KAPITALISMUSKRITIK STATT KRISENANGST

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Dieser Artikel ist in der MSZ 12-1987 erschienen.
Systematik: 

Der einzig sichere Börsentip:
KAPITALISMUSKRITIK STATT KRISENANGST

Verläßliche Auskünfte über den Börsenkrach beschränken sich eigentlich auf ein Datum. Der schwarze Montag 1987 war am 19. Oktober. Das Geschehen: An den wichtigsten Börsen der Welt fielen die Kurse der dort gehandelten Wertpapiere. Kundige Menschen haben errechnet, daß insgesamt etwa 500 Mrd. Dollar von irgendwelchen Aktionären verloren wurden.

Darüber hinäus liegen Meldungen vor, in denen Beteiligte und Betroffene, aber auch Politiker und Wirtschaftsfachleute das Ereignis beurteilen und deuten. Ganz hoch im Kurs steht die Frage, wie es dazu kommen konnte; andererseits beschäftigt so gut wie jeden Kommentator das Problem, welche Konsequenzen zu erwarten, zu befürchten und zu ziehen seien.

Der Diagnose, da müßten sich wohl einige Spekulanten verspekuliert haben, ist im Grunde recht zu geben. Ob es nun vorzugsweise "Yuppies", übermütige junge Freunde des schnellen Geldes, oder alte erfahrene Börsenjobber waren, wissen wir nicht. Letztere beschweren sich über den leichtfertigen Umgang mit Risikopapieren, der durch die rücksichtslosen Streber und die fühllosen Computer in ihre Welt gedrungen sei. Leider waren solche Klagen während des Booms an den Börsen nicht zu vernehmen, so daß dieser Grund keine übermäßige Anerkennung verdient. Mehr Mühe geben sich da schon die "Analysten" (!), die als Grund des plötzlichen Falls der Aktienkurse ermittelt haben, sie seien entschieden zu hoch gewesen, ja die Notierungen hätten sich vom "wirklichen Wert" der Papiere völlig entfernt. Leider können sie den Brokern auch nicht verraten, wie hoch der reale Wert einer Aktie ist und wie er sich errechnet; umgekehrt verraten sie mit ihrer Vorstellung von einem zur Aktie passenden Wert, daß sie nicht einmal wissen, womit an der Börse gehandelt wird.

Andere Diagnosen kommen zustande, wenn die Konsequenzen aus dem Krach besprochen werden. In Form von Forderungen, welche die Maßnahmen verschiedener Instanzen betreffen, kommen ganz nebenbei kleine Schuldzuweisungen in die Diskussion:

- Wenn Beteiligte am Finanzmarkt vom US-Präsidenten "leadership" und "klare Worte" verlangen, dann scheint ihnen dergleichen bei den Entscheidungen der letzten Wochen gefehlt zu haben. Dem läßt sich entnehmen, daß das Nachfragen und Anbieten an der Börse irgendwie vom Vertrauen n die Politik der Nation abhängt.

- Wenn die Finanzwelt einen anderen Umgang mit der Staatsverschuldung, mit den Zinsen und der Geldmenge einklagt, so scheint sich das "Mißtrauen", das mehr zum Verkauf als zum Kauf von Aktien bewegte, auf Daten aus dem Geschäftsbereich des Kreditwesens der Nation zu beziehen.

Dem läßt sich entnehmen, daß der Zustand des Nationalkredits ein Kalkulationsfaktor für die Börsenmenschen ist.

- Wenn im prompt anhebenden Dialog zwischen Regierung und Finanzwelt der Kurs der nationalen Währung als das Problem verhandelt wird, von dem vergangenes wie künftiges Vertrauen abhängt; wenn in diesem Zusammenhang das Handelsbilanzdefizit gerügt wird und zugleich andere Regierungen Vorwürfe serviert kriegen, dann scheinen die Börsianer zugleich über den Stand der internationalen Konkurrenz unsicher geworden zu sein.

Dem läßt sich entnehmen, daß Veränderungen des Erfolgs verschiedener Nationen, die n der Weltwirtschaft etwas bedeuten, das Auf und Ab an der Börse beeinflussen.

- Wenn schließlich sämtliche Anklagen und Forderungen in der Absicht vorgetragen werden, man wolle eine Weltwirtschaftskrise vermeiden; wenn mitten im Austausch von Vorwürfen zwischen den Nationen, denen die Finanz- und Wirtschaftspolitik der jeweils anderen gerade als das "Gefährliche" und Verkehrte und Untragbare gilt, die Entwarnung ertönt: "Im Unterschied zu damals findet ausgiebige internationale Kooperation und Beratung statt" - dann scheint sich an der internationalen Konkurrenz m Kredit mehr zu entscheiden als der künftige Geschäftstrend der Börse. Die Aktienspekulanten sind offenbar nicht die einzigen, die auf Vertrauen angewiesen sind - obgleich sie als einzige nur vom Kredit leben und an ihm verdienen, solange ihn andere stiften.

Von den angeführten, durch alle Medien bekanntgemachten Fakten und Auseinandersetzungen auf dem weiten Feld von Business und Politik bleibt für demokratisch betreute Zeitgenossen die wenig anheimelnde Botschaft über das Spekulationsgewerbe unüberhörbar:

- Mit ihrem Crash erzeugt die Börse weltweit Angst vor dem, nach dem Krieg, zweitgrößten annehmbaren Unfall, den der Kapitalismus immer einmal wieder bereithält. Sie verlangt vom Rest der Welt jede Menge Sicherheit, weil sonst die Krise droht - und ihre Sprecher und geschulten Betreuer finden gar nichts daran, daß die drohende "Unordnung" des Geschäftslebens davon ihren Ausgang nimmt, daß ein paar hundert Spekulanten ein paar Nullen vor dem Komma vergeigt haben. Daß ihre Sorgen um das Mißlingen ihrer Geschäfte allemal die der ganzen Menschheit, der Regierenden zuallererst, ausmachen, kommt ihnen sehr normal vor - obwohl die meisten Menschen nie im Leben in eine Börse kommen.

- Das ist zwar nicht sehr vernünftig, wirft aber die Frage auf: Was befähigt die Börse zu solch enormen Wirkungen, auf welchen Leistungen beruhen ihre Verdienste, was fehlt im Falle ihrer Verluste? Kurz: Worin besteht ihr Geschäft?