HIPPOKRATISCHER EID DER WIDERSPRUCHSKULTUR

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1982 erschienen.
Systematik: 

Kongreß des Bundes demokratischer Wissenschaftler
HIPPOKRATISCHER EID DER WIDERSPRUCHSKULTUR

Mitte Juni in Marburg gab sich der kritische Geist bundesdeutscher Hochschulen zum 11. Mal ein Stelldichein, und alle demokratischen Wissenschaftler von Rang und Namen waren gekommen - Wolfgang ABENDROTH, Walter JENS, Helmut RIDDER, Reinhard KÜHNL, Dorothee SÖLLE, Frigga HAUG, Frank DEPPE et.al. Das Generalthema des Kongresses: die Verantwortung der Wissenschaft. Diese sei herausgefordert durch eine ganze Reihe "gewaltiger Probleme": die Aufrüstung Europas zu einem waffenprotzenden Bollwerk gegen den Osten, den Hungertod von jährlich 60 Millionen Menschen, die Umweltverschmutzung, die Millionen von Arbeitslosen, die Ausländerfeindlichkeit. Anlässe für die versammelten Geistesgrößen, über die politischen Zwecke des NATO-Doppelbeschlusses, über die ökonomischen und politischen Gründe des Hungers in der "dritten Welt", der Arbeitslosigkeit etc. aufzuklären und einen Angriff auf ihre Urheber zu starten? Nichts dergleichen. Merkwürdigerweise waren stattdessen die Wissenschaftler das Zentralthema dieses Kongresses.

"Ein hippokratischer Eid"

Es ist schon ein gehöriger Unterschied, die Gründe und Zwecke von Rüstung, Hunger, Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen usw. aufzudecken, oder eine "Kriegsgefahr", eine "Welthungerkatastrophe", eine "Bedrohung allgemeiner Lebensbedingungen in einem lebensgefährlichen Ausmaß" und eine millionenfache "Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung", kurz: "gewaltige Probleme" zu diagnostizieren. Das Prinzip dieser Diagnosen besteht nämlich darin, daß ihren Verfechtern offenbar nichts auf der Welt als schlimm genug gilt, sie vielmehr erst die fiktive Hochrechnung davon ins Unendliche für eindrucksvoll genug halten, um "Betroffenheit" auszulösen. Dem demokratisch-kritischen Wissenschaftler reicht es nicht, daß die NATO für den Export der Freiheit mit zig Millionen Toten hüben und vor allem drüben kalkuliert, daß die imperialistische Benutzung der "dritten Welt" die Existenz von zig Millionen Menschen für überflüssig und deshalb störend erklärt, daß die kapitalistische Benutzung von Mensch und Natur ein paar Millionen Leute ihrer Existenzgrundlage beraubt und die Natur zerstört. Nein, unter der (Ausmalung der) Apokalypse und dem dazugehörigen Standpunkt "der Menschheit" tut er es nicht:

"Wo stehen wir (!) heute menschheitsgeschichtlich? Das über Generationen gesammelte Wissen würde einerseits ausreichen, den Hunger und das Elend in der Welt zu beseitigen, andererseits aber auch, die vollständige Vernichtung der Menschheit herbeizuführen," (Kühnl)

Die gezielte Übertreibung der Weltläufte, welche z.B. die Armut eines entlassenen Arbeiters höchstens als angebliches Indiz für den Stand der "Menschheitsgeschichte" von Belang findet und deshalb auch keinen einzigen wirklichen ökonomischen und politischen Zweck mehr wahrnimmt, paart sich also immer zugleich mit der Botschaft, daß die Geschicke der Menschheit in den Händen der Wissenschaft lägen. Eine Absurdität sondersgleichen, was ein KÜHNL selbst seinem eigenen Gedanken noch entnehmen könnte: wenn Wissen nämlich Mittel für die gegensätzlichsten Zwecke sein kann, dann hängt von ihm offenbar nichts ab, sondern eben davon, welche praktische Zwecksetzung auf der Welt maßgeblich ist! Ein kritischer Geist denkt jedoch genau andersherum: Das Schicksal "der Menschheit" hängt erstens am seidenen Faden und zweitens davon ab, ob die Wissenschaftler die richtige moralische Entscheidung treffen:

"Sich zwischen diesen Alternativen zu entscheiden, darin besteht die Verantwortung des Wissenschaftlers angesichts der drohenden Katastrophe." (Kühnl)

Freilich eine sehr billige Lösung für die Menschheitsprobleme, denn wer würde sich schon bei dieser "Alternative" von Hilfe für die Menschen contra vollständige Vernichtung der Menschheit zur Entscheidung für die letztere bekennen?! So gibt der demokratische Geist allerdings ein Zeugnis davon, was ihn 1982 am allermeisten bewegt: angesichts des selbsterfundenen "Problems" einer "Menschheitskatastrophe" besteht Wissenschaft vor allem in der Bewahrung ihrer eigenen moralischen Integrität - Bekenntnisse sind verlangt:

"Ein hippokratischer Eid der Wissenschaftler ware das Gebot der Stunde; wer sich heute dafür erklärt, die Militarisierung zu unterstützen, darf in den Reihen der Wissenschaftler nicht mehr geduldet werden." (Jens)

Eine öffentliche Vereidigung aller Wissenschaftsrekruten auf die friedlichen Ideale der Menschheit? Für solch ein Spektakel wären Schmidt und Kohl, Apel und Wörner noch lässig zu gewinnen! Denn der Gesichtspunkt der Menschheit klagt ja gerade eine fiktive Gemeinsamkeit von Befehlshabern und Untergebenen, von Herrschern und deren Untertanen ein und streicht die wirklichen Gegensätze von Machern und Opfern durch zugunsten einer ideellen Einheit moralischen Menschentums, die niemanden ausschließen, also auch keine Gegner kennen will!

Und so gesehen ist eben die politische Wetterlage eine "einzigartige Chance" für die Wissenschaft, die sie ergreifen muß: Je größer die "Katastrophe", um so größer ganz automatisch die Gemeinde derer, die guten Willens sind und unter Anleitung hippo- bzw. demokratischer Wissenschaftler doch ganz zweifellos die kranke Welt an ihrer Moral gesunden lassen werden. Die Apokalypse - zum Glück bloß ein Papiertiger!

Die Humanisierung der Wissenschaftswelt

Es ist schon verrückt: da bereiten die Politiker ihren Untertanen tatkräftig "schwierige 80er Jahre", und eine ganze Wissenschaftlersparte, die sich mit dem Titel "kritisch" schmückt, hat nur ein Problem: sich selbst. Konsequenterweise fand daher unter dem Titel "Suche nach einem neuen Standort" die auf der Festveranstaltung gemachte Definition der Wissenschaft als moralisches Bekenntnis ihre Fortsetzung in der "erforderlichen 'inneren Selbsterneuerung'" der Wissenschaft:

"Das objektive Gesetzeswissen ist kalt und lähmend. Herauskommen muß doch Veränderungswissen; solange Wissen nur Erkenntnis bleibt, haben wir noch nichts geändert - wir brauchen mehr." (Sölle)

Es ist sicherlich kein Zufall, daß sich ausgerechnet eine Gotteswissenschaftlerin zum Vorreiter moderner Wissenschaftsfeindlichkeit aufgeschwungen hat und selbst bei "marxistisch orientierten" Wissenschaftlern damit kaum Widerspruch erntete: Wissenschaft, die ihre Gegenstände erklären, also objektiv sein will - ein Verbrechen an der Wissenschaft! Und womöglich das Grundübel der Welt, in der man sich nicht heimisch fühlen kann! Und was "brauchen wir"? Die Idiotie, einer Theorie vorzuwerfen, daß sie "noch nichts geändert" habe, also eine "geänderte" Haltung des Wissenschaftlersubjekts zur Welt - und zwar offenbar warme Anteilnahme anstelle eines "kalten" Gedankens, der eine Distanz einnimmt zu dem, was es gibt:

"Das Richtige ist nicht unsere Wahrheit, es ist teilbar in Stückchen, die Wahrheit ist unteilbar. Die Wahrheit braucht uns!." Wie können wir der Wahrheit näherkommen? Wir müssen praktischer (!) werden, unsere Erlebnisse beschreiben... die eigene Betroffenheit vortragen... unsere Sprache braucht eine Lokalität..." (Sölle)

Der JENSsche "hippokratische Eid", mit seinem Wissen ausschließlich einer guten, weil menschlichen Sache dienen zu wollen, ist der SÖLLE noch lange nicht radikal genug. Da müssen Dummheiten noch ganz anderen Kalibers her (richtig = teilbar = unwahr; praktischer = eigen = wahrer; Sprache = Bedürfnis nach Heimeligkeit = nach fragloser Übereinstimmung mit der Welt!). Programmatisch: "Die Wahrheit braucht uns!", soll heißen: die Welt (des Kapitals, des Staats, des Imperialismus) darf kein Gegenstand theoretischen Bemühens mehr sein, und Wissenschaft fällt zusammen mit der Befindlichkeit des Wissenschaftlers: 'ich fühle mich (un)wohl' ist der Gipfel wissenschaftlicher Leistung!

Es blieb der Marxistin Frigga HAUG überlassen, dieser "neuen Aufgabe" der Wissenschaft die von der Theologin SÖLLE mit ziemlich unanschaulichen Abstraktionen beschworene Anschaulichkeit zu verleihen:

"Wir müssen zur Entwicklung einer Widerspruchskultur kommen, wir müssen in den erkannten Widersprüchen leben lernen, anstatt zu resignieren. Wenn wir z.B. den Einsatz neuer Techniken in der Industrie untersuchen, darf (!) Technik nicht nur negativ gesehen werden. Auch die Profitgesichtspunkte des Kapitals müssen nicht unbedingt (?!) falsch sein, Wir müssen Menschlichkeit (!) unter diesem Gesichtspunkt möglich machen."

Warum verbieten sich kritische Wissenschaftler eigentlich eine Kritik am kapitalistischen Einsatz der Technik? Die kommt ihnen offenbar "unmenschlich" vor. Und wie "sieht man" das Kapital "menschlich"? Man trenne als moderner "Marxist" den Einsatz der Technik durchs Kapital von seinem Grund, dem Profit, und behaupte damit, der Zweck des Kapitals sei nicht (allein) der Profit, sondern die neue Technik. Dann kann der "Profitgesichtspunkt" auch nicht mehr "unbedingt falsch" sein. Sondern sehr human.

Die Botschaft solcher Humanwissenschaft ist sehr eindeutig: wenn die "Wahrheit" (einer SÖLLE) im Willen besteht, sich in der Welt, wie es sie gibt, heimisch zu fühlen, dann geht es beim "Möglichmachen von Menschlichkeit" in der Wissenschaft (einer HAUG) um nichts sonst, als um das Auffinden von persönlichen Gesichtspunkten des Zurechtkommens mit den "Anforderungen", die Kapital und Staat den Leuten aufbürden. Gerechterweise hat dieses Ansinnen den Rang einer Kultur, pardon, einer "Widerspruchskultur", erhalten. Über den "Widerspruch", den der kritische akademische Geist der 80er Jahre zustandebringt, ist damit ja alles klar.