HELM AB ZUM GEBET

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1986 erschienen.
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Carl Friedrich von Weizsäcker
HELM AB ZUM GEBET

Als die USA vor vierzig Jahren die ersten Atombomben über Hiroshima und Nagasaki zündeten, um anhand von deren noch nicht dagewesener Zerstörungskraft der Welt zu demonstrieren, zu welchen Konditionen sich hinfort der Frieden auf amerikanisch buchstabiert, saß Carl Friedrich von Weizsäcker mit einer Hand voll anderer deutscher Atomphysiker auf einem Landgut bei Cambridge in luxuriöser englischer Kriegshaft.

"Wir waren dort gut untergebracht, gut ernährt, höflich behandelt, aber hermetisch von jedem Kontakt mit der Außenwelt abgeschlossen. Die Nachricht von der Atombombe öffnete uns die Augen darüber, warum wir als so wichtige Personen angesehen wurden."

Woran die deutschen Herren Naturwissenschattler um Heisenberg in den letzten Kriegsjahren mit wenig Aussicht auf baldige praktische Verwertbarkeit noch experimentiert hatten, war den vom amerikanischen Staat in ihrem Forscherdrang massiv vorangetriebenen Berufskollegen offenbar geglückt. Die Isotopentrennung in der für eine Atombombe nötigen Größenordnung war möglich - die regierungsamtliche Verwendung dieser Erkenntnis zu Kriegszwecken bewies es schlagend.

Gehobene Schuldbekenntnisse

Den Weizsäcker Carl Friedrich muß - glaubt man seinen eigenen Angaben - die Kunde vom Inferno im Fernen Osten damals tief beeindruckt haben: von sich. Die -zigtausend totgemachten und verstrahlten Japaner überzeugten ihn offenbar so sehr von der eigenen Wichtigkeit (auch er hätte das Werkzeug dazu erfinden können, wenn er die Möglichkeit dazu bekommen hätte), daß er anno '45 in seinem englischen Domizil "durch eine tiefe seelische Verarbeitung des Geschehens gehen" zu müssen glaubte. Um der Tragik der Ereignisse niveauvoll gerecht zu werden, wählte er die Gestaltungsweise von "zwölf Sonetten, einer damals verbreiteten Form seelischer Arbeit". Und so reimte er unter anderem den Hiroshima-Leichen einen tragödischen Verstrickungssinn hinterher, daß einem schlecht werden könnte:

"... Die Grenze sprengten wir, die ihr gewahrt.

Not zwang euch unsre Waffen in die Hände.

Da riß euch hin der Rausch von Blut und Macht.

Nun blieb kein Leiden euch und uns erspart,

zum Himmel rauchen eurer Städte Brände -

wie sühnen wir, was wir an euch vollbracht?" (Altes Japan)

Ganz als hätte er selbst die wissenschaftlichen Voraussetzungen für den Bau der Bombe gefunden, die Waffe selbst gebastelt und zum Einsatz gebracht und sie schließlich auch noch selber - nicht unberechtigt! - aufs Dach bekommen, schmiß sich (der gut untergebrachte und verköstigte) Weizsäcker in die selbstgefällige Pose eines globalen Schuldträgers, dem unbekannte teuflische Mächte keinen anderen Ausweg als die Poesie mehr lassen.

"O bricht denn niemals der Dämonen Kraft?

Sieht niemand denn: die Schuld ist in uns allen?

Wo Unrecht fiel, seh ich sich Unrecht ballen,

und Schuldige von Schuldigen bestraft. ...

O wollen wir, der Finsternis Vasallen,

den Himmel nicht, den nur die Liebe schafft?" (Schuld)

Macher, Mitmacher und Opfer, sie alle sind ihm gleich, mit allen solidarisch setzt er, "der Finsternis Vasall", sich in seinen dünkelhaft ausgemalten Schicksalssumpf und klagt für die Tiefe solch extraordinärer Seelenarbeit die physiologisch angemessene Wasserabsorption ein:

"...die Stirn gepreßt auf die verschränkten Hände, harr ich vergebens aufden Trost der Tränen." (Farm Hall)

Ein verrückt gewordener Physiker? Nicht ganz. - Weizsäckers früher, von der Bombe inspirierter Ausflug in die gereimte Ideologie die keine Subjekte der Politik, keine Gründe und Zwecke ihrer Taten und Toten kennen mochte, war nicht ohne Perspektive. Irgendwie muß der Mann schon im Kapitulationsjahr an der Exklusivität seines Zwangsexils gemerkt haben, daß sich auf dem philosophisch aufgeplusterten "O" als geistigem Zusatz zu den exquisitesten Brutalitäten der institutionalisierten Gewalt eine ganze Nachkriegs-Karriere aufbauen läßt.

"Der Zukunft witt ich meine Kraft bewahren,

allein um welchen Preis! Das Herz witt brechen.

O Zwang, Verstrickung, Säumnis! Säumnis!

Schuld, o Schuld!" (Schuld)

Wie sich zeigen sollte, war der Preis nicht schlecht, den das demokratisierte Deutschland für die ideologische "Kraft" eines Elite-Staatsbürgers zu zahlen bereit war, dessen wissenschaftliche Autorität sich derart in der Liebe zur Nation erschöpfte, daß ihn angesichts eines verlorengegangenen Weltkrieges das schöngeistige Herzeleid packte. Weizsäckers O-Schuld-Poesie paßte so verblüffend auf die Nationalmoral der Wiederaufbau-Republik (bekanntlich war das "Schuld"-Bekenntnis ja die von oben favorisierte Tour, mit der sich die neuen Machthaber jeden Vergleich mit der Erfolglosigkeit ihrer Vorgänger verbaten), daß mit der geistigen Arbeit dieses Mannes unbedingt gerechnet werden mußte. Wie umgekehrt auch der Carl Friedrich von den Weizsäckern fest damit rechnete, daß ihm ein wiedererstarktes deutsches Staatswesen genügend Material liefern würde, um daran seine skrupulösen Identifikationskünste zum Beruf zu machen. Bevor er zur Prosa zurückkehrte, richtete er so noch einen letzten Vers an Richard,

"den überlebenden meiner beiden Brüder"

"Was hindert uns, daß wir's noch einmal wagen, Deutschland zu bauen? Auf, ich bin bereit!" (Schuld)

Im nachhinein erhält dieser innerfamiliäare vaterländische Aufruf natürlich erst seine Bedeutsamkeit. Denn bekanntlich haben's die Weizsäcker-Brüder ja inzwischen weit gebracht mit ihrem gleich wieder "gewagten" Nationalismus. Daß sich Edelmänner wie sie beim "Deutschland-Bauen" die Finger nicht schmutzig machen dürfen, dafür bürgte schon die Idealität der gewählten Aufgabe. Auch und gerade die neue Republik hatte Bedarf an Führungspersönlichkeiten, die der notgedrungenen "Wiederaufbauleistung" der am Leben gebliebenen Untertanen mit Gewalt eine Perspektive und mit passendem Geist einen höherwertigen Sinn angedeihen ließen. Beidem widmeten sich die Brüder, von der großen Politik unwiderstehlich angezogen, mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung. Der jüngere Richard ging gleich medias in res, d.h. zu regierenden Unionschristen (sie waren ihm "am wenigsten fremd"). Dort trieb er seine Politikerkarriere parallel zum Wiedererstarken des kapitalistischen Vaterlandes derart zügig voran, daß er heute über den Eigensüchteleien der Parteienkonkurrenz mit seiner Person für der Nation Ehre und Glanz steht. Unbestreitbare Glaubwürdigkeit wird seinen trostlosen zwei Merksätzen, mit denen er zu jedem Anlaß den völkischen Untertanengeist zur Zufriedenheit mit seinen Herren beglückwünscht und zum Leiden an der "deutschen Teilung" verpflichtet, nicht nur deshalb bescheinigt, weil sie aus dem berufenen Mund des amtierenden Bundespräsidenten kommen. Es ist auch die Tour, mit der er den Taten und Absichten der Staatsmacht die höhere Weihe eines aller Gewaltsamkeit unverdächtigen Kulturauftrags gibt, die diesem Weizsäcker den Ruf eines "in die Politik verschlagenen Philosophen" eingebracht hat.

Was Richard von Weizsäcker als obersten Kopräsentanten der Nation so verehrungswürdig machen soll: den recht profanen Zwecken der Herrschaft am Maßstab einer der Politik eigenen höheren Moralität Gewicht zu geben, wollte Carl Friedrich in der selbsterdachten Rolle eines überhistorischen "Gegengewichts" betreiben:

"Es ist noch nie in der Geschichte der Menschheit gelungen, den Dämon Macht zu töten. Es fragt sich nur, welches Gegengewicht wir ihm heute entgegenstellen können." ("Bemerkungen zur Atombombe", 1945)

"Politik machen" wollte er nicht in den Niederungen demokratischen Machtgerangels, sondern aus der uon dämonischen Anfechtungen geläuterten Position des Denkers und mit dem Image des Wahrheitssuchers. Nicht philosophierender Politiker - wie Bruderherz -, sondern politisierender Philosoph, sollte sein angemessenes Betätigungsfeld sein.

"Ich war zwar Physiker, aber ich war zutiefst umgetrieben von ganz anderen Sachen. Mich beschäftigte, was in der Welt vorging, politisch und geistig. Ich hatte das Gefühl, wenn ich nicht Politik mache, dann verrate ich das, was ich zu tun habe." (Stern, 35/1985)

Auf Politiker umgesattelt hat deshalb aber Carl Friedrich nicht. Und auch seinen "Zwar"-Beruf als Atomphysiker wollte er weiter als Titel führen. Wie schon aus der eingangs zitierten Bomben-Lyrik hervorgeht, diente ihm der theoretische Respekt, den der bürgerliche Verstand der Naturwissenschaft - nicht wegen ihrer in der praktischen Anwendung ausgenutzten objektiven Wahrheit, sondern weil ihm die praktische Anwendung imponiert - entgegenbringt, als das Mittel, um sich mit ganz unwissenschaftlichen, aber sehr tiefsinnigen Fragen und Zweifeln zu profilieren. Obwohl auch einem Weizsäcker nicht entgangen ist, daß es Naturwissenschaftler eben mit der Erkenntnis objektiv gegebener Zusammenhänge und nicht mit der Planung eines Massakers zu tun haben - daß also das Metier eines Atomphysikers und das eines Kriegsherren zwei Paar Stiefel sind -, bestand er darauf, sein ursprüngliches Geschäft der recht eigentlichen Verschwendung von Staatseigentum zu bezichtigen -

"Als wir begannen, Physik zu studieren, erstrebten wir nichts als einen Einblick in die Natur. Ich erinnere mich noch deutlich des dankbaren Staunens, mit dem ich darüber nachdachte, daß meine Mitmenschen bereit seien, mir und meinesgleichen ein Leben zu bezahlen, das einer so nutzlosen Spielerei wie der Erforschung der Atome gewidmet sein sollte." ("Bemerkungen zur Atombombe", 1945)

- um sich dann, weil die Ergebnisse dieser "nutzlosen Spielerei" in ihrer staatlichen Anwendung die beabsichtigte verheerende Wirkung zeigten, selbst einen Steckbrief als Massenmörder auszustellen.

"Heute tragen wir, und zwar jeder von uns, der geholfen hat, die Kenntnis des Atomkerns zu fördern, mit an der Schuld am Tode von 90.000 Männern, Frauen und Kindern, an der Verwundung und der Heimatlosigkeit von Hunderttausenden. Und keiner von uns kann sich der Frage entziehen, ob es durch die Arbeit, der wir unser Leben gewidmet haben, noch zu unseren Lebzeiten geschehen wird, daß nicht 90.000, sondern 90 Millionen denselben Tod erleiden." (ebd.)

Wie kommt ein Naturwissenschaftler zu solch eitler Selbstüberschätzung, der keine Leichenmillion zuviel ist, um sie nicht auf die eigene Kappe zu nehmen? Da hat sich ein Typ wie Weizsäcker ein paar Kenntnisse über die Kernspaltung erarbeitet, und schon beansprucht er die Verantwortung für sämtliche Kriegsresultate auf dem Globus.

"Heute kann unser Stand vielleicht mit mehr Recht als der Stand der Soldaten beanspruchen, den bisher größten Krieg der Weltgeschichte entschieden zu haben. Er ist ein Faktor in der Weltpolitik geworden und teilt damit die Verantwortung für Krieg unod Frieden, die früher (?) in den Händen des Politikers und des Soldaten lag." (ebd.)

Nun wäre diese Verwechslung von Wissen und Verantwortung ja nicht weiter schlimm, wenn Weizsäcker daraus tatsächlich den Schluß gezogen hätte, sich nun doch mal für die politischen Zwecke zu interessieren, um deretwillen an der frisch entdeckten Atomkraft als allererstes die Chance ihrer Ausnutzung als Zerstörungsmittel entdeckt und auch praktisch wahrgenommen wurde. Diese hätten sich ihm aber wohl kaum bei der "Beobachtung" von Atomen erschlossen. Dennoch wollte dieser abgehalfterte Naturwirt so tun, als enthielte die Atomphysik Offenbarungen über die Absichten, die Politiker mit der Aufrüstung ihrer Nation durch möglichst gewaltige Waffen verfolgen.

"Als Atomphysiker habe ich mich, trotz starken politischen Interesses, nicht in die große Politik gemischt, ehe meine eigene fachliche Kompetenz mich dazu nötigte."

Diese "Kompetenz", derer sich Weizsäcker besann, als er die erste Atombombe hochgehen sah, ist ihrem Inhalt nach nichts anderes als der Deuter auf den anerkannten Dienst an der staatlich geförderten Erarbeitung des dafür nötigen Wissens. Nur so kommt jener merkwürdige Stolz zustande, der Weizsäcker sich und seine Berufskollegen zum "Stand" erheben und mit den höchsten Gewaltinstanzen - Militär und Politik - in fruchtbare Verantwortungskonkurrenz treten läßt. Nur so auch kann er sich ein Bedauern darüber nicht verkneifen, daß es deutsche Atomforscher in den leidigen Kriegswirren nicht mehr zu ihrer "kontrollierten Atomenergiemaschine" gebracht haben,

"daß die deutschen Wissenschaftler schon seit Jahren durch politische Verdächtigungen und allerhand Unordnung" (ein schwerer Vorwurf an den Faschismus!) "so in der Arbeit behindert waren, daß auch die reine Forschung nicht den möglichen Wirkungsgrad erreichte; man wird sagen dürfen, daß das Geleistete, an den Mitteln und Hindernissen gemessen, gut war." ("Bemerkungen zur Atombombe", 1945)

Der Grund für den außergewöhnlichen "Konflikt", in den er sich samt seiner Physikergilde hineinversetzt, liegt in der bewiesenen Tauglichkeit ihres Wissens für die Staatsherren: Wer sonst als wir Atomwissenschaftler könnte von sich behaupten, daß er der Politik je eine solch bombige "Macht geschenkt" habe und damit in der nationalen Pflicht wie kein anderer steht! So rum kann es Weizsäcker seinen angelsächsischen Mitphysikern auch nicht verdenken, daß sie bis zum bitteren Ende (für andere) zum Vaterland standen. Schließlich war die auf Grundlage ihres Wissens gebaute Bombe mit den richtigen Werten geladen und diente damit nicht zuletzt auch (da freut sich der verstrahlte Japse!) der freien Wissenschaft:

"Sie haben sie (die Verantwortung) auf sich genommen, vielleicht nicht mit Freude, aber im ganzen wohl im Gefühl einer unausweichlichen Pflicht. Sicher ist ihnen diese Pflicht leichter geworden durch die Überzeugung, daß dieser Krieg nicht nur ein Konflikt zwischen Nationen sei, sondern daß die Nationen, denen sie selbst angehören (!), zugleich die Sache der Humanität, der Zivilisation und damit schließlich der freien Wissenschaft verteidigen." (ebd.)

Ein ordentliches nationalistisches Pflichtbewußtsein ist allemal die gesündeste Moral. Denn daß man zu den Vorhaben der Herrschaft, der man "angehört", weil man ihr zu gehorchen hat, ohne Einschränkung steht, ist Weizsäcker die größte Selbstverständlchkeit. Da hat er sich nicht mal durch die "blöden Ansichten" eines Hitler irre machen lassen: "Ich wollte den Krieg auch nicht verlieren."

Wenn er sich als Atomforscher zum "weltpolitischen Faktor" erklärt, so will er den berufenen Herren von der Politik damit nichts an ihrer alleinigen Kompetenz bestritten haben. Er kennt nicht nur den Unterschied zwischen denen, die das Sagen haben, und denen, die dafür ihren Dienst leisten

"Vor allem ist zu bedenken, daß eine Waffe, die der Physiker zwar selbst berechnen, aber nicht selbst herstellen kann, ihm gar keine wirkliche Macht gibt. In dem Augenblick aber, in dem der Staat sie herstellt, ist sie nicht mehr in der Hand des Phyiskers, sondern des Staates." (ebd.)

-, er baut auf ihn. Mit dem ekelhaften Geprotze eines "besonders wertvollen" Untertans, der seinen Herren für das Betreiben ihrer "Kunst" ganz exklusive Mittel an die Hand geben kann, dienert er sich als moralischer Mitverantworter für alles an, was die Politiker damit anstellen oder noch anstellen könnten.

"Politik ist eine Kunst, und jede Kunst bewährt sich im Detail. Wie man von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr weiterkommt, wem man trauen kann, wem nicht, wo man nachgeben muß, wo drücken - all das versteht am besten, wer auf Grund natürlicher Begabung und Neigung den politiichen Beruf gewählt hat und in ihm langjährige Erfahrung gesammelt hat.

Es gibt aber außerdem einige allgemeine Wahrheiten, gleichsam Randbemerkungen aller Politik. Zu ihnen gehören in unserer technischen Welt insbesondere technische Tatsachen. Und da sich die technischen Tatsachen heutzutage rasch ändern, trauen wir uns über sie und ihre Wirkungen auf die Politik ein Urteil zu, das dem des berufsmäßigen Politikers vielleicht nicht nachsteht." ("Die Atomwaffen", 1957)

Verständlich, daß Bundespräsident Richard sich erst jüngst wieder über den gedanklichen Tiefgang seines Bruders beeindruckt zeigte. Es ist schon ein echter verwandtschaftlicher, um nicht zu sagen deutscher Glücksfall, wie sich hier staatsmännische "Begabung" und "fachmännische" Propaganda des grenzenlosen Zutrauens zu ihr quasi qua Familien-Gen paaren. Dazu mag man den Herrn Papa, der ja bekanntlich schon als Staatssekretär im Reichsaußenministerium bis 1943 den Kampf für die "Verhinderung des Krieges" (im Endergebnis etwas glücklos) durchgehalten hat, als Zeugungsgrund gar nicht mehr heranziehen.

Carl Friedrich jedenfalls hat das ebenso öde wie gemeine Prinzip seiner auflagenstarken Ergüsse zu den großen "Fragen" der Politik bestens selbst dargestellt. Weil sie ihm ja das Material für seine "Randbemerkungen" lieferten, hat er sich noch hinter jeden Beschluß seiner Politiker in der reaktionärsten Manier gestellt und mit dem Gestus eines zur Verantwortung gedrängten Wissenschaftlers "allgemeine Wahrheiten" dazu erfunden. So hat er sich den Berufswunsch eines Staatsphilosophen, eines im Ornat des Wahrheitsstrebers auftretenden Pfaffen erfüllt:

"Vielleicht ist die Stellung, die in der kommenden Welt die Wissenschaftler einnehmen können, am ehesten mit der Stellung zu vergleichen, die in religiösen Zeiten die Priester hatten."

Und obwohl Weizsäcker bis heute fest davon überzeugt ist, daß er sich an den Schalthebeln des Staates bestens ausgenommen hätte ("Priester sind oft treffliche Politiker gewesen"), hat er zugunsten einer von politischen Konjunkturen unabhängigen Heilig-Geist-Rolle für die Macht darauf verzichtet.

"Wenn der wissenschaftliche Beruf ein Weg zur Macht würde, so würde damit das Streben nach Wahrheit korrumpiert und die Macht nicht geläutert werden." ("Bemerkungen zur Atombombe", 1945)

Deutschlands Heiliger Geist

Zur praktischen Definition dieser erlesenen Neigung (die "Wahrheit" von der Lauterkeit der Macht zu verkünden) hat sich Weizsäcker extra 1957 für eine "Göttinger Erklärung" mit anderen Wissenschaftlern seines Fachs zur Unterschriftengemeinschaft formiert. Mit dem fachmännischen Hinweis, daß die Atomwaffen tatsächlich von einer "lebensausrottenden Wirkung" bisher nicht gekannten Ausmaßes seien, wagten sie glatt die Ablehnung eines Staatsdienstes, zu dem sie gar nicht aufgefordert wurden:

"Jedenfalls wäre keiner der Unterzeichneten bereit, sich an der Herstellung, der Erprobung oder dem Einsatz von Atomwaffen in irgendeiner Weise zu beteiligen."

Sie wollten ja auch nur an der Möglichkeit der atomaren Bewaffnung der Bundeswehr öffentlich klargestellt haben, daß sie natürlich fest zur Notwendigkeit jeglicher NATO-Bewaffnung stehen ("Wir bekennen uns zur Freiheit, wie sie heute die westliche Welt gegen den Kommunismus vertritt"), daß sie die besondere moralische Verpflichtung, die aus der Funktion eines potentiellen Bombenbastlers entsteht, aber auch unbedingt anerkannt wissen wollen. - Wieder einmal war Weizsäcker von sich begeistert. Er, Carl Friedrich, hatte sich und sein Vaterland sauber gehalten, indem er ihm die Bombe verweigerte (die das Militärbündnis, zu dem es gehörte, längst zügig gegen den Weltfeind Kommunismus in Anschlag brachte). Mit einem Anflug von Größenwahn war er dafür bereit, sämtliche Konsequenzen zu tragen:

"Selbstverständlich heißt das, daß ich bereit bin, die Folgen aus meiner Entscheidung für meine Person, für meine Familie und für meine Nation auf mich zu nehmen, was auch immer die Folgen sein mögen." ("Christen und die Verhütung des Krieges im Atomzeitalter", 1958)

Die einzig tragische Folge, der Weizsäcker sich bis zum heutigen Tage hemmungslos aussetzt, blieb der Entschluß, den Atomwissenschaftler als Beruf - nicht als Berufungsinstanz! - nun endgültig an den Nagel zu hängen und sich hinfort ganz in die Debatte um die großen nationalen Fragen zu verstricken. Er tat dies, weil er mußte:

"Die Göttinger Erklärung von 1957 gegen nationale Atomrüstung zog mich in die öffentliche Debatte über aktuelle Politik, die ich seitdem nicht mehr zu verlassen vermocht habe."

Das Verfahren, mit dem Weizsäcker in den folgenden dreißig Jahren als politischer Philosoph seine Beiträge zur Politik - vornehmlich natürlich zu den letzten nationalen Existenzfragen von Krieg und Frieden - ablieferte, läßt sich kurz fassen. Um aus der Macht "merkwürdig wissenschaftlich-moralische" Fragestellungen zu destillieren, hat sich die Vernunft zu allererst und immer wieder im Bekenntnis zu den vom Staat geschaffenen Tatsachen als Notwendigkeiten zu beweisen. Das gibt eine gewisse Sicherheit im "Erklären" und setzt sich schon deshalb nicht dem Geruch einfacher Beschönigung oder "simpler Verurteilung" aus, weil es sich hierbei um Werte handelt, für die immerhin ein ganzes westliches Militärbündnis geradesteht.

"Wir stehen im Kampf um die Freiheit von West-Berlin, wir stehen darüber hinaus im Kampf um das Selbstbestimmungsrecht der Deutschen in der DDR. Beide Forderungen gehören zum unabdingbaren Grundbestand jeder überhaupt denkbaren deutschen Politik. Von unseren westlichen Verbündeten erwarten wir, daß sie im Kampf um die Freiheit von West-Berlin das Risiko eines nuklearen Krieges auf sich nehmen und daß auch sie das Selbstbestimmungsrecht der Deutschen in der DDR langfristig als eines der wichtigsten Ziele der westlichen Politik festhalten. Wir können beide Forderungen nur deshalb erheben, weil wir damit nicht ausschließlich nationale Interessen verfolgen, sondern uns auf die Menschenrechte der Freiheit und der Selbstbestimmung berufen dürfen, deren Verteidigung das westliche Bündnis dient."

Dies und auch den ganz überflüssigen - weil längst zur Regierungsmaxime gemachten - Aufruf:

"Die Bundesrepublik muß in der Rüstungspolitik auch unter großen Opfern und Anstrengungen klar zu den von ihr übernommenen Verpflichtungen des westlichen Bündnisses stehen... Oberster Gesichtspunkt muß heute die möglichst reibungslose Eingliederung in die westliche Rüstungs- und Verteidigungsplanung sein."

wollte Weizsäcker 1961 in einem sogenanntcn "Tübinger Memorandum" als "Seelsorge ain Bundestagsabgeordnete", die "ihnen einige lebenswichtige Wahrheiten vor Augen führt", verstanden wissen.

Philosophisch-moralische Aufrüstung

Auf dieser nun wirklich über jeden Verdacht intellektueller Abweichung erhabenen Basis ließen sieh jetzt getrost tiefere Erkenntnisse über die eigentlichen Probleme der Politik entwerfen. Einem so großen Kopf genügt es nicht. die von seinen Herren ausgegebenen Kriegsgründe postwendend als zu realisierende "Wahrheit" wieder einzufordern. - Also legt sich besagter Weizsäckersche Kopf in Runzeln, um gemäß dem Motto: "Philosophieren heißt weiterfragen" den feststehenden "Wahrheiten" der Politik die Form eines getrennt von ihr erdachten Resultats "gedanklicher Durchdringung" zu geben. Konsequent stellt Weizsäcker zu jedem "konkreten politischen Phänomen", das er sich aussucht, keine Fragen nach dem Grund, sondern "Grundfragen". Er hat nämlich entdeckt, daß "die Stärke des Systems gerade darin liegt, daß man es von seinen eigenen Prinzipien her kritisieren kann". Das eröffnet wissenschaftliche Möglichkeiten ganz eigener Art.

Man kann sich z.B. fragen - und Weizsäcker tut dies variantenreich in mindestens drei Dutzend Aufsätzen -: "Warum das jahrtausendealte Wettrüsten?" Eine zweifellos fruchtbare Problemstellung, die sich den obigen Systemvorteil zunutze macht. Die vermeintliche Frage enthält nämlich schon zwei vorgefertigte Ideologien, die dem "Prinzip" der hiesigen Herrschenden - daß sich eben Frieden nur in Freiheit, also mittels einer NATO und der ihr eigenen Rüstungsanstrengung für einen gewinnbaren Krieg gegen den Hort der Unfreiheit im Osten realisieren läßt - wie auf den Leib geschneidert sind. Daß "die Gegenwart des Krieges in der Menschheit einer tausendjährigen chronischen Krankheit" gleicht und es "immer Zwietracht und immer ein Maß an Blutvergießen" geben wird, für diese Erkenntnis hätte Weizsäcker keine ausgedehnten "geschiehtsphilosophischen Studien" zu betreiben, sondern sich nur mal an einen heimischen Stammtisch zu setzen brauchen. Dort hätte er den von ihm wissenschaftlich erarbeiteten Untertanengeist, der sich durch nichts erschüttern läßt, aber auf alles einen Reim weiß, in Vulgärform erlauschen können. Koppelt man a la Weizsäcker die Weisheit vom Menschheitssyndrom Krieg noch mit der Ideologie von der militärischen Rüstung als einem ebenso (un-)sinnigen Wettlauf des zur Konkurrenz verurteilten "Humanums" Macht, so kann man im Anliegen eines verantwortunysvollen Apokalyptikers kaum noeh fehlgehen:

"Ich weiß seit vielen Jahren, daß der Krieg wahrscheinlich ist, und habe es ausgesprochen, stets so, daß ich versuchte, nicht Panik, sondern vernünftiges Verhalten zu erzeugen." (Die Zeit, Juli 1980)

Vor dem Krieg aals "Menschheitskatastrophe" warnen und keiner Kriegsvorbereitung der eigenen Herrschaft die Berechtigung bestreiten, ist für Weizsäcker kein Widerspruch. So bescheinigt er mit sicherem Gespür fürs geltende Feindbild der atomaren Aufrüstung Westeuropas historische Plausibilität -

"Historisch schmerzhaft wahr ist, daß man gerade von den Russen keine Konzession erhält, wenn man nicht Entschlossenheit und Stärke zeigt." (Die Zeit, Nov. 1979)

- und verrät im selben Zeitungsartikel gleich dazu, wie man sich die Unversöhnlichkeit des Ost-West-Gegensatzes intellektuell ausdeuteln kann:

"Nachdem ich jahrzehntelang das Rätselraten auf beiden Seiten über die jeweiligen Motive der anderen Seite beobachtet hatte, gab mir eine verhaltenstheoretische Analogie eine Denkhilfe. Warum geraten Hund und Katze so leicht in Konflikt? Ich habe mir das so erklären lassen: Sie mißverstehen gegenseitig ihre angeborenen Signale. Wenn der Hund böse ist, knurrt er, wenn die Katze freundlich ist, schnurrt sie. Wenn der Hund freundlich ist, wedelt er mit dem Schwanz, wenn die Katze zornig wird, schlägt sie mit dem Schwanz."

Das ist doch mal eine echte Aufklärung über staatliche Zwecke! Wahrseheinlich bricht der Dritte Weltkrieg deshalb aus, weil irgendein Inkompetenzling zwischen Schwanzwedeln und -schlagen nicht zu unterscheiden wußte. Doch Spaß beiseite, Weizsäcker meint's ernst, denn immerhin mußte er für dieses Weiß-Warum jahrzehntelang beobachten und hat während dieser Zeit sogar mal einem leibhaftigen Russenfunktionär den Irrsinn seiner gleichgewichtstörenden Überrüstung mit Erdnüssen (statt Raketen) erklären müssen.

Und obwohl das der Breite Weizsäckerscher Anstrengungen zum Verständnis der aller Staatsgewalt inhärenten Tragik ("Macht ist weder böse noeh dumm, aber ebensowenig hat sie recht: Maeht ist an sich tragisch") bei weitem nicht gerecht wird, sei noch ein letzter Dauerbrenner genannt, mit dem er das Zutrauen zum Staat in Form des Wissens um seine letztlichen (Ab-)Gründe zu schüren pflegt. Wenn er schon an der Atomhombe nicht mehr weiterarbeiten dürfen wollte, so hat Weizsäcker doch die Bombe weiter geistig verarbeitet. Was die Subjekte des Weltgeschehens an diesen Waffen als zweckdienlichen Mitteln zur Durchsetzung ihrcr Ansprüehe gerade so schätzen, nämlich die technische Möglichkeit militärischer Vernichtungssehläge -, diese Wirkung der Wasserstoombe dient Weizsäcker dazu, die Politik schlechthin nicht nur in ein spezifisch neuzeitliches "technisches Zeitalter" zu versetzen, sondern ihr darin ganz eigentümliche zwieschlächtige Probleme aufzuhalsen. Für seine gezielte Verwechslung von Mittel und Subjekt hat er sich den Namen einer "Ambivalenz des Fortschritts" erfunden und sich die Regierenden als Autofahrer vorgestellt:

"Die technische Vernunft fordert, daß man nicht alles tut, wozu man technisch fähig ist. Wer sein Auto im städtischen Straßenverkehr mit Höchstgeschwindigkeit fährt, benimmt sich untechnisch und wird mit Recht bestraft. Der soeben ausgesprochene Satz deutet zwei Probleme an: ein organisatorisches und ein moralisches." ( Die Zeit, Mai 1958)

Weil sich aber nun einmal Staaten in ihrem Umgang untereinander an keine Straßenverkehrsordnung halten, kommt es auch Weizsäcker vor allem auf das zweite Problem an. Wo nichts als die Gewalt entscheidet, und in der Welt des Imperialismus ist das so, da braucht es - so meint er - eine besonders gestählte Einstellung des Untertanenmaterials für die anstehenden Entscheidungen. Dafür bietet der Freiherr laufend sein "Wissen" an, und dafür hat er sich den Dreh von der Geschwindigkeitsüberschreitung von Atomraketen einfallen lassen, für die er die moralische Verkehrspolizei spielen will:

"Ich glaube, man kann in der Zeit der Wasserstoffbombe weder eine zuverlässige Wehrmacht aufbauen noch ein gesundes Staatswesen bewahren, wenn man die Menschen über die extreme Möglichkeit der Vernichtung täuscht. Man hofft, durch solche Täuschunng nervöse Kurzschlußreaktionen zu vermeiden, aber man beraubt sich der Mitarbeit, die nur wissende Menschen leisten können." ("Hat jeder eine Chance?", Die Zeit, März 1962)

Und obwohl klar ist, daß Weizsäcker hier wieder einmal seine philosophischen Gewissensbisse etwas überschätzt, e r hat es sich in seinen weitlufigen Abhandlungen sei es zum Ausbau der heimischen Kernenergie, sei es um zum Terrorismus, zur Weltpolitik zum Zivilschutz oder eben zum Krieg - immer zum Prinzip gemacht, "Wissen" als Anleitung zu definieren, nämlich für ein korrektes Stehen zum Gemeinesen vorstellig zu machen. Wissen ist, wenn es die Moral stärkt. Und so sieht er letztere denn auch - wissenschaftlich:

"Unter Moral verstehe ich hier nicht bloß Normen, sondern eine allgemeine menschlche Haltung, wie wenn man von der "Kampfmoral" einer Truppe spricht." ("Die offene Zukunft der Kernenergie", 1979)