht zu haben war, muß sich die interessierte Leserschaft mit Informationen begnügen, wie die Olympiade idealiter verlaufen wäre. Was hatte man nicht alles geplant, um die Russen vor den Fernsehaugen der Welt ihrer Bärennatur zu überführen! Welche Strafen und Schrecken hatte man sich nicht extra für sie ausgedacht! Und wie gewissenhaft haben sich doch die Amerikaner darum gekümmert, daß die Spiele zu einem "vollen Erfolg" geworden wären!

Betont "herzlich" wollte der amerikanische Präsident die russischen Sportler in Amerika "empfangen" wissen. Das sieht man auch an den Worten, zu denen er anläßlich der Absage ihrer Teilnahme an den Olympischen Spielen gefunden hat:

"Alle sollten sich daran erinnern, wie die Spiele vor mehr als 2000 Jahren begannen: Sie waren ein Mittel, um den griechischen Stadtstaaten Frieden zu bringen. Damals wurde, sogar wenn gerade ein Krieg stattfand, der Krieg unterbrochen, um die Spiele abzuhalten. Ich wünschte, wir wären ebenso zivilisiert."

Auch ohne offizielle Kriegserklärung ist die Ähnlichkeit im Verhältnis Washington/Moskau und Athen/Sparta verblüffend: Gut kontra böse - und was die Vereinigten Staaten angeht, so läßt sie "gerade" mehrere Kriege gegen die Sowjetunion "stattfinden". Andererseits ist die Barbarei des Feindes mit dem von damals nicht zu vergleichen: Er ist so "unzivilisiert", den Krieg keine Minute vergessen zu können. Sonst wäre er doch in Amerika erschienen - zum Spielen, versteht sich.

Dazu wären die Russen als erstes einer Spezialbehandlung unterzogen worden. Zu Zeiten des Waffenstillstands ist bekanntlich dem Feind am wenigsten zu trauen. Jeder Sportler, dem großzügig Einlaß gewährt wird - der "nach dem Jumbo-Abschuß verhängte US-Bann über sowjetische Schiffe und Flugzeuge wurde für die Spiele eigens aufgehoben" -, wird als Spion behandelt. Welcher Russ' könnte schon den Verlockungen widerstehen, die eine landschaftlich reizvoll situierte Rüstungsindustrie ihm nahelegt:

"Zwischen den olympischen Kampfstätten in Los Angeles liegt die strategische Rüstungsindustrie der Vereinigten Staaten.... So war das Sicherheitsinteresse der Amerikaner nicht völlig unbegründet." (Spiegel)

Solange die feindlichen Truppen nicht desertiert, ins Lager der Freiheit übergelaufen sind, werden sie von eigens dafür abgestellten Beamten des FBI bespitzelt und von besonderen 'Abwehrformationen' der Polizei beschattet. Daß sich so das "nicht völlig unbegründete" Sicherheitsinteresse der Amerikaner befriedigt, geht in Ordnung. Um die "völlig unbegründeten" Beschwerden der UdSSR - der es am Willen zur Zusammenarbeit und Verständigung mangelt - ins Unrecht zu setzen, werden die dazu gehörigen Schikanen als ausräumbare "Versehen" und lächerliche "Kleinigkeiten" vermerkt. Neben der Verweigerung des Einreisevisums für den sowjetischen Olympia-Attache (ein bekannter "Top-Agent", der sich zudem der Amtsanmaßung schuldig gemacht hat - wie sich der "Spiegel" vom FBI hat diktieren lassen) findet der Scherz, den man sich mit der "olympischen Familie " der Russen geleistet hat, allseitigen Anklang. Ein schusseliger Beamter - so sind die Amis halt! - fordert statt der laut olympischer Regel vorgesehenen olympischen Identitätskarten Visa von den russischen Sportlern. Empörung über diesen Verstoß gegen die olympische Charta? Oder eher amüsiertes Schmunzeln über die ungeahnten Möglichkeiten, welche folgende pikante Frage den amerikanischen Visa-Behörden eröffnet: "Waren Sie Mitglied einer kommunistischen Vereinigung?"

Wenn die Russen unter Sicherheitsvorkehrungen den Schutz ihrer Mannschaft vor Anschlägen verstehen, so ist das ihre Sache. Sie neigen bekanntlich zum Verfolgungswahn; ihre Sicherheitsvorstellungen also sind in Anführungszeichen zu setzen und als "maßlos" und "übertrieben" zurückzuweisen. Für die Verhinderung etwaiger Vorkommnisse sind die Russen bei den amerikanischen Behörden an der falschen Adresse:

"Jenes Maß an politischer Ruhe und Nichtbehelligung, auch an 'Sicherheit', das die Sowjets bei ihrem Auftreten im Ausland für unentbehrlich halten, kann ihnen in den USA niemand garantieren, selbst wenn er wollte." (Süddeutsche Zeitung)

Er will aber nicht. Daher ist jenes Maß an Behelligung am Platze, das alle falsche Sicherheit ausräumt. "This is a free country" - also gibt's hier keine Befehle und Verbote. Hier weiß jeder - der Fernseher läuft in amerikanisclen Haushalten bekanntlich Tag und Nacht -, wofür er sein darf: nach Herzenslust protestieren und demonstrieren gegen die Feinde Amerikas - gegen wen oder was denn sonst? "This is a wide country." Hier herrscht Pluralismus in der Sowjetbeschimpfung. Nicht nur Exilkubaner, Koreaner, Juden, Balten und andere "extremistische Minderheiten" haben die Russen gefressen:

"Mit einer problemlosen Teilnahme ihrer Sportler hatten die Moskauer Funktionäre von Anfang an nicht rechnen können. ... Die scharfe Rivalität zwischen den beiden Supermächten ist nicht auf deren Regierungen begrenzt, sondern beginnt Stimmungen und Gefühle auch der Völker mehr und mehr zu formen." (Süddeutsche Zeitung)

Vor dem gerechten Volkszorn hätten sie sich vielleicht auf ihrem Schiff im Hafen von Los Angeles verschanzen können. Der Weg zu den Wettkampfstätten und der Aufenthalt in den Stadien aber wäre noch "problematisch" genug geworden. Irgendwann schlägt auch den Russen die Stunde der Wahrheit und ihren Sportlern die "antisowjetische Stimmung" entgegen, die sie sich selbst zuzuschreiben haben:

"Mit ihrer Forderung, jedwede Demonstration in der Olympia-Stadt zu unterbinden, konnte sie dort nur auf Unverständnis stoßen." (FAZ)

Zum Schutz der Russen führt Amerika doch nicht das Kriegsrecht ein - witzeln die Diplomaten, die einen besseren Verwendungszweck dafür wissen. Amerika ist kein Polizeistaat wie Rußland - ereifert sich die Presse. Wer sollte hier warum gegen (Aufrufe zur) Gewalt einschreiten, wenn sich Bürger in schwarze Sheriffs verwandeln und der Gewalt eins aufs Haupt geben, die immer noch nicht kapiert hat, daß es auf der Welt nur eine zu geben hat. So als ob der Paragr. 88a, Auflagen für Demonstrationen, Abschiebung unerwünschter Ausländer in der Demokratie Dinge der Unmöglichkeit wären, wird das Recht der "Ban-the-Soviets-Coalition" verteidigt, den Russen in Los Angeles die Hölle heiß zu machen. Wer sich darüber aufregt, daß diese Terroristen sich an jedem russischen Sportler und Schlachtenbummler vergreifen wollen, ist schon der russischen Propaganda erlegen und selber ein Russe. Diese Komiteechen - eine Gefahr für die Russen? Leider gehen Scharfmacher meist dilettantisch zu Werke:

"In den letzten fünf Jahren gab es acht Bomben- und Pistolenattentate" (macht lächerliche 1 3/5 Attentate pro Jahr) "auf diplomatische Vertretungen der UdSSR in den USA. ... Verletzt wurde niemand." ( Spiegel)

Antikommunistische "Extremisten" stehen in Amerika allein auf weiter Flur da? Hinter ihnen stehen z.B.

- das kalifornische Parlament:

"Dem Komitee gelang es im kalifornischen Landesparlament, eine Resolution des Inhalts durchzubringen, die Sowjetunion sei während der Spiele nur dann willkommen, wenn sie sich für den Abschuß der (südkoreanischen) Maschine entschuldige."

- der amerikanische Präsident:

"Angesichts der Weigerung der Regierung der Sowjet-Union, diesen (Balten-) Menschen die Freiheit zu gewähren, können wir nicht schweigen."

- das ganze amerikanische Volk, das sich von diesem Mann regieren läßt - sowie jede Menge hilfsbereiter Beamter:

"Die Polizisten in Los Angeles sollten Handbücher erhalten, in denen u.a. erklärt wird, wie man asylsuchenden sowjetischen Sportlern weiterhilft."

Politisch hinausmanövriert

All diese Gemeinheiten wurden nach der Olympia-Absage der UdSSR liebevollst en detail ausgemalt. Wir sind schließlich keine Spielverderber! Regel Nr. 1 unseres Spiels lautet, daß wir die Regeln festsetzen und keine Begründungen gelten lassen außer unseren:

"Unser Gewissen ist rein. Wir haben uns für nichts zu rechtfertigen. Der sowjetische Schritt ist ein rein politisches Manöver, das durch nichts gerechtfertigt wird.",

sprach der Sprecher des amerikanischen Außenministeriums. Ihm nach die Weltöffentlichkeit aus all ihren freien Kanälen und Rohren. "Unglaubwürdig", was sich die Russen da haben einfallen lassen!

- Die Sicherheit ihrer Sportler sei nicht gewährleistet? Eine Unverschämtheit! Hat doch der Präsident persönlich "die Dienststellen der Bundesregierung angewiesen, mit den Olympia-Funktionären und den lokalen Behörden zusammen(!)zuarbeiten."

- Eine Mißachtung der Olympischen Charta durch die amerikanischen Behörden? Ungerechtfertigt!

- Olympia als "antisowjetische Kundgebung"? Nie und nimmer! Völlig falsch!

Was sie sonst noch an sogenannten Argumenten zu bieten haben sollten, wird als "vage" und furchtbar "kompliziert" abgeschmettert. Und nun hebt ein munteres Rätselraten an über die "Motive" und eigentlichen Gründe der Sowjetunion, sich der Auseinandersetzung mit dem Westen zu "entziehen". "Statt handfester Gründe nur Vorwände für die Nichtteilnahme" (FAZ), ist das Ergebnis.

Fragt sich bloß, warum sie nicht erschienen sind, wenn sie - dem Westen zuliebe - genauso gut auch hätten kommen können?

Wenn es ihre Gründe nicht sein dürfen, wenn es unsere Gründe nicht sein können?

- "Rache" sticht nicht, weil die sich an ihnen rächt, so scharf wie sie auf die Medaillen sind!

- "Politik" haut nicht hin: Wenn sie den "Erfolg" der Olympiade dem Reagan nicht gönnen, damit die Demokraten was draus machen, und die das gar nicht wollen?

Was war es dann? Eine politische Entscheidung, bei der hinten und vorne kein Vorteil für den Gegner erkennbar wird - das ist die wahre Heimtücke!

*

Und was war wirklich los? An der Bedrohung von Leib und Leben ihrer Sportler hat die UdSSR bemerkt, was sie noch heute an der Olympischen Idee nicht wahrhaben will: Dieser Auftrieb repräsentativer Hochleistungsidioten und Sportkrüppel ist eine kulturimperialistische Veranstaltung der Demokratie, dessen Propagandawert sich noch allemal gegen die ungeliebte Minderheit in der Völkerfamilie richtet.