GEWALT MIT GESCHÄFT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1983 erschienen.
Systematik: 

Rüstungsexporte trotz "Unterwentwicklung?"
GEWALT MIT GESCHÄFT

"Die indisohe Regierungschefin Indira Gandhi wußte es ganz genau. 'Der Hunger in der Welt', sagte sie, 'könnte (!) leicht abgeschafft werden, wenn alles Geld für das weltweite Wettrüsten zum Kauf von Nahrungsmitteln aufgewendet werden würde (!).' Sprach's, setzte sich ins Flugzeug nach Paris und verhandelte über den Kauf von 150 Kampfjets für die heimische Luftwaffe. Daß Länder der Dritten Welt Entwicklungshilfe in Kriegsmaterial ummünzen, ist keine Seltenheit." (Stern)

"Man könnte meinen, die Regierungen seien nicht bei Sinnen." (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Das beliebte Gezeter über die Heuchelei südländischer Herrschaften in Sachen Waffenimport hat ebenso wie der anklagende Hinweis auf die individuelle Verrücktheit oder das "Prestigedenken" der betreffenden "Machteliten" einen kleinen Haken: Es wird dabei vornehm darüber hinweggesehen, warum Drittweltherrschaften in schöner Regelmäßigkeit ein Bedürfnis nach Gewaltmitteln entwickeln, was die Staaten unserer Ersten Welt mit diesem Bedürfnis zu tun haben und warum sie es für flotte Geschäfte benützen. Kein Wunder bei Journalisten, die eine Nachrüstung nach der andern und ein Sparprogramm am Volk nach dem andern als die angemessene Politik besprechen - für die eigenen, die richtigen Staaten.

"Zu wenig Entwicklung, weil zu viele Waffenkäufe": Egal, ob es sich bei diesem Vorwurf um die berechnende Heuchelei eines hiesigen Staatsmannes handelt, der sich gerade eben zwecks "Arbeitsplatzsicherung" für die "Auslastung unserer Rüstungsproduktionskapazitäten durch vermehrte Exportanstrengungen" stark gemacht hat; egal, ob der Idealismus, diese Staaten wären eigentlich für ihre "Entwicklung" und nicht für Gewaltfragen zuständig, in anderen Fällen ehrlich geineint ist, - verräterisch ist dieser Vorwurf allemal: In dieser "Kritik" taucht ein "Zuviel" an Waffenausstattung ja von vßrnherein absolut als Kosten auf, und das schließt allemal zumindest die Gleichgültigkeit gegen den Zweck der Waffen ein. Daß es sich um Waffen handelt, liefert dann nur den Beleg für den verschwenderischen, unnötigen Charakter dieser Kosten, was, zusammengenommen mit den bekannten Fakten des westlichen Rüstungsexports, eine der ideologisch eminent fruchtbaren "Paradoxien" des bürgerlichen Urteils über die "Dritte Welt" ergibt.

Waffenexgorte in die "Dritte Welt": Die Konkurrenz um ein anerkanntes Bedürfnis

Der Kostenstandpunkt existiert schon, aber ganz anders, und die Wahrheit darüber findet sich in jeder Zeitung - wenn es sich um die Konkurrenz der imperialistischen Staaten im Waffengeschäft handelt:

"Wenn sich die Rüstungsindustrie auf den französischen Markt beschränken würde, hätte die französische Armee nicht so eine moderne Ausrüstung." (Mitterrand, anklagend zitiert vom Stern)

Fürwahr eine kaltschnäuzige Kalkulation, die sich die Konkurrenten im Ausland erlauben! "Wir" hingegen leben in einem Staat, der sich dasselbe mit einem guten Gewissen erlauben darf, weil es der öffentlichen Problematisierung für wert befunden wird:

"(Dies ist) ganz anders in der Bundesrepublik, wo ebenfalls 300.000 Menschen in der wehrtechnischen Industrie beschäftigt sind." Weil ja hierzulande "in den Regierungsparteien öffentlich über die Moral beim Waffenexport debattiert wird." (Stern)

Inzwischen sieht diese Sorge um die moralische Bonität "unserer" Waffenexporte in die Dritte Welt aber schon alt aus; denn besagte "Moral" hat auch hierzulande und nicht erst seit dem Regierungswechsel einen ziemlich unverblümt nationalistischen Inhalt namens "unsere Interessen":

"Versuche des (SPD-Linken Norbert) Gansel, bei der Schlußberatung (bzgl. der Rüstungsexportrichtlinien) noch Änderungsanträge anzubringen, scheiterten daran, daß ihm die Fraktionsführung das Wort nicht erteilte. Wie es hieß, hatte sie die Wortmeldungen nicht bemerkt. Mehrere Abgeordnete vertraten jedoch die Ansicht, die Fraktionsführung habe Gansel bewußt nicht zur Kenntnis genommen." (Süddeutsche Zeitung, zu Zeiten der SPD-Regierung)

"Die Regierung müsse - politischen Handlungsspielraum (!) erhalten, um von Fall zu Fall über Waffenwünsche anderer Länder entscheiden zu können. (CDU-) Marx wies auf die Arbeitsplätze speziell bei den Werften hin." (Süddeutsche Zeitung heute)

Strauß markiert einen Fortschritt, wenn er mit der ihm eigenen nationalistischen Offenheit vom Weltordnungs- und Geschäftsstandpunkt aus den Schein der Bedenklichkeit angreift, mit dem die inzwischen abgelöste Regierungspartei die Rüstungsexportrichtlinien umgab (und als Opposition zweifellos neu präsentieren wird, in gelungener Weise "Kontinuität und Perspektive" verbindend); er bezeichnete es als "Anachronismus", daß die BRD "den Rüstungsexport strengeren Bedingungen als Frankreich unterwirft."

Wenn die "Dritte Welt" überhaupt ein - "Absatzmarkt" ist, dann eben auch und vor allem für Waffen; und werin dem schon so ist, dann selbstverständlich am besten für "unsere" Waffen - so sieht das der bundesdeutsche Staat im Zeichen der "Wirtschaftskrise", die eine neue nationale Sichtweise bisheriger Exporterfolge der NATO-Freunde ergibt: "Euer Waffenabsatz" = "uns vorenthaltener Markt in der Dritten Welt" = Ärgernis!

Dieses krisenspezifische staatliche Anliegen, den konkurrierenden NATO-Freunden ihre Märkte streitig zu machen, bedeutet auf der anderen Seite nicht, daß sich der Staat überhaupt erst heute zum Anwalt des Exportgeschäfts mit Waffen macht. Denn wenn fremde Souveräne an den Qualitätsschlagern deutscher Rüstung Interesse zeigen, realisieren sie nicht nur den Profit des Rüstungskapitals und verhelfen so dem Staat zu Einnahmen aus fremden Taschen, sie reduzieren durch vergrößerte Stückzahlen auch die Kosten für die Produktion der Gewaltmittel im eigenen Land, die für den Staat faux frais (= unproduktive Kosten) darstellen. Das heißt, der fremde Staat finanziert durch seine faux frais die Entwicklung hiesiger Rüstung mit, was die Größe staatlicher Verschuldung erfreulich vermindert, die für diesen als unverzichtbar geltenden Zweck in die Welt gesetzt wird.

Neu ist also lediglich das offizielle Dementi der alten Sprüche von "Zurückhaltung" auf diesem moralisch so prekären Geschäftssektor. Diese "Zurückhaltung" wurde von der SPD-Herrschaft immerhin so erfolgreich gehandhabt, daß sie die BRD auf den 5. Platz der größten Rüstungsexporteure in die 3. Welt hinaufkatapultierte (von der ersten nicht zu reden, die ja sowieso nicht unter Waffenexport "bedenken" fällt). Und dies ganz ohne erst durch die "Rüstungslobby" bestochen worden sein zu müssen!

Zum Thema "paradoxe Aufrüstung der "Dritten Welt" läßt sich aus alledem eines sicher entnehmen: Wenn die staatlichen Subjekte des entsprechenden Exports hier eine Geschäftskonkurrenz abwickeln, verfügen sie offenbar über die Sicherheit, daß an dieser Aufrüstung überhaupt nichts "paradox" ist. In den Osten wird schließlich trotz vorhandener Geschäftsmöglichkeiten ganz sicher nicht geliefert, sondern dahin, wo offenbar unsere Waffen völlig zu Recht hingehören, wo also ein "uns"' genehmer Gebrauch dieser Waffen sichergestellt ist!

Dasselbe in offizieller Redeweise, die staatliche Neufestsetzung der "Waffenexportbeschränkung" betreffend:

"Danach sollen Kriegswaffenexporte in Länder, die der NATO nicht angehören oder NATO-Ländern nicht gleichgestellt (!) sind, nur ausnahmsweise möglich sein, 'wenn nach begründeter Auffassung der Bundesregierung im Einzelfall vitale außen- und sicherheitspolitische Interessen der Bundesrepublik unter Berücksichtigung der Bündnisinteressen dies erfordern und die innere Lage in dem betroffenen Land dem nicht entgegensteht.'"

Die Ausnahme beträgt "52 Entwicklungsländer". (Generalanzeiger 6.3.82)

Herrschaft in der "Dritten Welt": Imperialistisch produzierte Gewalt...

Das Bild von den Unschuldslämmern, als die unsere Politiker sich aufführen, wann immer Probleme der Dritten Welt verhandelt werden, stimmt eben überhaupt nicht. Die Attitüde; sich ganz neutral Sorgen um die in südlichen Breiten immer zu locker gehandhabten "Menschenrechte" zu machen, - selbst schon ein selbstgefälliges Zeugnis der imperialistischen Sicherheit, über die ganze Welt zu verfügen -, begleitet Entscheidungen der USA, BRD und anderer westlicher Länder, in denen die Mittel festgelegt werden, mit denen sich die Gewalthaber dort unten so aufführen können. Die souveränen schwarzen und braunen Politiker bekommen so viele Waffen, wie "wir" es für notwendig erachten - und dafür können es nie zu viele sein. Die Gewissensbisse, die bundesdeutsche Regierungen quälen sollen, wenn sie um militärische "Hilfe" angegangen werden, kürzen sich immer auf das stolze Bekenntnis zusammen: Was effektive Gewaltanwendung angeht, sind wir das anerkannte Vorbild der "Dritten Welt:"

"Der weltweite Ruf des Bundeskriminalamts als modernstes Dienstleistungszentrum (!) der Polizei und nicht zuletzt die abenteuerliche Befreiung der Geiseln von Mogadishu durch die Spezialeinheit GSG 9 haben Anfragen und Wünsche aus immer mehr Staaten begünstigt und dadurch die Bonner Politiker oft vor schwierige Entscheidungen gestellt ... Diese Verschwiegenheit (!?) hat gute Gründe: Denn bei den Empfängerländern handelt es sich nicht nur um sensible demokratische Staatswesen. Den Bonner Lieferanten ist deshalb das Risiko (!) durchaus bewußt, daß ihr Gerät im Bedarfsfall auch gegen politische Gegner eingesetzt werden könne." (Frankfurter Rundschau) (als gäbe es dort überhaupt einen anderen 'sinnvollen' Einsatz als diesen!)

Besonders "belastend" soll der Gedanke sein, daß ein Diktator, der neues Kriegsmaterial geliefert bekommt, sich damit an seinem Volk versündigen könnte:

"Der Gedanke, daß deutsche Waffen sich in den betroffenen Gebieten eines Tages auch gegen die dortige Bevölkerung richten könnten, gehört zu den Belastungen, mit denen ein Politiker leben muß." (Brück, Staatssekretär im Entwicklungsministerium der alten Regierung)

Eine Belastung, mit der sich leben läßt: der Bau und die Auslieferung von U-Booten für Chile ist "unbedenklich", denn "damit können keine Arbeiterstreiks niedergeschlagen werden".

Das stimmt freilich - dafür werden Panzer, Flugzeuge und U-Boote nicht gebraucht. Mit dem Hunger und Elend ihrer Völker werden die Politiker der "Dritten Welt" schon immer alleine fertig, auch ohne das zusätzliche Kriegsgerät, das ihnen der Westen so freigiebig liefert. Ihr Manko ist lediglich, daß ihre Herrschaft mangels produktiver, Benutzung ihres Volkes allein auf militärischer Gewalt beruht und die Konkurrenz um die Macht zwischen den Herrschaftsfiguren allein durch diese Gewalt entschieden wird.

Nur in diesen Kämpfen bekommen die Massen normalerweise überhaupt zu spüren, daß sie einer Herrschaft unterworfen sind - Leichen fallen reichlich an, ob eine "nationale Revolution" niedergeschlagen wird oder Erfolg hat. Im Verhältnis zu anderen Staaten in der eigenen Region besitzen die Staaten der "Dritten Welt" kein anderes Mittel als ihren militärischen Machtapparat, um sich selbst zu behaupten und ihre eigene Souveränität zu einem Drohmittel gegen andere Staaten, die ihnen in der gleichen Weise begegnen, auszugestalten. Zu anderen, "friedlichen" Formen der internationalen Erpressung fehlen ihnen alle Mittel: Was das Land überhaupt ökonomisch hergibt, zählt nur als Mittel für die imperialistischen Staaten, deren "Entwicklungsländer" sie sind. Als Staatsmänner ist den südlichen Politikern das harte Ideal: jeder Staat ist nur so weit nützlich für seine Gesellschaft, wie seine anerkannte Gewalt nach innen und außen reicht, ebenso selbstverständlich wie einem Reagan und ebenso selbstverständlich ist ihnen die eingesehene Notwendigkeit, dafür so viel Gewaltmittel in die Hand zu bekommen, wie nur immer möglich. Sie besitzen nur nicht die Freiheit, sich diesen Wunsch aus eigenen Stücken zu erfüllen. Ebenso wie auf allen anderen Gebieten wird ihnen auch auf dem militärischen demonstriert, daß sie nur als Material imperialistischer Interessen Gewalt haben. Die moralische Umsetzung dieses Standpunkts lautet hier: Weil sich Dritt-Welt-Staaten ihren militärischen Aufwand nicht leisten können, müssen sie verrückt und vom militärischen Prachtwahn befallen sein, wenn sie's dennoch tun. Schließlich weiß doch jeder: Poplige Grenzstreitigkeiten zwischen zwei afrikanischen Staaten sind mit dem Wiedervereinigungs"gebot" der BRD gar nicht vergleichbar! Und diese Sorte von bedenklichem Kopfschütteln macht nicht einmal ein Geheimnis daraus, daß die "gefährliche Überrüstung" der "Dritten Welt" nur hier beschlossen, genehmigt und ins Werk gesetzt wird.

...wird vom Imperialismus mit Mitteln ausgestattet.

Heute ist auch der letzte geheuchelte Schein eines Unterschieds der BRD etwa zu Frankreich entfallen, das in puncto Waffenbrüderschaft mit der "Dritten Welt" immer schon freizügigere Auffassungen hatte und damit bei seinen "Partnern" nichts als Begeisterung hervorruft:

"Das Material, das unserem Staat (von Frankreich) übergeben wurde, setzt sich zusammen aus: vier Schnellbooten und 34 "Samo"-Jeeps, die dazu bestimmt sind, die Schlagkraft unserer nationalen Gendarmerie sowohl bei der Überwachung der Küstengewässer und Grenzen als auch bei Aufgaben der inneren Sicherheit zu erhöhen... Er (der französische Botschafter) hat sich überzeugt gezeigt, daß die drei kommenden Jahre im Zeichen weiterer Hilfspläne stehen werden... Familienatmosphäre bei der Übergabezeremonie..." (Fraternite Matin, Elfenbeinküste, 10.2.83)

Waffen in der "Dritten Welt" - unsere NATO-Waffen

"Admital Gracey (Chef der US-Küstenwache auf Afrikarundreise) und andere hochrangige Offiziere erteilten uns den Rat, daß die Küstenwache der Vereinigten Staaten durch ihre relativ bescheidene Größe und durch die Vielfalt der ihr übertragenen Aufgaben ein Modell ist, von dem sich die Marine-Streitkräfte der an der Küste gelegenen kleineren Entwicklungsländer inspirieren lassen könnten." (Fraternite Matin, Elfenbeinküste, 18.2.83)

Wozu braucht eigentlich ein afrikanischer Küstenanlieger die modernsten amerikanischen Schnellboote? Sicher nicht bloß dazu, die 'Kähne' von Schwarzhändlern zu versenken, die aus der staatlicherseits erzeugten Güterknappheit ein Geschäft machen, das doch zu Recht nur der jeweiligen Herrschaft zusteht! Der US-Admiral meint mit seinem "Modell" den von der Weltmacht Nr. 1 erhobenen Anspruch noch an das hinterletzte afrikanische Land, das jede Küste auf der Welt (und nicht nur die Küste) unter Kontrolle bedingungslos zuverlässiger und modern ausgerüsteter Vasallen stehen muß, den Anspruch an jeden solchen Staat, daß seine Rüstung als strategischer Baustein einer weltumfassenden antisowjetischen (Vorkriegs-) Front tauglich und verfügbar zu sein habe.

Der "Frieden in Freiheit" auf der ganzen Welt verlangt also neue Dimensionen der Aufrüstung auch in der Dritten Welt und weist den Waffenempfängern dort explizit einen ausführenden Part in der hiesigen Außenpolitik zu: Eure Waffen sind Waffen für unsere Ziele. Das hörte sich unter dem früheren Entwicklungshilfeminister Offergeld noch so an:

"Der verschärfte Ost-West-Konflikt führt auch zu wachsender Rüstung in der Dritten Welt." (Vorwärts)

Wer "führt" hier eigentlich "zu"? Die Antwort geben Reagans neue Richtlinien für Waffenhandel:

"Sie befreien die Rüstungslobby von der Auflage, bei Anträgen auf Militärhilfe zunächst zu prüfen, ob das Empfängerland die Menschenrechte achtet, und erklären, daß 'Waffenverkäufe als positiver und zunehmend wichtiger Bestandteil unserer Haltung (!) zur globalen Sicherheit und als Schlüsselelement unserer Außenpolitik' betrachtet werden sollten." (Staatssekretär Buckley laut Spiegel, 13.9.82)

Die Zahlungsfähigkeit der Drittweltländer darf keine Schranke für politisch erwünschte Geschäfte der eigenen Rüstungsindustrie sein: Das amerikanische General Accounting Office befürchtet, "daß der Zahlungserlaß für frühere Waffenkäufe schon bald den Hauptteil der Militärhilfe ausmachen könnte",

was selbstverständlich nichts an dem Vorsatz ändert,

"die weltweite Militärhilfe stetig auszubauen". (Spiegel)

Man vergleiche die Reichweite dieses freiheitlichen Weltherrschaftsanspruchs, die mit jeder Waffenlieferung unterstellte Selbstverständlichkeit, daß der Fortschritt der westlichen Weltordnung ohne Krieg nicht zu haben ist, mit dem westlichen Geschrei über wirkliche oder auch nur erfundene Waffenlieferungen der SU an ein "Entwicklungsland"! "Waffen vom Feind = Sicherheitsrisiko für uns = eure Souveränität ist eigentlich ein Verstoß gegen das Selbstbestimmungsrecht eines Volkes = ihr braucht eine von uns ausgerüstete und angeführte Befreiungsbewegung": So geht die souverän aufgemachte Gleichung, deren Resultat derzeit nicht nur in Nicaragua und Angola Hunger und Leichen produziert.

Den "Entwicklungsländern" wurde zwar auch früher von Fall zu Fall konzediert, daß sie ganz eigenständig "kleine" - aber deswegen keineswegs weniger Opfer produzierende! - Kriege gegen mißliebige Nachbarstaaten (siehe Tansania - Uganda) oder einen jahrelangen Bürgerkrieg zwecks Entscheidung über die Macht im Staate (siehe Tschad) abwickeln "durften". Dies eben unter der Vorbedingung und so lange, wie keiner der Kontrahenten in Verdacht geriet, sich als Anwalt von "östlichem Einfluß" mißbrauchen zu lassen. Ohne solche "Gefahren" konnte man dann gleich beide Seiten mit Waffen beliefern und ein doppeltes Geschäft aus der Schlächterei machen! Heute wird diese Eigenständigkeit aber mit dem Verdacht belegt, sie könne zu Mißbrauch des gelieferten Geräts für eigensüchtige Nationalambitionen der Entwicklungsländer führen: Eine US-Studie belegt,

"daß Waffenlieferungen die Entwicklungsländer nicht etwa an die Kette legen, sondern ihnen neue militärische Möglichkeiten geben und die Fähigkeit der USA verringern, das Geschehen zu kontrollieren." (Spiegel, 13.9.82)

Was belegt diese "Befürchtung" anderes, als daß die USA "das Geschehen" zu kontrollieren haben und die Entwicklungsländer dafür gefälligst an die Kette gehören? Der Falkland-Krieg hat dann ja unter anderem der Klarstellung gedient, daß nicht einmal ein mit 'lokalen Aufgaben versehener NATO-Verbündeter sich das Recht nehmen darf, daraus Ansprüche gegen eine NATO-Obermacht abzuleiten. Neben den aufgeregten Debatten darüber, daß französische Raketen und Flugzeuge in argentinischer Hand britische Schiffe und Soldaten zerstören, war schnell entschieden, daß so verwandtes Kriegsmaterial- der konkurrierenden Rüstungsverkäufer gegen die Waffen der Ursprungsländer kein Recht und keine Chance hat.

Umgekehrt sehen solche Länder deswegen zumeist von vornherein heute die Chance zur nationalen Größe darin, sich als militärische Unter-Ordnungsmacht und westlicher Polizeigehilfe der jeweiligen Region ausrüsten und benützen zu lassen. So frohlockt Zia ul-Haq, der Pakistanerchef, in einem Interview mit "Time" (31.12.82):

"Wir sind Präsident Reagan sehr dankbar. Als wir das Angebot der F-18 Bomber erhielten, haben wir zugegriffen. Mit dieser Luftwaffe werden unsere Grenzen, die derzeit durch die sowjetische Präsenz in Afghanistan gefährdet sind, etwas sicherer. 40 Flugzeuge können natürlich nicht den Unterschied ausmachen. Aber die Anwesenheit einer überlegenen Luftwaffe gibt einem mindestens soviel moralische wie militärische Übermacht."

Es war schon immer eine treffliche Moral, einen großen Bruder zu haben, Afrikanische Staaten wie Kenia, Nigeria, Senegal und Zaire bemühen sich nach Kräften, dem Vorbild Südafrika (siehe MSZ, Nr. 2/83) nachzueifern und mit der freiheitlichen Parole, daß "Afrika den Afrikanern" gehören soll, ernst zu machen:

"Wir arbeiteten dann eng mit der OAU zusammen in Vorbereitung einer afrikanischen Friedenstruppe, die im Tschad die Ordnung aufrechterhalten sollte, wenn die Libyer abgezogen (!) waren, Eine afrikanische Friedenstruppe wurde daraufhin in Rekordzeit in den Tschad geschickt, bevor dort ernste Machtkämpfe ausbrechen konnten. Diese bemerkenswerte Leistung ist dem Vorsitzenden Arap Moi und den Staaten Nigeria, Zaire und Senegal, die die Truppen stellten, zu verdanken. Die USA erleichterten und unterstützten diese friedenssichernde Maßnahme." (Chester Crocker vor dem Senatsausschuß für auswärtige Angelegenheiten)

Überhaupt gibt es heute nichts Schöneres für eine Entwicklungsdiktatur, als wenn ihr durch die Gunst der geographischen Lage und sonstige Naturumstände die Ehre zuteil wird, zum Militärstützpunkt der Amis auserkoren zu werden: So kann ein J.R. Jayewardene einen Naturhafen als Trumpfkarte gegen Indien, die "Hegemonialmacht der Region", ausspielen. Die "Süddeutsche Zeitung" (7.4.83) berichtet unter dem Titel "Sri Lankas Neutralität könnte in Gefahr geraten. Präsident Jayewardene denkt daran, den Amerikanern den Hafen Princemalee als Stützpunkt zu überlassen":

"Dem (marktwirtschaftlichen) 'Aufbruch zu Fortschritt und Freiheit' entsprach auch in der Außenpolitik eine Orientiemng auf Positionen des Westens, bei dem sich J.R.s Sri Lanka zudem mit Krediten für seine ehrgeizigen Entwicklungsprojekte bedenkenlos verschuldete (Vgl. MSZ Nr. 2/83: Radikalisierte Ansprüche...) Jetzt kündigte J.R. an, der an der Ostküste Sri Lankas liegende Naturhafen solle schnell modernisiert werden, um wieder in den Rang 'eines der wichtigsten Schiffsladeplätze der Welt' aufsteigen zu können, wie er es schon 'zu Zeiten der Römer' gewesen sei."

Was kann einem Drittweltstaat, der rein im Militärapparat seine wesentliche Herrschaftsorganisation und sein Anerkennungsmittel nach außen hat, besseres passieren, als daß er eine Stützpunktrolle im weltweiten Freiheitsverteidigungssystem zugewiesen bekommt oder gar eine alle seine lokalen Ansprüche - und seine Mittel erst recht - übersteigende nationale Beteiligung an der Vorwärtsverteidigung einer Region.

Ganz jenseits seiner eigenen ökonomischen Bedeutung für den Westen wird er mit Panzern, Flugzeugen und Raketen ausgestattet - und gilt dadurch im Kreise seinesgleichen ganz automatisch mehr, auch wenn dieses Kriegsmaterial gar nicht mehr seiner freien Verfügung untersteht. So sortiert sich plötzlich die Drittwelt konsequent nach "Ost-West-Kriterien" und die Massen sind nicht mehr nur die Opfer des Geschäfts, sondern auch der Durchsetzung der Freiheit gegen Osten, für die sie nicht einmal gebraucht werden, von der sie kaum je etwas gehört haben. So zahlen sie den Preis der Freiheit.