KEIN KRIEG OHNE BEDEUTUNG - KEINE BEDEUTUNG OHNE KRIEG

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1983 erschienen.

Historiker zum Krieg
KEIN KRIEG OHNE BEDEUTUNG - KEINE BEDEUTUNG OHNE KRIEG

"Verträge heute zu unterschreiben und morgen zu brechen, zu täuschen, zu betrügen, einzelne zu morden, ganze Rassen auszurotten - das war unter Menschen immer so gewesen;... Blickt man auf die Weltgeschichte, nicht, wie sie nach christlicher Morallehre sein sollte, sondern wie sie wirklich ist, so kann man dieser Theorie nicht jede Wahrheit absprechen." (Golo Mann)

Seit jeher sind Kriege das Salz in der Suppe des Historikers, da offenkundiger Ausdruck des faszinierenden "Ringens von Völkern und Nationen" auf dem großen Welttheater. Wenn Staaten sich ihren weltpolitischen Rang streitig machen, steht die Geschichtswissenschaft interessiert dabei - kein Gedanke, der Vorführung dieser hohen Kunst ein rasches Ende zu wünschen. Das historische Interesse an alten Rechnungen, die sich Nationen aufgemacht haben und die zum Teil noch offenstehen, steigert sich natürlich in Zeiten, in denen nach internen Frontbereinigungen des Imperialismus dieser die endgültige Begleichung auf die Tagesordnung gesetzt hat.

Als wäre das Feststellen kriegerischer Auseinandersetzungen schon ein Gedanke, hat die Geschichtswissenschaft eine "realistische" Manier ausgebildet, die mit der konstatierten Faktizität auch gleich die unausweichliche "Realität" der Sache klargestellt haben will. Daß es das "Phänomen Krieg" schon immer gibt, macht es zum konstitutiven, natürlichen Element aller Geschichte, ohne daß der Grund irgendeines Krieges angeben werden müßte.

Begründungen werden angesichts dieses überwältigenden Ersatzgrundes ausdrücklich in den Rang der Gleichgültigkeit verwiesen.

"Geschichtliche Veränderungen sind zu allen Zeiten entscheidend durch den Ausgang der Kriege bestimmt gewesen. ... Weshalb kommt es zum Kriege? Manch einer mag sagen, der Krieg sei das Kind fortschreitender Zivilisierung, andere behaupten, er liege in der menschlichen Natur begründet. Aber eines ist klar, wenn alle anderen Mittel versagten, hat man (wer?) von jeher versucht, die Entscheidung durch Kriege herbeizuführen. Immer wieder ging Macht vor Recht." (als ob nicht im Namen des Rechts zugeschlagen würde!) (Montgomery, Weltgeschichte der Schlachten und Kriegszüge)

Der kriegsgeschichtsschreibende Feldmarschall und Held von El Alamein will mit dem dreimaligen "immer wieder" eine anthropologische Grundkonstante der Geschichte dingfest machen. Mit der Unvermeidlichkeit sollen zugleich die nützlichen Funktionen des Krieges als Entscheidungsmittel für das Zusammenleben der Staaten und damit für den Fortschritt der Geschichte nachgewiesen werden, als ob es Zweck oder Wirkung auch nur eines einzigen Krieges der Weltgeschichte gewesen wäre, Entscheidungen herbeizuführen. Er macht mit seinem Begriff des Krieges als letztes "anderes Mittel" den gleichen Fehler wie der Klassiker dieses Themas -

"Der Krieg ist nichts anderes, als die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln." (Karl von Clausewitz, Vom Kriege) -,

der im Unterschied zu modernen Gelehrten den Krieg noch als politisches Mittel begreift, aber nicht sieht, daß die ständige Bereitschaft zum Krieg und die Drohung mit ihm die Grundlage aller "anderen Mittel" wie Diplomatie ist, daß also das Militär in den schönsten Friedenszeiten tagtäglich als politisches Mittel gebraucht wird.

Von dieser banalen Bestimmung des Krieges als staatlich eingesetztes Mittel wollen moderne Wissenschaftler nichts wissen; beim Thema Krieg steuern sie am Staat vorbei zielstrebig auf die Menschennatur los.

"Daß menschliches Zusammenleben sich in Konflikten entfaltet, daß die Entwicklung von Völkern und Staaten sich im Auf und Ab von Streit und Übereinkunft, von Konflikt und Konsens vollzieht, ist eine geschichtliche Erfahrung... Kriege sind äußerste Formen des Konflikts". (K. D. Bracher, Geschichte und Gewalt)

Daß das Resultat von Kriegen ein "Konsens" sein soll und kein vom Sieger und dessen nationalen Interessen diktierter Frieden, kann nur jemand einfallen, der Krieg zu einer Erscheinungsform einer zum menschlichen Zusammenleben von Natur aus gehörigen Gegebenheit "Konflikt" vergeheimnist, bei der man durchaus an Kindergezänk oder an eine Wirtshauskeilerei denken kann.

Da beiden Historikern "aus geschichtlicher Erfahrung" Staaten als natürliche Form "konfliktreichen" Zusammenlebens gelten, kommen sie über die Tatsache, daß Staaten für Kriege zuständig sind, nie darauf, den Grund für den Krieg bei diesen zu suchen: Staaten machen ihn zwar, ihre Sache soll er aber nicht sein. Im Gegenteil: Da sich Krieg aus den "Problemen zwischen" Nationen, aus ihren unvermeidlichen Reibereien ergeben soll, erscheint er nicht als deren Werk, sondern aus deren "Verwicklung" herrührend. Staaten haben so den Sinn, ihrer weltweiten Herausforderung durch Konflikte, die sie selbst produzieren, zu begegnen. Vom eingefleischten Standpunkt der Macht aus lautet das: Staaten haben Kriege zu verhüten, und wenn ihnen das nicht gelingt, sind sie "gescheitert", wenn sie ihn führen.

Wenn der Krieg ideologisch als unausweichliches Aufeinanderprallen ohnmächtiger Mächte gehandelt wird, verbleibt für die Geschichtsschreibung nur noch die Aufgabe, den jeweiligen Umständen und Verhältnissen nachzugehen, die es zur zwischenstaatlichen Verwicklung und damit zum Krieg haben kommen lassen. Gefragt wird, was für Verhältnisse Politiker vorfanden und wie sie als historische Persönlichkeiten auf die ihnen angeblich vorgegebenen Bedingungen reagierten. Eine Erklärung, was Staatsgewalt ist, die in Krieg und Frieden auf ihren Erfolg bedacht ist, ist von solcher Wissenschaft nicht zu haben. Statt Kritik steht eine Begutachtung an, die sich verständnisvoll der "schweren Herausforderungen" der Politik annimmt und Kriege als mehr oder minder glückliche "Lösung" begriffen haben will, die aber auf jeden Fall fällig war.

Von der Geschichte zur Vorgeschichte

Wenn beispielsweise Andreas Hillgruber sich den Zweiten Weltkrieg vornimmt, wendet er sich zwecks Ursachenforschung gleich dem zu, was vorher war und wovon er Folge ist. Denn gemäß historischer Logik kann der Grund dieses Kriegs nur in dem unmöglichen Umstand liegen, daß dessen Ergebnisse nicht schon vor ihm vorhanden gewesen waren. Ideologisch ausgedrückt, daß er eine "historische Aufgabe" zu erfüllen hatte, die ihm "die Geschichte" zu bewältigen übertragen hatte. Weltkrieg Nr. 1 hatte demzufolge nämlich kein Resultat, sondern eine Aufgabenstellung hinterlassen:

"Der Erste Weltkrieg hatte nicht, wie es bei einer Verwirklichung der weitgespannten Kriegsziele der beiden... Großmächtegruppen der Fall gewesen wäre, zur Aufrichtung einer stabilen Ordnung in Europa und in der Welt geführt. Ein solcher 'Siegfriede' hätte auf dem langfristig gesicherten Übergewicht der Sieger über die Besiegten beruht. ... Tatsächlich war aber 1918 keine eindeutige, unwiderrufliche Entscheidung gefallen. ... Daher war es höchst wahrscheinlich..." (Andreas Hillgruber, Der Zweite Weltkrieg)

Daß die Auseinandersetzung der beiden Weltkriege um die Durchsetzung gegensätzlicher Ordnungsvorstellungen ging, kann nur ein etwas abgehobener Historiker glauben, der seine Ideale über Sinn und Funktion eines Krieges als Konfliktlösung durch Schaffung einer "stabilen Ordnung" (als hätte es so eine nicht schon gegeben!) den Subjekten des Krieges als Zweck unterschiebt: Die "Aufgabe" des Ersten Weltkriegs hätte somit in der Verhinderung des Zweiten bestanden, der dann aber ausbrechen mußte, als jener in Erfüllung seiner ihm aufgemachten Mission "scheiterte".

Kollege Imanuel Geiss, erfolgreichster Sproß der Fischer-Schule und als 'links' geltender Professor in Bremen, systematisiert den Fehler, Kriegen nationale Ordnungsziele zuzuschreiben, die genauer nicht genannt gehören, weil sie für den Historiker als solche schon Werte darstellen:

"Der Zweite Weltkrieg ist - formal wie inhaltlich - stets auch im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg zu sehen. In vielen Punkten war er eine Wiederaufnahme mit teilweise denselben Konfliktfronten wie im Ersten Weltkrieg. ... Ausgangspunkt war wieder Deutschland, das in seiner Mehrheit nicht bereit war, die Ergebnisse des Ersten Weltkriegs hinzunehmen." (I. Geiss, Geschichte griffbereit, Bd. 6)

Die politischen Ergebnisse des Ersten Weltkriegs sollen nicht nur für den geschlagenen Staat, sondern insbesondere für die meisten deutschen Menschen so absolut unerträglich gewesen sein, daß nicht der Staat sie zum nächsten Waffengang mobilisiert haben soll, sondern umgekehrt sie ihn aus Liebe zu Deutschland und seiner ordnungsstiftenden Rolle in der Weltpolitik zu einer Wiederholung des Kriegs gedrängt haben sollen. Von so einem idealen Volk, wie es hier selbstverständlich unterstellt ist, hat nicht einmal Hitler seinerzeit zu träumen gewagt. Auf so etwas kommt nur ein Historiker, der den Krieg als Ausdruck menschlichen Bedürfnisses abgehakt hat und dem beim bislang größten staatlichen Massenmorden keine Differenz zwischen Staat und Volk auffällt.

Müßig, diesen beiden Herren auf ihrem Weg zurück in die Geschichte weiter zu folgen; denn auch die Erklärung des Ersten Weltkriegs erhält man in Form der bereits vertrauten Auskunft: Auch er war durch die Verhältnisse seiner Vorgeschichte angelegt, die sich den europäischen Mächten als Zwang ihres "Systems" mitteilten und sie in den Augen des Historikers zu Gefangenen "der Entwicklung" machten.

"Die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs, ca. 1878-1914. Die systeminternen Widersprüche des Imperialismus brachen mit dem Ersten Weltkrieg zum erstenmal in einem komplexen historischen Prozeß durch... Zum Ersten Weltkrieg führten vier große (?) Faktoren." (a.a.O.)

Neben dem inhaltsleeren zeitlichen Nacheinander erfreut sich ein bestimmungsloses gleichzeitiges Nebeneinander historischer Fakten besonderen geschichtwissenschaftlichen Interesses: Was es da nicht alles an angeblich zu berücksichtigenden Sachzwängen gibt! Wohlwollend werden z.B. alle Teilnehmerstaaten des Krieges auf ihre Friedensliebe hin durchgecheckt, was zur Verbeugung vor ihrer aller edlen Absichten führt, daß nämlich

"kein Staat auf seine Ziele zur Erhaltung des Friedens verzichten will:

1. Österreich-Ungarn hält an der übernationalen Kaiseridee fest;

2. Serbien sucht die nationale Staatsidee zu verwirklichen;

3. Rußland furchtet einen neuen Mißerfolg seiner Balkanpolitik und steht vor der Alternative: Krieg nach außen oder Revolution nach innen;

4. Großbritannien schwankt zwischen Neutralität und Parteinahme;

5. Frankreich, durch sein Bündnis mit Rußland aus der politischen Isolierung befreit, betrachtet diese Allianz als Druckmittel gegen Deutschland;

6. Deutschland steht zum Bündnis mit Österreich-Ungarn, um dadurch einer zunehmenden politischen Isolierung zu entgehen und der gefährdeten Donaumonarchie zll einem Prestigegewinn zu verhelfen. Der deutsche Generalstab drängt auf Kriegsausbruch 1914, da sonst...

7. Frankreich und Deutschland wirken nicht mäßigend auf die Politik ihrer Bündnispartner ein." (a.a.O.)

Das Argument dieser Erklärung ist das Bild einer äußerst "komplexen", "interdependenten", internationalen "Lage", welche den Krieg "letzten Endes unvermeidlich" hat "ausbrechen" lassen. Alle Staaten verfolgten ihre speziellen Ziele, anstatt ihre guten Absichten gleich vom Völkerbund wahrnehmen zu lassen. Der scheinheilige Vorwurf unzureichender Rücksichtnahme auf den Frieden, um den die Subjekte dieses Kriegs im "moralischen Gleichgewicht" (Erdmann) gerungen haben sollen, weshalb der Krieg nicht ihretwegen, sondern wegen der schicksalhaften Gleichzeitigkeit der europäischen Mächte- und Interessenkonstellation, wegen der "Verstrickung der Situation" (Erdmann) ausgebrochen ist, dient dem historischen Verständnis für frei erfundene Nöte der politischen Führung.

"Der Automatismus und die Schwerkraft der starren europäischen Bündnissysteme und der militärischen Operationspläne wirken, als der Krieg in der Julikrise droht, teils lähmend, teils kriegstreibend auf die politischen Führungen." (Werner Conze, Das Zeitalter der Weltkriege, in: Geschichte der Weltkriege)

Da sollen sich die politischen Führungen mit all diesen Kriegsplänen und -bündnissen ausgestattet haben, um sie keinesfalls einzusetzen. So werden die Subjekte des Krieges, die Politiker, zum Objekt und Opfer ihrer eigenen Taten, und in den Zentren der Macht wird nicht regiert, sondern nur reagiert.

Das Eintreten der europäischen Mächte in den Krieg wird nicht als Beschluß der zuständigen Leute gefaßt, sondern mit den unbändigen Naturgewalten eines Vulkans paraphrasiert: Der Krieg wurde nicht gemacht, sondern "brach aus", wurde "entfesselt" und "wuchs" sich aus zu einer

"Tragödie, in der nicht Recht gegen Unrecht, sondern Recht gegen Recht steht." (a.a.O.)

Imperialistische Kriegszwecke werden nicht verurteilt, sondern als friedliche Rechte hochgehalten - ein über die Alltagsmoral erhabener "Realismus" in Sachen Macht, mit dem Historiker für den Gang der Geschichte des Imperialismus Partei ergreifen. Wenn sie in diesem Zusammenhang die "Schuldfrage" wälzen, wollen sie nie etwas gegen Krieg gesagt haben; der gehört zur Geschichte wie das Amen zur Kirche:

"Immer führte uns in der Geschichte die Frage nach der Schuld auf das Problem der Macht." (S. Lauffer, Kurze Geschichte der antiken Welt)

Und die zeigt sich befangen im

"Geflecht mannigfacher Bedingungen und Verursachungen sozialer, wirtschaftlicher, politisc her und militäiischer Natur, aus denen sich der Weltkrieg ergab." (Erdmann)

Als ein mit diesen Argumenten der Geschichtswissenschaft Vertrauter soll man

"sehen, wie sehr die Zeit auf den Krieg hindrängte." (a.a.O.)

Macht und Gewalt der Staaten dienen demnach ihren in historische Herausforderungen verwandelten Zwecksetzungen, denen sich die Politiker verantwortungsvoll zu stellen haben. Die Schuldfrage ist eigens gestellt, um die Verantwortung gebührend herauszustreichen, der sich die Subjekte der Herrschaft angeblich verbunden fühlen. Dieser Ideologie zufolge kann es gar keine schuldigen Politiker geben - sie alle entschuldigt grundsätzlich ihr schweres Amt.

Doch damit nicht genug: Auf dieser Grundlage geht das geschichtswissenschaftliche Differenzieren los.

Die Mächtigen im Krieg: Die Großen und die Versager

haben nicht ihre Taten, sondern ihre Pflichterfüllung in der Ausübung ihrer Politik begutachten zu lassen. Zwischen Rechtfertigung ihres Tuns und besserwisserischen Vorwürfen an ihre Adresse bewegt sich die historische Bewertungsskala. Der von vornherein parteiliche Maßstab ist der, ob die jeweilige nationale Politik auch das befördert hat, was als Idee von der Rolle einer Nation in den Köpfen ihrer Historiker existiert. Gemäß diesem nationalen Sendungsbewußtsein sind Kriege in der Regel gut, wenn sie erfolgreich sind. Andererseits können militärische Erfolge, wie sie z.B. Bismarck für seine Reichsgründung brauchte auch ein bißchen bedenklich sein, insofern sie keine dauerhafte Größe Deutschlands konstituierten.

"Das Deutsche Reich war bereits 1871 ein Anachronismus, schon weil es an das mittelalterliche Reich anknüpfte, das seinerseits bei seiner Begründung vor einem Jahrtausend ein reaktionärer Anachronismus war, der 962 krampfhaft versuchte, ein damals schon über 500 Jahre lang totes Gebilde, das Römische Reich wieder zu restaurieren. ... Über der Chimäre des Reichs verpaßten die Deutschen in ihrer tausendjährigen Geschichte somit die Chance zur bescheideneren, aber solideren Existenz als Nation unter Nationen." (Geiss. Studien über Geschichte und Geschichtswissenschaft)

Auch Niederlagen können derselben Logik nach Siege der Nation bedeuten, insofern sie gestärkt aus ihnen hervorgeht, wie dies die Bundesrepublik als Erbin des Dritten Reichs neuerdings tut. Was jeweils der nationalen Bedeutung gutgetan hat und was nicht, ist seit jeher der Streitpunkt der Geschichtswissenschaft. Ihre Vertreter finden Jahr für Jahr neue Gesichtspunkte, an geschichtlichen Ereignissen herumzudrehen und sie auf den Sinn zu befragen, den sie für "die Nation" gemacht haben - zumal diese Idee ihrerseits im Laufe der Geschichte zeitgeistigen Einflüsterungen ausgesetzt ist, die sich von den jeweiligen Realitäten in und um Deutschland herleiten. Es sind praktische Wertzuweisungen, die Historiker der deutschen Nation heute etwas anders formulierte Aufgaben übertragen lassen, als dies vor 50 Jahren der Fall gewesen wäre. Wer hätte schon damals seine deutschen Ideale in der original bundesrepublikanischen Verpackung vorzutragen gehabt, es sei

"das alte deutsche Problem, wie die Deutschen im Zentrum Europas einen nationalen Status finden, der sie befriedigt, ohne ihre Nachbarn zu beunruhigen oder gar zu bedrohen." (a.a.O.)

Heute wie damals dieselbe anspruchsvolle Programmatik, das deutsche Recht in Europa zur Geltung zu bringen, doch eine Variation, diese Rechte nicht gleich "von der Maas bis an die Memel" gegen erklärte Gegner in Anschlag zu bringen, sondern sie den deutschen "Nachbarn" als "deutsches Problem" aufzumachen, an dessen Lösung sie gefälligst mitzuwirken haben, ohne sich "beunruhigt" zu fühlen. Im Bewußtsein überzeugender Erfolge bundesdeutscher Ostpolitik beim "Eindämmen" russischer Unrechtspolitik geht die historische Beurteilung dessen, was die Nation erfolgreich gemacht hat bzw. gemacht hätte, in der Bundesrepublik seit längerem "differenzierte" Wege: Daß Hitler Weltkrieg II total vergeigt hat, wird übel vermerkt, wenngleich ihm zugute zu halten ist, gewußt zu haben,

"daß die Bereitschaft, mit drei (!) (Anmerkung von Fritz Fischer) Großmächten gleichzeitig Krieg zu führen - Mächten, die nach ihrem Status Weltmächte waren -, eine maßlose Überschätzung der eigenen militärischen und öKonomischen Möglichkeiten bedeutet hätte... Das Räsonnement des Gefreiten des Ersten Weltkrieges, Adolf Hitler, der es zum Reichskanzler und Reichspräsidenten brachte, (erscheint) eher rational, weil er immerhin die Lehren aus dem Ersten Weltkrieg ziehen und den Zweifrontenkrieg vermeiden wollte, und, wie es die Reichsleitung vor 1914 ebenfalls versucht hat, die Neutralität Englands jedenfalls sehr lange anstrebte (und sich in der deutschen Flottenrüstung, anders als Tirpitz, in einem Agreement mit England rational erwies), auch wenn ihm am Ende beides mißlang." (F. Fischer, Juli 1914: Wir sind nicht hineingeschlittert)

Die Führer des Ersten Weltkriegs vergeigten zwar nicht gleich die ganze Nation, aber sie ließen es an Augenmaß für den Erfolg zur rechten Zeit fehlen, indem sie es "mit drei (!) Großmächten gleichzeitig" aufnahmen. Äußerst unklug!

Die "Kriegsschuldfrage"

Deutsche Historiker bemühen sich nun seit Jahrzehnten darum, zu ergründen, wie derart verantwortungslose Politik in Deutschland gemacht werden konnte. Wenn dabei von "Kriegsschuld" die Rede ist, meint das keineswegs, deutsche Politiker hätten die "Alleinschuld", wie dies die Siegermächte 1918/19 forsch verkündeten, sondern stellt sich mit wissenschaftlicher Redlichkeit einer "Frage", auf die ohne äußeren Anstoß kein nationalbewußter Historiker so ohne weiteres gekommen wäre. Deshalb untersucht er sie auch zielstrebig dahingehend, ob nicht einer der Kriegsteilnehmer im Verhältnis zu seinen Möglichkeiten zuviel Machtpolitik betrieben hat, ob es

"eine besondere Aggresivität des deutschen Imperialismus" (Erdmann)

gegeben hat oder nicht, Deutschland entsprechend schuldig zu sprechen ist oder nicht was sich allemal in die besondere Verantwortung übersetzen läßt, die auf Deutschland lastete und seinem Recht auf imperialistische Politik keinerlei Abbruch tut. Im Vergleich der Aktionen des Deutschen Reichs mit seinen eigentlichen "realpolitischen" Möglichkeiten, die der Historiker im Nachhinein natürlich immer besser kennt, gefällt sich historische Kritik. Das überschreiten der machtpolitischen Potenzen, das allerdings erst die Niederlage geschichtswissenschaftlicher Klugscheißerei offenbar werden ließ, gilt als Ausdruck einer von Anfang an zu offensiven Haltung: "Aggressivität" als Pathologie der Realpolitik. (Im Erfolgsfall heißt genau dieselbe Haltung erstaunliche Kühnheit!) "Nationale Verantwortung" betont schließlich jedes Vorwort, was noch verständnisvollere Vertreter des Fachs auf dem rechtfertigenden Standpunkt beharren läßt, daß es "den Deutschen" von ihrer imperialistischen Konkurrenz nun aber wirklich schwer gemacht worden ist. Kaum zu glauben, wie die

"Kriegsstimmung in Frankreich und in Rußland wächst",

während

"auf deutscher Seite kein Kriegsziel besteht"!

Offenkundige historische Lügen wie die, daß

"keine Rede davon ist, daß man auf deutscher Seite den Krieg vorbereitet hat," (W. Hubatsch, Deutschland im Weltkrieg 1914-1918)

dienen dazu, eine Ideologie vorzubereiten, die mit ihrem Präventivkriegsargument geständig wird:

'"Nur Deutschland hatte mit einem Zweifrontenkrieg zu rechnen, war also auf jeden Fall darauf angewiesen, den Angriffsplänen seiner Gegner zuvorzukommen, wenn es siegen wollte," (G. Ritter, Staatskunst und Kriegshandwerk),

weshalb seine Kriegsvorbereitungen "grundsätzlich defensiver, nicht-aggressiver Natur" gewesen sein sollen.

"Zu offensiv" heißt hier das Allzweckargument gegen die deutschen Gegner, das als Vorwand benützt wird, um der deutschen Aufrüstung den Segen einer bloßen Reaktion auf die Aufrüstung der anderen zu erteilen. Wenn der Sieg, die Niederwerfung des Feindes, als die beste Verteidigung angesehen wird, wogegen der sich natürlich genauso "verteidigen" will, ist klar, daß sich diese Ideologie vom Standpunkt des Feindes her genau andersherum liest. Nur für einen nationalistischen Verstand, dem der Inhalt der gegenseitigen Feindschaft sowieso egal ist, ist dies kein Zirkelschluß, und der schämt sich auch nicht, sich in seinem wissenschaftlichen Kommentar in nichts von der damaligen Kriegspropaganda zu unterscheiden.

Ad fontes

Für eine nationalgeschichtliche Betrachtungsweise ist es überhaupt bezeichnend, daß sie den puren Rechtfertigungen der Helden ihrer Geschichtsschreibung gezielten Glauben schenkt. So sollen die Tagebücher der beteiligten Politiker den nötigen Aufschluß über "Handlungsspielräume" und sonstige Eventualitäten seinerzeitiger Kriegsplanung geben: Die Jagd nach "authentischer" Einschätzung hebt an! Aus der Kladde des damaligen Kanzlerintimus Riezler soll die historische Wahrheit sprechen - den Ersten Weltkrieg hat niemand im Reich gewollt, aber in Rechnung gestellt und vernünftigerweise in Rechnung stellen müssen, weshalb über Annexionen selbstverständlich nachgedacht werden darf. Die Frage des Historikers ist dann nicht, was solches Nachdenken an politischen Rechtstiteln zum Vorschein bringt, für die sich ein imperialistischer Staat allzeit zu schlagen bereit ist, sondern ob er sorgfältig bedacht war. Wenn Historiker der Politik über die Schulter schauen, "entdecken" sie nichts als deren Sorgen, zu denen sie post festum gern noch einige hinzufügen, wgil sie ja die Wirkungen damaliger politischer Entscheidungen kennen. So entstehen absurde geschichtswissenschaftliche Kontroversen, deren bekannteste, die sog. "Fischer-Kontroverse", seit nunmehr über zwanzig Jahren um das Problem tobt, wie vernünftig kaiserliche Reichspolitik war. Fritz Fischer hat da so seine Bedenken, die er auf ein paar tausend Seiten breittritt.

Die Fischer-Kontroverse

"In der Stellung im Staatensystem gibt es Grenzen der Machtentfaltung, die nicht überschritten werden dürfen durch ein "Periklitieren" (um ein Bismarck'sches Wort zu gebrauchen) über das einem Staatswesen Zuträgliche und Mögliche hinaus... Schießlich hat das Deutsche Reich eine Politik geführt, die eine Überschätzung und eine Überspannung seiner Kräfte darstellte und (jetzt kommt's Argument) zu seinem eigenen und Europas Niedergang führte," (F. Fischer, Griff nach der Weltmacht)

Damit wie schon in seinen Titeln "Griff nach der Weltmacht" und "Krieg der Illusionen" ist Fischers Programm angegeben: Der Krieg war nicht das Resultat einer konsequenten Verfolgung des deutschen Staatsinteresses, welches denn auch explizit unangetastet bleibt

"Es geht in diesem Buch nicht um das Anprangern des deutschen Imperialismus..." (a.a.O.) -,

vielmehr soll er als "Griff" der mehr oder weniger zufälligen Personnage der damaligen Herrschaft ein Fehlversuch gewesen sein, eine Traumtänzerei, bei der nicht Millionen Menschen, sondern "Illusionen" auf der Strecke geblieben sein sollen. Fischer hält erfolgversprechendere Ratschläge bereit: Das Deutsche Reich hätte sich besser als Juniorpartner Großbritanniens weltpolitisch betätigt. Allein um diesen Punkt, ob und ggf. wie verbesserungswürdig deutsche Politik um 1914 gewesen ist, dreht sich der bekannte "Fischer-Streit".

Dabei durfte keine der vielen Gehässigkeiten fehlen, zu denen Professoren greifen, um sich ins Recht zu setzen. Fischer hatte mit seinen Thesen das Verantwortungsgefühl der Kollegen provoziert, die empört von einer "Selbstverdunkelung deutschen Geschichtsbewußtseins" (G. Ritter) sprachen und ihn unisono mit auf deutsche Ehre bedachten Politikern als verantwortungslosen Nestbeschmutzer beschimpften:

"Ich nenne es scHicht Landesverrat". (P.S. Schramm )

Fischer beklagte, man habe ihm Gelder für eine Vortragsreise in die USA gestrichen, auf der er die deutsche Ehre über zwei Weltkriege hinaus so gern selbstkritisch hochgehalten hätte.

Den Rest seiner Anstrengungen richtete Fischer dann auf die Frage, wie es zu dem illusionären "Griff nach der Weltmacht" gekommen ist, und dafür findet er selbstverständlich historische Gründe, die aber mehr außerhalb der Politik, im Reich der Psychologie liegen, im

"Ineinandergreifen von wirtschaftlichem Denken, emotionalen Elementen und Weltmachtstreben" (Fischer, Griff nach der Weltmacht),

wodurch eine gute Realpolitik verhängnisvoll verfälscht worden sei. Auch religiöse und biologische Irrtümer, mit denen die bekannten politischen Zwecke legitimiert wurden, sollen umgekehrt diese begründet haben:

"Zugleich aber verband sich die Vorstellungswelt weiter nationaler Kreise mit dem erst religiös, dann rassisch begründeten Antisemitiaus, durch den ein ganz neuartiger Nationalismus begründet wurde, der seit den 90er Jahren über den dynastischen Staat Preußen-Deutschlands hinaus völkisch-rassische Vorstellungen zu Wunsch- und Leitbildern machte." (a.a.O.)

Daneben soll es zu einer unguten "Identität von Wirtschaft und Politik" gekommen sein, die wegen des egoistisch-blinden Einflusses der Ökonomie die von Historikern erwünschte "realistische Politik" verunmöglichte:

"Die Nationalisierung der deutschen Unternehmer schichten führte aber leicht zu einer Überhöhung der politischen Krisen." (Fischer, a.a.O.)

Ausgerechnet wenn der Staat sein Weltmachtprogramm auf die politische Tagesordnung setzt (was dem Kapital sicher nicht unlieb war), soll er Opfer wirtschaftlicher Interessen sein - Krieg als dem Staat aufgeherrschtes Geschäftskalkül, weil es ihm an Souveränität gegenüber dem unternehmenden Teil der Gesellschaft gefehlt haben soll? Für den Historiker und sein Ideal einer Realpolitik, die alles im Griff hat, ist diese seine eigene Erfindung - Krieg aus Schwäche - ein Alptraum!

Zur Erklärung mangelhafter deutscher Stärke - so kann man einen wohlgeplanten und jahrelang durchgezogenen Völkermord also auch sehen - halten die Leute vom Fach die sog. "Sonderwegthese" bereit, die sich darauf beläuft, aus der Abwesenheit einer gescheiten Demokratie alles Üble in der deutschen Geschichte zu erklären, und diese Abwesenheit ist natürlich selber - wie könnte es anders sein - historisch bedingt.

"Die Deutschen waren die einzigen, die sich ihren Staat nicht von unten her im Bunde mit der Demokratie gegen die alten Mächte selbst schufen, sondern ihn aus den Händen dieser in der Abwehr der Demokratie dankbar empfingen!" (Fischer, a.a.O.)

Da hätte es also das deutsche Volk, das sich in einem Weltkrieg verheizen ließ, an innerer Bereitschaft fehlen lassen, diese Schlächterei als ihr eigenstes Anliegen zu empfinden? So blöd diese These ist, sie verrät, was Historiker an der Demokratie schätzen: ein williges Volk in der Hand einer staatlichen Führung.

Durch Krieg verführt!

Neben anderen hat Ulrich Wehler diesen dem Deutschen Reich gewiß nicht anzuhängenden Mangel gefügiger Gefolgschaft zu einer ganzen "Sozialimperialismus-Theorie" aufgeblasen. Reichskanzler Bethmann-Hollweg und Konsorten wußten demzufolge wegen ihrer konservativen Verstocktheit der immer schlimmer werdenden "innenpolitischen Desintegration" nicht anders zu begegnen als durch eine Ablenkung mit einem Krieg:

"Auch in Deutschland wurden die drängenden innenpolitischen Probleme mit nationalistischimperialistischer Kriegsbegeisterung verdrängt..." (Büssem/Neher, Die imperiale Expansion)

"Angesichts dieses ungelösten innenpolitischen Problems war es für die führenden Schichten des Reiches eine Versuchung, die Einigung der Nation mit den Mitteln der außenpolitischen Ablenkung anzustreben," (Erdmann)

Krieg war also eigentlich nicht nötig. Mit ihm ist Schindluder getrieben worden, weil er nicht für edle Staatszwecke, sondern zur Manipulation der Bevölkerung gedient haben soll. Auch hier das Ideal, das Staatsvolk geschlossen hinter der Fahne zu versammeln - für eine Politik, die nichts "verdrängt" und von nichts "ablenkt".

Im übrigen ist es eine alberne Konstruktion, zunächst gewichtige Teile des Volks zu innenpolitischen Problemfällen zu erklären, wenn sie dann so nationalistisch gesonnen sind, daß sie für größere Machterweise ihrer Herrschaft bereitwillig ihr Leben zu opfern bereit sind. Schließlich: Bei einem deutschen Sieg hätte sich der Manipulationsvorwurf von selbst zurückgenommen, weil der Erfolg den Winkelzug heiligt, das Volk mit einer großen nationalen Aufgabe zu einigen. Da dies nicht gelang - nach dem Krieg "brachen Unruhen" aus, die ein Historiker dem Reich lieber erspart hätte -, waren die deutschen Politiker unvermögend. Dieses harte Urteil ist im Verlauf des Wissenschaftsstreits mit Fischer von dessen Kollegen noch gründlicher gefaßt worden: Auch die deutschen Gegner hatten unfähige Führer, weil die den Krieg nicht verhinderten, der für "uns" so unglücklich ausging.

"Keiner der Veraiitwortlichen war ein Staatsmann von großem Format. Berühmt sind die Worte Lloyd Georges: 'Hätte es in Deutschland einen Bismarck, in Großbritannien einen Palmerstone, in Amerika einen Roosevelt oder in Paris einen Clemenceau an der Macht gegeben, dann hätte die Katastrophe vermieden werden können. ... Keiner der führenden Männer dieser Zeit hat den Krieg tatsächlich gewollt. Sie glitten gewissermaßen hinein, oder besser, sie taumelten oder stolperten hinein, vielleicht aus Torheit.'" (Erdmann)

Mitschuldige sind ausgemacht, die den Krieg doch eigentlich ganz zweckmäßig zu einem für sie erfolgreichen Ende gebracht haben. Ausgerechnet die sollen welche gewesen sein, die

"nicht wußten, was sie taten, und wohin der Weg führte, während sie glaubten, das für Ihr Land richtige zu tun". (a.a.O.)"

Gute Gründe für den Krieg

Nachdem die Kriegsschulddebatte auf den Punkt getrieben ist, allen Kriegsparteien Mitverantwortung zuzusprechen und Politik generell in ihre "hohe historische Verantwortung" (Fischer) zu entlassen, bleibt für die Historiker nur noch die ungemein zeitgemäße Feststellung, daß imperialistische Politik überhaupt das zahmste Ding von der Welt ist. Indem sie auf ihrer Verantwortung für die Welt besteht, ist sie "defensiv". Als "defensiv" gilt so auch das Deutsche Reich, weil es aus einem

"defensiven Willen zur Selbstbehauptung als Großmacht" (Erdmann)

ganz einfach zur gewaltmäßigen Austragung seiner weltweiten Interessen berechtigt war, was für die anderen natürlich genauso gilt. Nichts friedlicheres als die "Verteidigung" der außenpolitischen Interessen eines Staates, die er allein deswegen, weil er sie hat, auch entsprechend gewalttätig vertreten darf. Die Verteidigung einer Großmacht wird selbstverständlich etwas umfangreicher ausfallen müssen. Die brutalsten Gewalttaten eines Staats werden gebilligt, wenn dieser für sie - ein genügend großes Interesse ins Feld führen kann. Kein Zufall, daß immer die starken Staaten vom Historiker zu ihrem Militärarsenal die moralische Waffe des gerechten Kriegs dazugeschenkt bekommen. Über den darf vom kundigen Beobachter der internationalen Kriegsszene auch nur dann gelächelt werden, wenn er von minderen Potentaten und sonstigen Ayatollahs ausgerufen wird: Denen ist ja nichts heilig!

In den großen Kriegen geht es aber regelmäßig sehr ernst und moralisch einwandfrei zu, weil gute Gründe immer zu finden sind, wenn ein Staat beschließt, über einen anderen herzufallen.

"Alle fünf Mächte hatten gute Gründe, daß sie so handelten, wie sie handelten, und damit im Ergebnis Europa in einen selbstzerstörerischen Krieg gleiten (!) ließen, den so niemand (der Sieger doch wohl schon?) wollte." (Erdmann)

Gemäß dieser Lehren darf man den Krieg als "Irrungen und Wirrungen", als Sachzwang, Tragik, Ausweglosigkeit bei der Suche nach Lösungen, Scheitern der Diplomatie, Schwäche des Staates, als Notwehr oder Selbstbehauptungswillen einer Nation begreifen, dabei aber nie vergessen, daß er vor allem verantwortungsvoll geführt gehört und deshalb bei den Nationen am besten aufgehoben ist, die Gewähr dafür bieten, daß sie gestärkt aus ihm hervorgehen. Wo das berücksichtigt ist, stehen Historiker nicht an, ihre Krittelei an Kriegen hintanzustellen und sie als geniale Tat, Segen für die Menschheit etc. zu preisen. Hierin erfolgreiche Politiker bekommen das Etikett

"Die Großen" der Weltgeschichte

umgehängt. Ihre martialischen Großtatein werden ohne Wenn und Aber gefeiert. Für Friedrich den Großen z.B. reklamiert G. Ritter das höhere Recht des Starken:

"Wer nationale 'Lebensrechte'der Großvölker einfach leugnet, wer den Buchstaben des geschriebenen Rechtes für die einzige und letzte Instanz im geschichtlichen Ringen der Nationen hält, wer ihre jeweils zufällige (?) Machtverteilung für unantastbar erklärt, der vergewaltigt die historische Wirklichkeit und ist blind dafür, daß 'positives Recht' zu moralisch-politischem Unrecht werden kann, daß der Fluß des Lebens niemals stille steht und unter Umständen gewaltsam die Schranken veralteten Rechts sprengen muß. Aber ebenso blind ist, wer die schwere Verantwortung nicht sieht, die jeder Rechtsbrecher auf sich lädt."

"Ohne Verletzung historischen Rechts und gewaltsame Eroberung von Macht gibt es praktisch keine große Politik." (G. Ritter, Friedrich der Große)

Als ob sich der Preußenkönig jemals mit dem Problem herumgeschlagen hätte, ob er zum Rechtsbruch berechtigt wäre. Derlei Nüsse knacken ihm und der Nachwelt die nationalen Denker der historischen Wissenschaft: Was der Mann an Verantwortung trug! Darum ist er jetzt "der Große".

Die Ideologie der Kriegsschuldfrage, Krieg als ein zu rechtfertigendes Mittel der Politik rundum zu problematisieren, ehe er akzeptabel ist, trägt sich bei den kriegerischen Glanztaten der Nationalgeschichte direkt und schmucklos vor als Gewißheit, daß zugeschlagen werden muß. Die Verantwortung des Kriegsherrn besteht einzig und allein im Erfolg seiner Feldzüge; wenn er den auf seiner Seite hat, ist ihm die Rechtfertigung durch die Historie sicher. Alles andere wäre Miesmacherei.

Klar, daß mit diesem Kriterium der Historiker bei der Betrachtung des Kriegsverlaufs in die Rolle eines Schlachtenmalers schlüpft, um genüßlich militärisches Heldentum auszupinseln. Auch Niederlagen sind da nicht ohne Reiz, sofern sie Größe signalisieren. So kommen Napoleon und Hitler als große militärische Zuschläger zu einigem Recht, auch wenn sie ihre Kriegsziele nicht erreichten; denn ihr Scheitern läßt sich historisch auch als Durchgangsstadium zum Erfolg begreifen, der ihnen leider noch nicht oder nicht vollständig beschieden war. Weltherrschaftspläne hatten sie beide, Teilerfolge nicht zu knapp: Schließlich standen beide vor Moskau.

Der Vater aller Dinge - Kriegsgeschichte als Weltgeschichte

Mit der gemeinen historischen Weisheit, daß die Macht aus den Gewehrläufen kommt, wird neuerdings - eindeutiger Fortschritt der Faschismusforschung - dem Zweiten Weltkrieg einschließlich der Millionen umgebrachter Juden und der Ausrottung jeglicher Opposition durch die Nazis ein positiver Sinn zugesprochen.

"Wenn Adolf Hitler eines war, dann gründlich. Er vernichtete die Fundamente des traditionalistisch geprägten Widerstands gegen Modernität und Liberalismus ebenso vollständig, wie er die Strukturen des Rechtsstaats und der Demokratie zerstört hatte. Und weil sein Zerstörungswerk so gründlich war, hinterließ er dem deutschen Volk nichts, auf das es aufbauen konnte.

Es mußte wieder ganz von vorn beginnen, eine schwere Aufgabe..., der es nicht ganz orientierungslos entgegentreten mußte. Denn Hitler hatte es nicht nur wieder auf die Alternative zurückgeworfen, vor der es bereits ein Jahrhundert früher gestanden war, sondern hatte ihm auch die Erinnerung an das Schreckliche eingepflanzt und ihm die Wahl (?) leichter gemacht." (Gordon Craig, Deutsche Geschichte 1866-1945)

Bei einer Wissenschaft, die an der Gewalt aller Zeiten nur Positives finden kann - gerade auch dann, wenn sie ihren sinnvollen Gebrauch problematisiert - ist solch vollendeter Zynismus nicht weiter verwunderlich. Darin, wie sich ein Historiker der staatlichen Gewalt in all ihren Brutalitäten liebevoll angenommen hat, gilt er jedoch als abgeklärt, so daß es bei Freunden der Geschichte als Einsicht gilt, wenn die Weltgeschichte als eine kriegerischer Erfolge durchgegangen wird. Weltherrschaft heißt das Telos, und die eigene Nation soll dabei Punkte sammeln.

Wenn Deutschland aus eigener Kraft auch nicht zum Ziele gekommen ist, so hat es sich doch bleibende historische Verdienste erworben (und heute die richtigen Partner): Schade nur, "daß Hitler sich von jener von mir als 'Stufenprogramm' bezeichneten Abfolge der Etappen der Expansion leiten ließ, als er im Sommer und Herbst 1940 gegenüber allen 'Anregungen', den offen scheinenden Weg in den Mittelmeerraum, in den Nahen Osten und nach Afrika zu beschreiten, auf dem Vorrang der Ost-Lösung, d.h. Zertrümmerung der Sowjetunion zwecks Vernichtung des 'jüdischen Bolschewismus' und Gewinnung neuen 'Lebensraums' im Osten bestand." (Hillgruber, a.a.O.)

Die "Anregung" des bundesdeutschen Historikers, die "Ostlösung" erst etwas später auf die Tagesordnung zu setzen, wenn die"Etappen der Expansion" andernorts siegreich durchschritten sind, kommt zeitlich leider etwas spät, ist jedoch historische Lehre, wie Weltgeltung zu erringen ist. Herr Hillgruber hat jüngst die "Jalta-Frage" aufgegriffen, um mit dem Nachweis, daß der Ostblock ja nur ein Kriegsprodukt ist -

"...die im großen ebenso nüchtern-rationale wie brutal-verschlagene Zielstrebigkeit Stalins hat am Ende dennoch der Sowjetunion die bedeutendsten Gewinne gesichert." (Hillgruber, a.a.O.) -,

dafür zu hetzen, daß er jetzt auch wieder zu verschwinden habe. Die derzeitige Aufteilung der Welt bezeichnet er als "Mythos der Teilung der Welt", weil Abmachungen, wie die von Jalta nur als geschichtliche Etappen zu betrachten seien, die über sich hinausweisen, und leitet davon den Kampfauftrag heutiger Politik historisch ab:

"Das Recht der Westmächte auf 'Einmischung in Polen' beruht auf den Beschlüssen der Konferenz von Jalta. Noch ist trotz aller Versäumnisse die Chance zur Rückbesinnung auf die dort verkündeten Prinzipien nicht gänzlich vertan." (Hillgruber, in: Integral, 7.Jg. Nr. 1/2 )

Weit gefehlt also die Meinung, Historiker hätten nur nach Kriegen Buch zu führen.

Historiker lieben es, im Waffenrock die Weltgeschichte zu betrachten. Aus den Schützengräben staatlicher Macht erstatten sie Bericht über den jeweiligen Stand militärischer Erfolge. Movens der Geschichte sind Kriege, alle Aufmerksamkeit gebührt den Waffen. Die technische Entwicklung des Kriegshandwerks schreitet "vom Ritterheer bis zur Atomstreitmacht" unaufhaltsam voran. Der Waffentechnik, der Strategie oder genialem Feldherrntum verschrieben, lassen sie die Weltgeschichte als Fortschritt des Militärischen abrollen.

"Der Zweite punische Krieg ist in der Geschichte der Kriegskunst epochemachend", weil er "uns eine neue Taktik zeigt, deren technische Kunst den Römern binnen zwei Generationen die Weltherrschaft gibt." (Hans Delbrück, Geschichte der Kriegskunst)

Die "schiefe Schlachtordnung" und die "Phalanx" sollen Griechenreiche begründet haben. "Panzerreiter", das "preußische Zündnadelgewehr", die "englischen Tanks", "die Bombe" usw., all diese "technischen Künste" hätten Weltgeschichte geschrieben. Als würden die von selber gegen den Feind losgehen!

Schon gewußt?

Die Griechen haben für unsere heutigen abendländischen Werte gekämpft:

"Die welthistorischen Perspektiven des griechischen Sieges über die Perser sind fast unübersehbar. Dadurch, daß die Hellenen den Ansturm des Ostens meisterten, haben sie der politischen und kulturellen Entwicklung des Westens auf ein volles Jahrhundert hinaus Ziel und Richtung gegeben. Erst durch den siegreichen Freiheitskampf der Griechen ist Europa als Idee und Wirklichkeit geboren worden. Die Güter, für die einst die Griechen ihr Leben einsetzten, sind auch heute die höchsten Werte im Leben der abendländischen Menschheit." (H.Bengtson, Griechische Geschichte)

Der gute Karl Martell hat den gleichen Job 1000 Jahre später mit seinen Siegen bei Tours und Poitiers über die Araber erledigt:

"Der Hausmeier Karl hat die kaum aufkeimende Kultur des Westens vor Überlagerung und Einfrieren bewahrt." (K. Bosl, Europa im Mittelalter)

Wahnsinn, was da alles aus der Kälte kommt.