GETRENNT MARSCHIEREN, VEREINT SCHLAGEN!

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1983 erschienen.

Die europäische Atomstreitmacht
GETRENNT MARSCHIEREN, VEREINT SCHLAGEN!

Großbritannien und Frankreich leisten sich eine für ihre Verhältnisse enorme atomare Rüstung - und doch handelt es sich dabei um Größen, die in den USA allenfalls Gegenstand des demokratischen Hin und Her zwischen Präsident und Kongreß würde. Noch der freezigste US-Abgeordnete würde bei einem solchen Budget um die "Sicherheit der USA" bangen.

Angesichts des Potentials der Supermächte machen neidische BRD-Kommentatoren sich lustig über die "Farce e frappe" und konstatieren hämisch, daß keine von beiden Mächten "erstschlagsfähig", (Frankfurter Rundschau) ist, (sie also in der Welt, auf die es ankommt, auch nicht mehr putzen als die eigene nationale Streitmacht, die gerade darum auch verstärkt gerüstet werden muß) - und das angesichts dessen, daß jede der beiden Mächte für sich zumindest "overkillfähig" ist, also bei sinnloser Verteilung des Sprengstoffs den Globus abräumen könnte.

Stärke für die NATO

Daran zeigt sich zweierlei: Erstens, welche Maßstäbe heutzutage im Bereich zwischenstaatlicher Gewalt ganz selbstverständlich sind, an denen gemessen solche Potentiale auf einmal nichts mehr gelten. Jede Nation tut so, als müßte sie selbständig gegen die Russen zuschlagen können wie die USA, konstatiert bei sich und bei den anderen, daß dazu außer den USA niemand fähig ist, und hat so schon wieder das beste Argument für allseitige Aufrüstung. Zweitens aber ist dem zu entnehmen, daß deren Streitmacht - ebenso wie die der BRD, die nicht als Atommacht gilt, weil die Bundeswehr ihre Atomsprengköpfe erst verfeuern darf, wenn die Amerikaner es befehlen - nur und gerade als Teil der militärischen Organisation des gesamten Westens ihre Schlagkraft besitzt.

Die Regierungen der beiden Staaten schlachten dieses Faktum in ihrer Agitation gegenüber den Russen wie gegenüber dem eigenen Volk aus. Gegenwärtig werden Abrüstungsvorschläge der Russen von ihnen mit dem Argument vom Tisch gefegt, die jeweils eigenen Raketen seien keine Bedrohung der SU, stünden deshalb auf keinen Fall zur Abrüstungsdebatte an. Daß man die UdSSR ganz selbständig abschrecken, also bedrohen möchte, ist das Argument, mit dem sie den Staatshaushalt, die nationale Ökonomie und das arbeitsame Volk strapazieren und ihre atomare Rüstung auch dadurch forcieren, daß sie bei der konventionellen Bewaffnung Mittel lockermachen, indem sie sie gründlich modernisieren. Die Wahrheit davon ist, daß die beiden europäischen Großmächte als Teilhaber der Weltmacht USA den letzten Erdenwinkel mit kontrollieren.

Zwar haben sie den Sieg gegen Hitler mit Schulden bel den USA und der Abtretung von Stützpunkten an diese bezahlt. Dafür waren sie 1945 mit einer verbündeten Militär- und Wirtschaftsmacht konfrontiert, deren imperialistische Angebote unablehnbar waren, wenn man an der Errichtung einer lückenlosen Weltherrschaft gegen die teidigung, also der diplomatische und militärische Einsatz der eigenen Gewaltmittel gegen andere Nationen, war aufgrund der Überlegenheit der USA nur noch im Rahmen der NATO möglich, also nicht gegen von den USA auserwählte Partner und nur gegen den gemeinsam beschlossenen Hauptfeind. Ideologisch liest sich das so:

"Nur die auf ein gewaltiges Industriepotential und den Besitz der Atomwaffe gegründete Macht Amerikas konnte das überwältigende Mißverhältnis der Kräfte ausgleichen.

Nach Kriegsende wurden sich die Vereinigten Staaten sehr schnell der ungeheuren Verantwortung bewußt, die ihnen die veränderte internationale Lage auferlegte." (Die Organisation des Nordatlantik-Vertrages, NATO-Handbuch, Paris, 1961)

Die Konstatierung eines "Mißverhältnis der Kräfte" unterstellt dabei schon den erklärten politischen Willen, die bisher noch praktizierte innereuropäische Konkurrenz zugunsten der demokratischen Feindschaftserklärung gegen den Kommunismus zurückzustellen, sich an der von den USA diktierten neuen Konkurrenz nach Kräften zu beteiligen. Deshalb fanden sich auch Sieger wie Verlierer in der gemeinsamen Front derer, die sich und die USA gegenseitig aufforderten und sich auffordern ließen, einen Beitrag zur "Verteidigung des Westens" zu leisten.

Stärke durch die NATO

Auf Grundlage der eingeschränkten Souveränität haben sich Großbritannien und Frankreich tatkräftig dem gemeinsamen Bündnis untergeordnet mit der Absicht, gerade der eigenen Souveränität zu größerer Stärke zu verhelfen. In beiden Weltkriegen haben sie sie im "Namen der Demokratie" zum Kriegseintritt aufgefordert (auch wenn's das nicht gebraucht hätte.), und Churchill hat sich immer gerühmt, lange Zeit vergeblich darauf hingewiesen zu haben, daß man das "falsche Schwein" (Hitler statt Stalin) "geschlachtet" habe. Und nicht einmal, als die Amerikaner ihnen den Suezkrieg untersagten, wurde das westliche Bündnis ernsthaft in Frage gestellt. Die nationale Verteidigung fällt nämlich seitdem zusammen mit den Aufgaben in der NATO - Aufhalten eines russischen Angriffs, Sicherung des Nachschubs aus den USA. Die eigenenr vorwiegend konventionellen Mittel, vor allem die Royal Navy mit ihrer, wenn auch beschränkten Präsenz auf den Weltmeeren und die französische Armee mit ihren verantwortungsvollen Einsätzen in Afrika (Algerien!) paßten in die Militärstrategie der NATO wie der Europäer, solange durch den Schutz der absoluten atomaren Überlegenheit der USA der Kräftevergleich sich theoretisch und praktisch vorwiegend konventionell abspielte, weil die "Bombe" als "letztes" und wirksames Drohmittel nur einer Seite funktionierte.

Europäische Atomstreitmacht

Weil das atomare Monopol der Amerikaner die Grundlage der nationalen Militärpolitik der Europäer darstellte, drängten die NATO-Verbündeten entschieden auf eigene Atomstreitkräfte, als die Sowjetunion zu kontern in der Lage war, und stießen dabei bei den USA nicht auf grundsätzliche Ablehnung. Mit der - Ende der 50er Jahre erreichten - Fähigkeit der Sowjetunion, den USA - erstmals in ihrer Geschichte - auf deren eigenem Territorium empfindliche atomare Schläge zu verpassen, hatte nämlich die bisherige Form, sich für die NATO und durch sie stark zu machen, ein Ende. Aber nicht, weil - wie das damals propagandistisch und heute historisch verbraten wurde und wird - die Europäer sich ängstigten, die Amerikaner könnten nun weniger Interesse daran haben, Europa zum Schlachtfeld zu machen, um das eigene Land vor einem sowjetischen Angriff zu bewahren.

Die Vorstellung, die USA könnten ausgerechnet den gegen die industriellen und politischen Zentren des Ostblocks hochgerüsteten Brückenkopf den Russen überlassen, taugt(e) allenfalls für eine freiheitsnationalistisch verblödete Öffentlichkeit. Vielmehr ist es die Kalkulation damit, daß die Sowjetunion nun imstande war, einen längeren Krieg in Europa bestehen zu können, weshalb die NATO-Planung für den europäischen Kriegsschauplatz nach neuen Kriterien erfolgte und die europäischen NATO-Partner (auch die BRD) energisch Atomsprengköpfe verlangten. Der Grund für die Forderung der Europäer, sich an der atomaren Bewaffnung beteiligen zu dürfen, bestand darin, daß mit der neuen Generation atomarer Waffen die konventionelle Rüstung zwar nicht überflüssig geworden war, aber ohne die atomare Ergänzung durch Mittelstreckenraketen erheblich an Wert verloren hatte. Da die Rolle der Europäer in der Welt identisch ist mit ihrer Rolle in der NATO, wollten sie nicht zusehen, wie die epochale Auseinandersetzung von Freiheit und Unfreiheit zu einer bloßen Angelegenheit der Supermächte zu werden dröhte. Darum verlangten sie nach den neuen Waffen, die die alten relativiert hatten.

NATO-Atommacht in Europa

Den Briten ist die Unterordnung unter die NATO nie schwergefallen, weil sie sie nie als solche aufgefaßt haben, sondern immer als die Propagandisten der "europäischen Verantwortung der USA" aufgetreten und von Anfang an als der Hauptpartner der USA mit Sonderverträgen bedacht worden sind. Die militärische Präsenz der USA in Europa rechnen sich die Briten geradezu als ihr Verdienst an, und, ihrer Mitarbeit und ihrer Beiträge in der NATO haben sie sich stets voller Stolz gerühmt - und das kaum in der Absicht, eigene Beiträga zu mindern:

"Seit 1949 ist Großbritannien einer der aktivsten Partner bei der Entwicklung der Organisation und der Strategie der Allianz." (Britain and NATO, 1971)

Gerade n der NATO schrieb England sich seine neue Weltrolle zu, die ihm zukam, weil die Amerikaner den Anspruch der NATO "Freiheit und Kultur" - weltweit definierten und außer ihrer eigenen Nationalökonomie noch möglichst viele andere mehr oder weniger bereitwillige Staaten an der Finanzierung dieses maßlosen Freiheitsanspruchs beteiligen wollten. Britische Verteidigungspolitik ist deshalb zuallererst ein Bekenntnis zur Allianz. "Britische Verteidigungspolitik basiert heute auf der nordatlantischen Allianz - und die britischen Verteidigungsanstrengungen konzentrieren sich ganz auf die Allianz, und zwar so, daß sie den bestmöglichen Beitrag leisten zur Stärke der Allianz

"Britische Verteidigungspolitik basiert heute auf der nordatlantischen Allianz - und die britischen Verteidigungsanstrengungen konzentrieren sich ganz auf die Allianz, und zwar so, daß sie den bestmöglichen Beitrag leisten zur Stärke der Allianz selbst, weil das der Schlüssel ist zu Großbritanniens eigener Sicherheit... konzentriert sich auf folgende vier Bereiche, in denen es am besten zur Sicherheit der Allianz beitragen kann:

a) das Vereinigte Königreich und seine unmittelbaren Zugänge;

b) den Ost-Atlantik und den Kanal;

c) Zentraleuropa;

d) die atomare Abschreckung der NATO"

(NATO - The British contribution to Allied Defence, Broschüre des Verteidigungsministeriums 1978)

Grund der brltlschen Beschwerde bezüglich mangelhafter atomarer Ausstattung ist die sowjetische Unverschämtheit, sich gegen die totale Vernichtungsdrohung gewappnet zu haben und sich die exklusive NATO-Drohung, dem Feind schweren Schaden zufügen zu können, zueigen gemacht zu haben:

"Während die Sowjetunion auf nuklearstrategischem Gebiet mit dem Westen beinahe (!) gleichgezogen ist - in der Zahl der Waffen und, was wichtiger ist - in der Fähigkeit, einen Atomangriff zu überleben und zu vergelten - ist die NATO-Region Zentraleuropa konfrontiert mit 60 Divisionen des Warschauer Pakts, 3500 taktischen Flugzeugen und 22000 Panzern..." (Britain and NATO, 1971)

Das Verlangen nach Atomwaffen mußten dle Briten vor den USA nicht erst umständlich legitimieren (von wegen Gefahr eines amerikanischen Isolationismus!), dort fanden sie durchaus ein offenes Ohr, soweit das Anliegen die Stärkung gegen den Hauptfeind garantierte: Deshalb verlangten die USA den Verzicht auf eigene atomare Tests (also die Zusicherung, die Abhängigkeit von der Führungsmacht auch fürderhin anzuerkennen), verkauften den Briten 64 U-Bootgestützte Polarisraketen und geizten nicht mit der Stationierung eigener Poseidonraketen und atomarer Langstreckenbomber (156 F-111).

Großbritannien hat sich mit der Verfügung über "letzte Mittel" formell auf eine Stufe mit den Weltmächten gestellt. Den nationalen Standpunkt vertrat Großbritannien gerade n der NATO, indem es sich mit den Atomwaffen ein Mittel zur Mitsprache verschaffte und sich als atomare Führungsmacht in Europa für die Information und Hinzuziehung der atomaren Habenichtse einsetzte:

"Sowohl Großbritannien als auch die Vereinigten Staaten leisten einen Beitrag zur nuklearstrategischen Abschreckung der Allianz, und zugleich sind amerikanische Gefechtsköpfe seit 1957 in Europa stationiert: Diese Streitkräfte sind dem entsprerhenden NATO-Kommando unterstellt, bleiben aber unter nationaler, d.h. britischer oder amerikanischer Kontrolle, bis sie durch eine politische Entscheidung, nach Beratung der NATO, zum Abschuß freigegeben werden. Die Allianz hat folglich für ihre nukleare Planung entsprechende Verfahren der Entscheidung und Beratung entwickelt, eine Entwicklung, die die nicht-nuklearen NATO-Partner so eng wie möglich an der atomaren Planung der Allianz beteiligt hat. Als einzige europäische Atomstreitmacht, die einen Beitrag zur NATO leistet, hat Großbritannien eine führende Rolle gespielt in diesem Prozeß, der eine effektive Planung gefördert und den nicht-nuklearen Ländern die nötigen Kenntnisse für sinnvolle Beratungen vermittelt hat." (Britain and NATO, 1971)

Es ist deshalb kein Wunder, daß die Briten neben der Bundesrepublik zu den Initiatoren des Nachrüstungsbeschlusses der NATO vom Dezember 79 gehörten und nicht nur die Stationierung amerikanischer cruise missiles verlangten, sondern auch die eigene Atomrüstung auf den neuesten Stand - Dosierbarkeit, Treffsicherheit, Reichweite - zu bringen beschlossen. Vier U-Boote, von denen eines in der Lage ist, die "halbe Sowjetunion auszulöschen" (Frankfurter Rundschau ), stellen als Teil der Streitmacht des Westens eine Bedrohung der UdSSR dar, mit der diese gesondert kalkulieren muß. Die Reichweite der Tridents (6000 Meilen) erlaubt es im übrigen, wichtige Ziele der Sowjetunion vom entferntesten Punkt der Erde zu treffen, etwa Moskau von Falkland aus. Die laufende öffentliche Debatte hat längst dafür gesorgt, daß die Atomrüstung Englands nicht "auf Kosten der ROYAL NAVY" geht, deren Modernisierung anläßlich der Trident-Entscheidung in Gang gesetzt und durch den Falklandkrieg entschieden vorangetrieben wurde: Der Einsatz der Waffen hat nämlich ganz nebenbei und problemlos Gelder für Ersatz- und Zusatzausstattungen lockergemacht, damit künftige "Sheffields" gegen "Exocets" besser gefeit sind. Für die Tridentraketen haben sich die Konservativen 30 bis 50 Mrd. DM bewilligt: doppelt soviel als noch 1980 geplant. Eine Ausgabe, die die sparsame Lady nicht scheute, weil man dafür ja auch die modernste Trident-Version bekommen sollte; und für die Russen ist den Briten nur das Beste gut genug. Außerdem kommt die teurere Version den Steuerzahler billiger als die alte - langfristig versteht sich: Wenn die USA die alte Version' einstellen, müsse Großbritannien die Ersatzteile in den 90er Jahren selber herstellen.

Eine wirklich lohnende Partnerschaft: Die USA können die Einkreisung der Russen perfektionieren und lassen sich einen Teil ihrer Waffen von den Engländern bezahlen, indem sie sie deren Souveränität im Rahmen der NATO unterstellen. Die Briten bekommen modernstes Gerät geliefert, dessen selbständige Produktion Anstrengungen ganz anderer Art erforderten, erhalten einen Teil davon kostenlos und versichern sehr glaubwürdig, daß auch amerikanische Atomsprengköpfe auf britischem Boden "nicht ohne Zustimmung der britischen Regierung abgefeuert werden" (Thatcher). Jedenfalls verfügt Großbritannien damit über alle Mittel für alle Fälle, also über sämtliche Optionen, die für einen Krieg im gegenwärtigen Stadium nötig sind, weshalb es auch gelogen ist, daß Polaris und Trident nur eingesetzt würden, wenn "Bntain has been destroyed":

"Cruise allein sind eine Torheit, weil sie zum Präventivschlag einladen. Polaris/Trident allein sind in ihrem Einsatz stark beschränkt, da sie nur eingesetzt werden können, wenn England zerstört ist." (Times, 27.4.83)

Force de Frappe

Während Großbritannien von vorneherein als bevorzugter Partner der USA mit atomaren Waffen bedacht und an der Modernisierung beteiligt worden war, erstritt Frankreich zum entsprechenden Zeitpunkt mit der Debatte um die geänderte Strategie der Amerikaner das Recht, sich zur selbständigen Atommacht aufzubauen. Es ist 1966 aus der militärischen Organisation der NATO ausgetreten und hat mit der Aufrechterhaltung der politischen Mitgliedschaft von vornherein zu erkennen gegeben, daß es den Zweck der NATO weiterhin teilt und nur auf militärischem Gebiet mehr von Arbeitsteilung und Selbständigkeit hält. Seit die Sowjetunion der atomaren Drohung der USA Vergleichbares entgegenzusetzen hatte und deshalb nicht mehr grenzenlos erpreßbar erschien, kalkulierte die NATO anders mit dem europäischen Kriegsschauplatz. Als Kontinentalmacht unmittelbar davon betroffen, verlangte De Gaulle nicht nur die atomare Aufrüstung Frankreichs, sondern auch die gleichberechtigte Mitsprache beim Einsatz der Atomwaffen, nicht weil er befürchtete, die USA könnten hemmungslos aufs Knöpfchen drücken. De Gaulle's "Mißtrauen gegen die Supermächte" bestand darin, die USA könnten, weil sie von ihrem nationalen Standpunkt aus anders mit dem europäischen Kriegsschauplatz kalkulieren, "Europa als Geißel" in der Auseinandersetzung mit der Sowjetunion einsetzen:

"Frankreich muß seine nationale Verteidigung haben, wie das bisher immer der Fall gewesen ist, auch wir müssen über die sogenannten Kernwaffenabschreckungsmittel verfügen, die heute der hauptsächlichste, wenn nicht der einzige Schutz der Völker sind, die frei bleiben wollen. Ohne sie wären wir keine europäische Macht mehr, keine souveräne Nation, sondern lediglich ein integrierter Satellit." (De Gaulle, 9.10.1960)

Weil die Amerikaner Frankreich das Mitspracherecht verweigerten, setzte De Gaulle auf die Entwicklung einer eigenen Atomstreitmacht und legte so den Grundstein für eine praktizierte "alternative Verteidigungspolitik". Mit der Stärkung der eigenen Souveränität außerhalb der NATO sorgte De Gaulle gerade dafür, daß Frankreich sich als starker Satellit in die Verteidigungskonzeption des Bündnisses integrierte. Mit dem Pochen auf das "Mißtrauen gegen die Supermächte" und dem daraus abgeleiteten Konzept der alternativen Verteidigung wurde er zum wahren Ahnherrn der Friedensbewegung. Die nationale Opposition in Sachen Verteidigung ist darum auch in diesem Standpunkt bestens aufgehoben. Und die konservative Opposition tut sich heute schwer, der "supergaulleistischen sozialistischen Regierung" (Neue Zürcher) Versäumnisse nachzuweisen, weil sie selbst die Einsparungen bei den konventionellen Mitteln als Modernisierung derselben und notwendiges Zugeständnis an atomare Größe akzeptiert.

Am Verhältnis zur Bundesrepublik hat sich durch den Austritt aus der NATO nichts geändert. Die Pariser Verträge und mit ihnen das Abkommen über die Stationierung auch französischer Truppen in der BRD bleiben in Kraft, und im Elyseevertrag von 1963 hat man nochmals extra das Bemühen bekräftigt, "in Strategie und Taktik zu gemeinsamen Konzeptionen zu gelangen". Die BRD als Vorfeld der NATO-Vorwärtsverteidigung fügt sich dabei nahtlos in die französische Vorstellung von der BRD als "Puffer" der eigenen Sicherheit. Natürlich gehen die Franzosen als "nur" politisches Mitglied der NATO die Genfer Abrüstungsverhandlungen nichts an, aber ebenso natürlich ist es, daß sie zum Fanatiker der Nachrüstung in den NATO-Staaten werden:

"Wenn unsere Atomwaffen unsere vitalen Interessen ausreichend schützen, so haben sie heute und auch in Zukunft nicht die Aufgabe, den Schutz der ganzen europäischen Zone der atlantischen Allianz zu sichern. Sie können zu diesem Zweck auch nicht verwendet werden, weil wir die ausschließliche Kontrolle über sie behalten. Die Sicherheit der europäischen Territorien, die keine Atomwaffen besitzen, kann deshalb nur vom integrierten NATO-Kommando, d.h. de facto von den USA kommen. Deshalb ist die Aufrechterhaltung und fortwährende Modernisierung der amerikanischen Atomabschreckung in unseren Augen für die Sicherheit der europäischen Umgebung entscheidend." (Außenminister Cheysson in "Wall Street Journal")

Frankreichs selbständige Atommacht und sein eigenständiges nationales Verteidigungskonzept beruhen also nicht weniger als die integrierten Streitkräfte Großbritanniens und der BRD auf dem NATO-Bündnis indem sie nämlich mit der NATO-Strategie kalkulieren als unverzichtbarem Bestandteil französischer Sicherheit. Während sie die Einrichtung ihrer Atommacht gerade dadurch begründet haben, daß die USA die europäische = die eigene Sicherheit nicht mehr garantieren würden, ist heute die laufend verbesserte "Sicherung" Europas durch die USA ein einziger Auftrag zu verstärkten französischen Rüstungsanstrengungen. Die U-Boote werden mit den neuen M4-Raketen ausgerüstet, die mit mehr Sprengköpfen, größerer Reichweite und Treffgenauigkeit ausgestattet sind. Die Entwicklung eigener Marschflugkörper und taktischer Waffen (Hades) ist fest geplant. Die Fähigkeit zur Produktion der "Waffe mit geringer Sprengkraft und starker Strahlung" (= Neutronenbombe) sowie deren möglicher Einbau in bisherige Waffen wurde angekündigt. Damit stellen sie als selbständige Atommacht die Mittel bereit, die sich in die abgestufte atomare Strategie der NATO einfügen. Als selbständige Atomrnacht haben sie sich aber auch gegen die amerikanische Strategie der "flexible response" die eigene französische Doktrin der "massiven Vergeltung" bewahrt und bekunden so dem Gegner, daß er mit ihnen als eigenständiger Bedrohung zu rechnen hat. Für die taktische Bewaffnung, die ja angeblich zur offiziellen Doktrin nicht paßt, haben sie eine speziell französische Begründung in die Welt gesetzt: "'Ultime avertissement', eine letzte Warnung vor der Lancierung des strategischen Vergeltungsschlages" (Neue Zürcher Zeitung, 8.1.83).

Multilaterale Drohung

Der "Streit im westlichen Bündnis" erweist sich also als ausgesprochen konstruktiv bei der Destruktion des Ostens. Die Kritik am Bündnis ist einzig und allein dazu gut, immer neue Waffen locker zu machen; und an den Franzosen zeigt sich, wie ein praktiziertes "Raus aus der NATO" zu ihrer Stärkung beiträgt, weil diese Parole von der Zutraulichkeit gegen die eigenen Herren zeugt und ihrer Souveränität sich lieber anheimstellt als einer "auswärtigen" - ein saudumm bornierter nationaler Standpunkt! So spannt die NATO alle verfügbaren Nationalökonomien in ihre Dienste, gerade auch, wenn sie nicht Mitglied der NATO sind. Und dabei brauchen die USA noch nicht einmal großen Druck auszuüben. Alle sind sie ganz von sich aus und sehr interessiert dabei, wenn es darum geht, das Bündnis zu stärken, weil vom Maß des eigenen Beitrags die jeweilige Stärke abhängt. Und selbst das Verbot der Ausrüstung der Bundeswehr mit atomaren Waffen hat im NATO-Bündnis seine Funktion, weil so die BRD als waffenstarrende konventionelle Streitmacht aufgerüstet wurde.

Über allem steht der gemeinsame Zweck, die Gesamtstrategie der NATO; in der auch die Franzosen ihre Rolle spielen, ohne daß man sie fragen oder dazu auffordern muß. Solche Pluralität der militärischen Drohung ist im Warschauer Pakt nicht zu finden. Aber während der Westen ganz offen und nicht zu Unrecht auf die Unzuverlässigkeit diverser Warschauer-Pakt-Staaten im Ernstfall spekuliert, ist man sich im Westen - und das mit Recht - sehr sicher, daß im Ernstfall der Gegner keine Frage ist.

Die Sowjetunion sieht sich also nicht einem einheitlichen Feind ausgesetzt, sondern einer Vielzahl von feindlich gesinnten Staaten, von denen jeder seine Sondergesichtspunkte in einer gemeinsamen Strategie geltend macht. Westlicherseits wird auf das daraus sich ergebende Moment der Unsicherheit für den Gegner entsprechend gesetzt:

"Aber Abschreckung ist ein wesentlich ambivalenter Begriff, denn sie konfrontiert in der Überlegung eines potentiellen Gegners eine Glaubwürdigkeit unserer gesamten militärischen Mittel und die feste Entschlossenheit, sich ihrer zu bedienen... Eine Ungewißheit, nämlich über den Einsatz dieser Mittel, sowohl was die Ebene betrifft, die Zeit und den Raum." (Hernu, Frz. Verteidigungsminister)

"Wie auch immer, solange wir Trident/Polaris haben, müssen sich die Russen sehr gut überlegen, ob sie Selbstmord begehen wollen, ganz unabhängig davon, was die Vereinigten Staaten tun." (Times, 27.4.83)

Daß die Russen mit dieser Ungewißheit, multipliziert mit der Selbständigkeit der Bündnispartner, rechnen, zeigt ihr Umgang mit dem entsprechenden Sachverhalt auf der diplomatischen Ebene. Wo sie glauben, an das europäische Selbständigkeitsstreben appellieren zu können - westliche Sprachregelung: "Spaltungsversuche" -, nutzen die westlichen Partner ihre "Spaltung", um die UdSSR diplomatisch des Feldes zu verweisen: Die Erwähnung französischer und britischer Raketen wird als unerhörte Einmischung zurückgewiesen und als Aggression gegeißelt, die die Sicherheit dieser Staaten bedroht.