GRÜNE SIND RADIKAL - ALS SAUBERMÄNNER

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1983 erschienen.
Systematik: 

GRÜNE SIND RADIKAL - ALS SAUBERMÄNNER

Da hätten die Grünen fast den Alterspräsidenten des deutschen Bundestages gestellt. Dann wurden sie sich schnell bewußt, daß sie sich als "Antiparteienpartei" nicht dem Kriterium bürgerlicher Parteien - Glaubwürdigkeit - verschließen könnten und für ihre Würde im Parlament etwas tun müßten. Und da sie sich, in bewußter Unterscheidung von den großen Parteien besonders glaubwürdig, sauber und würdevoll zeigen wollen, zwangen sie ihren ältesten Fraktionskollegen aus dem Parlament, weil er wohl nicht "der rechte Repräsentant" sein würde. Wo die großen Parteien es mit der NS-Vergangenheit ihrer Mitglieder nicht so genau nehmen und daraus sogar Bundespräsidenten machen, wurden die Grünen sehr pingelig. Nicht etwa deshalb, weil sie vermutet hätten, daß Vogel auch heute noch deutsch-nationale Auffassungen vertritt, die dem Parteiprogramm entgegenstünden. Tatsächlich ist der Burschenschaftler Vogel heute bei den Grünen, um - "mit Gottes Willen" - die Nation zu retten.

"Herbert Wehner, habe er sich" (laut "Spiegel" Nr. 12/1983) "gesagt, sei Kommunist gewesen, und niemand werfe dem das vor."

Frei von diesem Makel hat er, geläutert durch siebenjährige Kriegsgefangenschaft, erst in der Deutschen Partei (DP) auf Adenauer gesetzt, dann das Vaterland mit Erich Mende in einer liberalen deutschnationalen Partei vorwärtsbringen wollen, woraus leider nichts geworden ist und schließlich fand er bei den Grünen seine politische Heimat, wobei es ihm großzügigerweise nichts ausmachte, daß da auch "ehemalige Mitglieder von K-Gruppen" mitmachen dürfen. Aber das ist es nicht, was den Grünen mißfällt. Nicht das macht unglaubwürdig, sondern nur die Tatsache, daß Vogel damals NSDAP-Mitglied, SA-Mann und Sturmführer gewesen ist. Daß er sich geändert habe, wird ihm zugestanden. Aber um der Glaubwürdigkeit der Partei willen wird der Mann geopfert. Ein makabres Schauspiel, das Tribunal der grünen Saubermänner über ihren Spitzenkandidaten aus NRW, der ihnen dort eine Menge Stimmen eingebracht hatte: Grüne Männlein und Weiblein zwischen 20 und 40, die auf ihr Deutsches Vaterland nichts kommen lassen und deren Antikommunismus auch ohne Nazi-Vergangenheit gut ausgebildet ist, nahmen den 75-jähriger moralisch in die Zange: Warum er denn nicht gegen das faschistische System gekämpft habe; daß er gefälligst ehrlich zuzugeben habe, daß er Dreck am Stecken habe. Wahrscheinlich hätten die grünen Frischlinge damals mit "gewaltlosem Widerstand" Hitlers Machtergreifung verhindert. Nach so viel Umverschämtheit der gelehrigen Schüler bürgerlicher Politik, die diese an demokratischer Sauberkeit noch übertreffen will, folgte eine des Parteienspektrums in Bonn würdige Erklärung:

"Subjektiv" (siehe oben) "habe man Vogel keine persönlichen Vorwürfe zu machen. Objektiv gesehen aber müsse es einen Trennungsstrich zu dem (!) geben, was für Grüne tragbar sei." (Vorstandsmitglied Schulz)

Und Joachim Müller vom Bundeshauptausschuß der Grünen, der heute entschieden dafür kämpft, daß grün ja nicht durch rote Elemente und deren Dogmatismus verschmutzt wird, gibt das rechte Urteil an die Öffentlichkeit, nachdem man den ergrauten Genossen mit einem ernsten Verhör zum Ausstieg bewegt hatte:

"Wir begrüßen es, daß er diese Belastung von uns genommen hat."

Wahrscheinlich hat Petra Kelly dem 75 jährigen zum Abschied noch ein grünes Fichtenbäumchen überreicht - für hervorragende Verdienste um grünen politischen Anstand.