GESUNDHEITSPHILOSOPHIE FÜR SCHWERE ZEITEN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1986 erschienen.
Systematik: 

"Ganzheitliche Medizin"
GESUNDHEITSPHILOSOPHIE FÜR SCHWERE ZEITEN

Die Öffentlichkeit ist mit dem gegen wärtigen System medizinischer Versorgung immer weniger zufrieden. Sie stellt mit Verbitterung fest, daß die Kosten dieses Systems maßlos angestiegen sind, ohne daß die Gesundheit der Menschen deutlich besser wurde... " (F. Capra, Vorwort zu H. Milz, Ganzheitliche Medizin. Neue Wege zur Gesundheit, Königstein 1985)

Es kann unmöglich an dem "gegenwärtigen System medizinischer Versorgung" liegen, wenn die Leute statt gesünder immerzu kränker werden. Schließlich leistet die moderne Medizin einiges; und wenn die Leute nach einer erfolgreichen Behandlung dennoch in schöner Regelmäßigkeit wieder beim Arzt auftauchen, dann liegt das doch wohl einzig und allein daran, was sie außerhalb der Arzt-Praxis alles mit ihren Organen anstellen müssen. Massenhaft Krankheit gibt es eben nicht "trotz", oder womöglich sogar "wegen" der existierenden medizinischen Versorgung - wie die Alternativ-Medizin behauptet -, sondern weil gesellschaftliche Verhältnisse die Voraussetzung "unseres" Gesundheitswesens sind, in denen die Menschen ständig ihre Gesundheit ruinieren müssen.

Genau o wollen das aber gerade diejenigen nicht sehen, die sich allen nur denkbaren Formen einer "alternativen Medizin" verschrieben haben und mit Gesundheitsfibeln wie "So gesund wie möglich! Selbsthilfe in kranken Zeiten" oder etwa mit einem "Öko-Knigge" sich aufgemacht haben, "neue Wege zur Gesundheit" zu suchen. Mit entschiedener Ignoranz gegen die wirklichen Gründe von Krankheit haben die Alternativ-Mediziner eben nicht nur in den (Reparatur-) Leistungen der modernen Massenmedizin die Schuldigen dafür ausgemacht, daß es mit der Gesundheit der Bevölkerung nicht allzu weit her ist. Schließlich werden diese medizinischen Leistungen massenhaft nachgefragt, also - so der trostlose Schluß - müssen die Betroffenen mit daran schuld sein, wenn sie andauernd krank werden!

Von einer "sanften Heilkunst" (so der "Spiegel") kann deshalb auch nicht im geringsten die Rede sein: Zum einen sind die Ansprüche an ein "neues Gesundheitsverhalten" ausgesprochen unsanft, zum anderen hapert's auch mit der "Heilkunst" ganz gewaltig, wenn diese sich als Alternative zum gesicherten Wissensstand der modernen "Schulmedizin" betätigt.

Die neue Perspektive: der "ganze Mensch"

"Ganzheitliche Medizin ist keine neue Spezialdisziplin unserer Schulmedizin, genausowenig ist sie ein festgelegter Kanon von Techniken. Ihr liegt in erster Linie ein verändertes philosophisches Konzept und eine veränderte Wahrnehmung der Realität zugrunde." (H. Milz)

Was ist denn bloß verkehrt an der "Realitätswahrnehmung" der klassischen "Schulmedizin", daß diese dringend einer "Erweiterung ihres Blickfeldes" durch das Konzept einer ganzheitlichen Medizin bedarf? Die "isolierte Beschäftigung" mit Krankheiten, die außer acht läßt, daß ein Patient ein "ganzes menschliches Wesen" ist, also mehr als sein kranker Magen oder ein entzündeter Blinddarm, den der Mediziner kuriert?

Diese Kritik erinnert an den typischen Medizinerwitz über den "Magen auf Zimmer 12", bloß daß dieser Witz nun allen Ernstes als kritische Theorie über die Behandlungsmethoden der herkömmlichen Schulmedizin daherkommt und dieser zum Vorwurf macht, "bloß" den jeweiligen kranken Teil am Menschen und diesen nicht als "ganzheitliches Wesen" zum Gegenstand der Behandlung zu machen. Pardon, "Gegenstand" (lat. Objekt) eines ärztlichen Zugriffs zu sein, das soll laut "ganzheitlicher Medizin" ebenfalls eine dem "Menschen völlig unangemessene Behandlungsmethode sein. Da ist nämlich - so erfährt man - der Patient ganz und gar "dem Können der Ärzte ausgeliefert" und somit an einer "bewußten Teilnahme" an seiner Behandlung gehindert.

Ganz blöd natürlich zu fragen, was einen "Menschen" stören soll, dessen krankes Teilchen erfolgreich kuriert wird, und ob ihm etwa besser damit gedient wäre, wenn er - anstatt mit einer Vollnarkose "bewußtlos" gemacht mit "kritischem Bewußtsein" seinem Operateur auf die Finger schaut. Denn o möchten die Anhänger einer "ganzheitlichen Medizin" ihre Kritik an der "Schulmedizin" nicht verstanden wissen - auf deren rationelle Leistungen wollen auch sie keinesfallls verzichten, diese aber "beschränkt" und um ihr neues "philosophisches Konzept" bereichert wissen:

"Ganzheitliche Medizin ist kein Ersatz für die Möglichkeiten der Schulmedizin; sie kann dazu dienen, ihre Anwendung wieder auf einen angemessenen Umfang zu reduzieren, und sie kann Wege aufzeigen - unter Betonung der Mituerantwortung jedes Menschen für seine Gesundheit - zur Findung uon Körper, Geist und Seele umfassender Gesundheit." (H. Milz)

Bloß: Bei aller zur Schau getragenen Bescheidenheit der "ganzheitlichen Medizin" - ohne ein paar reichlich dumme Argumente gegen die Praxis der herkömmlichen Medizin kommt die geforderte "neue Perspektive" nicht aus. Schließlich will sie ja eine ganz prinzipielle Unzulänglichkeit an der herrschenden "Schulmedizin" bemerkt haben, die eine Korrektur des bislang üblichen "Helfens und Heilens" nötig machen soll. Was das sein soll, erfährt man von Milz in seinem Bericht über die Zustände in "unseren hochtechnisierten Krankenhäusern":

"Da die meisten klinischen Entscheidungen auf der Basis unzureichender Information getroffen werden müssen, behält die Praxis der Medizin notwendigerweise einige Merkmale der Kunst."

Weshalb es wohl ganz "notwendigerweise" zu dem einen oder anderen "Kunstfehler" bei medizinischen Eingriffen kommen muß, oder?! Eines ist jedenfalls klar: Für einen "Ganzheitsmediziner" ist die (angebliche) "unzureichende Information" bei "klinischen Entscheidungen" nicht der geringste Anlaß, diesen Zustand schleunigst aus der Welt zu schaffen. Im Gegenteil: Weil es jede medizinische Diagnose mit einem "ganzen Menschen" zu tun hat, soll aus der Sicht der "Ganzheitsmedizin" ein exaktes medizinisches Urteil über diese oder jene Krankheit gar nicht möglich sein. Nichts genaues weiß man nicht - so lautet seine ärztliche Diagnose:

"Was der Patient erlebt und was der Arzt beobachtet, bildet zumeist eher eine verwirrende Vielfalt von Symptomen und krankhaften Gewebsveränderungen als eine klar definierte Einheit..." (H. Milz)

Womit er allerdings nicht einem notwendigen ärztlichen Eingriff eine Absage erteilen will. Diesen hält auch ein "Ganzheitsmediziner" in "bestimmten Fällen" für unabdingbar - nicht ohne dabei seine prinzipiellen Bedenklichkeiten mitzuteilen. Und das hört sich dann so an:

"Manche mögen sich fragen, wie ein Arzt es fertigbringt, einen chirurgischen Eingriff vorzunehmen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, daß man bei der Operation häufig vergißt, daß man einen Menschen vor sich hat. Bis auf das Operationsfeld ist der Körper aus hygienischen Gründen abgedeckt. Man arbeitet wie ein Mechaniker und versucht, möglichst präzise und schonend vorzugehen." (H. Milz)

Na und - ist doch eigentlich alles in Ordnung, wie man dem Bericht entnehmen kann. Denn ganz offensichtlich ändert doch das Wissen, daß ein "ganzer Mensch" auf dem Operationstisch liegt, nichts an dem medizinischen Befund über seine Krankheit und dem daraus resultierenden notwendigen operativen Eingriff. Genau die Leistung der "Schulmedizin", durch z.B. eine Operation kranker Organe die körperlichen Voraussetzungen dafür wiederherzustellen, sich als Mensch zu betätigen und seine Zwecke zu realisieren - soll nach Auskunft der "Ganzheitsmedizin" notwendig etwas Un-Menschliches an sich haben.

Eine ungesunde "Perspektive"!

Horch, was ist da drinnen los!

"Die neue Frage in der Medizin ist: Warum hat dieser Mensch diese Krankheit zu diesem Zeitpunkt? Das ist die Kernfrage der ganzheitlichen Betrachtung." (H. Milz)

Eine ziemlich schwierige Frage, so möchte man meinen, auf die auch die "ganzheitliche Betrachtung" - um es gleich zu sagen - keine rationelle Antwort parat hat. Doch ist diese Frage nach dem jeweils individuellen Auftreten einer Krankheit nicht ohne Hinter-Absicht gestellt: Sie zielt nämlich schlicht darauf ab, die Suche nach einem allgemeinen, außerhalb des Individuums liegenden Grund für die Krankheit von vorneherein als unwissenschaftlich zu diskreditieren.

Ein beliebtes Beispiel für diese Sorte Argumentation ist das Magengeschwür. Zwar weiß die herrschende "Schulmedizin" ziemlich genau, daß es auf das Individuum einwirkende objektive Belastungen sind, die über die Erregung eines Teils des autonomen Nervensystems u.a. zu einer Steigerung der Magensäureproduktion führen, was wiederum bei entsprechend nachhaltigem Auftreten die Magenschleimhaut schädigt und so ein Geschwür hervorruft - dieser Befund kümmert die "Ganzheitsmedizin" jedoch herzlich wenig. Denn schließlich bekommt z.B. nicht jeder Schichtarbeiter, der solchen Belastungen ausgesetzt ist, ein Magengeschwür. Also - so die ganz und gar nicht logische Schlußfolgerung - muß der Grund für diese Krankheit m Menschen selbst, in seiner jeweils "individuellen Lebensgeschichte" aufzufinden sein:

"Vom Standpunkt einer ganzheitlichen Medizin aus betrachtet, ist Krankheit ein Hinweis darauf, daß etwas im Leben des Patienten aus dem Gleichgewicht geraten ist." (H. Milz)

Und diese "Erkenntnis" ist nun nicht der Auftakt dazu, herauszufinden, welcher Ausschnitt aus der "Lebensgeschichte", welches "Lebensereignis" usw. nun für diese oder jene Krankheit der Grund ist; irgendwie soll nämlich alles, was den Menschen betrifft oder betreffen soll, für seine Krankheit in Betracht gezogen werden. Eine ziemliche Totalperspektive also, die zu dem einzigen Zweck an die Krankheit herangetragen wird, die "Diagnose" von der Krankheit als einem Signal loszuwerden, wonach die jeweils konstatierte körperliche Funktionsstörung nicht mehr das ist, was sie ist, sondern Ausdruck von etwas ganz anderem: einer "Störung des seelischen Gleichgewichts" des Patienten.

Und so hat jede Krankheit ihren "Sinn", nämlich darin, dem Menschen zu zeigen, wie es um ihn als "ganzen Menschen" bestellt ist:

"Unter dieser Perspektive betrachtet, erscheinen Gesundheit und Krankheit nicht als statische Zustände, sondern als sich ergänzende Aspekte eines einheitlichen Prozesses. Wir beginnen Krankheit nicht mehr ausschließlich als Übel zu betrachten, sondern als eine Störung des Gesamtgleichgewichts des Menschen und zugleich als Versuch, die Harmonie des Systems wiederherzustellen." (F. Teegen, Ganzheitliche Gesundheit, Der sanfte Umgang mit uns selbst)

Nicht gerade verführerisch, diese Perspektive. Ob man nun gesund oder krank ist, dieser kleine und - so möchte man meinen - nicht ganz unwichtige Unterschied ist psychologisch gesehen vernachlässigbar, sofern man sich selbst gegenüber die Vorstellung eines auf Harmonie angelegten Systems aufmacht, durch das der Mensch ausgezeichnet sein soll.

Recht erbärmlich, dieses vielgepriesene Selbst, das in einem inneren Funktionieren aufgeht. Was da eigentlich im "Gleichgewicht" sein soll; welche "Gewichte" gegebenenfalls ausgeglichen werden sollen, bleibt ziemlich unerfindlich; andererseits für den Menschen auch nicht tragisch, weil dieses "Gesamtgleichgewicht" ihm erst so recht zum Bewußtsein kommt, wenn es gestört ist: Durch die Krankheit nämlich, die ihm offenbart, daß etwas mit ihm in Unordnung ist. Und dabei ist mitnichten die Banalität gemeint, daß ihn jetzt die bekannten Phänomene der Krankheit bei seinem Tun, Denken und Fühlen beeinträchtigen - das wäre ja nichts als die matte Tautologie, daß einem die Krankheit 'zeigt', daß man nicht der Allergesündeste ist. Mit ihrem albernen Maßstab, der Mensch fasse sich recht eigentlich in der inhaltsleeren Idee einer Ausgeglichenheit zusammen, will Teegen auf eine Diagnose der Krankheit hinaus, an der der betroffene Mensch sich, das heißt: im Sinne seiner Deutung als strebsamer Gesamtgleichgewichtler, orientieren darf.

Krankheit, du bist ein Teil von mir!

"Wer Gesundheit ersehnt und alles Kranke, jede Krankheit als Unwert, als 'sinnlos' und als 'Anti-Leben' ansieht und sie nur zu vermeiden trachtet, wird die 'große ganze Gesundheit' nie erfahren können." (K. Pfaff, ein Dortmunder Soziologieprofessor)

Die "große ganze Gesundheit" - da gehört eben Krankheit als ein "sinnvoller" Teil seines Selbst notwendig mit dazu. Denn wie sonst sollte man wissen, wie man mit sich dran ist? Und so ist es nichts anderes als Ausdruck eines schnöden Materialismus, wenn man das Bedürfnis hat, seine großen und kleinen Krankheiten so mir nichts dir nichts wegtherapieren zu lassen.

Diese "Botschaft" hat mittlerweile weit über die Grenzen der medizinischen Fakultät hinaus Beachtung gefunden und z.B. unter dem schönen Titel "Gesundheitslernen" Einzug in geisteswissenschaftliche Seminare unserer Universitäten gehalten. Dort darf dann - unter fachkundiger Leitung eines Soziologen - ganz frei und von jeder medizinischen Kenntnis ungetrübt wie folgt spinntisiert werden: "Gesundheit ist immer Lernprozeß, Gesundheit ist Gesundung, Genesung, ein 'Fließgleichgewicht' von Außen und Innen. Gesundheit ist immer Heilungsprozeß, Therapie im Werden begriffen." (Gesundheitslernen - Aufgabe für jeden, Dortmund 1984)

Kam den mittelalterlichen Pfaffen die Pest als "Geißel Gottes" gerade recht für ihre Predigt eines gottgefälligen Lebens, so sind den Anhängern einer "ganzheitlichen Medizin" die modernen "Zivilisationskrankheiten" gerade recht, um die Menschheit mit einer einzigen Chance zu traktieren. Womit sich die empfohlene Zuwendung zu seinem "Inneren" auszahlen soll, ist leicht zu erfahren. Versprochen wird, so man dieser Sinnsuche nachsteigt, seine Krankheit als Einstieg in bislang unentdeckte Wirklichkeiten freudig zu begrüßen, ein "Gewinn", der sich eben nicht danach berechnet, einfach gesund zu werden, sondern der in gewissen "Erfahrungen" selbst liegen soll. Jener nämlich vor allem, sich selbst gerecht zu werden, wenn man sich nur dem "bis dahin Unannehmbaren" fügt und diesem seinen "höheren Sinn" abgewinnt. So ist man dann - in einem "größeren Zusammenhang" betrachtet - gesund, wenn man nicht mehr kleinlich auf Gesundheit als "bloße " Beseitigung medizinisch diagnostizierter Organstörungen aus ist.

Diese Leistung des "Annehmens" freilich, in den unerfreulichen Dingen, mit denen man konfrontiert ist, eine wegweisende "Chance" zu sehen, ist ohne den sehr unsanften Umgang mit seinem Verstand nicht zu haben. Der Wunderglaube an das, was sich einem alles eröffnen soll, wenn man Krankheit, Leiden und Tod "begegnet", muß schon mitgebracht werden, damit man solche idiotische Botschaften aus seinem "Inneren" erfährt:

"Wie bringe ich das Nervensystem dazu, die verletzten Regionen (z.B. krankes Bein) zu akzeptieren? Man muß Botschaften an das Nervensystem senden, z.B. 'das ist ein Teil von mir... das ist o.k. Ich akzeptiere diesen Teil von mir...'

Wie aber kann man solche Botschaften in eine 'Sprache' umsetzen, die das Nervensystem versteht?... ganz einfach... fühlen, berühren." (F. Teegen)

Oder wie wäre es mit einer Einbildungs-Übung der folgenden Art:

"Jetzt laß deinen Atem seinen Rhythmus finden, entspann dich und überlaß dich dem hilfreichen Einfluß dieser Umgebung. Sieh dich selbst in dieser friedlichen Atmosphäre als frei von allen Krankheiten. Du bist vollständig, ganz, heil, und genießt die strahlende Leichtigkeit einer sprühenden Gesundheit. Schließ die Augen und laß dieses Bild einfach in dich einsinken. Durch diese Übung hast du bereits mit deiner Selbstheilung begonnen." (Berkeley Holistic Health Center, Das Buch der ganzheitlichen Gesundheit, Bern und München 1982)

Gesundheit als neuer Lebenssinn

"Durch eine rein symptomatische Therapie, die eine aktive Mitverantwortung der Patienten und einen notwendigen Lern- und Veränderungsprozeß verhindert, wird der Entwicklung chronischer Krankheiten in fataler Weise Vorschub geleistet." (H. Milz)

Es ist ein ebenso beliebter wie dummer Vorwurf an die herrschende "Schulmedizin", bloß "symptomatisch" zu heilen, statt den Krankheiten "an die Wurzel" zu gehen. Dabei ist es auch keinem "Ganzheitsmediziner" ein Geheimnis, daß die von einem Kassenarzt verschriebenen Herz-, Schmerz- und Kreislaufmittel unmöglich dazu taugen können, den Verschleiß der Gesundheit wieder rückgängig zu machen. Daß "es" bald wieder geht, die Leistungsfähigkeit des Patienten also wieder einigermaßen restauriert wird, das ist das ärztliche Hilfeversprechen. Weshalb noch jedes dafür nötige Medikament vom Arzt regelmäßig mit der Bemerkung verabreicht wird, der Patient solle nur die unbedingt vorgeschriebene Dosis einnehmen, da er sonst mit lauter "schädlichen Nebenwirkungen" zu rechnen hätte. Auf die Gesundheit kommt es eben an, wenn sie andauernd im "Arbeitsleben" verschlissen wird! Diese Sorge um die "Volksgesundheit" machen sich auch die Vertreter der "ganzheitlichen Medizin" zu eigen - und zwar gleich so penetrant, daß sie es bei den gewöhnlichen ärztlichen und staatlichen Appellen - nach dem Motto: "Tun Sie mehr für Ihre Gesundheit" - nicht belassen wollen. Nichts schöner, wenn die Opfer der herrschenden gesundheitsschädlichen Verhältnisse sich die Sorge um ihr Wohlergehen ganz "selbstverantwortlich" auf ihre Fahnen schreiben, und zwar so, daß sie die ständige Beobachtung ihrer körperlichen Symptome hinsichtlich ihrer tieferen "Bedeutung" zu ihrem neuen Lebenssinn machen:

"Die Kranken lernen, nach den Gründen ihrer Krankheit zu forschen, von den behandelnden Ärzten eine sorgfältige Analyse ihrer Erkrankung zu fordern und beharrlich darauf zu bestehen, daß sie aktiv in die Behandlung ihrer Krankheiten miteinbezogen und über die verschiedenen zur Verfügung stehenden Behandlungsmöglichkeiten informiert werden." (H. Milz),

was dem jeweils "behandelnden Arzt" mit Sicherheit ziemlich auf den Wecker gehen wird. Denn die von der "Ganzheitsmedizin" geforderte "Förderung der Laienkompetenz" macht einen medizinischen Laien eben nur in dem einen "kompetent": in dem ständigen Bequatschen und Ausdeuten seiner "vielfältigen Symptome", was ihn zwar nicht schlauer, dafür aber sehr gefügig gegenüber den ihm abverlangten Unannehmlichkeiten seines Lebens werden läßt.

Norbert Blüm läßt grüßen

"Der Druck, die Gesundheitskosten zu dämpfen, bewirkt größere Veränderungen als die philosophischen Diskussionen der letzten Jahre." (Milz)

Das staatliche Zwangsprogramm, sich die Gesundheit seines Arbeits-Volks in Zukunft weniger kosten zu lassen - für die Anhänger einer "ganzheitlichen Medizin" eine einzige Chance, ihren Ideen eines alternativen Umgangs mit der Gesundheit das nötige Gehör zu verschaffen.

Und so darf der untertänige Hinweis in keinem "Ganzheits"-Lehrbuch fehlen, daß auch der "Wende"-Regierung mit den Konzepten der Alternativen bestens geholfen wäre:

"Medizinische Aufklärung und Ausbau der Selbsthilfegruppen sind dringend notwendig, wenn wir die Kostenexplosion in der Medizin aufhalten wollen." (H. Milz)

Das wird zwar einen Norbert Blüm nicht vom Hocker reißen, aber was soll's. Die Botschaft der "Ganzheitsmedizin" paßt nämlich sehr gut zu einer staatlichen Praxis, die z.B. immer mehr sogenannten Bagatellerkrankungen die krankenkassenmäßige Anerkennung versagt, um so die Leute zur "Selbsthilfe" zu verpflichten. Lernen, mit der Krankheit zu leben, um darin seine "große ganze Gesundheit" zu erfahren - diese Botschaft macht auch für die Gesundheitspolitik der "Wende" einen "Sinn".

Ganz zu schweigen von dem "Gesundheitsprogramm" eines "Öko-Knigge", wo man/frau als lauter kleine Blüms die Gesundheitspfade bevölkert: "Als Vorbeugeprogramm wähle ich frühmorgendlichen Waldlauf vor dem Frühstück (was ich öfter nicht schaffe) und regelmäßig Sauna-Besuch (was mir Spaß macht). Seitdem bin ich viel weniger erkältet. So ganz nebenbei habe ich noch das angenehme Gefühl, meinen Beitrag zur Senkung der Ausgaben im Gesundheitswesen (1978: insges. 165.200.000 DM!) geleistet zu haben. Selbst im Stadium des Krankseins bin ich pflichtbewußter Staatsbürger..." (R. Grießhammer, Der Öko-Knigge, Reinbeck 1984)

Wohl bekomm's!