HOW HARD IT CAN BE, TO FIND THE MAN FOR THE TOUGHEST JOB IN THE WORLD

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1980 erschienen.
Systematik: 

Vorwahlen in den USA:
HOW HARD IT CAN BE, TO FIND THE MAN FOR THE TOUGHEST JOB IN THE WORLD

Zur Ausübung des obersten Amtes im Staat bedarf es keiner besonderen Fähigkeiten weder in den USA noch sonst irgendwo auf der Welt. Wer das Amt einmal hat, dessen Entscheidungen gelten kraft der Macht, die das Amt ihnen verleiht. Dem geistigen Inhalt seiner Fernsehreden nach zu urteilen, ist Jimmy Carter jedenfalls dumm wie die Nacht und seine Hauptkontrahenten Kennedy und Reagan. Aber geistige Leistungen verlangt auch niemand von einem Präsidenten. Stattdessen die Bereitschaft, jederzeit jede Menge Menschen- und sonstiges Material seines eigenen und anderer Völker in die Waagschale zu werfen, wenn es um schwerwiegende Entscheidungen geht wie die, ob und wann man die SU wegen Afghanistan moralisch mit Olympia und ökonomisch mit Weizen und LKWs oder auch noch militärisch unter Druck setzt und ob eine Militäraktion in der persischen Wüste eine ausreichend überzeugende Demonstration ist, daß die USA ihre Souveränität im Iran als 'matter of honour' zu betrachten gedenken und sie mit allen Mitteln verteidigen werden. Schwierig, schwierig: Aus den unbegrenzten Möglichkeiten der Weltmacht Nr. 1 das Mittel auszuwählen, das beim Gegner die meiste Überzeugungskraft hat!

Das bringt noch jeder fertig, so er die Macht hat. Warum also so viel Umstände, wenn es darum geht, für die Handhabung dieser Macht den richtigen Mann zu finden? Im freien Westen, wo die führenden politischen Figuren bekanntlich nicht vom Politbüro ausgesucht, sondern von Parteizentralen dem Volk zur Auswahl präsentiert werden, ist die Wahl der Macher ein äußerst komplexer Vorgang, weil das Einsetzen der Figur zugleich den einfachen Zweck verfolgt, das Einverständnis der Beherrscher mit ihrer Herrschaft machtvoll zu demonstrieren. So wie sie es in allen Fragen des Kapitalismus zur Perfektion gebracht haben, haben die Amis sich auch hier etwas ganz Besonderes einfallen lassen, um klarzustellen, daß bei ihnen nur der Präsident wird, der es wirklich verdient. Indem die Parteien ihre Führergestalten dem Volk nicht einfach vor die Nase knallen, sondern sie erst einmal gegeneinander antreten lassen, um sie in Vorwahlen Anhang für sich gewinnen zu lassen, wird dem Volk vorgeführt, daß jeder Kandidat auch die Probe auf die Qualität bestehen muß, auf die es bei ihm ankommt: daß er sich durchsetzen kann.

The American Dream

Dafür braucht jeder Kandidat nur eine Voraussetzung mitzubringen: er muß in den USA geboren sein (daher die menschliche Tragik eines Henry Kissinger!). Deswegen kann aber noch lange nicht jeder Amerikaner Präsident werden. In dieser Hinsicht sind die Chancen überall auf der Welt relativ ungleich verteilt und in den USA ganz besonders. Weil die Staatsgewalt schließlich eine ihrer vornehmsten Aufgaben darin findet, dafür zu sorgen, daß das auch so bleibt, kommt als Präsidentschaftskandidat nur in Frage, wer nicht bloß die Gesetze der freien Konkurrenz anerkennt, nach denen jeder seines Glückes Schmied ist, sondern der auch ein Glück zum Schmieden hat. Nur von einem, der in der Welt Erfolg gehabt hat und damit die Gewähr dafür bietet, daß er erfolgreich für ihren unveränderten Fortbestand eintritt, läßt sich schließlich ein Ami regieren. Und wie kann man wissen, ob einer die Macht der USA erfolgreich wird einsetzen können, wenn er es noch nicht einmal geschafft hat, sich selbst die Voraussetzungen dafür zu ergattern!

Einerseits ist es also ziemlich egal, ob der nächste Präsident der USA ein Erdnußfarmer ein alternder Schauspieler, ein ehemaliger CIA-Direktor ist oder bloß der steinreiche jüngste Sproß eines Präsidentenclans, dessen Brüder es deshalb zu unsterblichen Ruhm gebracht haben, weil sie rechtzeitig erschossen worden sind. Aber daß derjenige, der es wird, alle Kriterien eines Erfolgsmenschen nicht nur in sich vereint, sondern sie auch überzeugend zur Geltung zu bringen versteht, ist schon verlangt. So praktiziert sich der genuin demokratische Rassismus, daß das, was ein Mensch hermacht auf der Welt, sich irgendwelchen verborgenen Fähigkeiten verdankt, weswegen der Erfolg der Nachweis der Qualitäten ist, die man zum Erfolghaben braucht - und diese machtvolle Tautologie findet im amerikanischen Wahlkampf ihre vollendete Inszenierung.

Money makes the world go round!

Das erste, was ein Präsidentschaftskandidat braucht, ist Geld - viel Geld, weil Reichtum der allererste Beweis ist, daß man die Gesetze des american way of life deswegen achten und befördern wird, weil man selbst von ihnen profitiert. So einer verschleudert nicht das Geld an die Massen, die gemäß obiger Tautologie Not leiden, weil sie es zu nichts gebracht haben, sondern gibt es für das aus, was Amerika stark macht auf der Welt: business und Militär, und seine Fans zahlen 1000 Dollar fürs Gedeck auf einem "Fund Raising Dinner" ihres "presidential-hopeful". Ein Kandidat muß aber nicht bloß Geld haben - nach neuester gesetzlicher Regelung darf kein Kandidat von den insgesamt erlaubten dreieinhalb Millionen Dollar Wahlkampfkosten für die primaries mehr als 50.000.- von eigenem Geld verbrauchen -, er muß sich auch welches besorgen können. Er muß es schaffen, die lokalen Parteibosse, Gewerkschaftsführer, Industrielobby und was sonst noch politisch Einfluß hat, davon zu überzeugen, daß es sich für sie lohnt, wenn sie ihn unterstützen, deshalb auch ordentlich in seine Wahlkampfkasse spenden, damit er eine überzeugende Show abziehen kann. Und das Lohnen ist hier durchaus wörtlich gemeint. Die hierzulande übliche Heuchelei, einen Kandidaten müsse man aus reinem Idealismus und der Sache wegen unterstüzen, weil das Privatinteresse hinter das Allgemeinwohl zurückzutreten hat, vertritt in den USA kaum einer und braucht es auch nicht. Die Parteien selbst sind nichts anderes als lokal zufällige Bündnisse verschiedener Interessencliquen, die sich nur zu Wahlkampfzeiten eine Organisation zulegen. Und welchen demokratischen bzw. republikanischen Kandidaten die lokale Parteiclique unterstützt, hängt ganz davon ab, welcher ihr am erfolgreichsten versprechen kann, das Amt und mit ihm die Quellen politischen Einflusses und zentralstaatlicher Finanzmittel zu erreichen. Die bei uns geläufige Funktion 'Gemeinnutz vor Eigennutz' ist in den USA also eine Gleichung. Der amtierende Präsident ist hier schon aus diesem Grund in der Vorhand. In New Hampshire z.B., wo traditionsgemäß die ersten Vorwahlen stattfinden, deren Ergebnis also für alle weiteren ein Zeichen setzen, auf welches Pferd es zu setzen lohnt,

"hat das Weiße Haus Bundesmittel hineingeschaufelt... für Straßenbau, Kreditgarantien für eine Schlittschuhfabrik und für den Hausbau. Die Wahlkampfersatzmannschaft für Carter" (der ja ursprünglich versprochen hatte, bis zur Freilassung der Geiseln das Weiße Haus zu Wahlkampfzwecken nicht zu verlassen) "- Rosalynn, Chip" (sein Sohn), "Miss Lillian, Vizepräsident Mondale und seine Frau - haben aus New Hampshire ihre zweite Heimat gemacht." (Time, Februar 1980)

Und an den Finanzen kriegen es die Kandidaten und die Öffentlichkeit unmittelbar mit, wie die Chancen im weiteren Rennen stehen:

"Spenden haben nach der Niederlage von Iowa rapide nachgelassen und haben erst langsam wieder zugenommen. Kennedy mußte seinen aufwendigen 727-jet stehenlassen und auf eine bescheidene zweimotorige Maschine umsteigen."

Carter wurde von seiner Wahlkampfmannschaft nicht zuletzt mit dem Hinweis in die Arena bewegt, daß sich an rückläufigen Wahlspenden der Niedergang seiner Popularität zeige. Viel Geld kostet der Wahlkampf, weil für jeden Kandidaten der entsprechende Rummel aufgezogen gehört: Reden, Versammlungen mit bekannten Künstlern, Umzüge, Wahlhelfer, die alle für die jeweilige Partei registrierten Wähler anrufen oder zu Hause besuchen und sie darauf festnageln, den eigenen Kandidaten zu wählen. Wer die lokale Parteiprominenz in der Tasche hat, hat damit auch schon fast gewonnen:

"In Morgan County, Illinois, wurde dem Vorsitzenden der Demokraten durch den regionalen Wahlleiter die Kontrolle über die Einstellung lokaler Wahlhelfer entzogen, weil er ein Kennedy-Fan ist: 'Sie sind eine Unperson. Sie haben sich entschieden, den falschen Mann zu uuterstützen. Sie versteben was vun Politik, und dies ist Politik.'" (Time, 10.3.)

Und Bewunderung wird einem Kandidaten ausgesprochen für Leistungen folgender Art:

"Mit nur knapp zwei Tagen Vorbereitung hat sein Wablkampfstab für Kennedy die Massenversammlung von 10000 Leuten organisiert - die größte Versammlung seines Wahlkampfes und viel mehr Leute als die, die dieses Jahr die Steelers (Baseballmannschaft) nach ihrem Sieg in Super Bowl begrüßten." (Time, 7.4.)

Our Man for the White House

Die Popularität muß der Kandidat allerdings selbst beisteuern. Die Masche des amtierenden Präsidenten besteht dabei regelmäßig darin, der amtierende Präsident zu sein: Die Bürde des Amtes allein, mit würdiger und verantwortungsvoller Miene getragen, ist eine eindrucksvolle Wahlkampfstrategie, die Carter bis vor kurzem noch dadurch pflegte, daß er persönlich nicht am Wahlkampf teilnahm, sondern nur "einsam durch den Rose Garden joggte" (woher der Reporter das wohl wußte?). Daß er derjenige ist, der am schwersten an den Herausforderungen trägt, denen sich die amerikanischen Interessen überall da gegenübersehen, wo sie dies beschließen, dies zu demonstrieren läßt Jimmy Carter keine Gelegenheit aus: sei es mit Tränen am Grabe der toten Iranhelden, sei es mit dem zur Kolportage verbreiteten Hinweis an die Journaille, "er bete jetzt mehr als sonst", oder sei es mit Konferenzen mit allen Interessengruppen des Landes, in denen er seiner Sorge um die Inflation Ausdruck zu verleihen weiß. Für einen Präsidenten gehört es sich, sich so aufzuführen, weswegen es ganz verfehlt wäre, Jimmy hier Heuchelei vorzuwerfen. Er ist tatsächlich diese moralisierende, bigotte Charaktermaske weltweiter Macht; ob er damit schon seine Wiederwahl gesichert hat, ist allerdings noch nicht sicher. Aber nicht deswegen, weil seine Bürger ihm verübeln würden, daß er sich jede Mühe gibt, die Vollmachten seines Amtes möglichst werbewirksam einzusetzen. Das gehört zum politischen Geschäft; und die heuchlerische Parteinahme für die "wirklichen amerikanischen Interessen", mit der die hiesige Presse sich sorgt, ob Jimmy sein "Iran-Abenteuer" nur wegen eines Schielens auf die Stimmung der Wähler gewagt habe, bewegt amerikanische Kommentatoren nicht. Klar hat er das und warum auch nicht.

The ends of power

Die Frage, ob der mächtigste Mann der Welt seine Macht auch erfolgreich nutzt, ist ja schließlich die nach seiner Qualifikation für dieses Amt - und die Amis wären die letzten, die es ihm verübeln würden, daß er mit dem Timing seiner Entscheidungen in Sachen Iran und Afghanistan seine Macht auch möglichst stimmenwirksam einzusetzen versucht. Nicht zufällig lag das Angebot, sich in der Frage der Kommission zur Untersuchung der Unterstützung der Schahverbrechen kompromißbereit zu zeigen, kurz vor den ersten primaries. Daß es "die größte Unterstützung unserer Wahlkampagne wäre, wenn die Geiseln zurückgeflogen würden"; daß Kennedys Wahlhelfer in Jubel ausbrachen, als sie hörten, daß die Inflationsräte auf 1,4% pro Monat gestiegen war - dies offen zu verhandeln gilt in den USA ebensowenig als Zynismus wie hierzulande die Begutachtung der Bemühungen, mit denen die Kandidaten beim Wähler Eindruck schinden. Aber auch wenn es in der BRD anerkannter Brauch ist, daß die Politiker ihr Bestes tun, um jedes politische oder ökonomische Vorkommnis entweder sich selbst als Erfolg an die Brust oder dem Gegner als Versäumnis anzuhängen, so gehört doch mindestens dazu, so zu tun, als ob man sich um die Geschicke des Landes sorgt umd "nicht bloß" um seinen ganz persönlichen Erfolg. Wo der persönliche Erfolg wie in den USA die Garantie ist, daß die USA auch den besten Präsidenten bekommen, kann man sich solche moralischen Pflichtübungen schenken.

Carter unterwirft also nicht, wie die hiesige Presse zu bemäkeln weiß, weltpolitische Entscheidungen wahltaktischern Überlegungen: Er macht Weltpolitik und damit Wahlkampf.

Die hiesigen Kritiker, die sehr für die amerikanische Machtvollkommenheit rundum in der Welt sind, sofern auch unser nationales Interesse dabei ein Wörtchen mitzureden hat, ziehen es allerdings vor, so zu tun, als ob es am amerikanischen Wähler liege, wenn der Präsident nicht alles genauso macht, wie Helmut es gerne hätte. Der nationalistischen Borniertheit des amerikanischen Wählers zuliebe, soll so manche Dummheit geschehen - als ob der Wähler drüben nicht genausoviel zu sagen hätte wie hier, nämlich gar nichts. Das hält ihn allerdings auch drüben nicht davon ab, sich an der nationalen Mobilmachung zu beteiligen, zu der der Wahlkampf dieses Jahr gerät.

What's best for America?

Während Carter mit dem Slogan "for the truth" sich als der weitblickende, den harten Tatsachen der weltumspannenden Bedrohung der USA fest ins Auge blickende Staatsmann in Szene setzt, setzt Kennedy ("I think we can make a difference and do it better") auf den kleinen Unterschied in der Identität, also darauf, daß der demokratische Parteikonvent im Herbst trotz der in den primaries bestimmten Mehrheit der Delegierten für Carter sich dennoch entscheiden könnte, angesichts der für den republikanischen Hauptkonkurrenten Reagan günstigen Umfrageergebnisse Kennedy für einen zugkräftigeren Präsidentschaftsanwärter zu halten als den amtierenden Präsidenten. Denn ebenso wie die Parteien sich entscheiden können, daß sie den Erfolg in den primaries als Test für den Erfolg in der anschließenden Wahl beurteilen wollen, ebenso können sie durch Veränderung ihrer Satzung entscheiden, dies nicht zu tun. Auf das Urteil des sich an primaries nur zwischen 10 und 20% beteiligenden Wählervolkes kommt es ohnehin bloß als Indiz, neben anderen wie den Meinungsanfragen, für die Chancen eines Kandidaten an und nicht deswegen, weil hier - wie Demokratiefans es gern wissen wollen - das Volk tatsächlich entscheiden soll, von wem es sich beherrschen lassen will.

Young Mr. Kennedy

Wo der Präsident die Politik der USA macht, machen seine Konkurrenten Punkte, indem sie ihn bemäkeln. Ihre Geschicklichkeit besteht allein darin, herauszufinden, welche Sorte Bemäkelei gerade beim Publikum ankommt, und sich danach ihren Wahlkampfinhalt zusammenzuschustern. Kennedy setzt auf "jobs and inflation" und gilt deswegen als "liberal", weil in den USA jede Politik mit diesem Etikett bepflastert wird, die überhaupt das private Fortkommen der Bürger anders zum Thema staatlicher Beachtung macht als mit dem Hinweis, daß das Zurückdrängen der Feinde Amerikas überall auf der Welt auch jedem Amerikaner, der sich nur richtig anstrengt, seinen Wohlstand schon sichern wird. Von diesem Standpunkt aus macht sich der Angriff Kennedys auf Carter -

"Ich würde es vorziehen, mit weniger Benzin auszukommen als amerikanisches Blut zur Verteidigung von OPEC-Pipelines zu vergießen" -

wahrhaft linksradikal - allerdings auf amerikanisch. Die Ankündigung an die Wähler, daß sie unter seiner Ägide ebenso mit einer drastischen Benzinsteuer zu rechnen hätten wie demnächst unter Carter, trägt sich vor als das Angebot, die USA wieder so stark zu machen, daß sie es gar nicht mehr nötig hätten, wegen solcher Lächerlichkeiten wie Öl extra einen Krieg anzufangen. Dementsprechend interpretiert Kennedy Carters Offensive gegenüber der SU als "Säbelrasseln" und "Schwäche" und bietet den Wählern die Vision eines Amerika, das, wenn es seine inneren Probleme - steigende Arbeitslosigkeit und Inflation - bewältigt habe, wieder in neuem Glanz als Weltmacht Nr. 1 erstrahlen könne. Die Sorgen des "kleinen Mannes" sind also auch in den USA - nicht anders als hier - nur Indiz für einen Verlust an nationaler Größe. Nichts scheint daher selbstverständlicher als der Schluß, daß es auch der kleine Mann sein wird, der mit Arbeit (so er welche hat) und Sparsamkeit für deren Wiederherstellung einzustehen hat. Wenn sich Kennedy einige besondere Belastungen ausdenkt, die auf die Amis unter seiner Administration zukommen würden hat er immerhin demonstriert, daß er sich um die "inneren Probleme" sorgt, bei denen Carter angeblich so schmählich versagt.

Ronald Reagan rides again!

Der inzwischen führende Kandidat der Gegenpartei, Reagan, tut sich da in jeder Hinsicht leichter. Nicht nur hat er statt einer gerade aus der Trinkerheilanstalt entlassenen Frau, die demonstrativ auf wiedergewonnenes Familienglück und Eintracht macht, eine ordentliche amerikanische Familie und braucht sich auch nicht nachsagen zu lassen, er habe vielleicht einmal "unter ungeklärten Umständen" eine Frau ertrinken lassen. Als Schauspieler bringt er auch noch die Qualität mit, die es in den USA vor allem braucht:

"Er gewann hauptsächlich dadurch, daß er es selbst war: der Verfechter uneingeschränkt konservativen Antworten auf beängstigend komplexe Fragen." (Time, 10.3.)

Seine besondere Leistung besteht also darin, sich als der beste Darsteller seiner selbst zu verkaufen und darauf auch noch besonderen Wert zu legen. Anders als hierzulande, wo die Bezweiflung der Ehrlichkeit eines Politikers zu den beliebtesten Versatzstücken politischer Heuchelei gehört, gilt in der USA die Feststellung, daß Reagan seine schauspielerische Erfahrung im Wahlkampf gut gebrauchen kann, nicht als Beleidigung, weil man dort zurecht der Auffassung ist, daß derjenige der überzeugendste Vertreter der obersten Staatsgewalt ist, der sich am überzeugendsten vertritt. Hochachtung zollt man einem Politiker, der demonstriert, daß er wirklich an die Macht kommen will und deshalb mit Leib und Seele Wahlkampf macht. Wie sehr einer sich anstrengt und wieviel er aushält, ist dabei durchaus ein Kriterium, und zwar ganz wörtlich:

"Reagan hat bisher keinen Fehler gemacht. Er hat es bisher sogar vermieden, Erschöpfung oder Krankheit zu zeigen (!), etwa wie die leichte Grippe, die Kennedy befiel und die beim alternden Reagan ein verräterisches Zeichen gewesen wäre." (Time, 31.3.)

Fit zu sein verlangt man als Amerikaner schon von seinem Präsidenten, und für den Beweis läßt sich ein Kandidat auch allerlei Respektlosigkeiten gefallen:

"Einmal ließ (Reagan) eine Fernsehreporterin mit ihrer Hand durch sein graumeliertes brauues Haar fahren, damit sie feststellen konnte, ob es gefärbt sei."

Das Bild eines alten Kämpfers, das Reagan von sich verbreiten läßt, ist die plastische Untermalung des Bildes eines neuen, kampfbereiten Amerika, das er den Wählern als Perspektive seines Wahlsieges anbietet:

"It's nice to be liked, but it's more important to be respected."

Mit diesem Slogan kennzeichnet Reagan Jimmy Carters Offensive gegenüber der SU ebenso wie die Gelassenheit, mit der die gegenwärtige US-Politik die Ergebnisse des wechselseitigen Abschlachtens von Bevölkerungen in Südamerika und Afrika mit Hilfe amerikanischer Waffen abwartet in der Sicherheit, daß die ökonomische Abhängigkeit dieser Länder sie schon zur Freundschaft mit den USA zwingen wird, als einen einzigen Beweis dafür, daß die USA auf der Welt ständig an Terrain verlieren:

"Die Sowjets haben die letzten 25 Jahre überall gewonnen wegen einer amerikanischen Außenpolitik, die an appeasement grenzte." (Reagan)

Mit seiner "nostalgischen Vision einer Zeit, die wiedergewonnen werden müsse, wo das Individuum viel galt und die Regierung wenig, die US- Flagge und der Dollar überall respektiert waren", schlägt er für die eigene Partei Kapital aus der Carterschen Offensive, indem er jeden diplomatischen Erfolg der USA als Niederlage kennzeichnet, weil sich die USA überhaupt darauf einlassen, mit ihren Feinden zu verhandeln, statt ihnen gleich die Bedingungen ihres Handelns zu diktieren. SALT II und den Panama-Kanal-Vertrag - ein Ausverkauf amerikanischer Interessen - und die Legalisierung der Abtreibung ebenso wie die Kontrolle des privaten Waffenbesitzes - lauter Angriffe auf die Substanz der amerikanischen Nation. Ob jemand glaubt, daß Reagan als Präsident andere Außenpolitik machen wird als Carter, ist dabei völlig unwichtig: Daß er eine überzeugendere Show amerikanischer Unbeugsamkeit gegenüber allen Anfechtungen daraus machen wird, begeistert den amerikanischen Nationalismus, der die absolute Vormachtstellung seines Staates auf der Welt als selbstverständliche Garantie seines bescheidenen Wohlstandes sieht, und der deshalb auch jetzt Arbeitslosigkeit und Inflation nicht als Folgen des Wirkens seines Staates und seines Kapitals rund um die Welt begreifen will.

Der Test, auf welche Stimmung in der Wählerschaft man am besten setzt, um von ihr ins höchste Staatsamt gehoben zu werden, ist also ein Test, von welcher Bedrohung der USA sich der Wähler am meisten beeindruckt zeigen wird: Geiseln, Öl, Inflation, Afghanistan? Einig sind sich Wähler und Gewählte, daß es einer Schwäche Amerikas geschuldet ist, wenn die amerikanische Ökonomie zur Zeit nicht mehr nur denen Not und Armut beschert, die ohnehin nie eine Chance hatten, in die Konkurrenz um einen Platz an der Sonne einzutreten, sondern auch der arbeitende Teil der unteren Klassen - Automobilarbeiter, kleine Farmer und Geschäftsleute - durch Inflation und Arbeitslosigkeit um die Früchte ihrer Arbeit gebracht wird. Weil die Inflation hier eine der Priinzipien der amerikanischen Lebensauffassung bedroht: wer nicht arbeitet, kann ruhig verrecken, aber wer arbeitet, soll auch solange davon leben können, wird sie zum Wahlkampfthema. Und Reagan erntet nicht nur beim wählenden Anhang seiner Partei, sondern überhaupt damit Zustimmung, daß er die ohnehin von der Carterregierung beschlossenen Kürzungen von Sozialsstaatsprogrammen als zu wenig drastisch denunziert: Wenn es ihm schlecht geht, blickt ein echter Amerikaner auf seinen Staat nicht als einen, der ihm durch Zahlungen unter die Arme greifen soll, sondern im Gegenteil: Diejenigen, die von der welfare leben müssen (was sowieso nicht geht), sind Ballast und bringen ihn um seinen gerechten Lohn für seine Leistungen. Daß Reagan wit der Ankündigung einer 30%igen Senkung verspricht, den "free enterprise" aus seiner "Gängelung durch den Staat" zu befreien, begeistert die Massen, sagt alles über ein Volk, in dem mit der Ideologie ernst gemacht wird, daß wirklich nur die eigne Leistung zählt und zählen soll: nach innen und außen.

That government of the people, for the people and by the people shall not perish from the earth!

Kein Wunder also auch, daß es in den USA nicht unbedingt zu den staatsbürgerlichen Notwendigkeiten gehört, wählen zu gehen bei der eigentlichen Präsidentenwahl nicht und bei den primaries schon gar nicht. Grundsätzlich ist die Sorge um die Durchsetzung der USA und damit um seine Freiheit bei jeder Regierung gleich gut aufgehoben; umgekehrt haben die Armen keinen Grund, sich einzubilden, die eine oder andere Administration würde sich in mildtätiger Weise ihrer materiellen Sorgen annehmen, weil keine Regierung versucht, diesen Eindruck auch nur zu erwecken; Gewalt und Verbrechen erscheinen hier die erfolgreicheren Mittel, auch als mittelloser Bürger, der keine Lobby hat, auf seine Kosten zu kommen. Daß trotzdem dieses Jahr unverhältnismäßig viele Amerikaner zu den primaries erschienen sind, zeigt allerdings, daß das Volk verstanden hat, was die Stunde geschlagen hat. Nun ist es Zeit, den Geist nationaler Verantwortung auch ganz persönlich unter Beweis zu stellen; geht es doch vielleicht schon demnächst darum, sich auch aktiv an dem Beweis zu beteiligen, daß kein Staat und kein Volk der Welt den Amerikanern Paroli bieten kann. Und da will man schon mitentschieden haben, wessen Befehl man folgt.

Vom Ende eines Traums...

"Der Weffenstillstend mlt Nordvietnam wurde em 21. Januar 1973 verkündet, und am gleichen Tag gab Richard Nixon die endgültige Demontage der Reformen seines Vorgängers Lyndon B. Johnson bekannt. Sie war das Ende des Traums, man könne Kanonen und Butter zur gleichen Zeit haben."

...und die geschmackloseste Lüge des Tages

"Lyndon B. Johnson war aus persönlicher Überzeugung nicht willens, zwischen Kanonen und sozialer Gerechtigkeit zu wählen." (Süddeutsche Zeitung)