"HERR GORBATSCHOW, WIE SOLL DAS GEMEINSAME HAUS DENN AUSSEHEN?"

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1989 erschienen.
Systematik: 

Graswurzelimperialismus
"HERR GORBATSCHOW, WIE SOLL DAS GEMEINSAME HAUS DENN AUSSEHEN?"

Es ist zur Zeit Mode, an den russischen Generalsekretär Anträge zu stellen, die er gefälligst zu bedienen hätte. Und zwar rein aus dem Grund, daß er uns so furchtbar sympathisch ist und wir ihm das mitteilen. Die Grünen, leicht beleidigt, weil Gorbatschow auf Extra-Verhandlungen mit ihnen verzichtet hat, geben in der "Frankfurter Rundschau" zu Protokoll, wie sie sich gute Verhandlungen vorgestellt hätten. Nach dem Muster:

1. 'Wir wissen, daß die BRD aufrüstet, ihr Atomprogramm durchzieht, die Natur versaut und vergiftet.'

2. 'Wir organisieren dagegen keinen Widerstand in der BRD, weil wir als Partei mitkonkurrieren wollen. Insofern können wir nichts dagegen machen, aber wir sind dagegen.'

"Die Realitäten der politischen Macht in unserem Land stehen der Umsetzung eines solchen Konzepts bislang allerdings entgegen, was uns immer wieder zu heftigem Widerspruch gegen die derzeitige Regierung unseres Landes veranlaßt."

3. Und deshalb - wegen uns, die wir zwar nichts zu sagen haben, solange wir nicht die absolute Mehrheit haben, die wir aber nette Menschen sind - bloß wegen uns - soll die Sowjetunion - noch mehr einseitig abrüsten:

"Wir möchten Sie ermutigen, diese Politik unbeirrt fortzusetzen und sich eigener Modernisierungsbestrebungen zu enthalten, auch wenn diese Politik seitens der NATO bislang nicht die Entsprechung findet, die ihr zukommen müßte."

- ihr Atomprogramm streichen und ihre Industrie abrüsten, also alles ausprobieren, was die Grünen im Westen längst nicht mehr durchsetzen wollen, weil es der nationalen Konkurrenzposition schaden würde und deswegen sowieso nicht geht:

"Wir wünschen uns eine Ost-West-ZusammenRrbeit, die nicht einfach das westlich-kapitalistische Modell der Dominanz der Ökonomie über die Ökologie kopiert, sondern in der an der ökologischen Umgestaltung der Ökonomie gearbeitet wird... Wir erwarten von der sowjetischen Regierung, daß sie den gemeinsamen Bau von Hochtemperaturreaktoren nicht realisieren wird. Ebenso lehnen wir eine weitere atomare Zusammenarbeit BRD-UdSSR auf dem Gebiet der atomaren Entsorgung kategorisch ab."

Weil wir Nationalisten der edlen Sorte sind, die ihr Vaterland im Namen von Idealen verehren, an die es sich nicht hält, dürfen wir zu Hause davon absehen und zum Ausgleich unsere Forderungen der gegnerischen Weltmacht präsentieren. Mit reinstem Gewissen.

Die Grünen haben der Sowjetunion aber auch etwas anzubieten, nämlich ihr Herzensbedürfnis, den Sozialismus in der DDR abzuschaffen:

"So nachhaltig und un verrückbar wir gegen jede Annäherung an die Gefahr einer Wiederaufersrehung eines großmächtigen "Deutschland" streiten und deswegen wollen, daß die territoriale Nachkriegsordnung in Mitteleuropa unangetastet bleibt, so nachhaltig treten wir aber auch dafiür ein, daß die Grenzen in Europa ihren trennenden Charakter verlieren... für die Öffnung der Grenzen... für Freizügigkeit... Demokratisierungsprozesse in der DDR... " (Frankfurter Rundschau, 14. 6.)

Von einem ähnlichen Forderungskatalog der Grünen beim Staatsbesuch des US-Präsidenten hat man nichts erfahren, obwohl der - ökomäßig betrachtet - auch einiges zum Abrüsten hätte. Das verdankt sich wahrscheinlich der realistischen Seite der Grünen. Mit Forderungen aufzutreten gegenüber auswärtigen Staatsmännern gehört sich nur in einer Himmelsrichtung.

Andere Vereine hatten andere bescheidene Wünsche. Oder immer irgendwie dieselben.

"Herr Staatspräsident, wollen Sie nicht auch ein David werden ? Sie sind bereits aufdem besten Weg dazu. Wir brauchen viele Davids - wir brauchen Sie - jetzt."

So zutraulich hat ein Verein

"David gegen Goliath e.V."

den Führer des Bolschewismus, ehedem "Reich des Bösen", 'blutrünstiger Iwan', 'in einem Tag am Rhein' angeflötet. Besagte Initiative hat sich 4 russische Worte in echt kyrillischer Schrift in ihre Annonce pinseln lassen, wünscht "Genossin und Genossen Raissa und Michail" einen schönen Aufenthalt und findet, daß sie es mit soviel Herzlichkeit von ihrer Seite doch verdient hätte, daß der Chef der zweiten Weltmacht nur "drei Bitten Gehör schenkt":

"Schalten Sie ab, Herr Staatspräsident, (Ihre Atomkraftwerke)...

Ziehen Sie ab, Herr Staatspräsident (Ihre Truppen)...

Reißen Sie ab, Herr Staatspräsidenl (alle Mauern und Stacheldrahtzäune, die unser Land trennen)... "

Das soll Gorbatschow alles eben mal so nebenbei erledigen, weil es a) sein Tschernobyl war, das geplatzt ist, b) "wir" hier schwer darunter gelitten und"uns als Reaktion auf das Reaktorunglück in ihrem Land gegründet" haben. c) belehren "die Davids" Gorbatschow darüber, daß "Sonne, Wind und Wasser Garanten für eine Energiepolitik im Einklang mit unserer 'Mutter Erde' sind." Für die Ausfälle in der sowjetischen Stromversorgung, wenn Gorbatschow nicht nur seine AKWs, sondern auch noch alle Kohlekraftwerke dichtmachen muß, liefern "die Davids" dann wahrscheinlich Solarzellen aus Wackersdorf und deutschen Atomstrom. Aber mit dem Wasser haben sie einen ernsten Fehler gemacht, da hätten sie sich besser mal mit anderen einschlägigen Initiativen beraten, die entdeckt haben, daß die russischen Wasserkraftwerke auch eine ziemliche Sünde gegenüber "Mutter Natur" darstellen.

Falls Gorbatschow sich noch nicht ganz sicher ist, daß seine Truppen das Überflüssigste von der Welt sind, verspricht ihm die Initiative glatt in die Hand, daß "von unserem Land nie wieder ein Krieg ausgehen wird". Andersartige Vermutungen, gestützt auf - die Anwesenheit geballter NATO-Truppen auf deutschem Boden, Anstrengungen der Hardthöhe oder NATO-Pläne kann der sowjetische Generalsekretär gleich vergessen. Die Davids wissen es besser. Am Schluß entschuldigen Sie sich nochmal gründlich für Adolfs letzten Rußlandfeldzug, als ob sie da auch schon wieder dahei gewesen wären, finden aber, daß die Deutschen jetzt allmählich genug dafür gebüßt hätten, so daß Gorbatschow die DDR wieder rausrücken könnte. Weltpolitik vorgestellt nach dem Kindchen-Schema: Wir sind uns nicht mehr böse, also schenk uns doch bitte unsere DDR zum Spielen! Wahrscheinlich hat dieser Verein, der "pro Sonne" ist, sich selbige zu lange aufs Hirn scheinen lassen.

Noch so ein paar "Offene Worte an Michail Gorbatschow" wollte die

"Internationale Gesellschaft für Menschenrechte"

gesagt haben. Bei diesem extrem gemeinnützigen Verein handelt es sich um einen Wurmfortsatz der CDU und das Lebenswerk der Cornelia Gerstenmaier (Tochter des bekannten Antifaschisten Eugen Gerstenmaier, der wegen zu unverfrorener Bedienung an Wiedergutmachungsgeldern seine Tochter den harten Gesetzen der freien Konkurrenz aussetzen mußte, während drüben die Bonzen ihre Kinder immer in Staatsposten hineinschieben). Diese Gesellsehaft, die in der Vergangenheit die Rechtsaußen-Creme der Ostdissidenten, Monarcho-Nationalisten, litauische Bombenleger, arbeitslose Kosakenhetmane u.ä. eingesammelt und die affengeilsten Erlebnisberichte aus den Russen-KZs publiziert hat, bedankt sich erstmal dafür, daß Gorbatschow ihr jetzt ein Teil ihrer unermüdlichen Hetzarbeit abnimmt und "Verbrechen Und Mißstände" seines Systems "bekanntcht". Und weil er "den Stalinismus ausmerzt", und "wir uns erlauben," "den Stalinismus" ein bißchen großzügiger als in der Sowjetunion üblich zu interpretieren und "darauf hinzuweisen, daß zu Stalins Hinterlassenschaft auch der antidemokratische Staat DDR gehört", soll er sie halt hergeben. Auf jeden Fall sofort mal alle politischen Gefangenen in der DDR freilassen, "unter ihnen Bodo Strehlow, der seit 10 Jahren in Einzelhaft ist."

Wenn sich jetzt schon jeder bei "Gorbi" seinen Lieblingsgefangenen bestellen kann und er auch noch für die Organisation von DDR-Ausflügen zuständig ist, kann er die Fahrkarte für

Die Leipziger Freundin von Nanni Pause

gleich mitbestellen.

"Anzeige:

Lieber Gorbi,

wenn Du wissen willst,

warum ich Dich mag,

aber nicht verstehe,

daß meine Freundin aus Leipzig

mich nicht besuchen darf,

dann ruf doch einfach an:

Tel.: 0228/384536

Deine Nanna

P.S.: Freundschaft zwischen uns und den Menschen in Osteuropa ist die beste Versicherungspolice gegen Kriege. Aber: Freundschaften können nur durch offene Grenzen und Reisefreiheit entstehen.

Wie wär's mit einem 'europäischen Haus der offenen Türen'?"

Die CDU begrüßt den sowjetischen Präsidenten herzlichst mit einem Kompliment - an sich selbst. Da staunt Knigge. Gorbatschow darf sich nämlich beglückwünschen zu den "guten Beziehungen", die er jetzt mit uns hat und die er "unserer Festigkeit an der Seite unserer amerikanischen Freunde" verdankt. Das ist mal eine zivilisierte Redeweise dafür, daß die da drüben nur die Sprache der Gewalt verstehen.

Deshalb leiert

Die CDU

wohl auch wieder so unerbittlich das unerträglichste Sprachkunstwerk der letzten Zeit herunter, nach dem gemeinsame Häuser nur in Frieden und Freiheit wachsen können. Im Unterschied zu den anderen Bittstellern, die mehr auf sich als nette Einzelexemplare pochen und mit vielen kleinen deutschen Nachnamen unterzeichnen, unterschreibt die CDU gleich als "die Menschen". "In Ost und West".

Weil sie weiß, was die alle "erwarten": So eine Regierung, wie sie eine ist. "Freiheit", "Freiheit" und nochmals "Freiheit". Klar, daß das vorläufig noch ein bißchen daran scheitert, daß im Osten nach anderem Geschmack regiert wird und "unsere Festigkeit" da leider auch auf ein Militär trifft. Insofern hat auch die CDU eine freundliche Bitte, d.h. natürlich: "Die Menschen in Ost und West erwarten", daß die Sowjetunion "ihre militärische Übermacht beseitigt und daß weiter abgerüstet wird". Besichtigt man die Wahnsinns-Abrüstungsleistungen, die die C-Regierung für sich anführen kann - die gerade beschlossene Erhöhung der Rüstungsetats in der NATO um reale und regelmäßige 3%, Jäger 90, neue Abschußgeräte für konventionelle und atomare Kurzstreckenraketen, die Anschaffung neuer Luft-Luft-Raketen usw. usf. -, wird sich Gorbatschow diesem großzügigen Angebot einer "gute Zusammenarbeit" wirklich kaum verschließen können. Aus Platzgründen müssen wir hier mit der Würdigung der freundlichen Angebote an Gorbatschow leider Schluß machen. Unsäglich viele Deutsche haben sich noch gemeldet, die einmal in Rußland ihren Schuh, eine deutsche Wolga-Republik, ein paar Wehrmachtsangehörige verloren oder eine fesche Russin getroffen haben, die ihnen "Gorbi" doch bitte wiedergeben soll; ebenso unsäglich viele dürsten nach einem Autogramm von ihm oder mindestens, daß er zur Einweihungsfeier von ihrem Bierkeller kommt. Der "Spiegel" hat diese Versöhnungswut des deutschen Volkes neulich ziemlich repräsentativ zu Wort kommen lassen.

Und, hat er es uns gedankt? Hat er unsere Gorbimanie, den überwältigenden Empfang, den wir ihm geboten haben, die massenhafte und begeisterte Erkenntnis, daß auch sowjetische Staatschefs Frauen haben, mit Messer und Gabel essen und nicht auf allen Vieren laufen, honoriert? Hat er wenigstens ein paar von unseren Bitten erfüllt?

BamS stellt klar, was Sache ist in Sachen "Gorbi"

Jetzt gehören sich auch mal wieder ein paar offene unfreundliche Worte: Wenn er uns so prima gefällt, der Kreml-Knabe, dann bitteschön in folgender Eigenschaft: als "Konkursverwalter eines Systems, das 70 Jahre lang Unglück über die Welt gebracht hat". Und wenn er sich nicht umstandslos in diesem unserem Sinne betätigt, dann fallen uns nach unserem ganzen freundlichen Getue die beiden Seiten unseres guten deutschen Feindbilds auch wieder ganz ungeschminkt auf:

Nicht unser System richtet die Gesundheit moderner Zeitgenossen, die Natur, die Einwohner der sog. "3. Welt" zugrunde, nicht unser System versorgt die Welt mit Waffen und Kriegsgründen und Schlächtereien - die kommunistische Revolution in Rußland ist an allem schuld, das wissen wir schon seit '33. Und zweitens: Dieses böse System ist nicht bloß wert, daß es zugrunde geht; es tut uns auch schon den Gefallen - zumindest schreibt "Bild" schon am Nachruf. Dumm ist bloß, daß "Bild" und Gleichgesinnte das schon seit Jahrzehnten tun - am Ende wird's wohl doch nicht ganz ohne die tatkräftige Nachhilfe unserer Friedenstruppen abgehen...!

In diesem Sinne zieht "Bild am Sonntag" (vom 28.6.) Bilanz:

"Die Ergebnisse sind eher mager: Für Berlin hat sich nichts getan... " - hätte Gorbatschow Wohnungen für Aussiedler herschenken sollen, oder was? "... Die Mauer wurde - trotz aller schönen Reden - nicht durchlässiger" - die DDR über die offene Wunde Westberlin ausbluten lassen, das ist der gute alte Revanchistentraum, den "Gorbi" auch nicht erfüllt hat; warum hätte er ihn denn auch erfüllen sollen? Bloß weil der Bonner Staatsführung und der bundesdeutschen Einheitspresse der andere deutsche Staat nicht paßt?! "... Die Abrüstungsangebote der NATO beiseite geschoben" - in der Tat, zu dem schönen Bush-Vorschlag, im Westen 30.000 (in Worten: dreißigtausend) US-Soldaten zurückzuziehen und dafür im Osten 300.000 (in Worten: dreihunderttausend) Rot-Armisten zu verschrotten, hat Gorbatschow nicht schon nach einer Woche begeistert "Jawoll!" gesagt. "Bejubelt haben die Deutschen ihre eigenen Hoffnungen und Wünsche, die sie mit Gorbatschow verbinden. Seine Taten müssen noch folgen." Das ist gut: Der Russe muß nachgeben, weil wir uns schon so darauf freuen. Sonst sind wir nämlich bitter enttäuscht. Und was ist dann fällig, geehrte "BamS"?