GLEICHE ARBEIT UND ARMUT FÜR ALLE

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1984 erschienen.
Systematik: 

4 x IG Metall gegen Überstunden
GLEICHE ARBEIT UND ARMUT FÜR ALLE

Angenommen, es wäre so, daß der Lohn reicht, um von ihm flott und ordentlich leben zu können - was wäre da wohl die Antwort auf betriebliche "Angebote" an Überstunden und Mehrarbeit? Ungefähr: "Vielen Dank, kein Bedarf!" Und angenommen, es gäbe doch jemanden, der sich's anders überlegt was würde der wohl antworten? Ungefähr: "Eigentlich langt's mir mit der Arbeit, und wenn ihr schon scharf auf mich seid, muß ordentlich was rausspringen!" Beid es spricht ganz offensichtlich dem Hohn, was jeder Arbeiter von Überstunden weiß: Sofern sie angesetzt werden, kann er es sich selten leisten, dankend abzulehnen. Und weil ihn sein billiger Normallohn sehr handfest auf die Mehrarbeit als Quelle eines zusätzlichen Verdienstes stößt, fragt er auch nicht groß danach, ob sich diese dann auch wirklich für ihn lohnt, und überlegt es sich dann anders, wenn nicht!

Hier schreitet die Gewerkschaft ein, bloß wie!

Überflüssig...

"Die Überstunden-Schinderei bringt nichts ein." (metall)

Das entdeckt auf einmal dieselbe Gewerkschaft, die vor lauter "wirtschaftspolitischer Vernunft" den Normallohn so billig aushandelt, daß Arbeiter auf die zusätzliche Verdienstquelle 'Mehrarbeit' angewiesen sind. Diesem Verein, dessen Betriebsräte jede Überstunde in der Regel bewilligen, fällt jetzt auf: Das lohnt sich für die Arbeiter alles nicht!

"Die Überstunden ruinieren die Gesundheit... Hinzu kommt ein zusätzlich erhöhtes Unfallrisiko durch die 'Last der Stunden'". "Daß Mehrarbeit unter dem Strich fast nichts einbringt, ermittelte auch das IFO-fnstitut: Danach kassieren 1983 von jeder mehrverdienten Mark der Staat und die Soziafversicherungen sogar 86 Pfennig, d.h. für den Arbeitnehmer bleiben netto noch 14 Pfennig übrig." (metall)

Für untragbar allerdings hält die Gewerkschaft weder die körperliche Ruinierung durch Mehrarbeit noch die finanzielle durch die Lohnkürzungsmaschine Staat. Bei ersterer bestimmt sie ja selbst verantwortlich mit, und für die Kosten, die der Staat den Arbeitern als 'schwere Zeiten' beschert, hat sie noch nie in Tarifverhandlungen einen Ausgleich gefordert.

Was sie stört, sind Geldgier und Dummheit, die sie bei ihren Mitgliedern entdeckt haben will:

"Dennoch glauben die meisten, die Mehrarbeit machen, daß sie aus finanziellen Gründen nicht darauf verzichten können." (metall)

Die Finanznöte ihrer Mitglieder nimmt die Gewerkschaft nicht ernst. Die niedrigen Überstundenzuschläge und die hohen staatlichen Abzüge behandelt sie wie ein Naturgesetz, gegen das nichts zu machen ist. Statt wenigstens Entschädigung von Kapital und Staat zu fordern, fordert sie die Arbeiter auf, dann doch gleich überhaupt das Interesse an mehr Lohn fahrenzulassen!

"Überstunden lohnen nicht!" Den Lohn hat die Gewerkschaft tatsächlich so billig ausgehandelt, daß sie sich nur für Unternehmer lohnen. Aber auch so sind Überstunden nach Auffassung der IG Metall viel teurer als man denkt. Wer nämlich mehr arbeitet als normal, der verursacht Lohnkosten, die an anderer Stelle Arbeitslosengeld einsparen könnten:

"Trotz millionenfacher Massenarbeitslosigkeit und Kurzarbeit sind Überstunden in den Betrieben aller Wirtschaftsbranchen gang und gäbe." (metall)

Unglaublich! Da meinen doch glatt noch immer welche, die Mehrarbeit, auf die der Betrieb aus ist, könnte ihnen etwas mehr Lohn bringen. Da muß ein Verein natürlich einschreiten, der Arbeit nur noch als ein Kosten- und Gerechtigkeitsproblem begreift, das nach ihm als volkswirtschaftlichem Gesamtverteiler schreit.

...schaffen Arbeitslose...

Die Gewerkschaft zitiert in "metall" die Frau des Opel-Arbeiters Christian K., verheiratet, zwei Kinder im Alter von drei und elf Jahren, die die Sache so sieht:

"Ohne Vberstunden hättrn wir im Monat zwei- bis dreihundert Mark weniger, und es würde knapp."

"metall" antwortet:

"Eine abstrakte Größe ist für Mfonika K. noch die Rechnung der IG metall zum Mißstand der Mehrarbeit: 'Im Jahre 1982 wurden von insgesamt 22,2 Millionen Beschäftigten fast 90 Überstunden je Arbeitnehmer geleistet, dies entspncht rechnerisch rund 1,2 Millionen zusätzlichen Arbeitsplätzen.'"

Ja, Frau Monika, reichlich abstrakt, daß Sie an Ihren Geldbeutel denken;

reichlich abstrakt, daß der Lohn, den Ihr Mann für 40 Stunden Arbeit ausgezahlt bekommt, noch nicht einmal hinreicht, eine vierköpfige Familie zu ernähren; reichlich abstrakt, daß der Betrieb Ihren Mann zwingen kann, seine Freizeit und Gesundheit zu opfern, um Überstunden zu holzen;

völlig abstrakt die Idee, Herr K. und seine Kollegen sollten doch den Betrieb dazu zwingen, mehr Lohn zu zahlen, dann wäre auch das Übel der Überstunden erledigt. Denken Sie doch mal konkret, Frau Monika!

Konkret macht die Gewerkschaft Ihren Mann und seine Überstunden leistenden Kollegen "rechnerisch" verantwortlich für 1,2 Millionen Arbeitslose, als wären es nicht die Herren Unternehmer, die entlassen und Überstunden verlangen und sich dabei auf den tariflich vereinbarten Lohn und den sonstigen Segen der Gewerkschaft verlassen.

Konkret fände es die Gewerkschaft das Beste für uns alle, wenn Ihr Mann und seine Überstundenkollegen weniger Lohn nach Hause brächten - wenn dann "rund 1,2 Millionen" Arbeitslose auch eine Arbeit bekämen, von der sie schlecht leben können.

Konkret arbeitet der Arbeitsmann nämlich nicht, um zu leben, sondern er lebt, um zu arbeiten.

Konkret will die Gewerkschaft nämlich Ihren Mann einspannen für die höhere Verantwortung der Gewerkschaft für den Staat und sein System. Das soll angeblich dadurch in Gefahr geraten, daß das Kapital mit kräftiger staatlicher Subventionierung an die drei Millionen Arbeiter um ihre sowieso schon mickrige Existenzgrundlage bringt.

...fehlen früher oder später...

"Heinz Oskar Vetter... spricht aus langjähriger Erfahrung, wenn er über MFehrarbeit urteilt: 'Überstunden sind die Summe der Zeit, die früher oder später vom Leben abgezogen wird.'"

Wie, Heinz Oskar, sind Überstunden denn nicht schon vom Leben abgezogen, wenn sie gemacht werden? Ist nicht der vorzeitige Verschleiß eine zusätzliche Gratisgabe an Lebenszeit, die aus dem beständigen billigen Opfer von täglicher und wöchentlicher Zeit zum Leben entspringt? Ja, wenn man den 'Normalarbeitstag' und seine Wirkungen auf Gesundheit und Geist für die natürlichste Grundlage eines normal langen Arbeiterlebens hält, dessen Ende das Volk naturwüchsig entgegenaltert, dann sind Überstunden bloß ein 'über' das gesunde Normalarbeitsmaß Hinausgehen. Wenn man dann auch noch die tagtägliche Verkürzung der Lebenszeit bewußt unterschlägt und nur schlimme Folgen für "früher oder später" beschwört, dann wird man garantiert früher oder später Gewerkschaftsfunktionär. Dann denkt man nämlich jetzt schon ganz radikal an die falsche Verteilung der Arbeit, an die sozialen Folgekosten für die Gesellschaft und agitiert die Gewerkschaftsmitglieder dafür. Daneben sorgt man dafür, daß sie sich um ihr späteres Leben garantiert nicht kümmern können, weil sie mit dem gegenwärtigen Arbeitsleben genug zu schaffen haben.

...oder ein gewaltiger Irrtum?

Und? Was folgt aus dem Dummkopf, der aus lauter Geldgier nachts zur Stanzmaschine marschiert, statt von Freizeit und Vergnügen zu träumen und auf höhere Bezüge zu pfeifen, der deshalb auch zu Recht am Monatsende als der geschröpfte Esel dasteht? Etwa: Weniger Überstunden? Höhere Bezüge? Mehr Freizeit und Vergnügen? Weg mit dem Finanzminister? Nein! Die Lösung heißt:

Überstunden ohne Mehrverdienst

Gewerkschaftliche Flexibilität

Denn mit der "Neuverteilung der Arbeit" meint es die Gewerkschaft bitter ernst. Deshalb auch mit den Angriffen auf ihre Mitglieder. Ihr ist die Lösung gelungen - und in den verschiedensten Betrieben ist sie schon per Betriebsvereinbarung durchgesetzt -, das Interesse der Unternehmer an Überstunden und ihr eigenes an einer "beschäftigungswirksamen Verkürzung der Arbeitszeit" zur Deckung zu bringen. Unter dem Titel "Abbau der Überstunden" hat sie die Strategie beschlossen,

"gesetzliche und tarifliche Regelungen anzustreben, die beinhalten, daß betriebsbedingte Mehrarbeit (Überstunden) nicht mehr wie bisher finanziell abgegolten, sondern nur in Freizeit einschließlich der Mehrarbeitszuschläge genommen werden darf." (14. ordentlicher Gewerkschaftstag)

Im Klartext entspricht das ungefähr dem, was Unternehmer als "flexiblere Arbeitszeitregelung" fordern. Überstunden, wenn der flotte Geschäftsgang mit knappcr Belegschaft es erfordert. Verordnete Freizeit, wenn es dem Betrieb gerade in die Auftragslage und Kostenkalkulation paßt. Also eine, konjunkturgerechte Mobilität der Belegschaft und Intensivierung der Arbeit gemäß dem Bedarf zu günstigstem Preis; alles für ein paar Zuschläge. Der Wechsel von Über- und Unterbeschäftigung wird so mit einem kräftigen Lohnverlust zum Bctriebsprinzip. Und das schafft keine Arbeitsplätze, sondern erspart welche. Von Unternehmerseite lautet dasselbe Prinzip "Jahresarbeitszeitregelungen" und wird etwa so angepriesen:

"Industrie NRW informiert:

Arbeit nach Maß

Weil sie allen was bringt.

Das NEIN der Wirtschaft zur 35-Stunden-Woche ist kein stures Nein. Es ist ein Nein zum falschen Weg. Ein Weg, der uns noch mehr Arbeitslose beschert.

Arbeitszeitmaßnahmen sind nur sinnvoll,

wenn es individuelle und keine kollektiv verordneten Lösungen sind;

wenn ihre Kosten für die Betriebe tragbar sind,

wenn sie die Bedürfnisse der Arbeitnehmer und der Betriebe berücksichtigen.

Da gibt es zahlreiche vernünftige Lösungen. Flexible Arbeitszeiten z.B. mehr Teilzeitarbeit.

Eine solche Arbeit nach Maß hat Vorteile für alle

Sie gibt vielen ein Stück mehr Freiheit. Jeder Dritte in der Metallindustrie wünscht sich eine abgestufte Arbeitszeit. Auch bei geringerem Einkommen. Denn: Wer anderen eine Teil seiner Arbeit überlassen will, muß ihnen auch einen Teil seines Einkommens überlassen.

Sie behindert nicht das Wachstum der Wirtschaft durch eine neue Kostenexplosion.

Es entstehen zusätzliche Arbeitsplätze

Was stört die Gewerkschaften eigentlich daran?"

Offenbar gar nichts! Es muß nur "Einstieg in die 35-Stunden-Woche" heißen, oder wie beim Gewerkschaftsbeschluß - "Voraussetzung zur Verwirklichung der 35-Stunden-Woche". Und das ist schließlich nur eine Frage der Interpretation, also überhaupt kein Problem.