JUDEN, CHRISTEN UND NAZI-ERBEN IM DEMOKRATISCHEN DIALOG

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1987 erschienen.

2 erbauliche Staatsbesuche
JUDEN, CHRISTEN UND NAZI-ERBEN IM DEMOKRATISCHEN DIALOG

Pastoralreise Nr. XXXIV:

Hingebungsvolles. Gebet in Großaufnahme; für die Arbeitslosen ein paar Phrasen mit dem Tenor "unschuldig in Not geraten - wie schlimm!"; Aufrufe zur moralischen Abstraktion "Verzicht" und gegen jeglichen Materialismus in ihrer dorfpfarrherrlichen Elementarform; die pfäffisch-schlaue Verknüpfung zwischen Friedensbewegung und Abtreibungsverbot - gegen die Bundeswehr, die, wie man weiß, größte Friedensbewegung in diesem unserem Lande, ist noch keinem Kardinal der Einwand eingefallen, ihr Auftrag wäre unglaubwürdig, solange noch ungeborene Embryos geschlachtet würden -; ein nicht enden-wollender Personenkult und ein kräftiger Schwall von Kirchenmuff und öffentlicher Frömmelei auf allen Kanälen: Wer sich etwas anderes vom Papstbesuch erwartet hat, ist selber schuld. Bleibt allenfalls eins zu klären: Der Beitrag, den zwei Seligsprechungen zu dem Thema

Papst und Nazis

geleistet haben.

Beantwortet wurde damit erstens die bescheuerte Frage, die einmal aufgeworfen wurde, um die Kirche in ihrem distanzierten Einverständnis mit der nationalsozialistischen Staatsgewalt nicht zu kritisieren und ihr statt dessen im guten Glauben an ihren eigentlich oppositionellen Standpunkt am Zeug zu flicken: "Durfte der Papst schweigen?" Die Antwort ist gerechterweise genauso bescheuert: Jetzt jedenfalls tut der Papst das Maul auf!

Zweitens wurde klargestellt, daß die Kirche die greulichen Seiten der NS-Herrschaft genauso, jedenfalls nach demselben Verfahren interpretiert wie die Regierungschristen in Bonn, wenn sie sich nebenher als Weißwäscher der deutschen Vergangenheit betätigen, und wie unser Präsident, wenn er mal wieder eine große Rede zu dem Thema hält. Das Rezept heißt: Man stelle sich ideell auf den Standpunkt des hoffnungslos ausgelieferten Opfers. Dieser Standpunkt ist moralisch sehr schön, nämlich unanfechtbar gut: Wer wirklich gar nichts mehr tun kann, der ist auch nicht kritikabel. Diesen Standpunkt einzunehmen, ohne hilfloses Opfer zu sein - sondern als von vorn bis hinten hofierter Kirchenfürst oder als Machthaber, aber auch als selbstbewußter Bundesbürger minderen Ranges -, ist daher zwar ein widerliches Betrugsmanöver, mit dem bloß alles, was man tut, der Kritik entzogen wird. In der Phantasie den Standpunkt "Ärmsten der Armen" zu teilen, kostet nichts, ist der sicherste Weg zu einem guten Gewissen und taugt für sonst gar nichts. Aber: Das ist ja gerade der Witz! Ausgeschlossen ist damit nebenbei auch jeder kritische Gedanke über die Gründe der Täter von einst (und jetzt): Wenn die Vorstellungskraft ganz dafür in Anspruch genommen wird, Entsetzen zu fingieren, dann bleibt fürs Begreifen kein Platz, und zu einem Grund für vernünftigen Widerstand kommt es erst gar nicht. Aber genau darum geht es ja nebenbei auch!

Drittens bewährt sich in diesen Seligsprechungen die Unverwüstlichkeit der christlichen Heilsbotschaft: Weil Frau Stein es angeblich fertiggebracht hat, ihre persönliche Ausrottung im Sinn einer göttlichen Zweckmäßigkeit zu deuten - pikanterweise als "Sühne" für ihr "jüdisches Volk" von wg. "Gottesmord" -, darf fortan ganz Auschwitz als Beispiel für die christliche Dialektik von Grauenhaftigkeit und Sinnerlebnis gelten: Je Opfer, desto Gott. Der Zynismus dieses Trosts ist sogar der "Süddeutschen Zeitung" in einem Kommentar drei Zeilen lang aufgefallen. Ohne ihn ist das Christentum aber gar nicht zu haben; denn darin besteht es.