GLÜCKSRITTER, EDLE RITTER UND PILOTFISCHE

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1986 erschienen.
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Zentralistaion des Kapitals
GLÜCKSRITTER, EDLE RITTER UND PILOTFISCHE

Ein regelmäßiger Vorgang ist im Kapitalismus die Enteignung der Kapitalisten. Allen hoffnungsfrohen Ankündigungen eines Karl Marx zum Trotz -

"Diese Expropriation vollzieht sich durch das Spiel der immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion selbst, durch die Zentralisation der Kapitale. Je ein Kapitalist schlägt viele tot. ... Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche Vorteile dieses Umwandlungprozesses usurpieren und monopolisieren, wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse. Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit der kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert." (Das Kapital, Bd. 1, MEW 23, S.790 f.) -

werden die Expropriateure immer noch und ausschließlich von ihresgleichen expropriiert, und das Ende des Kapitalismus ist nirgendwo abzusehen; im Gegenteil, die siegreichen Elemente der Kapitalistenklasse kommen mit wachsendem Elend und Druck prächtig zurecht. Kein Wunder, wenn dies doch die Ergebnisse und Mittel ihres Geschäfts sind. Zudem genießen sie die freundliche Unterstützung der Enteigneten die für den Verlust ihres Eigentums an den Produktionsmitteln ja reichlich mit Geldkapital entschädigt werden - und wem sollten sie das zur Verfügung stellen, wenn nicht ihresgleichen. So hat der Marx'sche Fehler eine von ihm abgeleitete ökonomische Gesetzmäßigkeit mit einem Wunsch gleichzusetzen - dem Wunsch nämlich, die Wirkungen dieser Gesetzmäßigkeit würden die Proletarier dazu veranlassen, sie abzuschaffen -, zwar Legionen von revisionistischen Arbeiterfreunden als Berufungsinstanz getaugt. Der Kapitalismus hat sich derweil aber immer nur an den ersten Teil gehalten, munter zentralisiert, eine Krise nach der anderen veranstaltet und sie mit Hilfe der Zentralisation auch wieder bewältigt.

Ein Gesetz...

Zusammenschlüsse, Aufkäufe etc. ergeben sich aus der Konkurrenz der Kapitalisten und dienen zur Durchsetzung in ihr. Die Kapitalisten bestreiten sich ständig wechselseitig den Gewinn: Einen Markt in dem naiven Sinne, daß es dort soundsoviel zu verkaufen gibt und dann ist er "voll", kennen sie nicht; vielmehr ist der Markt für sie immer der Teil der zahlungskräftigen Nachfrage, den sie - gegen andere - auf sich ziehen können; zu diesem Zweck weiten sie ihre Produktion aus und senken die "Gestehungskosten" (Kosten pro Stück), wollen die Konkurrenten also durch mehr und billigere Ware aus dem Feld schlagen.

Die Wirkung auf den Markt heißt Überfüllung, aus der ein Kapitalist jedoch nur den Schluß zieht, ihn seinerseits noch mehr zu überfüllen, so daß die Käufer gar nicht umhin können, sich an ihn zu wenden; nicht, weil er so wunderschön viel produziert hat, sondern weil die umfangreiche Produktion besondere Kostengünstigkeit anzeigt. Diesen Zusammenhang zu negieren, können sich Kapitalisten nur im paradiesischen Urzustand des "Wachstumsmarkts" leisten, der idealiter in Nachkriegszeiten herrscht, wenn die Zerstörungen eine prima Geschäftsbedingung abgeben; aber auch nicht lange, weil niedrigere Profitabilität, auch wenn sie über eine gewisse Zeit infolge eines allgemein hohen Preisniveaus nicht hervortritt, sich sehr schnell entlarvt, sobald einmal die Normalität des Abjagens von "Marktanteilen" losgeht.

Es gibt die seltsame Vorstellung, die Kapitalisten dürften doch dann nicht weiterproduzieren, wenn eh schon "zuviel" vorhanden ist. Aber erstens: Wer sagt ihnen denn, wann dieser Punkt erreicht ist? - und zweitens: Selbst wenn sie es wüßten, sollte sie dann ein allgemeines Übereinkommen zur Brachlegung ihres Kapitals schließen, sich also selbst und ganz freiwillig Verluste zufügen: Verluste schon, sagt ein jeder Kapitalist, aber bei den anderen, und hält sich an die Devise: Der Markt ist das, was ich daraus mache.

Einen "Nachteil" scheint die Sache freilich zu haben: Ausweitung der Produktion und Senkung gehen einher mit Verschlechterung des Verhältnisses Überschuß : Kosten - immer größere Kapitalmassen schlagen sich in immer geringerem Gewinn pro Stück nieder. Die Lösung" steht aber schon fest und besteht in einem "Weiter so!": Wenn die Rate des Gewinns fällt, so ist dies durch Masse aufzufangen. Noch effizienter überfüllen, also für sich erobern, läßt sich der Markt gerade aufgrund der sinkenden Gewinnrate durch immer größere Anwendung von Kapital. Die Kapitalgröße ist das letzte und schlagendste Argument der Konkurrenz, weil sie die je höchste Produktivität und Konkurrenzfähigkeit anzeigt. Der erfolgreiche Kapitalist sucht seinen Erfolg also dadurch dauerhaft zu machen, daß er immer neues Kapital hinzuerwirbt - sei es durch Verschmelzung mit dem Konkurrenten, sei es durch Aufkauf und Einverleibung. Daß durch eben diesen Umgang mit dem Markt immer wieder Krisen ausbrechen müssen, ist dagegen überhaupt kein Argument; umgekehrt: Die Krise übersteht der am besten, der das größte Kapital aufzuweisen hat!

...und sein Überwacher

Der Staat weiß über die Vor- und Nachteile jeder Zentralisation genau Bescheid. Er befürchtet an ihr eine bedenkliche Wirkung auf den Gesamtzusammenhang seiner Wirtschaft, insbesondere wenn sie vom Ausland angezettelt wird. Er fragt sich nämlich im Namen des "Freien Wettbewerbs", ob nicht die Eliminierung so mancher Kapitalisten aus dem Wirtschaftsleben seinem nationalen Interesse an einer vollumfänglich und flott in allen Abteilungen prosperierenden Wirtschaft widerspricht.

"Konkurrenz belebt das Geschäft" ist zwar bestenfalls eine Tautologie, aber an der Umkehrung hält der Staat immerhin das für beachtenswert, daß "Monopolisierung" betroffene Geschäftszweige "austrocknen" und einige kapitalistische Leistungen abwürgen könnte. Da Zentralisation andererseits gerade ein Beweis für die Lebendigkeit des Geschäfts und seinen Erfolg ist, also auch und erst recht genau dem Ziel dienlich ist, welches die Konkurrenzgesetzgebung - Kartellgesetz/Antitrust-law - verfolgt, wimmeln diese Gesetze nur so von Ausnahmen, matten Bußgeldandrohungen und vorsorglich eingebauten verfahrenstechnischen Selbstbeschränkungen. Im Resultat behindert der Staat keine einzige Fusion - allerhöchstens werden sie auf "unsittliche Geschäftspraktiken" hin abgeklopft -, er will aber über sämtliche Tendenzen auf dem Laufenden sein. Nicht zuletzt deswegen, um sie in Gestalt des Wirtschaftsministers zu befördern, was immer dann angesagt ist, wenn Durchsetzung des eigenen Kapitals auf dem Weltmarkt eben so sich einstellt.

"Kartellrechtlich kommt es darauf an, ob das aufkaufende Unternehmen auch beim Konkurs des kranken Unternehmens dessen Marktanteile, Kunden usw. an sich bringen würde. Dies ist in der Praxis oft der Fall. In derartigen Fällen entspricht es den gesetzlichen Vorschriften, den Aufkauf, d.h. die konkursfreie Abwicklung hinzunehmen."

Die anderen "Fälle" genießen ebenso wohlwollende Begutachtung -

"Etwa 90 Prozent der eingeleiteten Verfahren bleiben schon im Amt 'hängen', weil die Unterlagen für eine Bestrafung nicht ausreichen" -,

so daß die Monopolkommission schließlich feststellen kann:

"Die von der Monopolkommission festgestellte Entwicklung der Größenverhältnisse in- und ausländischer Unternehmen belegt, daß die deutschen Großunternehmen in den letzten Jahren im Verhältnis zu ausländischen Konkurrenten deutlich gewachsen sind. Insgesamt gesehen hat sich die Fusionskontrolle - auch bei Zusammenschlüssen mit Auslandsbezug - nicht als Hemmnis für unternehmerische Expansionsbestrebungen erwiesen."

Bigger yes, but better? (Time)

"Das Übernahme-Spiel, wie es gegen wärtig duurchgezogen wird, hat wirklich etwas von einem Wettrüsten an sich. " (F. Rohatyn, Lazard Freres)

Auch wenn man die Klage über das arme Amerika, das sich in aller Welt verteidigen muß -

"Wenn man auf dem internationalen Markt konkurriert, dann ist - so glaube ich - Größe ein sehr wichtiger Faktor, da einige der europäischen und asiatischen Konglomerate sehr, sehr groß sind. Verschmelzungen, die, wie Sie wissen, vor einigen Jahren niemals erlaubt worden wären, werden nun erlaubt; der Regierung ist bewußt geworden, daß man gegen die ausländischen Goliaths nicht bestehen kann, wenn man so ein scharfes Kartellgesetz hat, das niemand erlaubt, durch Zukauf zu wachsen." (F.Shumway, Signal Inc.) -,

nicht glauben soll, so stimmt doch, daß sich die US-Rechtsprechung seit Amtsantritt Präsident Reagans geändert hat - das Kartellgesetz wird praktisch nicht mehr angewendet. Das ist für die Kapitalisten ein besonderer Grund zur Freude, die die Überwachung der "Monopolbildung" in den USA schon immer für einen überflüssigen Umstand gehalten haben. Sie kam dem Auftrag gleich, Kapitalgröße vornehmlich im Ausland zu bilden durch Aufkauf und Bildung von Tochtergesellschaften. Das hat so gut geklappt, daß die "Reagonomics" neben anderen Förderungsmaßnahmen fürs Kapital (vgl. MSZ 11/85) nun meinen, die Zentralisation des Kapitals auch im eigenen Lande vorantreiben zu müssen, eben in der Gewißheit, daß dies der Weltmarktposition nur zugute kommen kann.

Auf diesen Startschuß haben die amerikanischen Kapitalisten nur gewartet - und ihre internationalen Kollegen auch gleich ganz schön in Zugzwang gebracht - und eine satte "Fusionswelle" in Gang gesetzt.

Bei den Beobachtern will sich hingegen keine ungebrochene Begeisterung einstellen. Die immer schon geläufige moralische Kritik - böses, anonymes Großkapital schlägt fleißigen, kleinen Gewerbsmann tot - kann jetzt nicht so recht florieren, da ja die oberste Instanz ihren Segen gegeben hat. Dafür wird umso heftiger die Frage "Kann das gutgehen?" gewälzt - es fallen ihnen nämlich einige "Entartungen" auf, die ihnen quasi als ungehorige Zutat vorkommen und die sie schließlich doch wieder zu Charakterstudien bewegen: ehrlicher Großkapitalist oder vermessener Glücksritter?

An erster Stelle steht die etwas naive Sorge über die gigantischen Summen, die da gehandelt werden. Kann es sich denn noch rentieren, wenn soviel Geld ausgegeben wird; sind da nicht unökonomische Gründe am Wirke ähnlich irrational, wie bei einem "Wettrüsten", wo angeblich der eine immer nur rüstet, weil der andere usw.?

"Ehrgeiz und Machtstreben der Industrieführer sind auch nach Ansicht anderer Beobachter oft auslösender Faktor für Akquisitionsunterfangen, und das Kräftemessen individueller Persönlichkeiten scheint oft den Ausgang eines Übernahmekampfes zu entscheiden. Reich charakterisiert die Akquisitions- und Übernahmeaktivität in wohl kaum zu überbietender Bissigkeit als 'Paper enterpreneuralism', als im grossen und ganzen unproduktives Herumjonglieren und Umgruppieren von Vermögenswerten, das aus der Unfähigkeit resultierte, sich im verschärften internationalen Wettbewerb zu behaupten. Manche Akademiker stimmen zumindest darin überein, daß das 'asset play' die Aufmerksamkeit des Managements überbeanspruche und von der wirklichen Aufgabe, nämlich zu produzieren, ablenke." (Neue Züricher Zeitung, 20.11.)

Die auf ihre Unfähigkeit angesprochenen Kapitalisten haben eine simple Antwort: Es lohnt sich. Eine hohe durchschnittliche Kapitalgröße ist kein Argument fürs Aufhören, sondern im Gegenteil Ansporn, beim Fusionieren noch eins draufzugeben. Die Erringung weiterer Kosten- und Produktivitätsvorteile verlangt - die Umwälzung immer größerer Kapitalmassen:

"Der Slogan, wonach kaufen billiger ist als selbst aufbauen, trifft in besonderem Maße für die Milliardenfusionen in der Erdölindustrie zu. Eines von vielen Beispielen ist die 10,2-Mia.-Dollar-Übernahme der Getty Oil durch Texaco: Obwohl im Laufe eines zähen Übernahmekampfes der Aktienpreis von 80 Dollar auf 125 Dollar emporgetrieben wurde, bezahlte Texaco letztlich für Gettys Erdölreserven nur 4 Dollar pro Faß oder rund viermal weniger, als die eigene Exploration gekostet hätte. Mit dem gleichen Argument werden gegenwärtig etablierte Großkonzerne des Konsumgütersektors mit gut eingeführten Markenartikeln und starken Marktanteilen am Laufmeter aufgeschnappt; die hohen Alternativkosten für die Lancierung eigener Produkte scheinen dabei die großzügigen Übernahmeofferten zu rechtfertigen." (NZZ, 17.11.)

Solche Fusionen fallen noch ganz ins Altväterliche: Ein erfolgreiches Kapital bemächtigt sich eines Konkurrenten oder erweitert sich in einen anderen Geschäftszweig. Letzteres wird als "Diversifikation" gehandelt, ist aber auch nichts anderes als eine Variation des Arguments "Größe" - schließlich ist es einem Kapitalisten schnurzpiepegal, wo und womit er seinen Schnitt macht. In dieser Abteilung sind nur zwei Besonderheiten zu vermelden, nämlich in Bezug auf die bevorzugten Sphären der Zentralisation: Rüstung und Konsumgüter/Nahrungsmittelindustrie. Was die Rüstung angeht, haben die Kapitalisten halt einfach gemerkt, daß hier von Staats wegen ein dauerhaftes Bombengeschäft zu machen geht; jeder namhafte Konzern bemüht sich, ein Bein ins "High-Tech" zu kriegen, sofern er nicht schon längst drin ist. Die Zentralisation in der Versorgungsabteilung fürs Proletariat ist ebenfalls eine Reaktion auf staatliche Maßnahmen - der Verarmung. Wie auch hier ganz klassische Überlegungen in Anschlag kommen - dafür ein Beispiel:

Im Oktober kaufte Philip Morris ('Marlboro') den Nahrungsmittelkonzem General Foods, Kaufpreis 5,7 Milliarden Dollar. Der erwartete Umsatz des neuen Konzerns beläuft sich auf 13 Milliarden Dollar. Der amerikanische Zigarettenkonsum war zu dem Zeitpunkt zum ersten Mal überhaupt zurückgegangen. Die aufgekaufte Firma war im Vergleich zu ihren Konkurrenten eher mäßig erfolgreich, nämlich mit einem Umsatzwachstum von 4% im Vergleich zu 10-12% bei den anderen. Als Strategie wird angegeben: Verkauf einiger niedrigprofitabler Teile von General Foods, Durchrationalisierung der verbliebenen Teile.

Der tatsächliche Stachel der Besorgnis sind die lustigen Begleiterscheinungen, die die "Vorhersagen" des alten Marx so richtig schön auf die Spitze treiben:

"Diese Expropriation stellt sich aber innerhalb des kapitalistischen Systems selbst in gegensätzlicher Gestalt dar, als Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums durch wenige; und der Kredit gibt diesen wenigen immer mehr den Charakter reiner Glücksritter. Da das Eigentum hier in der Form der Aktie existiert, wird seine Bewegung und Übertragung reines Börsenspiel, wo die kleinen Fische von den Haifischen und die Schafe von den Börsenwölfen verschlungen werden." (Das Kapital, Bd.3, MEW 25, S. 456)

Von der Politik mit einem Persilschein versehen und unter geschickter Handhabe der Kreditmassen, die sich in den Banken aufgehäuft haben, macht sich ein neuentstandener Beruf - der bezeichnenderweise gleich drei Bezeichnungen trägt, nämlich Übernahmekünstler (take-over artist), Plünderer (raider) und freundlicher Erpresser ("greenmailer" - in Anlehnung an "blackmailer", aber mit grünen Dollars) - daran, die Zentralisation richtiggehend zur Methode, zum Zweck jenseits der gewöhnlich damit verknüpften kapitalistischen Vorhaben zu machen. Das Marx'sche Diktum über die Aktie

"In dem Aktienwesen existiert schon Gegensatz gegen die alte Form, worin gesellschaftliches Produktionsmittel als individuelles Eigentum erscheint; aber die Verwandlung in die Form der Aktie bleibt selbst noch befangen in den kapitalistischen Schranken; statt daher den Gegensatz zwischen dem Charakters des Reichtams als gesellschattlicher und als Privatreichtum zu überwinden, bildet sie ihn nur in neuer Gestalt aus." (a.a.O.) -

gestalten sie schöpferisch aus: Aus dieser Form des vergesellschafteten Eigentums (vgl. Kasten: Die Aktie) lassen sich doch ein paar flotte neue Geschäfte machen...

Techniken unternehmerischer Verantwortung und Risikobereitschaft

So ein Übernahmekünstler beginnt zumeist mit einer "sneak-attack", d.h. er kauft heimlich einen Schwung Aktien der anvisierten Firma. Die sind - warum, wird sich gleich zeigen - in der Regel "unterbewertet", er kriegt sie also billig. Die "Zielfirma" steht im Normalfall weder zur Übernahme an, noch ist sie marode - weswegen sie umso überraschter ist, wenn der Künstler seine Attacke startet, die sie darum eine "feindselige Attacke" ("hostile attack") nennt. Die Attacke besteht darin, den Aktionären über den Kopf der Firmenleitung hinweg ein Angebot zu machen, sprich: ihnen einen schönen Kursgewinn auf ihre Aktien zu versprechen, wenn sie verkaufen. Die Sache kann nun in drei Richtungen ausgehen:

- Der Angreifer übersteht eine eventuelle "Pac-Man-Defense" - die angegriffene Firma dreht den Spieß um und bietet auf seine Aktien - und erwirbt ein Aktienpaket, das ihm bestimmenden Einfluß sichert. Er muß jetzt den Kaufpreis aufbringen. Dafür empfiehlt sich ein "Leveraged Buyout" (LBO):

"Aufkauf der Publikumsaktionäre durch eine kleine Investorengruppe (in der Regel unter Beteiligung oder auf Initiative von Konzernleitungsmitgliedem) mit mehrheitlich geborgten Mitteln und ohne nennenswerten Eigenkapitaleinsatz. Die Aktiven der zu akquirierenden Gesellschaft dienen als Sicherheit für die Kredite und werden oft teilweise liquidiert, um den Schuldenberg abzutragen."

Diesen Kredit auf den zu erwerbenden Kredit (Aktien) geben Banken nicht ungern her -

"LBO eröffnen oft die Aussicht auf lukrative Gewinne, sei es durch die spätere Liquidierung des Unternehmens oder durch eine Aktienemission nach erfolgreicher Reorganisation des Geschäfts. ... Was die Warnrufe hinsichtlich der hohen Schuldenaufnahme betrifft, so zeigen sich weder Banken noch institutionelle Anleger besorgt. Im Gegenteil, LBO und andere Akquisitionsvorhaben werden bereitwillig finanziert; für Banken sind diese lukrativen Ausleihungen um so willkommener, als sie die Einbußen im Energie- und Landwirtschaftssektor und in der internationalen Kreditvergabe wettmachen können." -,

weil sie vom Resultat ja die gleichbleibend gute Meinung haben, daß ein größerer Konzern allemal besser ist als ein kleinerer, ein Kredit also gut angelegt ist. Deswegen wimmelt es auch nur so von Verrätern: Nicht selten schlagen sich Mitglieder der Konzernleitung oder die Hausbank auf die Seite des Angreifers.

- Der bedrängten Firma eilt ein edler Ritter ("white knight") zur Hilfe -

"Eine Gesellschaft, die hilfebringend herbeigaloppiert. Der Ritter rettet die bedrohte Firma, indem er sich bereit erklärt, sie zu günstigeren Bedingungen zu erwerben, als sie der Verfolger anbietet. Die verbesserten Bedingungen können einen höheren Kaufpreis für das Aktienkapital beinhalten und Zusicherungen für das Führungspersonal der übernommenen Firma, so daß dieses nicht in die goldenen Fallschirme gehen muß..." -,

nutzt also die "hostile attack" schamlos aus, so daß alle wieder lachen können.

- Wenn, drittens, die ganze Attacke einfach bloß so scheitert, dann freuen sich nicht nur die Aktionäre - wie in den beiden vorhergehenden Fällen übrigens auch -, sondern insbesondere auch der "raider" ist fein heraus: Ein schöner "windfall-profit" bleibt eigentlich immer zurück, weil während der ganzen Manöver die Aktienkurse rasant steigen.

"Icahn (ein berühmter 'raider') wurde nicht das erste Mal zurückgeschlagen. Er lancierte einen erfolglosen Angriff auf Phillips Petroleum vor zwei Monaten und wurde auch in der Vergangenheit schon einigemal abgewehrt, nämlich von Marshall Field, Dan River und Saxon Industries. Aber nach jedem dieser Abenteuer verließ Icahn das Schlachtfeld mit einem hübschen Sümmchen in der Tasche."

Die "hübschen Sümmchen" belaufen sich durchschnittlich auf 50-150 Millionen Dollar...

Der Übernahmekünstler hat natürlich ein paar hieb- und stichfeste volkswirtschaftliche Argumente auf seiner Seite:

Die Aktionäre kriegen ihre "unterbewerteten" Aktien endlich auf den gerechten Wert gehoben; darum freuen sich diese auch immer sehr, wenn's losgeht.

Der "raider" sorgt für frischen Wind im Geschäft; und tatsächlich, auch wenn es gar nicht sein Anliegen zu sein braucht, treibt er die Zentralisation voran:

"Pickens (Mesa-Oil) empfindet Verachtung für die, wie er sagt, eingewurzelten Manager des Big Oil. Er betrachtet sie als hochbezahlte Angestellte, die sich mehr um die Sicherheit ihrer Jobs kümmern als um die Verbesserung der Kurswerte für die Aktionäre... 'Es macht mich rasend', sagt er, 'wenn ich sehe, wie sie ihr eigenes Geld in Staatspapieren anlegen, statt es in die Gesellschaft zu stecken, um deren Wert zu erhöhen'."

Der Pickensche Angriff auf die Saftsäcke von Big Oil hat ohne jeden Zweifel entscheidend zu der Fusionierungswelle auf dem amerikanischen Ölmarkt beigetragen - und ihn von einem 2,2%-Aktionär seiner eigenen Gesellschaft zu einem Heros der Börse gemacht.

3. Der Staat schneidet auch nicht schlecht ab:

"Auf einem Dinner bekam Pickens eine Kristallnachbildung des Stadtsymbols von New Yorks Bürgermeister Ed Koch überreicht, einen Apfel. Die Ehrung erfolgte in Dankbarkeit für die 50 Millionen Dollar, die infolge des Übernahmekampfes um Gulf Oil in Form von gesetzlichen Gebühren und Zahlungen für andere Dienstleistungen in den Stadtsäckel flossen."

Wenn Leute wie Icahn und Pickens es zu Methodikern der Zentralisation gebracht haben, so finden sich im "Börsenspiel" gleich welche, die da noch eins draufgeben: Die "risk arbitragers", wörtlich: Zinsvergleichsspekulanten:

"Wenn der Übernahmekünstler die Rolle des Hais im Meer der Gesellschaften spielt, so ist der risk arbitrager der Pilotfisch, der mit dem Hai schwimmt und die Krumen aufnibbelt. Auch wenn es sich dabei um Millionen-Dollar-Krumen handelt... Wenn die sogenannten 'arbs' einen 'raider' umherschleichen sehen, kaufen sie Aktienpakete der Zielfirma, solange die Kurse noch niedrig stehen. Sie wetten darauf, daß der Handel zustandekommt und sie ihr Paket dann zu höherem Preis verkaufen können... Ivan Boesky: ,Das ist nicht so'ne Art spielerische Übung, sondern sehr ernsthaftes business'... -

Kritiker der arbitragers behaupten, diese würden bloß Geld für sich selbst machen und nichts Wertvolles für die Wirtschaft beitragen."

Damit kein Mißverständnis aufkommt: Häßlichkeiten und Betrug sind auch in diesem Geschäft nur erlaubt, solange sie nicht aufkommen. Auch hier wacht der Staat noch streng über die Einhaltung des "fair play":

"Texaco zu 10 Milliarden Dollar Schadenersatz verurteilt.

Im Januar 1984 hatte sich die in Texas beheimatete Erdölgesellschaft Pennzoil Co. um die Übernahme der durch die Familie gleichen Namens kontrollierten Getty Oil Co. bemüht. Pennzoil offerierte 5,3 Mia. Dollar für 43% des Aktienkapitals und damit für den entscheidenen Einfluß in der Geschäftsleitung. Nach einer dem Vernehmen nach tumultösen Marathonsitzung stimmten die Verantwortlichen der Getty Oil dem Vorschlag zu, ohne ihn allerdings abschließend zu bewilligen; daraufhin und nachdem man sich gegenseitig mit Champagner zugeprostet hatte, veröffentlichte Getty eine entsprechendes Communique. Die Texaco ihrerseits bot der Familie Getty in der Folge 125 Dollar je Aktie bzw. rund 10 Mia. Dollar für das ganze Paket, auf welche Offerte diese denn auch sofort einstieg. Dies wiederum veranlaßte Pennzoil zur Einreichung einer 14-Mia.-Dollar-Klage gegen Texaco mit der Begründung, die drittgrößte Erdölgesellschaft der USA hätte Getty zum Wortbruch einer bindenden Abmachung veranlaßt. Die Jury in Houston hat nun mit ihrem Schiedsspruch diese Version unterstützt."

Und die Moral von der Geschicht!

Der "Gegensatz von gesellschaftlichem Produktionsmittel und individuellem Eigentum" macht trotz Marx munter voran und sich kaum als Gegensatz bemerkbar. Gegen die tiefe Einsicht die Großen würden immerzu die Kleinen auffressen, und das wäre am Kapitalismus bedenklich, ist, logisch gesehen, einzuwenden, daß es andersherum nicht geht, weil dazu die Kleinen erst einmal wachsen müßten. In den unsterblichen Worten des jungen P. Alexander:

"Die süßesten Früchte fressen nur

die großen Tiere,

weil diese Tiere groß sind,

und weil die Bäume hoch sind.

Die süßesten Früchte schmecken

dir und mir genauso.

Doch weil wir beide klein sind,

erreichen wir sie nie!"

Die Aktie

Eine Aktiengesellschaft ist selbst schon Ergebnis eines Zentralisationsprozesses. Um die geschäftsfähige Größe eines Kapitals herzustellen, erhalten noch die niedlichsten Geldsummen die Gelegenheit, Kapital zu werden. Großbanken, kleine Leute und Unternehmer, die aus ihrer Fabrik nichts mehr machen konnten, halten Anteilscheine an einer mit ihrem Geld gebildeten Gesellschaft, deren Betriebsführung aber nur noch formell, in den Mitgliederversammlungen, an ihren Willen gebunden ist. Die Hingabe des Kapitals an die Gesellschaft ist einerseits unwiderruflich, da die Gesellschaft es nicht mehr herausrückt. Andererseits ist die ökonomische Aktivität des Verleihers damit nicht beendet: An der Börse findet ein schwunghafter Handel mit den Anrechtscheinen auf den Gewinn statt, was wiederum völlig neue Gewinne produziert in Form der Kursbewegungen. Das Aktienkapital existiert also doppelt - als das, was im Betrieb steckt, und als fiktives Kapital, das einen Anspruch auf Reichtumsvermehrung begründet. Der an die Gesellschaft gegebene Kredit hat eine eigenständige Existenz, die wiederum Grundlage für vielerlei Sorten Kredit ist, da ja eine Aktie als Vermögenswert gilt und so bestens für Kreditaufnahme taugt.

Internationale Solidarität der Arbeiterklasse - mit ihrem Kapital

Den wirklich Betroffenen der "Fusionswelle" fällt auf beiden Seiten des großen Teiches regelmäßig nichts besseres ein, als ihren "alten" Kapitalisten hochzuhalten. Die Formen des "Protestes", unter gewerkschaftlicher Anleitung, konnte man hierzulande während der letzten zwei Jahre ausführlich studieren: Sie spitzten sich sehr eintönig immer wieder auf den Sarg mit der Aufschrift des alten Firmennamens zu, der anklagend durch die Straßen geschleppt wurde, möglichst vor ein Ministerium, wo dann ein Minister versprach, sich für den Erhalt des Werkes einzusetzen oder auch nicht. In den USA ist weniger der Staat die Appellationsinstanz, aber um eine höhere Gerechtigkeit soll es auch hier gehen. Ein T. Boone Pickens attackiert Phillips-Oil, und die amerikanischen Arbeiter werden mit typisch amerikanischer Originalität aktiv:

"Die ansässigen Kirchen veranstalteten Gebetswachen rund um die Uhr, um Pickens zurückzuschlagen. Überall tauchten BOONE BUSTERS T-Shirts auf (in Anlehnung an die 'Ghostbusters'). Bei einer Versammlung dachten sich die Leute einen Anti-Pickens Song aus: 'There's gonna be a meeting at the old town hall tonight / And if they try to stop us, there's gonna be a fight / We're gonna get our company out of this awful fix / 'Cause we don't want to change our name to Pickens 66'." (Time, 4,3.)

Mit ihren deutschen Kollegen haben sie eine Form des "Kampfes" gemeinsam, die aus der "schrecklichen Klemme" herausführen soll, nämlich dem "eigenen" Kapitalisten den eigenen Lohn als Manövriermasse anzubieten...

Nie fehlen darf natürlich der witzige Vorwurf der Profitgier - eine äußerst unkritische Art, sich über die Wirkungen der kapitalistischen Konkurrenz durch eine säuberliche Zerlegung des Kapitalisten in einen unauffälligen Funktionär eines wohltätigen Mechanismus (vorher! ) und seine raffgierig danebenstehende Menschennatur (nachher!) zu beruhigen.