KEIN EINFÜHLUNGSVERMÖGEN FÜR RUSSEN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1983 erschienen.

Psychologische Feindbildtheorien
KEIN EINFÜHLUNGSVERMÖGEN FÜR RUSSEN

Immer auf der Höhe der Zeit, haben sich auch deutsche Psychologen ihre Gedanken zur westlichen Feinderklärung gegen die Russen gemacht und sich spätestens durch den Nachrüstungsbeschluß zu tiefsten Sorgen veranlaßt gesehen - was die wechselseitigen Feindbilder betrifft.

Die Feindschaft selber, die den von ihr diktierter Gemälden über die Untugenden des Gegners ja wohl vorausgesetzt ist, interessiert Psychologen allerdings nicht. Zwischenstaatliche Feindseligkeiten haben für sie vielmehr den Rang einer eher natürlichen Gegebenheit, zu der deren Urheber auch ihre Handlungen dann erst ins Verhältnis treten. Bezogen auf die Vorweltkriegslage hört sich das so an:

"Die irrationale Eskalation der Rüstungsschraube, wie auch die wechselseitigen Drohgebärden und versteckten (?) Aufrüstungsakte sind zunehmend mit unrealistischen (!) Verzerrungen und einer wahnhaften (!) Verschärfung der intemationalen Konfliktlage verbunden." (Appell von 3Z7 Psychoanalytikern aus BRD und Westberlin) FAZ v. 13.3.82)

Da entsteht die "internationale Konfliktlage" also nicht dadurch, daß der Westen die Russen zu Gegnern erklärt und sie entsprechend behandelt, sondern es gibt sie auch unabhängig von den Absichten ihrer Initiatoren, und die Russen sind Gegner auch jenseits ihrer so beschaffenen Definition durch die NATO. Von politischen Zwecken kann dann schon gar nicht mehr die Rede sein, weil selbst ein so praktischer Akt wie eine "Verschärfung der Lage" dem seltsamen Kriterium unterworfen wird, ob er denn dieser Lage - die er gerade verschärft - auch "realistisch" entspricht. Kurz und trostlos: Was für Psychologen hier zu erklären ansteht, ist überhaupt nicht die beklagte Rüstungseskalation, sondern der psychische Mechanisnus, der Menschen dazu bewwegt, sich in so "irrrationaler" Weise zum Gegensatz ihrer Staaten zu verhalten, daß sie zum bösen Ende statt eines "realitätsgerechten" Nebeneinander zwangsläufig bei der Rüstung landen. Diese theoretische Absegnung der Eskalation läßt schon kaum mehr das schöne Ideal der Vermeidung solch fataler Notwendigkeiten erkennen. Wie sich bereits bei der Betrachtung der

Vorurteile

herausstellt, die auf ihren Beitrag zum "Freund-Feind-Denken" hin befragt werden, sind das sehr hartnäckige Biester:

"Vorurteile bezeichnen eine hartnäckige negative Einschätzung von Personen, Personengruppen und Gegenständen. Der amerikanische Psychologe ALLPORT faßte das 1971 so zusammen: 'Von anderen ohne ausreichende Beprändung schlecht denken.'" (AG Friedenspädagogik, Das Bild vom Feind)

Diese Sicherheit, die Gedanken und Meinungen ohne Rücksicht auf ihren Inhalt gleich als praktische Stellungen bewertet und Vorurteile dann nach dem Kriterium der grundlosen Mißachtung anderer aussondert, hat es in sich. Ein Psychologe will zwischen den Gründen "hartnäckig negativer Einschätzungen" gar nicht unterscheiden, womit er erstens politisch ventilierte Einstellungen mit anderen Urteilen gleichstellt. Zweitens verwandelt er die sehr bestimmten Gegensätze, die dern Volk als beachtenswert nahegelegt werden - warum kennt man wohl das Vorurteil nicht, die Amerikaner würden kleine Kinder fressen? -, in den leeren Unterschied zwischen "einen" und "andern", die voneinander "schlecht denken". Und drittens sollen Vorurteile keinen "ausreichenden" Grund haben, als wären sie fehlerhafte Theorien über die Welt und durch ihre Stellung zum eigenen Gemeinwesen nicht mit "Gründen" aller Art ausgestattet. Wer sich allerdings zu der untertänigen Ausmalung staatlicher Urteile über andere Nationen als eigener Befunde über die Verfassung fremder Völkerschaften das Subjekt dieser Methode, den Staat, nur als ausführendes Organ unbegreiflicher Einstellungen seiner Untertanen vorstellen kann, der hat ein ganz eigenes Kriterium dafür, die inhaltsleer bestimmten "Vorurteile" doch auch zu identifizieren. Er beruft sich auf ihre Gültigkeit, die darin besteht, von anderen derselben Staatsangehörigkeit geteilt zu werden:

"Ein Vorurteil ist kein privates Urteil. ...(es) ist immer die gemeinsame Meinung einer Menschengruppe." (a.a.O.)

Und nrch bestimmter:

"Ein Prinzip, das den Ursprüngen von Vorurteilen und Diskriminierung zugrundeliegt, ist: Die Art der bestehenden Relationen" (ach die!) "zwischen Eigengruppe und Fremdgruppe erzeugt Einstellungen gegeneinander, die konstant mit diesen Relationen sind." (Secord/Backman, Sozialpsychologie)

Dieser Unterschied zwischen "eigen" und "fremd" existiert zwar nur dort, wo er gewaltsam hergestellt wird; und auch nur dann entstehen jene "Arten" von Gruppenrelationen", die auch den "Einstellungen" ihre Konsonanz verleihen - denn zu diesem Gedanken gehört schon auch ein Unterschied zwischen "Gruppe" und ihren Angehörigen. Aber eben weil es den Unterschied o gibt, gewinnt die alberne Tautologie den Schein eines Arguments und durch sie ihr staatlicher Garant den Schein eines Beispiels für noch ganz andere "Gruppenbeziehungen".

Da somit die Vorurteile zwar bedenklich, weil diskriminierend, zugleich aber die natürliche Grenze zwischen Eigenem und fremdem markierend sind, können sie nicht zufällig gelten.

"Vorurteile erfüllen psychische Funktionen. Sie dienen der schnellen (!) Orientierung und der Abwehr von Unsicherheiten und Angst. Denn (!) durch Vorurteile ist eindeutig festgelegt, wer Freund und wer Feind ist..." (AG Friedenspäd.)

Die vorgeblich vorurteilslose, Psychologie wird hier geständig. Sie dementiert ihre ganze Fiktion der über- oder nebenstaatlichen "Eigen-" und "Fremdgruppen", die einfach dieses Unterschieds halber die wildesten, bis zur Diskriminierung reichenden Vorurteile haben, mit der Vorstellung dessen, wozu diese Vorurteile gut sein sollen: o wird denn ein normaler Bürger mit dem Problem konfrontiert, wer Freund und Feind ist? Und gar noch in so prinzipieller Weise, daß er sogar eine "eindeutige Festlegung" nötig hat? Noch nicht einmal die Angst vor Strauchdieben besehwört dieses Problem herauf! Die Abgrenzung von anderen in der Form, daß man entweder für oder gegen sie sein muß, gibt es von vornherein nur als politische Forderung.

In ihrer Bewältigung als "psychischer Funktion" teilt die Psychologie denn auch den gewöhnlichen politischen Moralismus: Die Verkehrung von Vorstellungen über Freund und Feind (denen (Gutes und Schlechtes nachgesagt wird, eben weil sie einem in dieser Differenz bekanntgemacht worden sind) in Festlegungen darüber, wer Freund und Feind ist, macht aus den guten und schlechten Meinungen ja anspruchsberechtigte Wahrheiten.

Wenn ein Vorurteil über Russen tatsächlich der Grund dafür sein soll, daß sie als Feinde von den Freunden unterschieden werden, dann kann es ja kein Vorurteil mehr sein wie das, über Bayern und Preußen - irgendeine ganz und gar grundsätzliche Differenz zwischen "Eigenen" und "Fremden" muß es wohl zur Sprache bringen. Wenn ihm schließlich bescheinigt wird, das Freund-Feind-Verhältnis sei zu so etwas da wie der "Abwehr von Unsicherheit und Angst", dann erhält der Feind diesen Charakter ausdrücklich selbst uugeschrieben: Würde r einem nicht immer Angst machen, müßte er auch nicht auf seine "Feindrolle" festgelegt werden.

Feindbilder

will die Psychologie dennoch von den Vorurteilen geschieden wissen. Sie sind nämlich

"politische und soziale Vorurteile. Sie sind negative schablonenhafte Vorstellungen über außen- und innenpolitische Gegner. Freund-Feind-Bilder haben den Charakter von stark vereinfachenden Schwarz-Weiß-Klischees, die bestimmte Assoziationen hervorrufen und eine differenzierte Wahrnehmung der politischen und sozialen Wirklichkeit verhindern." (a.a.O.)

Wo das Voruiteil wenigstens noch als Meinung bewertet wurde, sanft getadelt, wegen seiner Hauptrichtung nach außen und "stabilisierenden" Funktion nach innen aber durchaus nicht ganz und gar zu verwerfen, sollen die Feindbilder wahre Denkblockaden sein. Das Kriterium dieser Unterscheidung ist wieder nicht der Inhalt dieser Vorstellungen -man käme sonst auf ihren Zweck und würde nicht die ihm entsprechende "Vereinfachung" als Wahmehmungsproblem betrachten -, sondern der identische Maßstab einer Überprüfung von Gedanken, die als praktische Standpunkte genommen und mit der "Realität" von Geboten und Unterscheidungen verglichen werden, deren Existenz der Psychologie zugleich jene natürliche Moralität verbürgt, die an der Stellung der Leute zu ihr bezweifelt wird. Die Anwendung dieses Kriteriums auf ein Feindbild bringt das Kuriosum hervor, daß erstens die Feinseligkeit - die man durch als mindestes Kennzeichen des entsprechenden "Bildes" vermuten sollte - gar nicht mehr zu erkennen ist. Weil das "politische Vorurteil" seinen Namen zu Unrecht trägt und die Politik es nicht bestimmt, sondern seinen maßstäblichen Gegenstand abgeben soll, charakterisiert es sich über lauter Kategorien, die "den Gegner" vor allem als sagenhaft leicht falsch zu beurteilen (weil "differenziert" usw.) und die "feindbildliche" Vorstellung von ihm als über die Maßen leichtfertige oder böswillige Reduktion des Gegners - auf sein pures Gegner-Sein! - qualifizieren. Somit wäre ein Feindbild im Grunde eine misglückte Würdigung des Feinds. Die existierenden Gegensätze innerhalb und zwischen Staaten, die dabei das nicht weiter befragte und selbstverständliche Tableau abgeben, werden zur höchsten Kunst verfabelt; und die sehr zweckmäßig den Leuten von ihrem Staat vermittelten Schwarz-Weiß-Malereien über seine Kontrahenten erscheinen, ohne ihren Zweck und gemessen an der Idee sorgfältiger Feindseligkeit, als sinnlos gewaltsame Klischees. Das bleibt zweitens nicht ohne Folgen, da damit nicht nur der "Realität", sondern auch der psychologischen Auffassung über eine funktionierende Wahrnehmung derselber widersprochen wird. Die wirkliche Wahrnehmung mag durch eine "Schablone" vielleicht interpretiert, aber kaum verhindert werden. Weil für Psychologen das Wahrnehmen jedoch "objektiv" sein soll = sich an der "Realitätsgerechtigkeit" des Denkens beweist, blamiert sich jenes mit dieser und das sprichwörtliche Brett vorm Kopf wird Wirklichkeit. So passen beide Seiten der psychologisch aufgespaltenen Feindlage zusammen: Während die gegebenen Feindverhältnisse der Politik ihre natürlichen Sittengesetze aufgeben, sorgt das Feindbild im Menschenkopf dafür, daß im Feind "nur noch" der Feind gesehen wird, das Sittengesetz erschüttert wird und die Frage entsteht, was denn bloß dafür verantwortlich ist - die staatliche Definition jedenfalls nicht. Altmeister Fromm hat uns für solche Fälle das Beispiel für den Schwund natürlicher Sittsamkeit im Verkehr mit politisch Andersdenkenden hinterlassen:

"Der Krieg in Vietnam bot genügend Beispiele dafür, daß viele (?) amerikanische Soldaten wenig Einfühlungsvermögen ihren vietnamesischen Gegnern gegenüber hatten." (Anatomie der menschlichen Destruktivität)

Der Schluß aus diesem Befund ist auch klar - wenn die Feindbilder so totale Schranken der menschlichen Denk- und Handlungsfähigkeit darstellen, daß einem schon nichts anderes mehr übrig bleibt als die Eskalierung der Feindschaft, dann muß in des heutigen oder überhaupt Menschen Seele eine Sicherung locker sein. Für diesen Nachweis scheuen die Psychologen keinen Aufwand, den in ihrer Definition von Feindbildern immerhin noch vorhandenen Hinweis darauf, ciaJß es um politische Feindschaften geht und verFeindete Bauern keine vereinfachten Klischeevorstellungen voneinander haben, endgültig zu tilgen. Sie erstellen

psychologische Feindbilder

über die Menschennatur, die eine einzige Entschuldigung sowohl staatlicher Kriegsvorbereitungen wie des gewöhnlichen Gehorsams sind. Sei es, daß

"Feindschaft entlastet nicht nur von persönlichen, sondern auch von nationalen Selbstwertkonflikten" (Richter, Zur Psychologie des Friedens),

was sie halbwegs verständlich und zu einem von Mensch und Nation geteilten Bedürfnis macht; oder umgekehrt die korrekte Frage "Warum bringen sich Menschen gegenseitig um, ohne sich zu kennen oder zu hassen?",

an der offensichtlich wird, daß ein Krieg nichts mit der Persönlichkeit, sondern dem Staatsbürgerdasein der Menschen zu tun hat, mit dem rein unverständlichen Satz - auf diese Frage - beantwortet wird:

"Aus paranoiden Ängsten und Ohnmachtsgefühlen, behauptet die Militärhistorikerin Sue Mansfield." (Psychologie heute 2/83)

Stets ersetzt, wie schon bei Vater Freud, die Vorstellung eines seelischen Haushalts, der (warum?) aus dem Gleichgewicht geraten ist und nun zur Entlastung, Aggressionsentladung oder Depressionsabwehr einen Ausweg sucht (warum gerade diesen?), die Kenntnisnahme, daß Menschen weder von sich aus wissen, an welchen Feinden sie ihren "psychischen Defekt" abreagieren sollen, noch gar ohne staatlichen Auftrag Kriege gegen alle Welt führen. So läßt sich die Sache auch herumdrehen und mit der ganzen schlechten Meinung über den Menschen ideell nach dem erzieherischen Wirken des Staates rufen:

"Der Mensch hat im Unterschied zum Tier keine instinktiven Hemmungen gegen das Töten von Artgenossen." (Lorenz)

Zwar mordet auch kein Mensch hemmungslos; will man für diese Hemmungslosigkeit allerdings den Staat einspringen lassen, der seinerseits Hemmungen beseitigt, so glückt auch folgender Vergleich:

"Die menschliche Spezies ist als einzige eine Spezies von Massenmördern (!), und der Mensch ist das einzige Wesen; das seiner eigenen Gesellschaft nicht angepaßt ist." (Tinbergen)

Und im Namen des von ihm selbst produzierten Anliegens kann der Staat die hemmende Aufgabe des Instinkts ebenso in die Hand nehmen wie die der "Anpassung". Eine einzige Frage bleibt noch offen: Wenn die psychologischen Feindbilder so universell sind, wieso unterscheidet sich innerhalb ihrer immer noch ein Amerikaner von einem

Russen?

Mit demselben Argument - dem überhandnehmenden Freund-Feind-Schema, das sich mehr Feindschaft zulegt, als es "eigentlich bräuchte", von wegen Gleichgewicht etc. - ist näinlich der Westler ein Gefangener dieses "schizoiden Kreislaufs":

"Denn sobald sich Menschen wie Rickover, Eisenhower, Carter... mit Atomwoffen einlassen, werden sie - Gefangene eines psychologischen Mensch-Waffe-Systems, in dem sie von den Waffen versklavt werden, nur noch im Rahmen ihrer Zerstörungskraft denken können..." (Lifton)

während der Ostler eine überschätzte Gefahr darstellt, indem

"auch heute die Bedrbhung,die real (!) von der SU (!) ausgeht, von der subjektiv empfundenen Bedohung stark abweicht." (AG Friedenspädagogik)

Dieser kleine Unterschied liegt eben daran, daß die psychologische Feindbildtheorie sich in der Trennung der subjektiven "Feindempfindung" und der objektiven "Feindlage" der hiesigen politischen Moral mit all ihren Bedürfnissen nach Einigkeit, Maßhalten, Frieden und sonstigen guten Gewissensgründen einer Kriegsvorbereitung bedient - um sie mit viel grundsätzlicheren Freisprechungen auszustaffieren. Wie käme ein Psychologe auch darauf, seine inhaltslosen Tautologien mit anderen Belegen zu versehen als solchen, die eh schon geglaubt werden?