"KEIN STAAT KANN EINEN ATOMKRIEG WOLLEN"

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Dieser Artikel ist in der MSZ 11-1983 erschienen.
Systematik: 

Korrespondenz
"KEIN STAAT KANN EINEN ATOMKRIEG WOLLEN"

Betreff: Die "marxistische Gruppe und das menschliche Gehirn" oder: "Wo lassen Sie denken?"

Sehr geehrter Herr Ebel *),

diese Frage muß man in der Tat einmal an Sie richten, wenngleich all Ihre Wurfsendungen normalerweise ungelesen in den Papierkorb wandern. Auf all Ihre Ungereimtheiten und Naivitäten einzugehen, lohnt die Zeit nicht, aber eines muß ja doch den Geduldigsten unter unseren Zeitgenossen auf die Palme bringen: Sie haben die Stirn, sich hinzustellen und zu erklären, daß der Westen den Krieg will!!

Da Ihre Begründung hierfür noch hirnrissiger ist als Ihre Behauptung selbst, gehe ich erst gar nicht darauf ein. Man hat es bei Ihnen doch mit einem erwachsenen Menschen zu tun und als solcher ist es doch nicht schwer zu begreifen, daß kein Staat, weder einer des Westens noch einer des Ostens, einen Atomkrieg wollen kann, und zwar schlicht und ergreifend deshalb, weil es keinen Sieger und damit keinen Sinn eines solchen Krieges geben kann. Ein Krieg, bei dem jeder Angreifer mit einem vernichtenden Gegenschlag zu rechnen hat, kann und wird daher nicht stattfinden.

Und wenn Sie fragen, aus welchen "geschichtsphilosophischen Werken" Herr Geißler seine Erkenntnis beziehe, daß Pazifismus zum Krieg führen kann, so können Sie Ihre diesbezüglichen Lücken in Geschichte schnell schließen, wenn Sie nur die Zeit zwischen 1933 und 1939 betrachten, als vor allem England und Frankreich und auch andere Staaten genau diesen Pazifismus praktizierten und damit Hitler einen Überfall nach dem anderen ermöglichten. Hitler hätte nach seinen eigenen Aussagen weder seine Überfälle auf andere Staaten noch seine Judenverfolgung so schnell und gründlich durchgeführt, wenn er auf mehr Widerstand im Ausland gestoßen wäre. Es war genau diese Appeasement-Politik, dieser Pazifismus, diese Besänftigungs- und Beschwichtigungstaktik, die am Ende auch Auschwitz erst ermöglichte, wie Herr Geißler richtig feststellte.

Die ganze Geschichte bietet Legionen von Beispielen, wo gerade Pazifismus erst den potentiellen Angreifer herausforderte, da ein sicherer und leichter Sieg gewiß war angesichts der erklärten Kriegsdienstverweigerung oder "Friedenssehnsucht" von blauäugigen Illusionisten, die nie begriffen und nie begreifen, daß das Leben nur eines ist und war: Kampf, Kampf und nochmals Kampf!

mit freundlichen Grüßen,

Karl H., München

Kalkulierte Mittel für den Kriegsfall

Sehr geehrter Herr H.,

Nun sind Sie also doch noch auf unsere "Naivitäten" eingegangen. Thank you! Wir glauben nicht, daß Sie uns mißverstanden haben. Wir sagen nicht, die Staatsmänner des Westens hätten nichts anderes im Sinn als den Krieg. Eine solche Zweckbestimmung der Politik wäre genauso falsch wie die andere, die Politiker so gern von sich behaupten: Es würde ihnen in allem, was sie tun und treiben, um die "Sicherung des Friedens" gehen. Nein, Politiker vertreten nationale Interessen, sind auf viel Einfluß überall auf der Welt aus, und für diese Konkurrenz mit anderen Mächten, heute vor allem gegen den absolut ungeliebten Osten, rüsten sie nicht zu knapp. Weil sie damit rechnen, daß der konkurrierende oder gegnerische Staat sich nicht alles bieten läßt, kalkulieren sie mit dem Krieg. (Und daß es diesmal um den Weltkrieg gegen die Russen geht, wird Ihnen nicht entgangen sein.) Also so meinen wir "Der Westen will den Krieg!" Er bereitet sich gegenwärtig sehr ausgiebig auf den siegreichen Waffengang vor, auch auf einen siegreichen Atomkrieg. Wir haben es bei Ihnen doch mit einem erwachsenen Menschen zu tun und als solchcr ist es doch nicht schwer zu begreifen, daß die Staaten ihre Atomwaffen als Kriegsmittel vorsehen. Wofür denn sonst? Politiker sind doch keine "blauäugigen Illusionisten", die sich Atomwaffen halten einvernehmlich in dem Ziel, ja keinen Krieg - und wie sollte der kein Atomkrieg werden? - zustandekommen zu lassen. Alle neuen Waffen auf dem nuklearen Gebiet, alle erfinderischen Fortschritte der Raketentechnik mit so und so vielen Sprengköpfen, Neutronenbombe, Laserwaffen... beweisen doch, daß es um die Überlegenheit der Mittel für den Kriegsfall geht. Dafür haben die Strategen doch selbst schon die Verluste an Städten, Regionen und Millionen Menschen berechnet, die den Sieg nicht behindern dürfen. Einen Sieger wird es auch im Dritten, atomaren, Weltkrieg geben! Wir vermuten, daß auch Sie auf die staatliche Propaganda hereinfallen, die auf deutsch oder europäisch - in Amerika wird da ganz anders Tacheles geredet - dem Volk vormachen will, ein Atomkrieg sei unmöglich, während gerade neue Pershings aufgestellt werden. Etwa damit er noch unmöglicher wird?

Damit sind wir auch schon bei der Sache mit dem Pazifismus zwischen 33 und 39. Abgesehen davon, daß Sie Staaten, die ihre Machtkalkulationen anstellen, nicht mit pazifistisch gesinnten Menschen verwechseln sollten, eine Frage: Was hätte Hitler denn wohl gemacht, wenn die Franzosen und Engländer mehr gerüstet hätten ganz ohne waren sie ja nicht, oder? Er hätte sich dagegen die notwendigen Kriegsmittel verschafft und sich doch nicht von seinen Weltherrschaftsplänen abbringen lassen. Wie heute! Was tut man gegen die Aufrüstung des Gegners? Man rüstet ebenfalls und am besten besser. Hitler hat den Krieg doch nicht begonnen, weil der Sieg so leicht war - da war er sich schon bei Frankreich nicht so sicher -, sondern weil er im Programm hatte, per Krieg das deutsche Ansehen zu vergrößern. Wir verstehen nicht, wie Sie dieser billigen Ideologie anhängen, daß ein Staat sowieso in jedes Waffenvakuum hineinschlägt. Das würde ja tatsächlich bedeuten, daß Staaten nichts als Krieg im Kopf hätten (siehe oben!).

Ihr Schluß ist gekonnt. Wir meinen nicht die Tatsache, daß Sie da eine Propagandaparole Hitlers wiederholen. Wir finden es vielmehr seltsam, daß Sie nach Ihren Einlassungen zum Atomkrieg noch an Ihrer These vom Lebenskampf festhalten. Umgekehrt wäre doch ein Atomkrieg eine Spitzenleistung des menschlichen Lebenskampfs. - Sie sollten sich einmal überlegen, warum Staaten die Sache mit dem "Kampf" erfunden haben und weshalb die lieben Untertanen davon erstens nie etwas haben und zweitens immer die Arschlöcher sind, die dann auch noch ins Gras beißen müssen. Wenn Sie Ihre Lebensphilosophie ernst nähmen, müßten Sie sich sofort 300 MX-Raketen mit 70 Sprengköpfen anschaffen. Sonst knallt Ihnen doch glatt Ihr Nachbar seine SS-20 in den Garten. Nichts für ungut.

MZ-Redaktion

*) T. Ebel zeichnete verantwortlich für das Flugblatt der MARXISTISCHEN GRUPPE "Der Westen will den Krieg", verteilt im Oktober '83