"Im islamischen Staat ist der Staat das Mittel der Religion."

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1980 erschienen.
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Korrespondenz
"Im islamischen Staat ist der Staat das Mittel der Religion."

Ich wollte euch was zu Iran schreiben - die Diskussion bewegt sich immer noch um die Frage: war die persische Revolution eine soziale oder religiöse.... Beide Antworten sind ebenso falsch, wie es die Frage schon ist. Um das aufzuzeigen, will ich kurz den Charakter des Islam darlegen. Dabei geht es nicht darum, daß er eine Religion des Elends ist in dieser allgemeinen Bestimmung trifft das auf den Buddhismus auch zu -, sondern wie er das ist, wie die Armut im Islam auftaucht.

Kap. 30 Nr. 32 (im Koran): "Wenn den Menschen ein Leid widerfährt, dann rufen sie ihren Herrn an." (Also, die weltliche Verzweiflung ist der Grund der Religiosität.)

Kap. 30 Nr. 35: "...wenn sie aber ein Übel für das, was ihre Hände vorausschickten, trifft, dann verzweifeln sie."

Nr. 36: "Sahen sie denn nicht, daß Allah reich oder bemessen versorgt, wen er will?"

Hier taucht die Verzweiflung gerade als ständiger Grund des Abfalls von der Religion auf. Der Koran agitiert gegen die Haltung, die er dauernd unterstellt: sich von Allah loszusagen, weil er keine Hilfe sandte - und die besteht darin, nicht zu bemessen zu leben. Entsprechend folgt der Appell an die Reichen, die Religion dadurch zu erhalten, daß sie dem Elend das Überleben garantieren:

Kap. 30 Nr. 37: "So gib dem... seine Gebühr, wie auch dem Armen und dem Sohn des Weges. Solches ist gut für jene, welche das Angesichts Allahs suchen."

Dem Koran geht es also um die Verwaltung des Elends, gegen das er nichts hat, es sei denn, es geht so weit, daß aus weltlicher Verzweiflung der religiöse Abfall droht. Er unterstellt die Macht der Reichen und macht sie für die Religiosität der Moslemgemeinschaft verantwortlich. Den Reichen kommt der Islam dabei ganz moralisch, innerlich; gegenüber ihnen verliert er den Charakter einer Religion, die bloß auf die Befolgung der Gesetze beruht.

Die Welt betrachtet der Islam so, wie sie ihm die beste Grundlage für seine Religion abgibt; deshalb wird es zum religiösen Akt, Reichtum und Elend zu erhalten.

Aus der Judenfrage: Die Religion wird ihm (dem christlichen Staat) daher notwendig zum Mittel. Im islamischen Staat ist der Staat das Mittel der Religion.

Khomeini im Spiegel: "Nun gilt das Ziel, die materielle Tätigkeit als Bereitschaft für den moralischen Aufstieg der Menschen aufzufassen. Damit wird der Mensch zur Religion zurückkehren, und der Islam ist die Religion für diesen Fortschritt." Der Islam als Voraussetzung und Resultat des wirklichen Staates. Umgekehrt: sichert der Staat das Elend nicht, läßt die Armen also verrecken, so ist er selbst ein Staat des Unglaubens - aber nur dann.

Eine islamische Revolution verweist also gerade auf Grund des Charakters dieser Religion darauf, daß ein Zusammenbruch des Elends stattgefunden haben muß.

Daß die Armen in den Slums von Teheran, die heute sittenstreng Khomeini folgen, auch aus "Armut sittenstreng" bleiben - das war das Problem der Profitheologen, der Mullahs vor der Revolution. Die Bedingungen der Slums in der Stadt ließen nämlich die Religiosität der Armen in der Tendenz flöten gehen. Aus einer Dissertation (über Teheran): "Abgesehen von den Slums bilden Bordellviertel im Südwesten der Stadt den Kern asozialen Verhaltens". Was sagt der Koran dazu? Kap. 24 Nr. 3: "Die Hure und den Hurer, geißelt jeden von beiden mit 100 Hieben."

Die Mullahs hatten also was gegen das Übertreten des Islams durch die Armen, und in ihrer Agitation knüpften sie an den Rest der Religiosität an - an die Angst vor Allahs Strafe. Daß dabei nicht nur eine Selbstreinigung herauskam, sondern die Massen gegen den Unglauben im ganzen Reich kämpften - diejenigen, die in die Kinos gingen, haben die Kinos später zerstört -, hängt wieder am Islam selbst. Der kennt nicht die Haltung: ich mit meinem Gewissen bin religiöses Subjekt. Nein: der ganze Staat ist Objekt und Betätigungsfeld meiner Religiosität. Und endlich: daß die Mullahs mit ihrer Agitation Erfolg hatten, die religiös schwankenden Massen zu ihnen überliefen, lag tatsächlich daran, daß der materielle Jammer der Massen, den sie ohne Islam hatten, im Islam aufgehoben war ganz in der doppelten Bedeutung des Wortes.

Es stimmt also nicht, wenn der "Spiegel" schreibt: "Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Massen plötzlich wieder zur richtigen Religion gefunden haben". Dafür hatte die "Frankfurter Rundschau" recht (geschrieben Ende 78): "das politische Ziel der Mullahs, die Re-Islamisierung, kommt den sozialen Forderungen der Enttäuschten entgegen." Noch mal: ohne den sich entwickelnden Zusammenbruch des Elends, hin zum Verrecken, gibt es keine islamische Revolution und auch keinen Kampf mit den Mullahs zusammen gegen den Unglauben. Warum die religiöse Revolution gerade jetzt, hat ökonomische Gründe. Warum die Revolution eine religiöse ist, hat ideologische Gründe, liegt am Charakter des Islams, der die Ideologie der Armen ist (bzw. aufgefrischt wurde). Entsprechend lassen sich bestimmte Phasen der persischen Revolution erkennen:

1. Die Mullahs alleine gegen den Sittenverfall. 1963 gegen das Gesetz, das den Schleierzwang aufhebt. Die Mullahs hatten damals religiöse Probleme mit den Reichen in der Stadt. Die Landbewohner trugen sowieso ihren Schleier.

2. Die selbständige Forderung nach mehr Lohn etc. durch Arbeiter und Angestellte. Diese Schichten hatten auf Grund ihrer ökonomischen Stellung materielle Ansprüche, die sie ohne Religion vortrugen. Die Armen hatten nur den Jammer.

3. April 78: Die erste Demo der Armen in Teheran, 15 Mullahs an der Spitze von 20.000. Die Armen befolgten den Islam, was ihnen ihr Existenzminimum garantiert, wenn der Krieg gegen den Unglauben gewonnen ist. Er ist gewonnen, und in Teheran hat jeder was zu essen. Die Basars werden gezwungen, 20% ihrer Einnahmen in den öffentlichen Fonds zu geben etc.

Das Spektakel geht weiter, mit der Aufopferung im Kampf gegen die Amis wird geliebäugelt. Der Unglauben ist auf allen Ebenen zu schlagen, auch da, wo sich daraus nichts zu Beißen ergibt. Diese Verrücktheit ist der einzige Gegenstand der Presse, weil sie sich zu Gunsten der Amis ausschlachten läßt - tatsächlich ist das aber die Endphase der islamischen Revolution und wird immer mehr zum Problem der Mullahs. Ein Zyklus ist durchlaufen.

T.F., Wiesbaden

Es braucht bei allem Elend noch längst kein Mullah einen Aufstand machen

Lieber T., Dein Brief ist schon ein bißchen merkwürdig, da tobt sich in dem Erdenwinkel, aus dem Du kommst, ein wüster Nationalismus an den Interessen des Imperialismus aus - die religiösen Führer vorweg, das Massenelend wie verrückt gleich hinterher, während Du Dir das doch etwas aparte Problem machst, wie so etwas in der Religion möglich ist: "'Wie taucht die Armut im Islam auf?'" Na, wie denn wohl? Sie ist den Gläubigen, die ihr Glück auf dieser Erde weder haben noch suchen, einfach gleichgültig - und darum erhält sie sich auch. Als dieses "Opium e s Volks" (Marx) ist der Islam "eine Religion des Elends" wie andere auch.

Warum reicht Dir "das in dieser allgemeinen Bestimmung" nicht? Was für einen "sozialen" Aspekt der religiösen Bewegung suchst Du noch? Es braucht nicht den besonderen, den sozial-religiösen Charakter des Islam, auf den Du mit Deiner Eingangsfrage abzielst, um nachzuweisen, warum die Perser einen religiösen Aufstand und eine "Islamische Republik Iran" fabrizieren. Dazu reicht hin, daß die Mullahs sich mit der Regierung in irgendwelchen blödsinnigen Fragen wie der des Schleierzwangs anlegen und die Massen diesen Wahnsinn mitmachen. Ihre Armut ist dabei allemal unterstellt und gehört daher durch aus nicht als "Problem" der Islamischen Führer mit dem Volk aufgeworfen.

Du solltet uns deshalb ersparen, die besondere Erbärmlichkeit der Massenverelendung im Iran als Bedingung, unter der die Religionsführer tätig werden mußten, soziologisch auszumalen. Erstens braucht es sowieso keinen Soziologen, um Armut zu registrieren, zweitens entdecken diese Burschen eh immer nur Unausgewogenheit sozialer Beziehungen, drittens "muß" bei allem Elend noch längst kein Mullah einen Aufstand machen (da hätte er viel zu tun!), viertens haben wir deshalb die entsprechende Stelle in Deinem Brief kurzerhand gestrichen. Überhaupt verbreitest Du nichts als einen frommen Wunsch, wenn Du dem Islam als Aufgabe zuschreibst, daß er den Armen "ihr Existenzminimum garantiert". Das tut er weder dadurch, daß er "die Reichen" dazu anhält, mit Almosen ihr soziales Gewissen zu erleichtern, noch dadurch, daß er den Massen, wie Du schreibst, "Aufopferung" im Kampf gegen die Amis auferlegt, von der kein Mensch leben kann. Du erfindest Dir den Islam als eine organisierte caritative Veranstaltung zur "Verwaltung des Elends", um zu beweisen, daß das persische Volk doch achtbare Gründe hat, dem sozialen Angebot der Mullahs hinterherzulaufen (Als ob jemand wegen einem Teller Suppe religiös würde!). Die Zitate, die Du zu diesem Zweck aus dem Koran bemühst, belegen auch etwas ganz anderes als die soziale Verantwortung des Islam gegenüber dem, der sich ihm in der Not zuwendet - nämlich die allen Religionen eigene langweilige Agitation gegen den Zweifel der Gläubigen, der im Glauben selbst liegt: "Sahen sie denn nicht, daß Allah reich und bemessen versorgt, wen er will:" (Koran, 30,36) Daty sich daraus kein Versorgungsanspruch drechseln läßt, wenigstens "dem Elend das Überleben (zu) garantieren", zeigt auch der religiöse Appell an die Reichen, zur Beruhigung ihres Gewissens, hin und wieder etwas springen zu lassen. Solche Caritas ist Folge des Glaubens, nicht sein verlockender Grund, wie Du behauptest, weil Du auf die Konstruktion des Widerspruchs aus bist, der Islam fordere Opfer, "auch da, wo sich daraus nichts zum Beißen ergibt." Daß der Sinn des Opfers doch wohl nicht das Beißen ist, hätte Dir noch jeder "Profitheologe" lässig nachgewiesen.

Dein Versuch einer materialistischen Begründung der Verführung der Massen durch diese Profis kritisiert beide Seiten nicht. Er entschuldigt die vom "Kampf gegen den Unglauben" in Ost und West (und nicht zuletzt in sich selbst) begeisterten Massen mit dem Zuckerbrot, das die Religion ihnen angeblich bietet, und entschuldigt die Religion mit angeblichen sozialen Aktivitäten, die sich nicht auszahlen, weil sie irgendwie doch auch immer Religion bleibe, die dem Volk ideologisch kommt. Aus all dem resultiert Dein reichlich abgeklärtes "Zyklus"-Modell, das Volk und Islam interessiert kombiniert und die welthistorische Perspektive eröffnet, daß bei denen da unten "Probleme der Mullahs" herauskommen. -

Dein Brief eröffnet freilich auch noch eine allerletzte Perspektive für das Subjekt der Weltgeschichte, den Staat, sich aus unverschuldeten Modellzwängen zu befreien: "Der ganze Staat ist Objekt für den Islam". Der arme Staat, es wird ihn drücken, daß die Religion ihn als ihr "Mittel" "betrachtet": Als sei nicht der Staat so ungefähr das einzige, was im Iran flott floriert, und zwar gerade wegen der ganzen Brut von Ajatollahs, die den "Heiligen Krieg" der Nation ausgerufen haben, von Politikern, die über seine zweckmäßige Umsetzung gegenüber dem Imperialismus streiten, und von sonstigen Jubelpersern, die sich dafür einspannen lassen.

Ein letztes Wort zu Deiner mit Marx bereicherten Analyse. Was soll die "Judenfrage" mit dem Iran zu tun haben? Wenn Marx 1843 die Sorge hatte, den preußischen Staat der "Heuchelei" zu überführen, wenn er sich religiös legitimierte, so ist diese Ideologiekritik schon damals nicht sonderlich aufregend gewesen, und im heutigen Persien dürfte sich mit diesem Spruch noch viel weniger putzen lassen. Allenfalls für Dein gezieltes Mißverständnis der im übrigen blöden Marx'schen Rede vom "unvollkommenen Staat", der sich die Religion zum "notwendigen Mittel" seiner Existenz mache, wirst Du dort vielleicht ein paar interessierte Staatstheoretiker mobil machen können, die sich anstatt der Abschaffung der Trennung von Staat und Religion zur Vervollkommnung beider verschrieben haben.

Dein Problem scheint uns dem Wunsch geschuldet, dem Islam eine von anderen Religionen aparte Bestimmung zu unterstellen, um im Glaubensfanatismus der Perser neben allen seinen auch von Dir angeführten Verrücktheiten - doch noch einen rationellen Kern auszumachen. In Wahrheit ist jedoch die von Dir ausgerechnet dem Islam als Besonderheit unterstellte Wendung gegen das Elend, wenn es die Grundlagen der Massenreligiosität gefährdet, z.B. auch fürs Christenstum zutreffend, was die Opposition südamerikanischer Bischöfe gegen die lokale Herrschaft zeigt. Auch hier richtet sich das Engagement der "Profitheologen" gegen eine Staatsmacht, die es den Massen schwer macht, zu ihr ein gläubiges und d.h. zustimmendes Verhältnis zu praktizieren.

Mit anderen Worten: Es ist ein Fehler, Formen des falschen Bewußtseins so (nicht) zu kritisieren, daß man sie in einen materialistischen Kern und eine hinzukommende Portion Verrücktheit auseinanderdividiert.

MSZ-Redaktion

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"Ungefähr das Geschmackloseste"

"Der Präsident der Universität München

8000 München, den 16.4.1980

Geschwister-Scholl-Platz 1

Fernsprecher (089) 21802411

Lieber Herr Ebel,

seien Sie mir bitte nicht böse, wenn ich Ihnen schreiben muß, daß die Notitz über die Ermordung von Erzbischof Romero in der MAZ vom 31. März d.J. so ungefähr das Geschmackloseste war, was mir seit langem über den Tisch gekommen ist. Auch wenn man die gegenwärtige Welt im Un- und Ausland verachtet, ja haßt, scheint es mir - auch aus Ihrer Sicht - nicht nötig, Ermordete zu verunglimpfen.

Stellen Sie sich vor, daß auch nur eine einzige deutsche zeitung beim Tode von Ohnesorg etwas Ähnliches geschrieben hätte.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Nikolaus Lobkowicz"

Mit Befremden und Sorge

Sehr geehrter Herr Präsident, Ihren Brief habe ich mit Befremden und in Sorge zur Kenntnis genommen. Mit Befremden, weil Sie die MAZ und nicht die Bildzeitung der Geschmacklosigkeit zeihen. Erzbischof Romero einen "Engel der Armen" zu nennen, wie das die Bildzeitung tut, ist erstens eine unziemliche Vorwegnahme des Entschlusses des Allerhöchsten - Sie müßten doch wissen, daß es selbst bei einem Erzbischof nicht sicher ist, ob der in die Gemeinschaft der Heiligen eingeht; und zu einem Engel kann ihn selbst der Allmächtige nicht machen. Zweitens bedeutet es eine klammheimliche Verunglimpfung, den Bischof, den die Bildzeitung für einen umstürzlerischen und damit uneigentlichen Kirchenmann gehalten hat, nach seinem Hinscheiden, also wenn er nicht mehr stört, in den Himmel zu loben. Er ist übrigens auch nicht ermordet worden, weil er für die Armen gebetet hat oder sich um sie gekümmert hat, damit sie weiter an den lieben Gott glauben können. - Warum regen Sie sich nicht über die Bildzeitung auf; was hat sie denn beim Tode Benno Ohnesorges geschrieben?

In Sorge las ich Ihren Brief, weil ich mir - seien Sie mir nicht böse - ernstlich Sorge um Sie mache. Wie wollen Sie denn als Präsident der größten deutschen Universität mit ihren schwierigen und hohen Aufgaben zurande kommen - Ihr lange angekündigtes Buch über Aristoteles ist auch immer noch nicht fertig -, wenn Sie schon morgens um 5 Uhr vor BMW auf die neueste MAZ (die Sie außerdem gar nichts angeht - sie ist nämlich für Arbeiter geschrieben) warten? Als guter Christ - erlauben Sie mir zum Schluß diesen Rat - sollten Sie daran denken, daß auch Sie nicht über Ihren Schatten springen können.

Mit freundlichen Grüßen, Theo Ebel

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Betr.: Sozialistische Konferenz

MARXISTISCHE GRUPPE München, den 26. März 1980

Werter Genosse Steinke,

leider haben wir von Eurem Projekt einer "Sozialistischen Konferenz" nur durch linke Publikationen, also gewissermaßen aus 'Zweiter Hand' erfahren, weil der diesbezügliche Brief des Westberliner Bahro-Komitees uns nicht erreichte. Wir entnehmen unseren Quellen, daß "sowohl die undogmatischen Linken als auch die marxistisch-leninistischen Gruppen als auch die interessierten Kräfte aus der SPD teilnehmen sollen" und daß die Konferenz "eine offene Beratung aller Sozialisten" werden soll. Ungeachtet der Umstände - ob als MARXISTISCHE GRUPPE nun direkt oder indirekt angesprochen - sind wir an einer Teilnahme an dieser Beratung interessiert und meinen, zu den von Rudolf Bahro vorgeschlagenen Dikussionsgegenständen durchaus etwas bei und auch nach Hause tragen zu können.

Von der ersten Vorbereitungskonferenz in Frankfurt/Main haben wir wiederum und leider erst hinterher durch den "Arbeiterkampf" Kenntnis erhalten. Dennoch hoffen wir zuversichtlich, daß es noch nicht zu spät ist:

Für die MARXISTISCHE GRUPPE teile ich Euch hiermit Wunsch und Bereitschaft mit, an der geplanten Sozialistischen Konferenz teilzunehmen und schließe die Bitte an, uns über den erreichten Stand der Vorbereitungen zu informieren bzw. über die Bedingungen einer Teilnahme und die Möglichkeiten, unsere Auffassungen aktiv in das Projekt einzubringen.

Wir sind auch bereit, an weiteren Vorbereitungskonferenzen mitzuwirken, um das uns Mögliche fürs Zustandekommen des Projekts Sozialistische Konferenz beizutragen.

Mit sozialistischen Grüßen, L. Fertl

Offen diskussionsbereit?

Der undogmatisch-offene-diskussionsbereite Rudolf Steinke, Sekretär des Bahro-Komitees und Organisator der "Sozialistischen Konferenz", der die Teilnahme von SPD-Politikern und rechten Grünen wie Gruhl in Kassel durchsetzte, antwortete auf unser Ansinnen, an der Konferenz teilzunehmen, bislang mit Schweigen. Es ist schon so bei den Undogmatischen und ständig Diskussionsbereiten, daß mit ihnen nur diskutierem darf, wer vorher seine Eintrittskarte in Form der festgelegten Solidaritätseinheiten gelöst hat. Wer reden will, weil er an den vorhandenen Standpunkten etwas auszusetzen hat und auch nicht bereit ist, die vorgegebenen Themen als die brennenden des Sozialismus zu affirmieren, ist beim großen Palaver allem Anschein nach unerwünscht.

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"Bayern: Marxistische Gruppen am Ende?"

München/Frankfurt, 31.3. (taz) - Das Ende der in München ansässigen Gruppen "Marxistischen Gruppen" könnte drohen, nachdem es der regierenden CSU gelang, gegen die Stimmen von SPD und FDP die Einführung von "Busgeldern für Bummelstudenten" durchzusetzen. Damit fällt erstmals im kommenden Wintersemester im Freistaat die Gebührenfreiheit für Studenten weg, die ihren Abschluß "unangemessen hinauszögern". Der Abgeordnete Schosser (CSU) sagte zur Begründung, an der Münchener Universität stünden 1199 Hörer im 17. Semester, 254 im 20. und 519 im 21. Im 35. Semester seien es immerhin noch 12 und im 42. noch 3. Ein "betagter" Hörer habe den Rekord von 57 Semestern erreicht. Dem Vernehmen nach handelt es sich bei letzterem um Ludwig Fertl, Chef-Theoretiker und ZK-Vorsitzender der aus den "Roten Zellen/AK" hervorgegangenen "Marxistischen Gruppen" (MG). Auch bei den anderen Hochsemestern soll es sich um den engeren Führungskader der MG handeln. Selbst Fertl-Adlatus und Linkslinguist Held sieht sich von der CSU-Maßnahme seiner materiellen Ressourcen beraubt. Da die MG jedoch vom alleinigen Verkauf ihrer Broschüren und Zeitungen unmöglich ihre "individuelle Reproduktion" sicher stellen können, bedeutet die Gebührenschwemme eine drastische Reduktion der ihr zur Verfügung stehenden "Revenuequellen". Inzwischen soll aus den Polit-Kommissionen der MG Marburg und Erlangen zusammen mit den Münchnern ein "kleiner Krisenstab" gebildet worden sein. "(aus: taz vom 1. April)

Seit 1951 im Kampf

Werte taz-Redaktion, ihr habt den Sachverhalt glasklar durchschaut: seit 10 Jahren ist die Hochschulpolitik der bayerischen Staatsregierung nur noch als Reaktion auf die MARXISTISCHE GRUPPE (vormals Rote Zellen/AK ) zu erklären. Diese Tendenz deutete sich schon an, als ich im Wintersemester 1951 mein Studium an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität begann: nach nur einem Monat wurden die Mensapreise drastisch erhöht. Mein seitdem gemeinsam mit Genossen Held durchgehaltener Mensaboykott hat uns überhaupt erst die Kraft verliehen, bis heute durchzuhalten. Auch für die jüngste Maßnahme der CSU gilt, daß der Stein, den sie erhoben hat, ihr auf die eigenen Füße fallen wird! Ich überlege mir ernsthaft, mein Studium abzubrechen und mich ganz der Politik zu widmen. Dann scheppert's im Kanton!

Herzlichst, L. Fertl