HL. MESSE DER FRIEDENSFREUNDE UND KRIEGSMACHER GEPLATZT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1981 erschienen.
Systematik: 

"Kampf dem Atomtod" in Bremen
HL. MESSE DER FRIEDENSFREUNDE UND KRIEGSMACHER GEPLATZT

"Störer! Atomdiskussion in der Kirche geplatzt

Veranstaltung in St. Stephani abgebrochen

tefo Bremen - "Es geht ums Leben!" - unter diesem Motto veranstaltete am vergangenen Wochenende die "Abrüstungsinitiative Bremer Kirchengemeinden" eine Ausstellung über die Anti-Atom-Bewegung in den fünfziger Jahren und eine Veranstaltungsreihe mit Diskussionen über die aktuelle Friedensbedrohung...

Ohne Respekt vor der Kirche und den Hunderten von Menschen, die die Sorge um die atomare Bedrohung zu der Veranstaltung getrieben hatte, machte eine kleine Gruppe von Störern mit Sprechchören die Diskussion unmöglich. Sie mußte kurz nach 22 Uhr abgebrochen werden." (Bremer Morgenpost 30.3.81)

Respekt, Respekt, vor Ihrer weltlichen Gottesfurcht, Herr Journalist. Ist es da nicht eine gütige Fügung der Herren Koschnick, Schmidt und Apel, daß wir bald die Neutronenbombe haben? Sie läßt im Kriegsfall alles staatsnotwendige Material stehen. Auch die Kirchen. Denn die werden auch in der nächsten Nachkriegszeit bitte gebraucht. Für Dank-, Trauer- und Bittgottesdienste, je nachdem. Oder auch für neue Friedensappelle.

Vom 27.3.-29.3. fand in der Bremer Stephani-Kirche eine Podiumsdiskussionsreihe zum Thema "Kampf dem Atomtod" statt. Geladene Wissenschaftler wie auch namhafte politische Betreiber deutscher Hochrüstung variierten das Motto: wie hat sich die deutsche Nation zum 3. Weltkrieg zu stellen, in Theorie und Praxis: Also keine Spur davon, daß bei dem angeprangerten "Atomtod" der schlichte Hinweis auf die Opfer gemeint war, die man sich nicht bieten und politisch begründen lassen wollte. Das Votum der Wissenschaftler: ein 3. Weltkrieg ist für die deutsche Nation nicht tragbar ("Schlachtfeld Europa", "Euroshima") weil nicht bloß die Landser wie üblich ins Gras beißen müssen, sondern am Ende überhaupt kein deutscher Staat mehr übrigbleibt.

Diese gelungene Unterordnung der Friedensliebe unter die "Verantwortung" vor der und für die Nation ist vom Schlag, wie sich Politiker wie Koschnick eine Friedensopposition schnitzen müßten, gäbe es sie nicht bereits. Bedenklichkeiten gegenüber einer NATO-Kriegsstrategie machen das Ganze sehr bedingte Bekenntnis zum Frieden aus Koschnick, Schmidt und ihre Oberbefehlshaber haben diesen Einwand gegen Weltkrieg III auch in ihrem Herzen bewegt. Konsequenz: Nachrüstungsraketen, damit der Erstschlag sitzt und der Gepenschlag zu verkraften ist.

Wer wollte es unter diesen Umständen den Anwesenden in der Staphani-Kirche verübeln, daß sie ihren Protest einlegten. Sowohl gegen falsche, weil dem Gehorsam gegenüber der Nation verpflichtete Argumente der wissenschaftlichen Wasserträger der großen Politik; als auch erst recht gegen die Unverschämtheit eines Koschnick, der den vergeblichen Versuch unternahm, daß Publikum ohne Umschweife auf die in Bonn beschlossenen Maßnahmen zur Kriegsvorbereitung als einzig zeitgemäßem Friedensbekenntnis festzulegen. Ging aber nicht, es gab Rabatz.

Nichts verdeutlicht den Charakter der Friedensbewegung besser als die Pöbeleien, die ihr daraufhin einfallen - nicht gegen den Krieg, sondern gegen Kritiker seiner politischen Macher. Nationalismus gibt sich da ganz unbefangen als Arschkriecherei gegenüber den Repräsentaten der Nation zu erkennen.

"Ihr seid zum Kotzen intolerant! Könnt ihr die Politiker nicht ausreden lassen!" ist so ein Kommentar, der im Verein mit Koschnick jene Leidenschaft und Militanz entfaltet, derer man sich gegenüber einem Politiker schämen würde. Zum Kotzen! Erst wird die bereits durchgesetzte Nachrüstungsentscheidung der Politiker zur bloßen Meinung deklariert. Dann wird allen entgegengesetzten Meinungen der staatstreue Respekt vor einem Andersdenkenden abverlangt. Die Toleranz ist tatsächlich eine Waffe der Politik gegen ihre Knechte, um so mehr, je mehr sich diese Schafsnaturen etwas darauf einbilden. Wie sehr diese Leute ihre eigene Botmäßigkeit als Tugend schätzen, ersieht man auch aus dem zweiten Einwand, der bei Idealisten der Demokratie nie ausbleibt: wer dagegen ist, muß ein Faschist sein.

"So hat es 1933 auch angefangen", fiel ausgerechnet dem DGB-Vertreter zur Rechten Koschnicks gegen die Sprechchöre ein. Hat er sich Sprechchöre gegen Hitlers Friedensprogramm für das "Volk ohne Raum" auch verbeten? Ist der Dialog demokratischer Politiker, in dem sie ihre Anstrengungen für den 3. Weltkrieg ihrer Untertanenschaft unterbreiten, ein Argument, dafür zu sein: Für die Friedensbewegung offenbar schon!