IM KREML TUT SICH WAS - WIR PRÜFEN, VERTEILEN DIE ZENSUREN UND ENTSCHEIDEN ÜBERS VORRÜCKEN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1987 erschienen.
Systematik: 

IM KREML TUT SICH WAS - WIR PRÜFEN, VERTEILEN DIE ZENSUREN UND ENTSCHEIDEN ÜBERS VORRÜCKEN

Unser Feindbild war jahrzehntelang in Ordnung. Führung und Volk im Osten haben wir theoretisch voll im Griff gehabt. Wir haben ihnen ihre Gefährlichkeit bescheinigt, ihre Unreife und ihren Hang zum totalitären System. Den Freiheitsdurst der Massen haben wir genauso registriert wie ihren Opfermut und ihren braven Charakter. Kein Zug der östlichen Menschennatur, der regierenden wie der regierten, ist uns verborgen geblieben. Wir haben genau Bescheid gewußt um die ziemlich begrenzten Möglichkeiten derer drüben, es hat uns bedrückt zu merken, wie sehr sie uns brauchen. Und wir konnten auch nicht übersehen, daß sie von unserer Seite kaum mit Verständnis rechnen dürfen, daß sie es sich selbst zuzuschreiben haben, wenn sie sich unsere Feindschaft zuziehen.

Unsere Feindschaft lag stets in unserem Interesse, dem der Ostblock ökonomisch einfach nicht dienstbar sein will und dem er durch sein Militär empfindliche Schranken setzt. Unser Feindbild zehrte jahrzehntelang von der Grundlüge seiner Konstruktion: Diese besteht darin, nicht die eigenen Maßstäbe in kulturellen, wirtschaftlichen und politisch-militärischen Belangen für unsere Verachtung und unsere Feindschaft verantwortlich zu machen, sondern die östliche Staatenwelt, die sich vor unseren selbstverständlich völlig intakten Ansprüchen blamiert und ihnen nicht nachgibt. Nach diesem freiheitlichen Denkmuster haben wir die Jugend in den Schulen und die Zeitungsleser daheim mit Material versorgt, von dem wir gar nicht genug über den gar nicht so eisernen Vorhang haben herüberschleppen können.

Und jetzt dieser Gorbatschow mit seiner "glasnost", seiner Kritik an Führung und Volk, seinen freigelassenen Dissidenten und seinen ewig neuen Abrüstungsvorschlägen!

Unser Feindbild in Gefahr, weil Material vorliegt, dem es nicht standhält? Unser Recht auf Einmischung in, Einfluß auf und Politik gegen den Osten verwirkt, weil die Führung im Kreml alles anders macht, als wir es gewohnt waren?

Mitnichten. Beim Prüfen und Beurteilen spielt allemal das richtende Subjekt die wichtigere Rolle gegenüber den Tatsachen, und die Beweispflicht liegt schließlich beim Angeklagten, auch und gerade dann, wenn er sich bessern will. Dieses Rezeptes eingedenk legen westliche Beobachter dieser Tage Zeugnis ab von der Freiheit, in der sie ihre Meinung bilden.

Das darf doch nicht wahr sein!

Eine schlichte Kenntnisnahme der Geschehnisse im Kreml ist es nicht, wenn sich westliche Kenner und Deuter der Weltpolitik wundern. Sich erstaunt zeigen ist nämlich die Kundgabe einer subjektiven Betroffenheit, die eine vertraute Erfahrung, eine bislang vorhandene Sicherheit in schreiendem Gegensatz zu einem Geschehen wähnt, das die Qualität von etwas Unbegreiflichem, Unglaublichem, zutiefst Zweifelhaftem zugesprochen erhält. Die Zweifel gelten hier einem auf der Anklagebank.

"Ob die Veränderungen in der sowjetische Innenpolitik Episode bleiben oder der Anfang einer dauerhaften Abkehr des Sowjetsystems von seinen tyrannischen Praktiken sind, ist einstweilen unklar. Denn diese Praktiken sind nicht einfach historische Verirrung, sondern gehören zum Wesen diesseitiger politischer Heilslehren... Jedenfalls sind die Veränderungen der vergangenen Monate beachtlich." (FAZ, 14.2.)

"Unter Michail Gorbatschow kommen Dissidenten aus den Lagern. Wunderbarerweise werden Parteizeitungen zur lesenswerten Lektüre. Verbotene Bücher, Filme und Theaterstücke dürfen an die Öffentlichkeit. Wissenschaftler, auch solche, die sich mit der Gesellschaft befassen, dürfen nicht nur frei denken - sie sollen es sogar. Auf Lebenszeit garantierte Funktionärsposten werden unversehens zu Wahlfunktionen... Es ist vom Markt die Rede... Das Monopolrecht, Amtsinhaber zu kritisieren, wird vom Politbüro in Maßen ans Parteivolk delegiert. Unerhörte Ereignisse..." (Frankfurter Rundschau, 12.2.).

"Gorbatschow hat die Welt bereits verändert... Täglich kommen 'heue, hoffnungsträchtige Botschaften aus den Mauern jenes Kreml, der als Bollwerk aggressiver Gewalt gegolten hatte und nun als Gedankenlaboratorium in Erstaunen versetzt." (Spiegel, 23.2.)

"Dramatisches bewegte sich im Kommunismus. Ein als verkrustet abgeschriebenes System schien seine Kritiker Lügen zu strafen, die es schon auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen hatten." (Stern, 8.1.)

"Erweisen sich jetzt alte Ansichten über die Aggressivität der sowjetischen Diktatur als Vorurteil, als Hindernis auf dem Weg zu einem friedlicheren Europa? Ist es notwendig, sich von alten Vorstellungen über die Sowjetunion zu lösen?" (FAZ, 14.2.)

Das kann doch wirklich nicht wahr sein. Wenn wir bislang haargenau gewußt haben, daß "tyrannische Praktiken" da drüben "zum Wesen" gehören, weil wir den Kreml nun eben einmal als "Bollwerk aggressiver Gewalt" definiert und zumindest im Geiste schon auf dem "Müllhaufen der Geschichte" abgelegt hatten, dann ist der bisher von uns vertretene Schwachsinn auf eine ernste Probe gestellt. Daß z.B. ein Programm für "diesseitiges Heil", wie z.B. Volkswohlstand, unvermeidlicherweise und auf Ewigkeit in "tyrannischen Praktiken" enden muß; daß drüben nur auf Kommmando gedacht wird, Parteizeitungen niemals gelesen werden; und daß das alles so sein muß; weil sich sonst nämlich der Freiheitswille des Volkes Bahn brechen würde. Irgend etwas muß an unserem Geschwätz von gestern doch dran gewesen sein; also schreiten wir zur Kunst des Dementis. Wenn es etwas gibt, was nicht wahr sein kann; wenn die Russen etwas tun, was sie wesens- und -systemmäßig gar nicht tun können, dann haben wir recht und kennen auch schon wieder die Gründe.

Grund Nr. 1: Es ist einfach sensationell, und das hätte niemand voraussehen können.

"Es ist buchstäblich atemberaubend, was derzeit in der UdSSR geschieht - und es war, selbst für die größten Optimisten oder die abenteuerlichsten Kremlastrologen unvorhersehbar." (FR, 7.3.)

Grund Nr. 2: Es ist ja auch wieder vollkommen logisch - das ist er, der wirtschaftliche "Offenbarungseid", das eingestandene Scheitern des anderen Systems, das wir ihm ja schon immer angedichtet haben:

"Genaugenommen ist die sowjetische Schwäche längst in eine historische Dimension hineingewachsen - die Sowjetunion ist heute nur noch eine wirtschaftliche Mittelmacht. Zweite Supermacht ist sie nur noch durch ihre gewaltige Hochrüstung, aber kann sie die auf die Dauer aufrechterhalten?...

Springt also die KPdSU unter Gorbatschows Führung Schritt für Schritt über den eigenen ideologischen Schatten, weil selbst der 'Nomenklatura' Rußlands Zukunft letztlich mehr bedeutet als Marx und Lenin...?

Um das Ganze so einfach auszudrücken wie die sowjetische Absicht nun einmal ist: Gorbatschow versucht, den Machtverfall der Sowjetunion mit westlicher Hilfe zu stoppen. Er möchte westliche Firmen mit lukrativen Zins-, sprich Rentabilitätschancen dazu verführen, den wirtschaftlichen Rückfall der Sowjetunion zu stoppen." (Süddeutsche Zeitung, 10.12.)

Der Grund hat nur den Haken, daß der Sowjetunion auf absehbare Zeit hinaus nicht Baumaterial und Geld für die Raketen ausgehen. Bankrott in diesem erbaulichen Sinn ist der reale Sozialismus leider gar nicht. Und Gorbatschow unternimmt auch alles andere, als im Westen die wunschgeträumte Bankrotterklärung abzuliefern und um Entwicklungshilfe zu bitten.

Grund Nr. 3: Die Russen konnten die Stimme Amerikas nicht mehr üb-erhören.

"Zum anderen scheint der Kreml-Chef zu glauben, daß es vorwiegend Washingtons Fixierung auf innere Probleme der Sowjetunion sei, die diese in amerikanischen Augen als Feind erscheinen lasse. Gorbatschow zieht jedoch aus seiner unscharfen Analyse richtige Schlüsse: In Rußland weht der Geist jetzt etwas freier, und für viele Dissidenten haben sich die Gefängnistore geöffnet." (SZ, 7.2.)

Beziehungsweise Gorbatschow hört jetzt auf Sacharow, weil wir ihn immer darauf gestoßen haben:

"Wann immer der neue Mann im Kreml mit einem Besucher aus dem Westen sprach, wo immer er im Ausland gute Figur machte, stieß er auf den Namen... Verbürgt ist, daß Gorbatschow bei der Beschäftigung mit den Unterlagen der Sacharow-Affäre brisante Reformvorschläge kennenlernte... Überspitzt ließe sich sagen: Er erkannte in Sacharow einen Bruder im Geiste..." (Spiegel, 1/87)

Insofern ist Grund Nr. 3 eigentlich so ziemlich dasselbe wie Grund Nr. 4: Denn, daß sie Demokratie und Marktwirtschaft bräuchten, haben wir bzw. Sacharow den Russen ja schon immer gesagt. Und daß sie mit ihrem totalitären Charakter auf unseren guten Rat nicht hören konnten und wollten, haben wir auch schon immer gewußt. Grund 4 dagegen heißt schlicht und ergreifend: Gorbatschow und ist im Grunde dasselbe wie Grund Nr. 1.

Der Mann ist einfach ein Hammer. Eine Art Luther.

"Die strukturelle Parallele mit dem Wittenberger Reformator ist auch in anderer Hinsicht verblüffend... Das ist ein Prozeß, der nicht absehbar ist...; ein 'Aufbruch ins Unversicherbare' (H.E. Nossack), der um so kühner erscheint, als er den Bruch mit einer jahrhundertelangen Geschichts-, Kultur- und Gesellschaftsverfassung Rußlands bedeutet, in welcher der einzelne nichts, die Obrigkeit alles war..." (FR, 7.3.)

So umständlich gerät der Ausdruck der widersprüchlichen Mitteilung, daß man einerseits platt ist, andererseits genau Bescheid weiß. Schwer fällt es diesen Problematikern ihres Verhältnisses zum Osten nicht, auszüdrücken, wie schwer es die Russen haben, sich nicht mehr unter ihr Feindbild stopfen zu lassen.

Ein Experiment, also mit zweifelhaftem Ausgang

Bei aller Sensation, wir haben die Sache naturlich theoretisch voll im Griff. Statt alten Feindbilddogmen von einem unwandelbaren, "verkrusteten System" kleinlich hinterherzurechnen, ist es doch viel praktischer, die paar Widersprüche denen drüben zuzuschreiben, die gar nicht wissen, welche Unmöglichkeiten sie sich eigentlich vorgenommen haben:

"Selbstverständlich läßt sich Gorbatschow auf ein paradoxes Vabanquespiel ein: die monolithische, von mannigfachen Kontrollnetzen verschnürte sowjetische Gesellschaft Stück für Stück aufzulösen." (FR, 7.3.)

"Bei den engen Grenzen, die durch die zentrale Planwirtschaft und durch das Übergewicht des Staatseigentums gegeben sind, ist es gewissermaßen eine Quadratur des Zirkels, wenn Gorbatschow bestrebt ist, die Intensivierung der zentralen Planung und Leitung mit der weitgehenden Dezentralisierung der operativen Verwaltung mit Ansätzen zu einer Art Arbeiterselbstverwaltung zu verbinden." (Boris Meissner, FAZ, 28.2.).

"...Indiz für Ansätze, Polizei und Justiz auf eine gewisse Gesetzlichkeit zu verpflichten. Der Generalsekretär stößt mit dieser Reform an die Grenze des Realisierbaren." (Spiegel, 1/87)

Abwegig der Gedanke, daß der Generalsekretär vielleicht etwas ganz anderes vorhat, als paradoxe Vabanquespiele zu spielen, seine Gesellschaft aufzuschnüren oder die Grenzen des Realisierbaren auszuprobieren. So wird die Debatte doch erst richtig produktiv, ein einziger Auftrag zu unentwegter Spekulation, ob das gutgeht, ob das denn überhaupt gutgehen kann.

Wenn die Russen nämlich zur Zeit etwas beschließen, könnte es doch bei deren Charakter auch wieder ganz schnell vorbei sein:

"Er nützt den Zeitgeist der 'Glasnost', der Transparenz, um jetzt zu sagen, was man in Zukunft vielleicht nicht wieder sagen kann." (FR, 23. 1.)

"Die Gefahr besteht auch nach dem Plenum weiter, daß die angekündigten und teilweise bereits in der Praxis umgesetzten Reformen Gorbatschows wie jene unter Nikita Chruschtschow und später unter Leonid Breschnew im Sande versickern, weil sie halbherzig waren und torpediert wurden." (FR, 4.2.)

Halbherzig ist nämlich der Generalsekretär selber schon - er denkt gar nicht daran, sein komplettes System zu kippen, wie er doch eigentlich will oder zumindest wollen müßte:

"Die Antwort darauf kann keine eindeutige sein, weil Gorbatschow trotz seiner erfrischend deutlichen Sprache fast jeden seiner zunächst erstaunlich anmutenden Hinweise auf die Notwendigkeit einer 'Demokratisierung' von Gesellschaft und Partei sofort wieder im Sinne des bestehenden Systems relativierte." (FAZ, 29.1.)

Oder er will doch, und es ist nur eine Machtfrage, die täglich von neuem ausgelotet werden will:

"In atemberaubendem Tempo versucht Parteichef Michail Gorbatschow, das erstarrte System und die lahmende Wirtschaft der Sowjetunion umzugestalten... Doch der Widerstand der Funktionäre und das Beharrungsvermögen des Apparats sind stark. Der Revolutionär wird ungeduldig: Noch ist offen, wer siegt." (Spiegel, 23.2.)

Hat er jetzt die acht oder verspielt er sie gerade - das fragt sich der Scharfsinn der Kommentatoren.

"...regt zu Spekulationen an. Läßt sich die Tatsache, daß die Initiative 'im Namen der sowjetischen Führung' verkündet, das kollektive Element also hervorgehoben wurde, als Schwächung Gorbatschows interpretieren? Oder muß man den Vorgang gerade gegenteilig deuten, nämlich als eine Stärkung Gorbatschows, dem es gelungen wäre, die politische und militärische Führung auf seine abrüstungspolitische Linie zu verpflichten?" (FAZ, 3.3.)

"Bei allem Schielen auf die Publizitätswirkung im Westen nimmt Gorbatschow wohl auch innenpolitische Risiken auf sich, fährt einen neuen Kurs, der in der trägen, selbstzufriedenen und rasch zu Repressionen bereiten Sowjethierarchie gewiß nicht nach jedermanns Geschmack ist. Der Schluß kann allerdings auch umgekehrt gezogen werden: die Macht des Generalsekretärs ist nach knapp zwei Jahren bereits dermaßen abgesichert, daß er sich selbst so aufsehenerregende Schritte wie die Entlassung politischer Gegner erlauben kann. Wie man den Hintergrund auch immer einschätzen will, eines steht fest: etwas tut sich in der Sowjetunion. " (Neue Zürcher Zeitung, 13.2.)

Eine salomonische Lösung: Erst die Leser damit belämmern, daß Gorbatschow publicitygeil, Hasardeur oder auch ganz umgekehrt Diktator sein könnte, den Verdacht nahe legen, daß er wohl alles zusammen ist, um sich dann, nach getaner Arbeit, auf die sichere Erkenntnis zu verlegen, daß "sich" "etwas" "tut" in der Sowjetunion.

Überhaupt - ist "es" denn überhaupt, was wir meinen, was "es" zu sein hätte?

Einerseits todsicher. Wir haben nämlich immer schon gesagt, daß die sich ändern müssen. Wenn die sich jetzt also ändern wollen, geben sie uns endlich recht. Ganz egal, was sie ändern wollen, damit "geben" sie "zu", was sie für ein Scheißsystem sind.

"Gorbatschows Vorstellungen kommen dem Eingeständnis gleich, daß im siebzigsten Jahr nach der Oktoberrevolution ungleich mehr Fehlschläge als Erfolge zu verzeichnen sind." (FAZ, 2.2.)

Andererseits wissen wir ganz genau, daß es um das richtige "es" geht wegen der Namen, die wir der Sache geben. Weil wir nämlich das Ärgerliche an der Sowjetunion, daß sie für eine ordentliche kapitalistische Benützung nicht taugt und auch politisch keine Neigung zur Unterwerfung zeigt, als deren Charaktereigenschaft begriffen haben - sie ist so "zu", "abgesperrt", Mauern usw., oder auch so "starr" -, ist jede Änderung glatt eine "Öffnung" bzw. eine "Bewegung". Diese übersichtliche Botschaft hat sich auch der Kanzler schon zu eigen gemacht und fühlt sich von den russischen Änderungen sehr angesprochen, obwohl er damit gar nicht gemeint ist:

"Gorbatschow scheint entschlossen zu sein, in seinem Land neue Wege zu beschreiten, die wichtige Veränderungen in der sowjetischen Gesellschaft bewirken können in Richtung auf mehr Offenheit, mehr Beweglichkeit, mehr Teilhabe der Bürger am politischen und wirtschaftlichen Geschehen. Ein solcher Prozeß der Öffnung nach innen kann auch Auswirkungen auf die Beziehungen nach außen haben und die Verständigung und Zusammenarbeit fördern." (SZ, 26.2.)

Und überhaupt: Daß die Sache in der Sowjetunion auch "Demokratisierung" heißt, beweist zweifelsfrei, daß es letztlich um die Herstellung so herrlicher Zustände wie bei uns gehen muß! Da werden die urältesten Ideologien über diese Staatsform ausgekramt - Ideologien, die einen hierzulande, wenn man sie mal ein bißchen ernst nim, sofort in den Verdacht der Staatsgegnerschaft bringen -, um sich in dem Selbstgefühl zu sonnen, daß die Sowjetunion diese feine Herrschaftsmethodik jetzt angeblich nachmachen will. "Teilhabe der Bürger am politischen und wirtschaftlichen Geschehen", hemmungslose Kritik, vor allem an den Oberen, ein Journalismus, der jeden Mißstand gnadenlos enthüllt und jedem gebeutelten Interesse zu seinem Recht verhilft, mörderisch viel Rechte für die Unteren, auf daß sie ihre Interessen geltend machen können, und einen Spielraum für Initiative, daß es kracht, das soll Demokratie sein?! So soll es in den westlichen Demokratien jeden Tag zugehen?!

Das Subsumtionsverfahren der westlichen Systemkenner ist reichlich unverschämt. Staatsfanatische Organe wie der "Spiegel", die gar keine anderen Maßstäbe für Kritik mehr kennen wollen als einen möglichst schlagenden und formvollendeten Gebrauch der Staatsgewalt nach innen wie nach außen, spenden sich das Selbstlob, daß die sowjetischen Journalisten schon ganz gut, bloß noch nicht ganz so gut wie der "Spiegel" sind. Natürlich aus dem Munde eines erfundenen "Gorbatschow-Beraters":

"Was uns jetzt fehlt, ist ein unabhängiges Nachrichtenmagazin wie der Spiegel." (Spiegel, 23.2.)

Und eingebildet wie er ist, merkt der "Spiegel" nicht einmal, wie absurd sich der gewaltige Fortschritt ausnimmt, wenn er eben in der Vorstellungswelt eines westlichen Journalisten ausgedrückt wird:

"Jetzt erfahren die Sowjetbürger zum ersten Mal aus ihren eigenen Zeitungen..., daß es in der Sowjetunion Mißernten und Gewaltverbrechen gibt, Eisenbahnkatastrophen und Schiffszusammenstöße, Luftpiraten und eine hohe Säuglingssterblichkeit, Selbstmörder und Drogenabhängigkeit."

Überwältigend. Das Informiert-Werden über Katastrophen soll etwas sein?! Daß die Sowjetbürger sich jetzt eine furchtbar schlechte Meinung von ihrem Staat machen können, das soll ein Fortschritt sein? Natürlich spekuliert der "Spiegel" auf die kleine Verwechslung von Information über und Abstellen von Mißständen, und so versteht die sowjetische Presse ihre Aufgabe auch, im übrigen nicht erst jetzt. Bloß - hat der "Spiegel" jemals etwas derartiges probiert? Ist der "Spiegel" jemals irgendeinem Mißstand hinterhergestiegen, der die normale Menschheit plagt, außer ewig ein und demselben, daß nämlich der deutsche Staat in seinen Augen nicht energisch, schlagkräftig, geistvoll und einwandfrei genug regiert wird?!

Die "Neue Zürcher Zeitung", eine weltbekannte Vorkämpferin für mehr Arbeiterrechte, zeigt sich sehr skeptisch gegenüber den Fortschritten, die die Sowjetunion ankündigt:

"Der Entwurf dieses wichtigen Betriebsgesetzes wird zeigen, welche tatsächlichen Rechte Arbeiter und Betriebe erhalten,... wie sich die 'Entwicklung der Selbstverwaltung' mit der 'Vertiefung des demokratischen Zentralismus' vereinbaren läßt." (NZZ, 11.2.)

Schon sehr merkwürdig: Die vielfältigen Rechte, die ein Arbeiter in einer westlichen Demokratie besitzt, lassen sich ohne weiteres mit dem Interesse seines Anwenders, des Betriebs, "vereinbaren", genauso gut mit einer reibungslosen Souveränität seiner Staatsgewalt. Wenn es aber daneben einen "demokratischen Zentralismus" geben soll, dann muß sich die "Neue Zürcher Zeitung" im Namen der betrogenen Arbeiter schwer Sorgen machen, ob die zu ihrem Recht kommen - so wie bei uns. Und mit der unverschämten Unterstellung, daß es in der Sowjetunion um irgendwelche Rechte ginge, wie sie bei uns selbstverständlich längst gelten würden, erschlägt man ganz nebenbei die Feststellung, daß die sowjetischen Arbeiter nun allerdings dazu aufgerufen werden, bei Angelegenheiten mitzureden, wie es sich jeder kapitalistische Betrieb als eine unverschämte Einmischung verbitten würde. Seit wann dürfen die so unglaublich berechtigten Arbeiter in den westlichen Demokratien über Fragen der Produktion überhaupt mitbefinden? Oder - egal, wozu es in der Sowjetunion auch taugen mag - welcher Kapitalismus läßt denn ausgerechnet Arbeiter über die Besetzung von Managerposten entscheiden?

Demokraten sind ebenso frech wie dumm. Vor lauter Einbildung, daß die ganze Welt nach ihren Maßstäben zu funktionieren hätte, verschwenden sie keinen Moment auf den Gedanken, daß es in der Sowjetunion vielleicht um andere Anliegen gehen könnte. Vor lauter blinder Verwechslung mit dem Eigenlob für ihr System, das der Weisheit allerletzter Schluß ist, dichten sie anderen Verhältnissen die unsinnigsten Zweckbestimmungen an.

Und das kann auch sehr verrückte Komplimente an die Sowjetunion zur Folge haben.

"Es" paßt uns! Die Sache mit den Dissidenten

Erst sind wir natürlich mißtrauisch, weil wir die Gangster im Kreml ja so gut kennen. Wenn Sowjetvertreter öffentlich verkünden, daß Dissidenten freigelassen werden, kann man sich doch davon nicht "überzeugen" lassen:

"In der Folge gelang es weder Kowalew noch einem anderen Podiumsmitglied, die nicht unfreundlich gestimmte internationale Presse davon zu überzeugen, daß da wirklich etwas in Bewegung geraten sei." (NZZ, 1.2.)

Wenn es dann doch stimmt, was die Russen verkündet haben, dann ist es 1. nicht genug und 2. bloß Propaganda:

"Die schrittweise und zunehmende Freilassung von politischen Gefangenen deutet darauf hin, daß die sowjetische Führung... ihre Dissidentenpolitik etwas lockern will, vor einer Amnestie aber immer noch zurückschreckt... Mitte Februar wird in Moskau zudem ein großes Propagandaforum mit Hunderten von prominenten Teilnehmern aus dem Westen stattfinden, für das ebenfalls positive Publizität gesucht wird." (NZZ, 10.2.)

3. muß man sich über die Zahlen streiten, weil uns die Sowjetunion ja statistisches Material über ihren Terror vorenthält und wir ihre Schreckenslager nicht überprüfen dürfen:

"Weder Sacharow noch die Auslandsvertreter der Helsinki-Gruppen glauben Gorbatschow, daß es nur 200 politische Häftlinge in der Sowjetunion gibt... Aber sie verfügen nicht über genaue Statistiken. Die sowjetischen Behörden machen ja über die Zahl der Häftlinge in den Sonderlager keine genauen Angaben... Sacharow setzt die Zahl der politischen Gefangenen zwischen 2000 und 3000 an. Die Schätzungen des Vertreters der ukrainischen Helsinki-Gruppe liegen höher, er spricht vo 3000 bis 4000 Menschen... Genau haben die Auslandsvertreter der Helsinki-Gruppen nur 700 politische Häftlinge registrieren können..." (NZZ, 11.2.)

Nachdem schließlich 140 freigelassen worden sind, ringt sich die "Neue Zürcher Zeitung" zu dem ungeheuren Kompliment auf: "Bewegung in Moskau". (13.2.)

"Es handelt sich dabei wohl nicht nur um einen Versuch, im Ausland Sympathien zu werben..."

Nein, es handelt sich offensichtlich um einen Schritt zur Regierungsbeteiligung von Sacharow.

"Mit der Befreiung zahlreicher politischer Gefangener erfüllt Gorbatschow zumindest teilweise einen Wunsch Sacharows."

Und gerade weil für uns aufgeklärte Westler die Dissidenten der Nabel der Sowjetgesellschaft sind, ist jetzt wieder - im Namen des Volkes, für dessen Freiheit wir so mutig eintreten - ein Stück Hetze angebracht gegen das russische Volk, das immer viel zu wenig Dissidenten produziert und außerdem andere Sorgen hat, als sich um unsere Lieblinge zu kümmern!

"Nun hat man aber zu wissen, daß die 'Andersdenkenden' in der Sowjetgesellschaft lediglich eine marginale Gruppe stellen und daß ihre Behandlung - im Guten wie im Bösen - unter der politisch weitgehend indifferenten Sowjetbevölkerung selber bei weitem nicht ein ähnliches Interesse auslöst wie jenseits der westlichen Sowjetgrenzen... Seismographische Empfindlichkeit bestimmt eben diesseits des Eisernen Vorhangs das Grundgefühl, wenn es um Menschen- und Bürgerrechte geht."

Ein bißchen Rassismus ist eben nie falsch. Abgesehen von dem unbrauchbaren Russenvolk ist die Sache aber schon gut gediehen für unseren Geschmack. Laut "Süddeutscher Zeitung" hängt die sowjetische Politik zur Zeit ganz davon ab, ob Sacharow Gorbatschow mehr "hilft" oder mehr "Schwierigkeiten macht" (30.12). Beide, "die Verbündeten aus Einsicht, werden auch Weitsicht benötigen". Laut "Spiegel" ist Sacharow ja ohnehin der geistige Mentor des Kreml-Chefs; auf dem Friedensforum hat sich Gorbatschow im Grunde nur mit Sacharow unterhalten, berichtet die "Süddeutsche Zeitung":

"Gorbatschows Rede war stellenweise wie ein indirekter Dialog vor aller Welt über Vertrauen und Abrüstung mit dem anderen Hauptakteur der Veranstaltung, Sacharow." (18.2.)

Aber dann:

"Auf dem Moskauer Friedensforum enttäuscht Gorbatschow den Dissidenten." (FR, 17.2.),

weil er einfach nicht, Sacharow zuliebe, einseitig abrüsten will! Und die "Prawda" druckt Sacharow nicht komplett ab, was echt demokratische Zeitungen wie die westlichen bei den Reden von Regimegegnern schon aus Anstand immerzu tun.

"Es" paßt uns! Die Sache mit den Wahlen

Wenn man einmal so tut, als sei es ungefähr das wichtigste und höchste Gut der Welt, daß ein Volk darüber entscheiden kann, ob ihm die Regierungsmaßnahmen christlich, liberal oder sozialdemokratisch garniert hereingewürgt werden, ob dafür ein großer Dicker oder ein kleiner Dünner mit Glatze einsteht, und wenn man so tut, als sei diese unsägliche Freiheit ungefähr das höchste Glück für die normale Menschheit, dann sind Wahlen der Knackpunkt der Weltgeschichte. Dann sind die paar Wahlrechtsänderungen in der Sowjetunion einerseits unglaublich revolutionär, und man darf die kühnsten Hoffnungen hegen, was das alles an Erschütterungen des Systems auslösen könnte..., obwohl die Russen der Sache nach zwischen irgendwelchen verdienten Charakteren entscheiden und gar nicht abzusehen ist, was dadurch erschüttert werden sollte.

Andererseits kann man genausogut hemmungslos unzufrieden sein, weil die Russen immer noch nicht zwischen christlichen, liberalen oder sozialdemokratischen verdienten Charakteren entscheiden dürfen. Und das ist natürlich Terror.

"Im Westen hat der Vorschlag, für Parteiposten künftig zwischen mehreren Kandidaten geheim wählen zu lassen, die größte Aufmerksamkeit erregt... Selbst wenn man akzeptiert, daß die kommunistischen Regime keine westliche Parteiendemokratie einführen wollen, sind ihre bisherigen Wahlreformen bestenfalls erste politische Lockerungsübungen..." (FR, 3.2.)

Aber immerhin ein äußerst "heißes Eisen":

"Auf dem ZK-Plenum nahm Gorbatschow nicht näher identifizierte Vorschläge und Wünsche zum Anlaß, das heiße Eisen der Änderung des Wahlsystems aufzugreifen..." (NZZ, 11.2.)

"Die Reform des Wahlsystems... ist sicher einer der sensibelsten Punkte seines Neuerungsprogramms, fühlt sich doch davon die mächtige Eliteschicht, die Nomenklatura, in ihrer oft parasitären Daseinsberechtigung bedroht..." (FR, 4.2.)

Dann kommt ein Russe des Wegs, wundert sich über die westliche Aufregung und sagt, daß es doch um andere, viel wichtigere Dinge geht:

"Kwizinski erklärte, daß im Westen vor allem die beabsichtigten Änderungen beim Wahlverfahren von Parteifunktionären Beachtung gefunden hätten. Dies sei sicher ein wichtiger Aspekt gewesen. Nicht minder wichtig sei aber die geplante Demokratisierung der Betriebe. Es sei eben nicht egal, ob sich die Arbeiter 'als die wahren Herren oder nur als Vollzieher von Anweisungen' fühlten... Es gehe nicht um 'irgendein Personalkarussell', sondern um grundlegende soziale Verbesserungen..." (SZ, 13.2.)

Dem wird dann aber heimgeleuchtet, "es geht" nämlich immer pur um Freiheit oder Diktatur!

"Wer bereits den Tag heraufziehen sieht, an dem die Sowjetleute nach einer hitzigen Wahlkampagne in geheimer, freier Wahl ihre Abgeordneten für ein Parlament westlichen Zuschnitts bestimmen, verkennt nicht nur die historisch hergebrachten Grundlagen Rußlands; er täuscht sich auch in der Einschätzung der KPdSU: Diese Partei gedenkt auf das Machtmonopol selbst unter Gorbatschow keineswegs zu verzichten." (NZZ, 13.2.)

"Es" paßt uns! Die Sache mit der Kultur

Wenn man sich als Demokrat unbedingt etwas darauf zugutehalten will, daß man sich nur auf Grund von eigenen, eingesehenen guten Gründen der Macht unterwirft, wenn man also zugunsten der eigenen Einbildung immerzu Geist und Macht verwechseln, oder zumindest die Macht als vom Geist dominierte sehen will, dann ist der Knackpunkt der Weltgeschichte das Verhältnis von Staat und Intellektuellen, die Rolle der Kultur. Dann sind Kunstspinnereien aller Art so etwas Ähnliches wie der Hebel zu einer technischen Revolution oder einer Gesellschaftsreform.

"Gorbatschow... weiß, daß es Kreativität nirgends gibt, wenn es sie nicht in Kunst und Literatur, an den Hochschülen gibt. Die Kreativität wiederum braucht er, um das 'neue Denken', die Aneignung neuer intellektueller Standards einzuüben." (SZ, 21.2.)

Dann fängt ein Banker, der routinemäßig mit seinen Kreditschiebereien die alltägliche Ausbeutung, das Verhungern in der "Dritten Welt", die Finanzierung. des Rüstungsprogramms mitbestimmt, das freie Spinnen an mit kosmischen Tönen:

"Ich habe dort russische Avantgarde gesehen, nicht nur die Bilder waren enorm beeindruckend... Ich erlebte bei diesem Abstecher in die Kunst, wie Gorbatschows 'Glasnost' in die Wirklichkeit umgesetzt wird...

Spiegel: Was zeigten die Bilder?

Christians: Teilweise entsetzlich brutal, destruktiv und zugleich erschütternd die Not, in der die nicht etablierten Künstler leben. Was mich dabei faszinierte, ist, daß diese neue Avantgarde... bemüht ist, die Situation in ihrem Land geistig aufzuarbeiten...

Jetzt, zum Ende des Jahrhunderts, kommt eine Beschleunigung in die Entwicklung. Wir erleben eine Verdichtung der Kommunikation. Es kommt eine größere Erlebnisdichte, es ist einfach so, daß wir alle das Gefühl haben, die Erde sei ein Raumschiff, in dem wir alle sitzen, und keiner kann mehr allein eine Atombombe basteln, weil es uns alle angeht.

Spiegel: Uns kommt es so vor, als spräche Gorbatschow zu uns.

Christians: Dann haben sie begriffen, was ich meine. Die äußeren Umstände zwingen uns zum Umdenken und Nachdenken über ein neues Weltbild." (23.2.)

Ein Literat sagt ganz ehrlich, daß es ihm bei den Russen deswegen so gut gefällt, weil er sich da viel besser einbilden kann, unglaublich wichtig zu sein:

"...hier sind die Schriftsteller noch angesehen als Menschen mit einem moralischen Richteramt und mit einer öffentlichen Stimme, die die Kultur in sich selbst zum Politikum macht." (Dieter Lattmann, Deutsche Volkszeitung, 27.2.)

Die Feuilletonisten sind der festen Überzeugung, daß zwei inzwischen freigegebene Filme die Sowjetunion umkrempeln; die Kreml-Astrologen ventilieren die These, daß Gorbatschow seine Machtbasis durch die "wissenschaftlich-kulturelle Intelligenz" stärken will, nachdem das bei der "technischen Intelligenz" nicht geklappt hat (Boris Meissner, FAZ vom 28.2.) - als ob Gorbatschow zwischen einer Werkzeugmaschine und einem Vierzeiler in freien Rhythmen nicht unterscheiden könnte. Und überhaupt:

"Gewiß: Was Gorbatschow annonciert, kann ihm nur mit Hilfe der Intelligenz gelingen... Während die westliche Intelligenz... die Wirkungslosigkeit der moralischen Appellationskraft in ihren Gesellschaften beobachtet und zugleich damit das Gefühl der Ohnmacht in der westlichen Intelligenz wächst..., sieht sich die sowjetische Intelligenz einer gigantischen, ja abenteuerlichen, gewiß auch unter der Drohung des Scheiterns stehenden moralischen und geistigen Herausforderung gegenüber... Man tut gut daran, sich die Tiefe und Breite," - 2m bis 4m? - "das Neuartige und Wagnisvolle des Gorbatschowchen Vorhabens, das im emphatischen Sinne ein kultur-politisches ist, vor Augen zu halten..." (FR, 7.3.)

Da kann man nur noch sagen, geh doch einfach im emphatischen Sinne nach drüben, Wolfram Schütte, Schmarrbeutel wie dich können die furchtbar gut brauchen. Und wenn man demnächst diese furchtbaren russischen Gewissenswurmfilme im Fernsehen vorgesetzt bekommt anstelle von einem ehrlichen Lino-Ventura-Schlägerkrimi, dann wandern wir aus.

Einerseits steht es also unerschütterlich fest, daß "es" in der Sowjetunion eigentlich nur um die Kopie westlicher Ideale und Einrichtungen gehen kann, weil die sind ja schließlich die besten, die überhaupt auszudenken sind. Und da kann und muß man hemmungslos die Bedeutung von 53 Dissidenten für 280 Millionen Sowjetbürger, von ein bißchen Wahlen oder Kulturprodukten übertreiben. Andererseits aber sind wir doch nicht so blöd zu vergessen, daß es der Feind ist, der da bei sich herumreformiert.

Wir lassen uns nicht täuschen!

Wir fragen bei jeder Meldung erst einmal: Propaganda oder ernst gemeint? Den Russen muß man schließlich zutrauen, daß sie ihre inneren Verhältnisse umkrempeln, bloß um uns hereinzulegen. Daß sie dabei eigene Anliegen und Gründe haben könnten, kann gar nicht sein wir kennen ja diese PR-Fachleute! Und wir kennen das System. Es ist nämlich nach wie vor dasselbe, weil es unsinnig wäre zu glauben, daß es sich selbst umstürzen will. Dazu brauchen wir nur unsere eigenen Übertreibungen zu vergleichen mit den Politbeschlüssen da drüben, dann sind die nämlich "halbherzig" und uns fällt ganz ohne Quellenstudium auf, daß "die Resolution des Plenums... zum Beispiel den Freiraum für Kritik der Presse sowie für die Künste deutlich enger faßte".

"Gorbatschows Aufruf zu mehr Offenheit, Kritik und Selbstkritik, der an sich schon systemkonform ist," - logo, wenn der Chef des Systems ihn losläßt - "wird dadurch noch konformer." (NZZ, 1.2.)

"Die Geschichte dagegen lehrt uns, daß Vorsicht geboten ist. Rußland, ob es von Zaren oder Kommissaren beherrscht wird, nimmt seine Intellektuellen ernst. Manchmal nimmt das die Form öffentlicher Verehrung und glitzernder Weltkongresse an. Aber unbarmherzige Unterdrückung kann wieder darauffolgen." (Newsweek, 2.3.)

Und für solche Lehren können die geschichtlichen Ausflüge gar nicht weit genug gehen:

"Auch Dimitri K. Simes vom Carnegie Endowment for International Peace steht den Veränderungen in der Sowjetunion abwartend gegenüber" und geht sicherheitshalber "...in der russischen Geschichte noch weiter zurück als Henry Kissinger. 'Es waren stets die Erneuerer, nicht die Bewahrer, die die ehrgeizigsten außenpolitischen Ziele verfolgten. Peter der Große, Katharina die Große, Alexander I. und II. waren bedrohlicher für ihre Nachbarn als konservative Zaren wie Nikolaus I. und Alexander III.'..." (FAZ, 7.3.)

Und erst Tamerlan und Dschingis Khan und Wilhelm der Eroberer...

Und überhaupt, wenn sich das System reformiert, dann wegen seiner eigenen Interessen, die es nämlich hat:

"Doch die intellektuellen, hartgesottenen, versierten und urbanen sowjetischen Führer, die wir trafen, reformieren ihre Gesellschaft nicht, um uns damit einen Gefallen zu tun." (Kissinger, Welt am Sonntag, 1.3.)

Wer hätte das gedacht. Und daß die etwas in ihrem eigenen Interesse tun, genügt ja auch völlig zur Denunziation. Jetzt packen wir unsere ganzen Systemkenntnisse wieder aus, um zu beweisen, daß das, was wir behauptet haben, was drüben stattfinden soll oder sollte, gar nicht geht! Weil zum Beispiel Karl der Grobe von der "Frankfurter Rundschau" mit dabei war, als 1789 die Bastille gestürmt wurde:

"Aber das sind gewährte Freiheiten, nicht erkämpfte; das unterscheidet sie von den Errungenschaften der westeuropäischen bürgerlichen Revolutionen... Sie können auch jederzeit, von einer anderen Führung, auf deren Zustandekommen das Volk noch immer keinen Einfluß hat, wieder eingesammelt werden, womöglich zusammen mit ihren Trägern..." (FR, 14.3.)

Während bei uns das Volk unter Führung der FR-Redaktion seine Regierung prompt abwählen würde, verginge sich die z.B. am Demonstrationsrecht, an Systemgegnern, sogenannten Andersdenkenden oder anderen unserer köstlichen Freiheiten.

Deren Vorzüge kann man gar nicht genug übertreiben - um zu zeigen, daß Gorbatschow nicht kann, was "nicht geht".

"Er kann die literarischen und die geistigen Freiheiten mehren. Er kann aber noch nicht eine Gesellschaft schaffen, die nicht nur Demokratie wie die Luft zum Atmen braucht, sondern in der auch die Freiheit der Andersdenkenden selbstverständliche Voraussetzung für die Freiheit aller ist..." (FR, 24.2.)

"Doch soll sich niemand Illusionen machen: Gorbatschow stellt die Grundlagen des Systems nicht in Frage, weil er das überhaupt nicht kann." (Westfalenpost, 26.2.)

Und wenn er das vielleicht auch gar nicht will?

Die Feindbildpflege in Ehren, die journalistische Sorgfaltspflicht abgehakt, alle wieder einmal an die Grenzen und Tücken des anderen Systems zu erinnern - dann muß auch wieder die Spekulation erlaubt sein, daß sich da doch etwas tut, was uns paßt. Mit der gebotenen Vorsicht:

"Demokratisierung ist dabei das als wirksam erkannte Mittel zum Zweck und gewiß nicht im westlichen Sinn verstanden. Es ist jedenfalls ein Mittel das sympathischer sein könnte als manches bisher in der Sowjetunion... gebrauchte Instrument." (FAZ, 7.2.)

"Der Einparteienstaat Sowjetunion... kann dem Wesen nach nur eine Diktatur sein und bleiben. Von gewaltiger Bedeutung für die Einwohner des Sowjetreichs selber und für die ganze Welt ist aber schon die Frage, in welchem Maß man es mit einer aufgeklärten Diktatur zu tun hat." (NZZ, - 13.2.)

"Anders als - noch Chruschtschow hat Gorbatschow den Unfehlbarkeitsanspruch der Partei ausdrücklich aufgegeben. Das macht aus einem Ein-Partei-Staat noch keinen Rechtsstaat. Es öffnet aber die Tür einen Spalt - vielleicht zu pluralistischen Spielräumen." (5Z, 11.2.)

Und wenn einmal freies Denken erlaubt ist statt des bislang üblichen Denkens auf Kommando, dann wissen wir natürlich, daß es bloß in eine ganz bestimmte Richtung gehen kann:

"Glasnost läßt den Zweifel verstummen, ob der Revolutionär von oben es mit seiner Umwertung aller Werte ernst meint... Ein Wettkampf der Ideen hat begonnen... Vor einem Tabu war selbst der Aufklärer Gorbatschow noch zurückgeschreckt... Nun ist es schon soweit. Die Vergangenheit, die nicht vergehen will, weil sie die Grundlage des Sowjetsystems der Gegenwart geschaffen hat, heißt Stalin..." (Spiegel, 23.2.)

Und wenn es um wirtschaftliche Effizienz geht, dann wissen wir genauso unerschütterlich, worauf das hinausläuft:

"Es sind nur zwei Möglichkeiten denkbar, diesem kommunistischen 'Verkalkungsprozeß' entgegenzuwirken: Gnadenlose Repression oder eine schrittweise Abkehr von geheiligten ideologischen Maximen... Es bleibt einem sozialistischen Realpolitiker - und reformversessen braucht er deshalb noch lange nicht zu sein - letztlich nur ein Weg: Er muß Leistungsanreize schaffen. Er muß, um von dem Technologieschub des Westens nicht abgehängt zu werden, verstärkt Kontakte mit dem 'kapitalistischen Ausland' halten. Er muß sich von der 'reinen Lehre' verabschieden - trotz der Risiken, die das bringt... Keine wirtschaftliche Reform ist vollständig ohne eine Reform zur Demokratie..." (Stern, 8.1.)

Oder wir kehren unser Dogma einfach wieder um, prognostizieren, daß sich das System, das sich ändern muß, damit selbst untergräbt und dann doch lieber beschließt, das Systern zu bleiben:

"Doch läßt man sie mit ihren Gedanken allein, dann tendieren die Menschen dazu, aus demselben Bestand an Tatsachen widersprüchliche Schlüsse zu ziehen. Am Ende wird diese Tendenz zum Pluralismus die neue sowjetische Führung wahrscheinlich dazu zwingen, zwischen Demokratie nach westlichem Muster und Repression zu wählen. Wenn sie vor diese Wahl gestellt wurden, haben sich die kommunistischen Führer in der Vergangenheit stets für Repression entschieden..." (Kissinger, Welt am Sonntag, 1.3.)

Eine gewisse Eintönigkeit ist nicht zu vermeiden, wenn Westler sich darum streiten, was bei den Russen los ist. Das liegt an ihrem aufgeklärten Maßstab, daß ohne Demokratie und Marktwirtschaft nichts geht.

Aber dafür kommt auch wieder jeder Geschmack auf seine Kosten, pluralistisch, wie wir sind, darf jeder zwischen Optimismus und Pessimismus wählen. Unter einer Bedingung: Wir lassen uns nicht täuschen!

Täuschen tut sich höchstens einer - Gorbatschow.

Zum Beispiel über seinen Ausnahmecharakter - er paßt doch überhaupt nicht in sein System.

"Nicht nur Petra Kelly hat es auf dem Empfang im Kreml für die Teilnehmer des Friedensforums 'umgehauen', wie offen Gorbatschow blickt, wie ernst er zuhört... Mit den Grünen war sich Ellsberg darin einig, daß das Ehepaar Gorbatschow 'ganz anders ist als alle anderen hier'. Petra Kelly hatte von Gorbatschow sogar den Eindruck, 'der paßt gar nicht zu den anderen'." (SZ, 18.2.)

Und wenn der oberste Russe gar kein Russe sein kann, dürfen wir hemmungslos unseren demokratischen Personenkult pflegen und den Mann mit Komplimenten eindecken, daß es kracht.

"Seine rehbraunen Augen, die sonore Stimme schlichtweg 'unvergeßlich' bleibt er ihr." (Stern, 12.3.)

"Die Faszination, die von dem ersten Mann im Kreml auf die Forumsteilnehmer ausging, brachte Reding auf die Formel: 'Ich würde mich ihm anvertrauen, wenn ich in Schwierigkeiten wäre'." (Die Zeit, 20.2.)

Die Ostforscherwissenschaft hat herausgefunden,

"daß Gorbatschow im Unterschied etwa zu Andropow und Tschernenko kein Ideologe ist" (Boris Meissner, FAZ vom 28.2.),

der "Spiegel" will beobachtet haben:

"Er ist der erste sowjetische Parteichef, der frei spricht". (20.10.86)

Und der "Spiegel" hat schließlich auch das Geheimnis gelüftet, wie es mitten in Rußland zu so einem unrussischen Russen, mitten in der Partei zu einem Anti-Apparatschik kommen konnte.

"Als Parteisekretär in der Provinz hatte er 22 Jahre lang alle Machttaktiken der KPdSU gelernt und sie für den eigenen Weg nach oben genutzt...",

aber das verzeihen wir ihm gerne. Denn:

"Seine intellektuelle Beweglichkeit, sein Bildungshintergrund und sein Charme samt der Fähigkeit zur freien überzeugenden Rede sind keine von der Partei vermittelten Tugenden. Seit seiner Studienzeit mit der Philosophie-Dozentin Raissa verheiratet, mag er im Austausch mit ihr die Strategie der Macht des Wortes entwickelt haben..." (23.2.)

Und genauso wie über sich selbst täuscht sich dieses Wunderkind gewaltig über die Brauchbarkeit seiner Initiativen für sein System, darüber, wen alles er sich damit zum Feind macht. Umso genauer müssen wir aufpassen und die hintergründigen Machtkämpfe enthüllen, die gegen unseren Gorbatschow toben.

So gibt uns zum Beispiel schwer zu denken, daß Gorbatschow einen Beschluß bekanntgegeben hat,

"zufällig zu dem Zeitpunkt, als sich der Zweite ZK-Sekretär, Ligatschow im fernen Hanoi aufhielt."

Bloß wissen wir auch wieder nicht so ganz genau, was uns das zu denken gibt:

"Es ist vorläufig ichwer zu beurteilen, ob er und der KGB-Chef Tschebrikow zu den 'Bremsern' gehören oder ob sie Gorbatschow bei seinen Vorhaben unterstützen."

Eines wissen wir aber:

"Im Politbüro... bleibt Gorbatschow weiterhin von seinen Verbündeten, das heißt vor allem von Ligatschow, Ryschkow und auch Gromyko abhängig." (Boris Meissner, FAZ vom 28.2.)

Wobei Tschebrikow ein besonders undurchsichtiger Typ ist:

"Nach Andropows Tod stand auch Tschebrikow dem künftigen Generalsekretär Gorbatschow bei und bekannte sich sogar als erster Spitzenmann zu dem brisanten Wort 'Reform'... Für die Übergriffe des KGB aber trägt Tschebrikow die Verantwortung - für Gorbatschow eine besonders prekäre Angelegenheit..." (Spiegel, 26.1.)

"Sowohl Gromyko als auch Ligatschow zählen eher zur Riege der orthodoxen Taktiker, ohne freilich reformfeindlich zu sein. Wo die anderen fünf stehen, ist nicht eindeutig auszumachen, schon gar nicht bei KGB-Chef Tschebrikow, der erst kürzlich heftige Selbstkritik übte, sich also sehr um Gorbatschows Wohlwollen bemüht." (Wirtschaftswoche, 20.2.)

Und dann gibt es noch Jakowlew,

"ein orthodoxer Kommunist, der aber Gorbatschow voll unterstützt..." (FR, 31.1.)

Wie soll sich da einer auskennen, wenn wir immerzu mit Verdächtigungen arbeiten müssen! Aber wir haben natürlich ein schlagendes Kriterium: Alle Kader aus der Breschnew-Zeit sind gegen Gorbatschow. Aus der Zeit stammen zwar eigentlich alle - inclusive Gorbatschow, den Breschnew ins Politbüro geholt hat -, aber wir wissen immerhin, welches "Problem" Gorbatschow hat:

"Ein Problem für Gorbatschow liegt darin, daß etwa zwei Drittel der vor einem Jahr aufdem 17. Parteitag gewählten ZK-Mitglieder noch aus der Breschnew- Ära stammen." (NZZ, 11.2.)

Und mit dem todsicheren Kriterium wissen wir dann auch immer ganz genau, woran Gorbatschow gescheitert ist, wenn er nicht einfach Politbüro und ZK komplett absägt.

Wir analysieren aber noch tiefer:

"Die andere Hälfte des Politbüros" - die erste Hälfte waren die gefährlichen Breschnew-Freunde - "setzte sich zusammen aus Repräsentanten der Rüstungsindustrie, die zwar an Modernisierung interessiert sind, vermutlich aber weniger an Abrüstung... Nach dem Bildungsgang ist jedes zweite ZK-Mitglied als Ingenieur, Generaldirektor oder Offizier mit dem militärisch-industriellen Komplex verbunden..." (Spiegel, 26.1.)

Und mit all den Fraktionen legt er sich an oder zieht sie auf seine Seite oder auch umgekehrt:

"Inzwischen hat sein Kampf gegen Korruption und Vetternwirtschaft schon die Armee erreicht..." (Spiegel, 23.2.)

"So erfaßte denn Gorbatschows waghalsige Modernisierung nicht mehr nur die Wirtschaft, sondern auch Justiz und Polizei, die bislang gehorsamen Erfüllungsgehilfen der Parteidiktatur, und mithin die Grundmauern des Systems..." (Spiegel, 5.1.)

"Von der Kritik an der 'Deformation der Kader' nahm Gorbatschow ausdrücklich und auffallend Geheimpolizei und Armee aus..." (NZZ, 11.2.)

"Und: Gorbatschows Macht wurde stärker eingeschränkt als die jedes Parteichefs vor ihm. Er hat die politische Macht innerhalb der Partei, aber die Exekutive (die Beamtenschaft), die Legislative und der KGB wurden unabhängige Zentren der Macht." (Shores Medwedjew, BamS, 1.2.)

So weit ist es mit der Sowjetmacht gekommen. Kaum verfügt sie einmal über einen halbwegs brauchbaren Führer, sieht sich dieser den anderen Abteilungen der Staatsgewalt gegenüber, die die Gewaltenteilung (die es in der UdSSR übrigens mangels Rechtsstaatlichkeit andererseits gar nicht geben soll) schamlos ausnützen, um unabhängig vom Kremlchef selber Hof zu halten, vielleicht sogar gegen ihn zu intrigieren. Da müssen die rehbraunen Augen zusehen, wie sie es zu einer Hausmacht bringen, die den übrigen Diadochen gewachsen ist.

"Da er den Parteiapparat noch nicht ganz beherrscht, ist er gezwungen, sich stärker auf den Polizeiapparat zu stützen, was die Möglichkeiten einer verstärkten Liberalisierung beschränkt. Er braucht den KGB auch als Gegengewicht zu den Streitkräften, zu denen er bisher kein rechtes Verhältnis entwickelt hat. Gorbatschow hat sich daher in seiner ZK-Rede positiv über den KGB geäußert und mit einer gewissen Zurückhaltung über die Streitkräfte." (Boris Meissner, FAZ vom 28.2.)

Solch verschlungene Wege geht also die Politik in der Sowjetunion: Da holt sich die Partei einen Mann an die Spitze, damit der die Supermacht Nr. 2 befehligt, und der kann einfach kein "rechtes Verhältnis" zu seiner Armee entwickeln. Dann jongliert er mit dem einen Staatsorgan gegen das andere, nachdem es ja um die Stärkung seiner Machtbasis geht, jetzt, wo er die Macht hat. Und die Staatsorgane, anstatt einfach wie bei uns die Aufgaben auszuführen, die sie haben, entwickeln einen ganz eigentümlichen Egoismus: Die Polizei ist gegen Liberalisierung, das Militär will immer mehr Waffen, die Rüstungsmanager auch, und das sind eigentlich alle. Bei einer solchen Konstellation ist es nur eine Frage der Zeit, wann Michail John F. Kennedy begegnet:

"Gorbatschows Botschaft lautet doch, daß die Sowjetunion nicht all ihr Kapital im Militärbereich vergeuden soll. Er kann das Programm aber nur verwirklichen, wenn das Militär ihn nicht umbringt. Und er wird, fürchte ich, irgendwann umgebracht werden, wenn das Militär weiterhin sagen kann: 'Seht, die USA, die machen mit ihrem SDI weiter'." (SIPRI-Chef Stützle, FR vom 3.2.)

Daß Politiker in der Sowjetunion dasselbe tun wie Politiker hierzulande, nämlich Beschlüsse nach dem Kriterium fassen, wie sie ihrer Nation nützen, und daß ein Streit in der KPdSU eben auch nur ein Streit um solche Fragen ist und nicht um das Abstraktum Macht -, so etwas ist für Ostkenner unvorstellbar.

Zumal die Vertreter von Wirtschaft, Polizei, KGB und Militär, mit denen Gorbatschow es zu tun hat, nicht bloß verquere Lobbyisten ihres Amtes sind, sondern alle zusammen auch noch die sogenannte "Nomenklatura", und die denkt kategorisch nur und ausschließlich an ihr Privatinteresse, was es drüben nur in Gestalt von "Pfründen" gibt.

Da darf man sich deshalb nicht davon täuschen lassen, daß die Partei bislang alle Beschlüsse mehrheitlich gefaßt hat, in Wirklichkeit steht Gorbatschow allein gegen alle, weil alle zwar als Partei beschließen, aber nur an ihre Privilegien denken:

"Kann man von den Mitgliedern der 'Nomenklatura', der allein für Führungspositionen bestimmten Schicht verlangen, daß sie ihre Privilegien kampflos preisgibt?" (SZ, 21.2.)

Dazu gibt es noch eine merkwürdig undefinierbare Fraktion in der sowjetischen Politik,

"die Beharrungskräfte, die nicht bereit sind, sich für Reformen zu engagieren und Risiken einzugehen" (FR, 8.1.),

und schließlich auch noch das Volk, an dem sich unser Gorbatschow die Zähne ausbeißen wird. Das besitzt einen dermaßen totalitär verhunzten Charakter, daß es Reformen einfach nicht über sich bringt:

"Hinzu kommt, daß Sowjetbürger jahrzehntelang gewohnt waren, Befehle von oben zu empfangen und diese auszuführen, ohne die Verantwortung für Entscheidungen tragen zu müssen," (FR, 8.1.)

"Für einige sowjetisehe Teilnehmer ist die Aufforderung, frei zu reden, so neu, daß sie sich nicht trauen..." (FR. 16.2.),

"Zu eigenständigem, selbstverantwortlichem Denken sind sie nicht erzogen, wenn es einer in Moskau von ihnen verlangt, so verlangt er Übermenschliches." (FR, 14.3.)

Andererseits aber scheint das Sowjetvolk durchaus selber denken, scheint Befehlen Widerstand entgegensetzen zu können, wenn nämlich westliche Journalisten begeistert vermelden, daß es jetzt auch dem Volk an seine Privilegien und Gemütlichkeiten gehen wird und daß das wohl Ärger geben wird:

"Die 'Iswestija' meldete am 4. Dezember aus dem LKW-Werk Kamas 'stürmische Proteste' gegen neue Qualitätskontrollen." (Spiegel 26.2.)

"Es verliert viertens das Proletariat... auf die Arbeiter kommt eine ganz anders geartete industrielle Wirklichkeit zu: Akkordlöhne, Schichtarbeit, Beschleunigung des gewohnten Tempos..." (FR, 14.3.)

Und dann erfährt man ausgerechnet von einem deutschen Banker einmal die Wahrheit, daß es den Russen, die man immerzu wegen ihrer Mangelwirtschaft bemitleiden soll, einfach gut geht, d.h. natürlich u gut:

"Er läuft Gefahr, die Bevölkerung zu überfordern. Es sind, nicht so sehr die Funktionäre, die da nicht mitmachen könnten, sondern die Russen ansich.

Spiegel: Wieso?

Christians: Den Sowjetbürgern geht es, an ihrer eigenen Vergangenheit gemessen, materiell besser denn je zuvor. Alle haben Arbeit, alle haben ein Dach über dem Kopf, können sich kleiden, reisen und ihre Kinder ausbilden. Und das bei einer Bevölkerung von 280 Millionen Menschen. Hier ist es nicht wie in manchen Entwicklungsländern oder anderswo, wo die Leute hungern; wo die Not auf der Straße zu sehen ist. Es fehlt die Hauptmotivation, die zur Änderung zum Leistungsbewußtsein führen könnte."

Das Ausbeuten können sie eben nicht gescheit,

diese Russen und dann ist es klar, daß Gorbatschow sein Volk nicht einfach an die Kandare nehmen kann. Eine erschöpfende Analyse, die nur eine Frage öffen läßt: Warum denn Gorbatschow, nachdem er nun wirklich alle gegen sich hat, immer noch am Ruder ist? Aber, keine Bange, er hat ja auch noch uns, wir lassen ihn nicht im Stich!

Diesen Russen werden wir schon helfen!

Ohne uns geht ja überhaupt das ganze Programm nicht. Das muß man sich so vorstellen, wie es uns der "Spiegel" erläutert. Um seine Massen rumzukriegen, bräuchte Gorbatschow mehr Geld, das muß er aber wegen seiner Militärs in die Rüstung stecken, und aus dieser Zwickmühle können nur wir ihm heraushelfen, wenn wir uns garantiert nicht ändern, sondern genauso weitermachen wie bisher:

"Gorbatschows Dilemma: Er kann seine Militärs nur ruhig stellen, wenn er ihnen die Waffen nicht verweigert, an denen er zur Hebung des Lebensstandards sparen müßte... Gorbatschow braucht zur Realisierung seines Traums das Wohlwollen der Außenwelt. Deshalb der offenbar nicht versiegende Strom von Abrüstungsangeboten, der aus dem Kreml quillt, dazu Friedensvorschläge für Afghanistan, Freilassung politischer Gefangener - Gorbatschow hält die Welt in Atem." (Spiegel, 23.2.)

Und das ist die Stunde der Deutschen, denen Gorbatschow ganz nebenbei als Beweis dafür dient, daß sie alles richtig gemacht haben und beharrlich so bleiben können, wie sie sind. Genscher erklärt jetzt ungefähr jeden Tag dreimal, daß wir Gorbatschow getrost als unser Geschöpf ansehen können. Denn 1. - leicht größenwahnsinnig - haben wir und nicht die USA die Russen militärisch fertiggemacht:

"Rückblickend kann festgestellt werden, daß in den siebziger Jahren Europa, und vor allem die Bundesrepublik Deutschland die Notwendigkeit der Verteidigugsanstrengungen realistischer gesehen haben als die USA, die in ihren Verteidigungsanstregungen deutlich nachließen." (FR, 12.2.)

Sogar die Pershings mußten wir uns selber bei ihnen bestellen. Und damit haben wir 2. die Russen schon so gut wie totgerüstet:

"Und nun das ökonomische Ergebnis: Die sowjetische Wirtschaft geriet in eine Wachstumskrise."

Das alles gibt Gorbatschow zu:

"Um die Wirtschaft wieder nach vorn zu bringen, braucht Gorbatschow schließlich noch ein weiteres: Ruhe an der Außenfront. Er muß höhere Rüstungsausgaben vermeiden, und er muß vor allem zu vermeiden suchen, daß seine Wirtschaft durch SDI in ein technologisches Wettrüsten gedrängt wird, das sie sich schwerlich leisten kann."

Und weil wir der Frontstaat sind und bei der militärischen Erpressung Vorbildliches geleistet haben, gehören die Russen 3. nach allem, was recht und billig ist, jetzt schon eigentlich uns:

"War es die Bundesrepublik Deutschland in den siebziger Jahren, die realistischer als andere die Gefahren der sowjetischen Rüstung erkannte; so muß es heute die Bundesrepublik Deutschland sein, die die neuen Entwicklungen in der Sowjetunion und die darin liegenden Zukunftschance realistischer und vorurteilsfreier einschätzt...

Wir sind bereit, großangelegte wirtschaftliche Zusammenarbeit auf die Bahn zu bringen, die der Sowjetunion bei der Modernisierung ihrer Wirtschaft hilft, die dieses riesige, an Bodenschätzen reiche Land entwickelt, und die uns Wachstum und Arbeitsplätze bringt..."

Wir werde also wieder einmal den Ostraum erschließen. Wenn auch bisher im Auswärtigen Amt noch nicht das offizselle Ersuchen eingetroffen ist, die Aufgaben von Gosplan zu übernehmen, klar ist auf jeden Fall:

Wenn die Russen bei sich was ändern wollen, dann sind wir gefragt. Dann gibt es nur eine Frage, was machen wir daraus, und darüber läßt sich streiten.

Eine großartige Alternative: Ausnützen Genscher - oder ihnen noch mehr zusetzen - Kissinger, Shultz.

"Wenn es ihnen gelingt, ihr Ziel zu erreichen und ihr Land stärker zu machen - ohne ihre Außenpolitik zu ändern, die die gegenwärtigen Spannungen hervorgebracht hat -, dann wird die Lage der Demokratien auf lange Sicht weniger sicher." (Kissinger, Welt am Sonntag, 3.3.)

Shultz gibt seinem Kollegen Genscher recht, daß der Kreml-Chef ein brauchbarer Mann für uns sein soll,

"ein außergewöhnlich fähiger, intelligenter und vorwärts drängender Mann, der die Notwendigkeit von Reformen des sowjetischen Systems erkannt habe",

aber die USA verlangen noch ein paar andere Beweise für "Intelligenz" und"Reformen":

"Die USA schauen aber vor allem auch auf Änderungen in den Bereichen Auswanderung und Religionsfreiheit, um zu sehen, ob Anzeichen für einen fundamentalen Wandel zu erkennen sind." (SZ, 25.2.)

Genscher dagegen: Wenn die Amis zu beschränkt sind, die neue Lage auszunützen, wir können das auch allein.

"Er glaube, daß auch in den USA die Stimmen stärker würden, die jene 'realistische und klare Sicht' der sowjetischen Politik empfählen, 'die wir selbst uns durch eine umfassende Beurteilung der Lage in der Sowjetunion erarbeitet haben'. ... Auf deutscher Seite werde es an Ideen nicht mangeln, auch nicht an dem Willen, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Bundesrepublik in die Waagschale zu werfen, wenn es drum gehe, ein besseres Europa zu schaffen." (SZ, 23.2.).

Die nationale Presse hat die Tonlage verstanden! Die Dönhoff exerziert einen Systemvergleich vor:

"Zwei Männer, zwei Reden, zwei Welten

Reagan, Gorbatschow und Europa

Hören wir zunächst Ronald Reagan... Der Eindruck, der zurückbleibt: nicht Steine, sonden Schaum statt Brot, Public Relations anstelle von Politik, und kein Konzept. Arme Ewopäer...

Man spürt in all seinen Reden Gorbatschows vielfältige Sorgen, seinen common sense, seine Ungeduld und Energie... Ein Realist, ein Pragmatiker? Jedenfalls hat es seit Generationen keinen so flexiblen, so intelligenten und politisch so versierten Verhandlungspartner in Moskau gegeben. Es wäre unverzeihlich - mehr noch: es wäre eine Sünde -, wenn dieser historische Moment nicht genützt würde. Wer immer noch die Sachzwänge, unter denen Gorbatschow steht, für einen Trick hält, und seine echte Sorge um die Rückständigkeit der sowjetischen Wirtschaft für Propaganda, der taugt so wenig zur Weltpolitik wie ein Kunsthändler, der echt und falsch nicht zu unterscheiden vermag... dann müssen eben die Europäer aktiv werden..." (Die Zeit, 6.2.)

Da läßt sich jetzt schön das alte Russenfeindbild auf die USA anwenden:

Gegen Gorbatschow wirken die Amerikaner unbeweglich und uralt, so wie ehedem die Sowjets." (Spiegel, 20.10.)

Und scharfsinnig wird der CDU vorgehalten, daß sie so bescheuert ist, ein Feindbild zu haben, mit dem sie in der heutigen Welt gar nicht mehr zurechtkommt:

"Irangate, die rüde Art des Leiters der US-Abrüstungsbehörde, Adelman, den Europäern die Mitsprache beim ABM-Vertrag zu verwehren, die Nebenaußenpolitik im Keller des Weißen Hauses: Wer so fixiert auf Washington geblickt hat wie viele in der Union, gerät jetzt logischerweise mit seinem Glauben an die Freunde in arge Nöte... Wenn Gorbatschow den Worten vom 'neuen Denken' Taten folgen läßt, werden Teile der Union von einem fixen Bild, ja von einem Feindbild Abschied nehmen müssen... Irritiert von Washington, verwirrt von Moskau: Für die Union ist die Welt ganz schön unübersichtlich geworden. Jetzt muß sie selber stärker eine deutsche (oder europäische) Politik definieren, wo sie sich schon in kleinen Fragen wie der, ob Berlins Regierender Bürgermeister an der 750-Jahr-Feier in Ost-Berlin - teilnehmen soll, gründlich verheddert." (Die Zeit, 27.2.)

Wir rollen also jetzt wieder einmal den Ostblock auf. Großzügig warnen wir uns vor dem Fehler, uns durch unser Feindbild lähmen zu lassen, und vor lauter Hetze Möglichkeiten der Einflußnahme zu verderben.

"Nach Gorbatschows Machtantritt vor knapp zwei Jahren wertete die Mehrheit der westlichen Beobachter jeden Schritt des neuen Mannes als Ausdruck eines veränderten Stils. Die Welt dürfe sich aber davon nicht täuschen lassen; denn eine neue Politik habe auch dieser Mann nicht zu bieten, der schließlich das Produkt eines autoritären Systems sei, das sich auch beim besten Willen gar nicht ändern könne. Als sich die Veränderungen, die Gorbatschow rastlos durchpaukte, nicht mehr wegdiskutieren ließen, lautete das neue Kriterium: Da der Parteichef nicht an die Einführung von Marktwirtschaft und Pluralismus denke, sei er auch nicht zu ernsthaften Reformen entschlossen. Der Westen konnte sich nur die eigenen vertrauten Rezepte als ökonomisches Heilmittel vorstellen." (Die Zeit, 27.2.)

Man denkt glatt, man hat nicht richtig gelesen, da ist Herrn Schmidt-Heuer doch wirklich einmal die üble Tour der freiheitlichen Systembetrachtung aufgefallen - aber nein, was fällt dem guten Mann als nächstes ein: Natürlich sind Marktwirtschaft und Pluralismus der Maßstab aller Dinge, aber die Sowjetunion ist ein so katastrophales Entwicklungsland, das man ihr damit nur ganz vorsichtig kommen darf...

"Doch dafür fehlen in der Sowjetunion die historischen Voraussetzungen..."

Und schon wieder muß Gorbatschow langsam, langsam die Versäumnisse von Peter dem Großen aufarbeiten und seinen Klotz von Gesellschaft behutsam reformieren... Die Richtung sagen natürlich wir an.

In der Sowjetunion gibt es viel zu tun. Packen wir es an!

Zum Beispiel

"die schwierige Aufgabe, die staatlichen Subventionen für viele Produkte und Dienstleistungen zu reduzieren, die die Bevölkerung bereits für selbstverständlich hält: Billiges Essen, billige Mieten, billige Verkehrsmittel, kostenlose Heizung." (BamS, 1.2.)

Zum Beispiel den

"ideologischen Unfug, daß schwere Handarbeit höher bewertet wird als intellektuelle und spezialisierte Leistung." (Wirtschaftswoche, 20.2.),

wo doch logisch ist, daß Arbeit, wenn sie schon schwer ist, zumindest schlecht bezahlt werden muß. Überhaupt bräuchte es eigentlich vor Ort

"westliches Management, das die Anlagen finanziert, steuert und wartet, die Russen qualifiziert, und die Produkte auch noch vermarktet und verkauft." (Werner Obst, SZ, 10.12.)

Auf dem Friedensforum haben unsere Geschäftsleute schon mal Tacheles geredet.

"...forderten für das sowjetische Bankwesen Strukturveränderungen und eine flexible Anwendung der Gesetze. Auch die Bestimmung, bei Joint Ventures die Direktorenposten immer nur mit Snwjetbürgern zu besetzen, wurde kritisiert, ebenso wie die Weigerung Moskaus, seine Rubelwährung wenigstens teilweise konvertibel zu machen." (SZ, 17.2.)

Wenn wir die Sowjetunion entwickeln sollen, muß sich da schon noch einiges ändern, die Linie hat unser Genscher vorgegeben:

"Noch ist der Osten ein im wesentlichen auf sich selbst zurückgezogener Handelsblock. Doch auf diese Weise kann er nicht den Anschluß an die - wirtschaftlich-technologische Entwicklung in der Welt gewinnen... Gorbatschow scheint das zu sehen. Er weiß, daß er für die Modernisierung seines Landes die wirtschaftliche und technische Zusammenarbeit mit dem Westen braucht, daß er Untemehmenskooperation auf breiter Basis braucht, und, daß er auch Kredite braucht.

Umgekehrt würde sich dem Westen ein riesiger Wirtschaftsraum öffnen, ein riesiger Absatzmarkt, dessen Mobilisierung geradezu zu einem Wachstumsmotor der Weltwirtschaft insgesamt werden könnte..." (FR, 1.2.)

Aber, Werner Obst, die "Hilfe", die die Russen gar nicht beantragt haben, bekommen die von uns natürlich nicht ohne Gegenleistung:

"Das Joint-Ventures-Problem sollte schleunigst in die strategischen Überlegungen des Westens einbezogen werden, und zwar bevor es sich in der Praxis unkontrolliert ausbreitet, gewissermaßen an der großen Politik vorbei, ohne daß Moskau dafür den gebührenden politischen Preis zahlt... Joint Ventures können eine Trumpfkarte im Ost-West-Konflikt sein. Sie können den Zwang zur Reform der Sowjetunion verstärken... wenn der Westen unter Amerikas Führung einheitlich und geschlossen handelt." (S2, 10.12.)

Und wenn die Sowjetunion dann auch noch freiwillig auf ihren Großmachtstatus verzichtet und sich von Bonn aus sagen läßt, was sie zu tun und zu lassen hat, dann wäre die Frankfurter Rundschau-Redaktion sogar dafür bereit, für sie in Sachen Frieden ein gutes Wort einzulegen:

"Wenn sich die Sowjetunion fürjedermann sichtbar von ihren Großmachtallüren verabschiedet, werden es die Scharfmacher im gegnerischen Lager schwerer haben, ihren harten Kurs auch bei der Rüstung durchzuhalten."

Dann müßte man sie ja eventuell gar nicht mit Raketen erobern. Aber um ihr den Willen zur Besserung wirklich glauben zu können, müssen wir erst noch ein paar Schritte verlangen:

"Bundesverteidigungsminister Manfred Wörner sagte, Gorbatschow sollte sein 'neues Denken' auch auf dem Felde der Rüstungskontrolle und Abrüstung bei den konventionellen Waffen unter Beweis stellen." (SZ, 18.2.)

Die einen spekulieren ganz locker auf die künftige Heranziehung eines "zurückgezogenen Handelsblocks"; die anderen scheuen sich nicht, die Erschließung von Land und Leuten, wie sie unter Gorbatschows Statthalterschaft nach Modernisierung schreien, unter ihre "strategischen Überlegungen" zu zählen; die nächsten "befinden die Großmacht für reif, keine solche mehr sein zu wollen - und machen die Sowjetunion wie eh und je dafür verantwortlich, daß bei uns "Scharfmacher" glaubwürdig sind und Feinde der SU das Sagen haben. So richtig geändert kommt einem Verteidigungsminister der NATO die Sowjetunion erst dann vor, wenn sie uns in der Konkurrenz der Waffen nachgibt und das eigentliche Zeichen ihrer Läuterung auf diese Weise übermittelt. Es stimmt schon, daß die unglaublichen Neuerungen in Moskau bei uns auf lebhaftes Interesse stoßen. Fragt sich bloß, auf welches.

Daß sich die da drüben grundlegend ändern und bessern müssen, wissen sie alle. Daß "wir" dafür um so grundlegender bleiben müssen, was "wir" sind, sagen sie auch: Imperialisten.