Hochburg des Nationalismus 1984

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1984 erschienen.
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Sarajevo: Das "Pulverfaß" von 1914 -
Hochburg des Nationalismus 1984


VÖLKER, HÖRT DIE SIGNALE!

Die Nationen sind angetreten. Mitten im Frieden, mit Brettern, Knüppeln und Stahlkanten, haben sie ihre Winterathleten aufeinander losgelassen. Die Fahne hoch, bei der Eröffnungs- und Schlußfeier, und ein paarmal zwischendurch bei der Siegerehrung. Damit das Ganze nicht falsch, nämlich als harmloses Sportvergnügen verstanden wird, belehren uns Fernsehen und Rundfunk rund um die Uhr. Zwei Wochen lang nur Sorgen des folgenden Kalibers - war das ein Fest!

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Im alpinen Skisport fahren deutsche Männer und Frauen konsequent hinterher. "Es ist schon tragisch mit der Irene" - vermeldet enttäuscht der Berichterstatter aus seiner Kabine. Nostalgisch zieht er sich die Rosi Mittermaier an Land, die uns auch in der "Bild-Zeitung" an bessere Tage erinnert, und wälzt mit ihr die eine Frage: Warum fehlt uns der Erfolg? Blöd, daß die Ehre der Nation bei Olympia ausgerechnet davon abhängt, wie schnell ein Trulla mit deutschem Paß fährt. So kriegen wir nie, was uns zusteht.

Genauso denkt man anderswo, in Österreich zum Beispiel. In diesem schönen Alpenstaat ist inzwischen Krisenstimmung ausgebrochen. Jedes Interview gleicht dort wie hier einem Verhör, bei denen, die nur Versager zu ihren Landsleuten zählen. "Warum habt ihr eigentlich nicht mehr gebracht?" "Gibt es eine Entschuldigung?" "Nein? Verband, Trainer und Aktive haben unser Bestes getan?" - Das muß eine Lüge sein! Was das Resultat beweist.

So wird das deutsche Volk noch einige Zeit in den Genuß kommen, dem Verrat auf den Grund gehen zu dürfen. Schließlich hat unsereiner auch gewisse Rechte.

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Wenn es wenigstens überhaupt gerecht zugegangen wäre! Aber was soll man von den Jugos, einem typischen Balkanvolk auch erwarten. Die Piste für die Abfahrt haben sie fahrlässig entschärft, so daß wieder ein Sonntagsfahrer gewonnen hat. Das war schon schlimm genug. Aber dann noch diese entsetzliche Langeweile, wenn bis zum letzten Taiwanesen alle einfach herunterfahren! So mußte das "ojojojojoj, sappra Bursch! " des sympathischen ZDF-Menschen Harry Valerien ebenso ausfallen wie sein berühmtes "Mein-Gott-ist-das-furchtbar-kann-die-Regie-das-nochmal-in-Zeitlupe -bringen-gell-bittschön!"

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Die andere Ungerechtigkeit bestand im Nebel, mit dem die in Bosnien nie richtig fertig geworden sind. Als ob bei einer Olympiade der Zufall und das Glück überhaupt ein Recht auf Anwesenheit hätten! So blieb dem erfolgsgewohnten Harry Valerien nur Gelegenheit zu einem Vergleich: Im Leben ist's manchmal auch nicht anders wie bei einem Slalom im Nebel! So betreut man heute als Fernsehkommentator sein Publikum: Man liest Nebel einfach rückwärts, und 'schon' landet man beim Trost für sämtliche Arschlöcher dieser Welt.

Faschistischen Ansporn - zu vergeblichen Anstrengungen vermittelte dagegen der Bruno Morawetz. "Da müssen sie durch, die jungen Burschen. Da heißt es durchhalten. Darüber reifen sie." - dergleichen ist ihm zum Langlauf eingefallen. Gelobt sei, was hart macht.

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Das haben gewisse Eiskunstläufer immer noch nicht kapiert. Deswegen, weil er zu wenig "an sich gearbeitet" hat, ist es dem Schramm nun schon wieder gelungen, uns eine Medaille zu vergeigen. Da fragt es sich doch wirklich, ob die Sporthilfe für Faulenzer und notorische Versager herhalten soll!

Apropos Eiskunstlauf. Irgendwie scheinen sich die Russen schon von der westlichen Politik der Stärke beeindrucken zu lassen. Dem Geschmack des freiheitlichen Publikums geben sie jedenfalls in jeder Hinsicht nach. Erstens, indem sie zum sechzigsten Male auf "Kalinka" machen und den Frauenweitwurf mit der russischen Seele vorführen. Zweitens, wenn sie dann bruchlos zu amerikanischen Musicals übergehen, um die Freiheit vorzutäuschen, die sie beim Musikmachen doch nie und nimmer haben.

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Erfreulich ist die Entmilitarisierung einer olympischen Sportart mittels erfolgreicher deutscher Militärsportler. Wir denken dabei an das Biathlon. Eine Veranstaltung, bei der erwachsene Männer mit Langlaufskiem und Schießgewehr stundenlang im Kreis herumrennen, in regelmäßigen Abständen längs in den Schnee fallen und auf Scheiben schießen. Solange hier der Ostblock die Medaillen en gros abstaubte, war dieser Sport bei uns verpönt als militärische Übung für östliche "Sportoffiziere". Seit allerdings die Bundeswehr eine Förderkompanie aufgerüstet hat, in der deutsche Buben mit deutschen Wertarbeitsgewehren durch die Landschaft robben, und die deutsche Biathlon-Mannschaft, "unsere deutsche Goldhoffnung" Nr. 1 ist, gilt Biathlon als "schöner, abwechslungsreicher Wintersport" und wird vom Fernsehen in voller Länge übertragen.

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Unsere deutschen Eishockeyasse spielen bekanntlich nur so zum Spaß Eishockey unter Einsatz ihrer Zähne. Hauptberuflich arbeiten sie im Beruf. So fleißig und erfolgreich, daß es z.B. der Kollege Erich Kühnhackl mit Weihnachtsgeld und Überstundrnzulage per Landshuter Haustarif auf 120.000 DM im Jahr bringt. Jetzt haben die Finnen das häßliche Gerücht aufgebracht, bei Deutschland würden auch Profis mitspielen. Bundestrainer Unsinn hatte darauf die passende Antwort: Erstens haben die bloß Angst, daß wir sie diesmal packen; und zweitens können sie rein gar nichts beweisen, weil unsere Profis grundsätzlich nichts unterschreiben, was man ihnen als Profivertrag anhängen könnte. Und überhaupt sollte sich der Internationale Verband mal die Russen vomehmen. Das sind bekanntlich allesamt "verkappte" Profis. Weil es drüben kein freies Unternehmertum gibt, werden sie als "Staatsamateure" verkleidet auf unsere Jungs losgelassen. Und die haben dann keine Chance, obwohl sie an sich besser spielen. Die Russen sind nämlich 'Roboter', die vom Staat mit nahezu unglaublichen Privilegien wie einem Auto und einer schönen Wohnung bestochen werden, während selbst ein deutscher Nationalspieler mit dem Moped zum Training kommt und im Männerheim logiert!

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Beim Bobfahren ist unseren Volksaufklärern nicht eingefallen, daß so eine rasante Talfahrt wie im Leben verläuft. Bob heißt ja rückwärts auch wie der Bob, so daß hier - wenn nicht ausnahmsweise unsere gewinnen - das Material entscheidet. Also geht die öffentliche Überlegung so: Obwohl die drüben mit Trabant und Moskvitch herumfahren, mit Leukoplastbombern, rutschen unsere Jungs und Mädels, sonst an erstklassige Fahrzeuge gewöhnt, mit Pappwannen herunter! Wer trägt die Verantwortung?

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Aber immer noch lebt die Olympische Idee! Vor allem, wenn ein kurzbeiniger Stangenwedler von den Fidschi-Inseln mit viel zu langen Skiern einen Slalomhang hinunterstochert. 'Ja mei, des müss'n Sie sich Ihnen anschaun... Aber eine Freud' hat er auch, der Bursch'. Die woll'n halt auch dabei sein!" Kaum hat man denen da unten/hinten das aufrechte Gehen beigebracht, schon dürfen sie bei der Olympiade mitmachen. Wie großzügig, gell!

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Nationalistisch sind "wir" nie! "Wir" freuen uns bloß, wenn deutsche Teilnehmer gewinnen, und sind stocksauer, weil sie "hinterhergefahren" sind. Jetzt hat nämlich die "Auslese der Besten" nicht geklappt, und es stellt sich die Schuldfrage: War der Veranstalter organisatorisch überfordert, waren die ausländischen Punkt- und Schiedsrichter wieder einmal nationalistisch, oder ist unser freiheitliches Sportsystem nicht doch zu lasch, wenn "wir" eine komplette Mannschaft umsonst nach Sarajevo geschickt haben. Nationalistisch sind z.B. die Österreicher. Bei denen ist wegen der ausgebliebenen Medaillen gleich eine "nationale Katastrophenstimmung" ausgebrochen. Typisch für so einen Alpenzwergstaat. Die haben ja sonst nicht viel, worüber sie sich als Nation im Vergleich mit anderen Nationen freuen dürfen. Unglaublich nationalistisch sind vor allem alle Oststaaten, die mit Siegen die "Überlegenheit ihres Systems" beweisen wollen. Dabei beweisen sie immer nur das Gegenteil, wenn sie ausgerechnet m Eishockey besser sind.

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Besonders ärgerlich sind die DDR-Funktionäre auf Skiern, Eis, Rodel und Bob: Jetzt müssen "wir" sie schon mitmachen lassen samt Spalterflagge und -Hymne und dann gewinnen die auch noch! Bleibt nur abzuwarten, ob wenigstens eine Bilanz stimmt: Dazu muß nur einer rübermachen in die Freiheit...

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Es ist also auch wieder in Sarajevo "völkerverbindend" zugegangen. Dafür haben die Regierungen kein Geld gescheut, von der Moral ganz zu schweigen, damit die "Spiele" fast so schön werden wie ein echter Krieg. Aber die Olympiade hat das Fernsehen live übertragen, was im anderen Fall nicht gesichert ist.