HEIM INS REICH!

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1986 erschienen.
Systematik: 

Schtscharanski u.a.
HEIM INS REICH!

1.

Agententausch zwischen Ost und West gehört inzwischen nicht mehr zu den Nacht- und Nebelaktionen dubioser Geheimdienste, von denen man bestenfalls hinterher erfährt, daß sie stattgefunden haben. Die jüngste Aktion dieser Art haben die beiden Lager gleich als einen hoheitlichen Staatsakt inszeniert und gleichermaßen Wert darauf gelegt, der wechselweisen Herausgabe gefangenen feindlichen Personals den Charakter einer öffentlichen Politshow zu verleihen. Das Ereignis wurde Tage im voraus angekündigt, der Schauplatz eigens aufgeputzt, Politiker erledigten öffentlichkeitswirksam die Vor- und Nachbereitung, das Fernsehen war live dabei -: Damit jedermann ausgerechnet den Umgang der beiden verfeindeten Lager mit dem jeweils einkassierten Untergrund-Personal des Gegners ausgerechnet als "humanitären Akt" deuten und darin ausgerechnet eine "Annäherung zwischen den Supermächten nach Genf" entdecken sollte! Und es für ein untrügliches Zeichen von "Versöhnlichkeit" halten, daß zwischen den feststehenden Fronten aufgeflogene "Hochverräter" in einem "hart ausgehandelten" "Paket" ausgetauscht und an den jeweiligen Absender zurückverfrachtet wurden!

2.

Schon bei Vollzug des Handels machte die westliche Seite deutlich, daß sie sich in einer Figur einen Kämpfer für die eigene Sache in Feindesland ganz besonderen Zuschnitts zurückgehandelt hat: Einen Juden namens Schtscharanski haben die Russen nur in einer Mogelpackung als Spion herausgerückt - einen, den die Russen zwar als westlichen Agenten einkassiert haben, den der Westen aber als seinen Spion nicht anerkennen mag.

Was hat der verbrochen? Er hat sowjetischen Juden mit Hilfe westlicher Propaganda und vor Ort wirkenden Agenten erklärt, ihre Obrigkeit sei nicht die ihre. Sie seien eigentlich Bürger eines anderen Staates; insofern Gefangene der falschen Staatsgewalt und deswegen dazu berufen, für die "Rückkehr" in ihre wahre Heimat zu kämpfen: Israel. Deswegen wird der Mann als subversives Element eingesperrt. Denn so einer vertritt nicht einfach eine oppositionelle Meinung und pflegt auch nicht bloß das Brauchtum einer in der SU anerkannten Volksgruppe der Juden, sondern versucht unter ziemlich rassistischen Gesichtspunkten Leute dazu aufzuwiegeln, daß sie dem sowjetischen Staat seine Hoheit bestreiten und ihm ihre Loyalität aufkündigen.

3.

Genau das macht Schtscharanski im Westen so beliebt. An ihm wird das Recht der Sowjetunion bestritten, einen erklärten Staatsfeind auch als solchen zu behandeln. Weil da vom feindlichen System ein Parteigänger der eigenen Sache verfolgt und bestraft wird, der seinen jüdischen Familienpaß als Kampfauftrag n Sachen Freiheit versteht, gilt Schtscharanski als "Menschenrechtler" und seine polizeiliche Behandlung als Bruch dieses Rechts. Womit zweifelsfrei feststeht, daß da ein "Unrechtsstaat" zugange ist. Einzig wegen dieses "Nachweises" ist der sowjetische Jude mit dem unaussprechlichen Namen im Westen eine Berühmtheit geworden.

4.

Der hat seinen Kämpfer im Feindesland nun "standesgemäß herausgeholt und in das gelobte Land verfrachtet, wo - nach innen wie nach außen - die "Freiheit" als eine einzige Militärmaschinerie eingerichtet ist. Dort blüht er sichtlich auf und fühlt sich wohl - als Angehöriger einer freiheitlichen Rasse, der endlich zuhause ist: Endlich hat er sein frommes Weib wieder am Hals, das er einst extra zum Zwecke der Trennung geehelicht hat. Endlich ist er bei seinen Volksgenossen, deren Kultur, Sprache und Religion ihm völlig fremd sind. Ganz laut darf er jetzt jüdische Lieder singen, und die ganze westliche Welt lauscht per Fernsehen mit. Mit Tränen in den Augen darf er seinem obersten Volksgenossen Peres persönlich Dank sagen für die Heimholung, und die höchste Stunde schlägt ihm, als er mit dem Paten der Familie Freiheit und Menschenrecht telephoniert: Kaum schafft er es vor lauter Rührung, Mr. Reagan mitzuteilen, daß drüben noch ganz viele Volksgenossen ihrer Befreiung harren.

So ungefähr denkt sich der Mr. President das sowieso, weswegen er auch sehr zufrieden sein kann mit seinem eingetauschten Muster-Juden. Ebenso wie der deutsche Kanzler, der sich öffentlich nicht genug dafür loben kann, daß "wir" wieder einmal ein Stück Wiedergutmachung hingekriegt haben. Und das noch ganz auf Kosten der Russen.