KAPITALISTEN IM KREUZFEUER DER KRITIK

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1986 erschienen.
Systematik: 

Markt und Meinung
KAPITALISTEN IM KREUZFEUER DER KRITIK

51 Wochen im Jahr werden die Kapitalisten in aller Öffentlichkeit gefeiert und tragen den einen unwidersprechlichen Ehrentitel: "Arbeitgeber". Niemand versteht das dahingehend miß, ihr Beruf bestünde tatsächlich darin, möglichst allen Leuten ein ausreichendes Auskommen zu verschaffen.

Vielmehr wird die Abhängigkeit des Arbeitsvolks vom Geschäftsgang positiv gewürdigt: Ohne den Erfolg des Kapitalisten geht nichts, "also" muß man auch umstandslos für ihn sein. Darum ist es kein Widerspruch, wenn sich Kapitalisten ausdrücklich und rigoros der Produktion von Arbeitslosen widmen - es handelt sich ja um eine "notwendige Voraussetzung" ihres Erfolgs, und ohne den... wie gehabt. Für seine Bemühungen steht dem Kapitalisten übrigens Reichtum zu, sonst würde er es ja nicht machen.

1 Woche im Jahr wird freilich nur so über Kapitalisten hergezogen, denn - man glaubt es kaum - es finden sich auch in ihren Reihen Versager. Das sind solche, die sich wie ganz gewöhnliche Kapitalisten aufgeführt, aber nicht den erforderlichen Erfolg aufzuweisen haben. Das geht normalerweise ziemlich unbemerkt vonstatten; aber wenn sich große Kapitale vergaloppiert haben, dann kann die Öffentlichkeit ganz schön giftig werden und erbarmungslos auf der Normalität des Geschäfts herumhacken - damit es dann die restlichen 51 Wochen des Jahres so weitergeht.

Der Aussteiger

Wie anspruchsvoll die Nation mittlerweile ist, bekam Friedrich Karl Flick zu spüren, der nicht einmal erfolglos war, sondern dem einfach sein erlangter Erfolg reichte. Den Laden zu verkaufen und vom Erlös - wie zuvor auch - ein beschauliches Leben zu führen, ist zwar sehr normal im Geschäftsleben, aber im Fall Flick mit seinen 5 Milliarden schien allen eine gewisse Verächtlichkeit angebracht: "Flick braucht Geld für seine Blondinen" (Bild).

Nun weiß jeder, daß Flick seine Blondinen auch ohne den Milliardenverkauf anständig nähren und kleiden sowie sich hin und wieder eine neue leisten kann. Was der Nation aber nicht paßt, ist, daß zu Zeiten, wo Schicksalsfragen der ersten Güte anstehen, sich ein prominenter Kapitalist ganz ungeniert wie ein ebensolcher aufführt. Wenn Politiker täglich das Lebensrecht der Nation weit über die eigenen Grenzen hinaus proklamieren, wenn Pfaffen die unbedingte Unterwerfung des Lebens unter einen höheren Willen fordern und Militärs unverhohlen über die Zerschlagung des Feindes samt der dazugehörigen Opfer diskutieren, dann haben sich Kapitalisten auch hundertprozentig, nämlich als Wirtschaftsführer aufzuführen.

So muß sich Flick vorhalten lassen, daß er gemessen an seinem Vater, der ein ziemlich skrupelloser Kerl war und sich seine Firmen flott zusammenkaufte -

"Flick wurde von den Alliierten Siegermächten als "Kriegsverbrecher" zu sieben Jahren Haft verurteilt, von denen er drei verbüßte, sein westdeutscher Montanbesitz wurde mit Verkaufsauflagen belegt. Doch im Alter von 67 Jahren begann er ungerührt ein zweites Mal mit dem Aufbau eines Konzerns. Die Verkaufsauflagen erwiesen sich als hilfreich, da sich Flick nunmehr von der "alten" Montanindustrie abwenden und neuen, zukunftsträchtigeren Wirtschaftszweigen wie Fahrzeugbau, Chemie, Papier oder Kunststoff zuwenden konnte. Auch hier wurde er nicht als Gründer tätig. Er kaufte, verkaufte und tauschte Beteiligungen.

Friedrich Karl Flick, der das Imperium 1972 nach dem Tod des Vaters zunächst zusammen mit seinen Neffen und später allein übernahm, ist nie der ganz dem Konzern hingegebene Asket wie der Vater gewesen, im Gegenteil, er machte mehr Schlagzeilen in der Boulevardpresse." (FAZ, 7.12.85) -

eine ziemliche Nulpe ist:

"Der Sohn und Erbe, Friedrich Karl Flick, ist nicht aus dem Holz des Vaters geschnitzt. Wer ihn näher kennt, rühmt zwar seine Intelligenz und schätzt ihn als klaren und klugen Denker. Aber das erforderliche Maß an Selbstbewußtsein sowie die daraus folgende Sicherheit eines großen Unternehmers sind ihm nicht zu eigen. So hat der "junge" Flick die Beteiligung bei Daimler-Benz vermutlich nicht als einen Glücksfall empfunden, sondern eher als Klotz am Bein, der ihm manche lästig erscheinenden Sorgen und Pflichten einbrachte. Anders ist es nicht zu verstehen, daß seine erste und einzige wirklich unternehmerische Tat nach dem Tode des Vaters darin bestand, zwei Drittel des Daimler-Engagements zu liquidieren. Er erhielt dafür eine große Summe Geldes, die er - anders als im Falle Quandt kurz zuvor - nicht unmittelbar zwingend brauchte und die er auch nur zum Teil sinnvoll zu verwenden wußte, wie sich bald zeigte." (FAZ, 14.12.85)

Fazit, unisono: Weg mit Schaden - seine Milliarden seien ihm gegönnt. Glücklich wird er damit sowieso nicht, nachdem er so an seiner Bestimmung vorbeigeschrammt ist.

Der hochmütige Graf

Um einiges härter wurde die Kritik beim Ferdinand Graf von Galen. Der hat nämlich mitgemacht beim flotten Kreditevergeben und ist dabei reingefallen:

"Jetzt aber stürzt Galens Offenbarung die westdeutsche Finanzwelt in eine überaus gefährliche Situation. Die Nerven von Bankiers, Finanzministern und Notenbankchefs der ganzen Welt sind in jenen Monaten zum Zerreißen gespannt. Rund um den Globus hat die allzu freigebige Geldhergabe von leichtfertigen Kreditmanagern zu einer Schuldenkrise geführt, die bislang nur mittels ständiger Absprachen und verschwiegener Konferenzen zu bändigen ist. Alle Welt fürchtet den berüchtigten Reißverschluß-Effekt. Falls die notdürftig zusammengehaltene Kette aus weltweiten Kreditverbindungen reißt, sind die Folgen unabsehbar." (Alle Zitate aus SPIEGEL 2 und 3/86)

Seine Pleite gefährdete den ganzen solidarischen Schwindel seiner Kollegen, weswegen man schon immer gewußt hat, daß diesem Menschen nicht zu trauen ist. Er hat sich, groß wie er ist, immer in teuerste Maßanzüge gekleidet, die Tochter des Bankhäuptlings Hengst geheiratet, mit ihr ein "Traumpaar" aufgemacht und ungeheuren Charme verstrahlt, "rauschende Feste mit den Spitzen der Gesellschaft" gefeiert, und bei all dem noch immensen Erfolg gehabt und seine SMH-Bank ständig erweitert. Seine Kollegen haben ihm Geld en masse geliehen, weil sie ihn für ein Ideal von einem Banker hielten, und deswegen hat er auch immer noch mehr Erfolg gehabt. Also vergab er immer noch mehr Kredite in der irrigen Annahme, daß Banker damit ihr Geschäft machen. Irrig war die Annahme, weil sich bei ihm die - frisch erfundene - Trennlinie zwischen "Geschäftserweiterung" und "Unersättlichkeit" verwischt hat:

"Galen und seine Leute sind als Wertpapier-Bankiers derart erfolgreich, daß die Möglichkeit einer Fehlentscheidung in ihrer Gedankenwelt offenkundig keinen Platz hat. Die Aktien-Manager der SMH-Bank genießen in der internationalen Finanzwelt einen erstklassigen Ruf. Galen ist es gelungen, von anderen deutschen Bankiers neidisch beäugt, reiche Ölländer und Orientalen als Kunden zu gewinnen. So legt etwa die Abu Dhabi Investment Authority fast zwei Milliarden Mark über die SMH an.

Galens Erfolg wird bald mit der Wahl zum Präsidenten der Frankfurter Börse gekrönt. Doch die Geschichte ähnelt dem Märchen vom Fischer und seiner unersättlichen Frau: Die Bank soll noch schöner und größer werden. Neben dem Wertpapiergeschäft soll Geld mit Industrie-Krediten verdient werden."

Einmal hat er sich nämlich den falschen Kunden gesucht.

Der Parvenu

An den Boß der Baumaschinenfirma IBH, Dieter Esch, verkaufte er die ziemlich marode WIBAU AG, eine Maschinenfabrik, die die bislang hineingesteckten Kredite einfach nicht rentierlich machen wollte. Esch hatte sich einen Namen als Baumaschinen-Tycoon gemacht, und Galen setzt darauf, daß der die Firma sanieren und ihm seine Kredite letztlich doch vergolden wird. Er unterstützt also Esch mit zusätzlichen Krediten, um den Verlust abzuwenden und darüberhinaus an der weiteren Expansion des Esch zu profitieren. Dieses alltägliche kapitalistische Prinzip bekommt er nun von der Wirtschaftsjournaille als sein Versagen hingerieben. Er hätte diesen Verlust hinnehmen sollen, dann hätte er seinen Verlust abgewendet:

"Als alles zu spät ist, verteidigt sich Stryj mit dem Argument, daß die Bank diesen Aderlaß nicht überstanden hätte. Es ist eine Schutzbehauptung, die das Hasard-Spiel entschuldigen soll. In Wahrheit hätte die glänzend verdienende Bank eine Wibau-Pleite in zwei, drei Jahren verdauen können."

An Esch hätte ihm auffallen können, daß auch der einfach zu erfolgreich ist. Der kauft eine Firma nach der anderen und bedient sich dabei der üblichen Praxis:

"Der stete Neu-Erwerb von anderen Firmen ist für das junge Unternehmen lebenswichtig: Es fehlt ständig Kapital. Die beiden IBH-Gründer, die in der Kunst der Bilanz-Buchhaltung sicherlich zur Weltspitze gehören, nutzen ein verblüffendes System, das dem Mangel abhilft: Das Zauberwort heißt Bewertung.

Die Firmen, die sie schlucken, verfügen meist über umfangreiche Warenlager. Bei der Übernahme werden die Werte der unverkauften Maschinen drastisch herabgesetzt. Wenn dieselben Geräte dann in den Büchern der IBH erscheinen, können sie auf einen höheren Wert hochgeschrieben werden. Die Verwandlung, die ohne weitere Mühe Kapital schafft, funktioniert, als ob ein Zauberer die Baumaschinen mit seinem Stab berührt: Was in der alten Firma Ramsch war, funkelt im Reich des neuen Besitzers wie Gold. Dieses Verfahren ist im Wirtschaftsleben nicht unüblich."

Auch hat er "gelernt, wie wichtig eine tadellose Fassade im Geschäftsleben ist". Von "schlechten Zeiten" hat er sich nicht imponieren lassen, sondern sie als seine Chance aufgefaßt "Schlechte Zeiten sind Gründerzeiten" -, verzärtelt ist er in keinem Fall - "Mich schmeißt nur ein Weltkrieg um" -, er beeindruckt jeden mit seiner Unternehmernntur:

"Er dachte, er hätte in Drachenblut gebadet... Die Leute hören das Eis klirren, wenn ich vorbeigehe."

Die Journalisten sind begeistert, weil er ihnen immer so charmant von seinem Erfolg erzählt. Ein Staatsanwalt war etwas mißtrauisch, aber die höheren Chargen wissen, welche krummen Touren unabdinglich dazugehören:

"Ausgerechnet da kommt ein Staatsanwalt und serviert ein paar dröge Akten und Kontoauszüge, die angeblich auf eine zweifelhafte Vergangenheit hinweisen. Na wenn schon, ist die Reaktion in Ministerien und sogar bei Kollegen in der Strafverfolgung; wer weiß denn so genau, wie andere Wirtschaftsführer angefangen haben, die heute zu den Honoratioren des Staates gehören?"

Jetzt aber ist Dieter Esch auf die Schnauze gefallen, und jeder weiß genau, daß er eben immer nur krumme Touren geritten hat. Die "Bewertung" - ein Trick! Die "tadellose Fassade" - Fassade! Die markigen Sprüche - Sprüche! Die Journalisten, die ihm immer so gerne geglaubt haben, wissen nun - "er lügt"! Die begeisterten Ministerien - Roßtäuscherei!

Das Schlimmste aber: Dieter Esch ist darüber ein reicher Mann geworden. Der Vorwurf ist hart: Dieter wurde Kapitalist, weil er reich werden wollte. Dabei wird man doch reich, weil man Kapitalist ist. Während dem Grafen sein blaues Blut zum Verhängnis wurde, ist es bei Esch die letztlich doch unausrottbare "kleinbürgerliche Herkunft".

Die hätte er nur vergessen machen können, wenn er sich gleich mit der Deutschen Bank zusammengetan und n viel größerem Maßstab weitergemacht hätte. Dann hätte man ein Paradebeispiel von einem erfolgreiehen Kapitalisten vor sich, den man dann auch "Arbeitgeber" nennen kann.

Der Herr Jesus

Die Kritik des Kapitalisten entlang der Maßstäbe seines Erfolgs ist erlaubt und beliebt. Das heißt umgekehrt, daß jede Kritik am Kapital, die nicht umstandslos dessen Wohl im Auge hat, zurückgewiesen wird - und käme sie vom Vatikan.

Der versuchte kürzlich "Theologen, Politiker, Wissenschaftler und Praktiker der Wirtschaft" auf einem Symposium in Rom davon zu überzeugen, daß doch - zumindest ideell - höhere Werte als die des billigen Erwerbslebens zu gelten hätten, die römisch-katholischen nämlich. Großinquisitor Ratzinger wurde einigermaßen massiv:

"In den 'Naturgesetzen' des Marktes (erkannte er) einen Determinismus, der dem Menschen nur eine scheinbare Freiheit zugesteht und der die wirtschaftlichen Prozesse lediglich in einer Richtung vorantreibt, nämlich in jene der rein materialistisch definierten Effizienz". (NZZ, 1.12.85, deren Hervorhebungen)

"Nicht wenige Menschen betrachten ihr Christ-Sein als ihren subjektiven Bereich, wogegen sie im Berufsleben bedenkenlos (!) den 'Gesetzen' der Marktwirtschaft folgen."

Trotz verschwenderischer Bewirtung und Privataudienz beim Papst ließen sich die "Praktiker der Wirtschaft" von den vatikanischen Kaffeefahrtveranstaltern keine Bescheidenheit andrehen. Sie erinnerten vielmehr die Pfaffen daran, daß es mit dem verschämten Hinwegsehen über die etwas unbedachte Äußerung des Herrn Jesus, wonach ein Reicher durch kein Nadelöhr geht, nicht getan sei. Vielmehr solle die Kirche sich gefälligst mal eine Ethik zulegen, in der der Geldsack als göttliche Gnadenperson vorkommt - sonst müsse die Kirche damit rechnen, auf dem Markt der Meinungen von lauter Billigangeboten niedergebügelt zu werden:

"Weil es nicht eine Ethik gibt, sondern eben eine Vielzahl von Normensystemen, bleibt als Selektionsmechanismus, wenn von einem Zwangskonsum abgesehen werden soll (Ethik löffelweise?), nur der Wettbewerb übrig. Und dies würde für die Ethik der katholischen Kirche bedeuten, daß sie eben versuchen muß, sich gegen rivalisierende Ethikangebote durchzusetzen... weil die Glaubwürdigkeit von ethischen Leitbildern zunimmt, wenn sie Harmonie mit wirtschaftlichen Gesetzen und Handlungsmöglichkeiten anstreben."