GESEGNETER AUFRUHR

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1980 erschienen.
Systematik: 

GESEGNETER AUFRUHR

"In herzlichen Gesprächen hat der Kardinal seine Unterstützung der unabhängigen Gewerkschaften zugesagt. Die Besucher wurden mit der Ausgabe des Neuen Testaments beschenkt."

Daß der oberste Kirchenführer eines Landes einen Aufrührer und Rädelsführer einer Reihe von wilden Streiks zur Brust nimmt und das herzliche tete-a-tete mit einer privaten Messe krönt, während die Kirche gemeinhin nicht nur ihren Frieden mit der weltlichen Herrschaft geschlossen hat, sondern staatsbürgerlichen Ungehorsam auch noch ihrerseits mit geistlicher Strafe und Verdammung belegt, hat den Oberhirten in Rom nicht in heiligen Zorn versetzt; im Gegenteil:

"Ich bin mit Euch zu Füßen der Frau von Jasna Gora, im Gebet und mit dem Herzen nehme ich an diesen Erfahrungen teil, die mein Vaterland und meine Landsleute durchmachen..."

Der polnische Klerus, der seine Seelsorge in Danzig und Stettin aufs Werksgelände ausgedehnt hat und mit Beichte, Messe und Marienmedaillen seinen streikenden Schäfchen geistlichen Beistand leistete, weiß sich eins mit seiner Gemeinde in dem sonderbaren polnischen Anliegen, im Namen des wahren Polen der unchristlichen Herrschaft entgegenzutreten. Seine erbittert gläubige und streitbar christliche Anhängerschaft, nach der sich jeder Pfaffe hier die Finger leckt, hat dieses Mal den kirchlichen Segen für die Durchsetzung sehr irdischer Ansprüche in Anspruch genommen.

In der Stunde der Not eilt der Hirte zu seiner Herde, um so mehr, als diese Herde die materielle Machtbasis abgibt, dank derer sich die polnische Kirche m Machtbereich einer Partei, die irgendwo und irgendwann auch einmal den Atheismus und die Verbindlichkeit des Marxismus-Leninismus als einzig gültigern Staatsglauben ihrer Bürger im Programm stehen hatte, eine offiziell anerkannte und rechtlich gesicherte Bastion erobert hat. Als Bekräftigung der geistlichen gegenüber der weltlichen Herrschaft Polens ist daher eine jede Anfechtung der Parteipolitik Gott wohlgefällig und taugt dazu, für die Fortsetzung des üblen Bündnisses von Staatskommunisten und Kuttenmännern ein paar zusätzliche Zugeständnisse herauszuschinden.

Der Primas, "der legitime Interrex, das mythische Oberhaupt, dem ganz Polen gehorcht" während die wirkliche Regierung vom Nationalismus ihrer Bürger nur bedingt anerkannt wird, ist aber ebenso Nationalist und Freund einer staatlichen Ordnung, mehr noch als Feind der Kommunisten. Da die Streikforderungen keine Rücksicht auf das Nationaleinkommen nahmen und mit der Möglichkeit einer sowjetischen Invasion die Gefährdung der nationalen Souveränität Polens heraufbeschworen, bedeutete er den Gläubigen mit Hilfe des staatlichen Rundfunks, daß die Stunde des Streikabbruchs gekommen sei. Die allerchristlichste Wirtschaftslehre, bei deren Inspiration der Heilige Geist wohl einen tiefen Griff in das Schatzkästlein der Nationalökonomie tat -

"Wir wissen, daß die beste Wirtschaftsordnung enttäuscht, wenn es keine reelle Arbeit gibt. Alles wird aufgegessen, denn ohne Arbeit gibt es keinen Wohlstand... Das Schicksal der Nation darf nicht leichtsinnig aufs Spiel gesetzt werden." -,

hat allerdings als Streikbrecher versagt, so daß die polnische Bischofskonferenz schnellstens die Verstimmung zwischen Streikfront und Primas wieder beseitigen mußte, indem sie die Gemeinsamkeit zwischen Kirche und Proletariat gegen die Regierung herausstrich und nichts gegen den dafür dienlichen Streik gesagt haben wollte. Die kirchliche Politik für eine ihrer Ausbreitung zuträgliche Ordnung und das Aufbegehren der Arbeiter gegen ihre Verarmung sind auch in Polen nicht ein und dasselbe, und die streikenden Arbeiter haben mit ihrer Berufung auf die Schwarze Madonna, die gegen das Bischofswort auf ihrer Seite steht, auch davon Kenntnis genommen. Die Kirche kann sich aber dazu beglückwünschen, daß die revisionistische Herrschaft sich als gemeinsamer Gegner aufführt und in der Arbeiterklasse sich nicht die Einsicht durchsetzt, wie berechnend und relativ die Bekräftigung ihres Materialismus durch den Herrn Jesus ist.

Im Endeffekt war der Klerus mit der Unternehmung der Arbeiter wieder sehr zufrieden, weil als Zugabe für die Kirche die Sonntagsmesse im Fernsehen und Zusagen der Regierung bezüglich der weiteren "Nutzung der Massenmedien durch die Glaubensgemeinschaften" herausgesprungen sind. Und da die Arbeiter die Regierung schon zum Verhandeln gezwungen haben, segnet die Kirche die Arbeiterforderungen als Einlösung christlicher Gebote ab und läßt sich gleich noch ein paar weitere für den künftigen Kampf richtungsweisende Rechte einfallen:

- Nach dem alten kirchlichen Grundsatz 'jeder ist sich selbst der Nächste' lautet das erste der "unabdingbaren Rechte der Nation" "das Recht auf Gott". Wieso der Herrscher über Himmel und Erde auch noch auf seine zivilrechtliche Kodifizierung angewiesen ist, hat der Episkopat nicht mitgeteilt, es hat wohl mehr an einen staatlich garantierten Rechtsanspruch der Kirche aufs Gemüt aller Polen gedacht.

Aber es gibt auch einige weltliche Rechte, die die Kirche in aller Bescheidenheit einfordert, um ihre Herde zusammenzuhalten:

  • Der Bauer braucht zum Glauben seine Scholle, die Garantie "des Rechts auf privaten Besitz und Verfügung über den Boden in individuellen Landwirtschaftsbetrieben".
  • Die Nation als ganze braucht "das Recht auf Kenntnis der vollen nationalen Geschichte und Kultur" - da hat sie was zum Beißen - und die Gelegenheit, sich an ihrer Tradition - immer eins aufs Haupt bekommen und dennoch wackere Polen geblieben - ihr gottgefälliges Martyrium zu Gemüte zu führen. (Schließlich haben nicht nur die Kreuzritter, Preußen, Österreich, die Zaren und das Dritte Reich, sondern auch die Rote Armee die politische Scholle vergewaltigt.)
  • Der Arbeiter braucht "das Recht zur Selbständigkeit der Arbeitervertretungen und zu Selbstverwaltungen", zu benützen im Sinne Polens natürlich, denn die "politische Nation braucht eine wirkliche moralische und gesellschaftliche Erneuerung..., damit sie moralische Energien und die gesellschaftliche Opferbereitschaft wecken kann, um die große Anstrengung der Arbeit und die notwendigen Entsagungen bewältigen zu können, die auf uns alle warten." (Diese Inspiration ist auch über das ZK der Arbeiterpartei ganz ohne Hl. Geist gekommen.)

Wie aus vatikanischen Kreisen verlautet, wird Jan Pavel II. seinem lieben Bruder in Christo Lech Walesa demnächst die verbindliche Zusage machen können, daß auch der polnische Klerus seinen Beitrag zur "gesellschaftlichen Erneuerung" Polens leisten wird. Angesichts der "notwendigen Entsagungen, die auf uns alle warten", werden ab sofort Messen im Vierschichtsystem gelesen, Beichten auch am freien Samstag gehört und die Normen im Predigthalten um 100% heraufgesetzt. Im wohlverstandenen eigenen Interesse werden jedenfalls sonntags per Fernsehen die Notwendigkeit der Herrschaft und die Erfordernisse der Nationalökonomie gepredigt:

"Laßt uns daran erinnern, wir sind eine Nation, die noch Vermögen erwerben muß, laßt uns daran erinnern, Kinder Gottes, daß wir auf dem Gebiet unseres Vaterlandes zur Freiheit über Trümmern kamen." (Wyszynski)