GASTARBEITER - KEIN PROBLEM

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1980 erschienen.
Systematik: 

Neue Ausländerfeindlichkeit
GASTARBEITER - KEIN PROBLEM

Wer hat Angst vorm fremden Mann? Niemand! Und wenn er kommt? Dann lassen wir ihn für uns arbeiten! Die modernisierte Antwort dieses alten Reims läßt allerdings auch den Rest dieses Frage- und Antwortspiels einigermaßen unzeitgemäß erscheinen: Denn wenn der "fremde Mann", kaum daß er mit einem Fuß das Hoheitsgebiet der BRD betritt, schon der Bestimmung anheimgefallen ist, Arbeiter für den Reichtum dieses Landes zu sein, dann ist er weder das Subjekt dieser Reise noch "kommt" er; dann wird er vielmebr gekommen bzw. gegangen, und zwar als einer, dessen Gastrecht in der Arbeitspflicht besteht; dann sagt der Name "Gastarbeiter" eben alles über seine exklusive und entsprechend verfügte Verwendung: Gast-Kanzler kann ein souveräner Staat schließlich nicht gebrauchen, Gast-Unternehmer benötigen weder eine Arbeitserlaubnis noch müssen sie überhaupt dort verweilen, wo ihr Kapital "arbeitet", und die paar Gast-Stars wie Rudi Carrell oder Branko Zebec sind auch nicht deshalb hier, weil sie zu Hause arbeitslos wären.

In diesem Sinne: Wer kann fremde Männer und Frauen brauchen? "Unsere" kapitalistische Volkswirtschaft! Und wenn "wir" sie nicht mehr brauchen? Dann laufen sie! Worin dabei das vielbeschworene "Ausländerproblem" bestehen soll, ist völlig schleierhaft. Wer von den Anwendern, Nutznießern und Verwaltern der ausländischen Arbeiter soll denn Schwierigkeiten mit denen haben?

Die Unternehmer

Fortschrittlich, wie diese vor "Initiative" nur so sprühenden Menschen nun einmal sind, die den weniger unternehmungslustigen Teil der Menschheit in ihre Fabriken packen, um ihn dort nach Maßgabe eines Kriteriums, des Profits, anzuwenden, hegen Kapitalisten keinerlei rassistische Vorurteile gegen die Produzenten von Mehrwert. Was kostet er? Was leistet er? Was also springt raus? - das sind die Fragen, die das Kapital, durchaus international, der Arbeiterschaft stellt. So wenig wie ein deutscher Arbeiter mit dieser feinen Nationalität einen Stich macht, wenn er sich zu teuer verkaufen will oder seine Qualifikation nicht benötigt wird, ebenso wenig sind ein türkischer Paß und Knoblauchgeruch ein Hindernis, billig schwere Arbeit ausüben zu dürfen.

Und genau darum geht es ja: Für all die Tätigkeiten im kapitalistischen Produktionsprozeß, für deren Verrichtung weder Lesen, Rechnen noch die deutsche Sprache beherrscht werden muß (wenn man es trotzdem kann, tut das nichts zur Sache!), bei denen also pure Anstrengung, Schnelligkeit und Konzentration verlangt ist - für diesen nicht geringen Haufen von Jobs stehen heutzutage deutsche und ausländische Proleten zum freien Angebot.

Daß dies seit Anfang der Sechziger Jahre der Fall ist, liegt nicht daran, daß das westdeutsche Kapital mit der inländischen Arbeiterklasse unzufrieden sei. Nein, all das, was die armen Schlucker von auswärts zu bieten haben, nämlich Muskeln und die Bereitschaft, diese dem Kapital zur ausgiebigsten und intensivsten Anwendung billig zu überlassen, das hat auch das deutsche Arbeitsvolk schon oft genug unter Beweis gestellt. Zu dem "Wirtschaftswunder", das sich auf bundesdeutschem Boden ereignete, hat es nämlich, teilweise kaum von der Front zurückgekehrt, seine unbescheidene Leistung an der Arbeitsfront und seine Bescheidenheit an der Tariffront beigesteuert, und schon konnten die ganzen Maschinen, die das Kapital hingestellt hat, wunderbare, aber keineswegs wunderliche Wirkungen auf den Gewinn entfalten. So wurde denn jahrelang der niemals veraltete Beweis angetreten, daß die Ausübung von Drecksarbeiten keine Frage der Nationalität darstellt (auch wenn sich das rassenbewußte Deutsche gerne einbilden). Bei so viel Einsatz blieb dem Kapital eigentlich gar nichts anderes übrig, als dermaßen zu akkumulieren, daß ihm in seinem Drang nach Verwertung die einheimische Arbeitskraft gar nicht mehr reicht. Und wenn für den profitlichen Einsatz eben nicht genügend nationales Arbeitsvieh zur Disposition steht (was nicht heißt, daß es gleichzeitig keine Arbeitslosen gäbe), dann begrüßt das Kapital liebe Gäste mit Handkuß - Gäste, bei denen schon von vornherein feststeht, daß sie die Qualitäten des deutschen Lohnarbeiters allemal im Rucksack haben. Teurer sind sie eh nicht, im Gegenteil zum Lohndrücken geeignet; willig sowieso, schließlich kommen sie aus Ländern, in denen der Kapitalismus keine massenhaft billigen Arbeitsplätze auf die Beine gestellt hat, zum Arbeiten hierher - froh, dies überhaupt zu dürfen. Damit sind sie - unqualifiziert, wie sie selbst im Verhältnis zu deutschen Arbeitern sind - prädestiniert a) für die Müllabfuhr, fürs Fließband und b) für den vielfältigen Beschiß, der sich mit ihrer Unkenntnis deutscher Ausbeutungsbestimmungen und ihrem Willen, in der begrenzten Dauer ibres Hierseins möglichst viel zu arbeiten bzw. zu sparen, anstellen läßt. So mancher halbseidene Reinigungsunternehmer hat in den diversen Suleikas seine Geschäftsgrundlage entdeckt.

Auf der Adventsfeier im Betrieb kriegen dann auch die Gastls vom echt deutschen Arbeitgeber ihren deutschen Weihnachtsmann als Anerkennung für getane deutsche Wertarbeit. Von "Diskriminierung" keine Spur!

Der deutsche Staat

Holen und wieder abschieben sowie alle weiteren Im- und Exportregelungen der internationalen Reservearmee - das besorgt der Staat. Denn seit es dem deutschen Kapital in seiner Heimat zu eng geworden ist, schafft die zuständige Staatsgewalt mit ihren guten Beziehungen zu den Kollegen in aller Welt die Voraussetzungen dafür, daß die arbeitende Klasse nicht zu knapp wird und die Akkumulation im eigenen Lande weitergeht. Dem werten ausländischen Arbeitnehmer läßt der Staat dabei genau die Behandlung angedeihen (zuzüglich diverser Sondermaßnahmen), mit der er seinem Kapital die nationale Arbeiterklasse erhält und zur lebenslangen Verwendung aufbereitet.

So hat auch Suleiman Sozialabgaben zu berappen, die ihm direkt vom Lohn abgezogen werden, damit er sie nicht in Kümmel oder Makkaroni umsetzt, die ihm deshalb noch lange nicht dieselben Möglichkeiten eröffnen, auch wieder arbeiten zu dürfen. Dem deutschen Arbeiter bringt die lebenslange Zwangsmitgliedschaft Mobilität in dreierlei Hinsicht ein: kreuz und quer durch die Lande, durch die Branchen und durch den ihm angemessenen Bereich der Lohnskala zu ziehen - immerzu erhält er neue "Chancen", ob er will oder nicht. Ausländer, für die es dieses Recht der Freizügigkeit nicht braucht, haben da nur eine "Chance": Ihre Einreisegenehmigung ist unmittelbar an den "Besitz" eines Arbeitsplatzes bei einer bestimmten Firma geknüpft. Die Entscheidung, von wem er wo ausgebeutet wird, ist ihm gänzlich abgenommen.

Außerdem hat der Staat mit dem Anwerbestop seit 1973 auch für eine ordentliche Trennung gesorgt zwischen den "ausländischen Mitbürgern", die als dauerhafte Mannschaft samt Familie inzwischen zum festen Inventar der unteren Lohnarbeiterschichten gehören, und denen, die nur noch schwarz angeworben werden und illegal ein wandern, so daß man sie auch ohne jedes Problem wieder abschieben kann. Erstere kommen in den Genuß eines eigenen Obmannes, ganzer städtischer Armenviertel samt Sozialhelfern, Polizisten und Pfarrern, eines kommunalen Wahlrechts und einer ewig "scheiternden ordentlichen Schulbildung" für ihre Kinder, die später - falls ohne Arbeitsplatz - ins Heimatland zurückmüssen. Letztere werden so behandelt, wie es sich für Illegale gehört, damit auch ja nicht mehr als nötig in die Abteilung eins aufsteigen.

Wählen und in den Krieg ziehen dürfen sie daheim. Ansonsten unterliegen sie hier selbstverständlich dem Strafgesetzbuch, und die deutsche Polizei verfolgt ausländische Straftäter ohne Ansehung und mit sachgerechter Würdigung ihrer exotischen Person.

Die Vermieter

Sicher, sie mußten sich erst einmal darauf einstellen, daß man plötzlich Rumpelkammern und leerstehende Kinderzimmer (die Doppelstockbetten!) an 8 Ausländer zugleich vermieten und von jedem einzeln die volle Miete verlangen konnte, ohne daß der Staat mit seinen Hygienebestimmungen über die 63 Kubikzentimeter Luft, die der Mensch nach staatlicher DIN-Norm zum Atmen braucht, einschreitet. Aber das haben unsere Vermieter doch ganz gut geschafft, oder? Da muß man schon arger Rassist sein, um sich solche Geschäfte entgehen zu lassen. Zwischenfazit: So haben zwar die Gastarbeiter jede Menge Existenzprobleme am Hals, aber mit ihnen hat in der Praxis niemand ein Problem. Ihre Benützung ist bestens geregelt.

Die Kollegen, Nachbarn, Leute auf der Straße,

also alle diejenigen, die aus den Gastls weder Profit noch Mietzins herausschlagen, die sie weder geholt noch die Grenzen dicht gemacht haben, denen vielmehr lediglich eine Meinung über ihre neuen Mitarbeiter und -bewohner zusteht, die haben - sich auch - wie verlangt - an die Ausländer gewöhnt. Ob sie die Gastarbeiter nun Spaghettifresser schimpfen, sie für dreckige Hunde und Schmarotzer halten, ihnen dies sogar sagen: Man hat sich arrangiert. Der existierende Ausländerhaß ist keine Bewegung, sondern normales Bewußtsein des Alltagslebens. Zur üblen Zeterei paßt das Lob ihrer Bescheidenheit, zur liebevoll-verachtenden Erklärung "Du müssen das machen" die Freude am "Griechischen Wein".

Zuguterletzt sollen auch diejenigen beiden Gruppen nicht unerwähnt bleiben, die die Gastarbeiter zu einem "Problem" erklären:

Die radikalen Fremdenhasser und idealistischen Ausländerfreunde

Beiden sind die Gastarbeiter Anlaß zu einer Demonstration ganz eigener Art.

Die Neo-Nazis, die Brandbomben in Ausländerheime werfen, drücken damit ihre Unzufriedenheit mit dem demokratischen Staat aus, der seinen markigen Worten -

"Es gibt anständige und mißratene Ausländer, aber die, die nur das Asylrecht mißbrauchen, die wollen wir hier nicht haben." (Helmut Schmidt) -

angeblich keine kongenialen Taten folgen läßt, und vollstrecken an Staates Stelle ihr Urteil: es wären die Fremdarbeiter, die "uns" Arbeit, Geld und Weiber wegnehmen. Mit tödlicher Konsequenz betreiben sie den ziemlich absurden Schluß, die Nützlichkeit des ausländischen Arbeitsviehs für die deutsche Wirtschaft durchzustreichen und - es deshalb wie Viecher abzuschlachten.

Genau umgekehrt die christlichen, intellektuellen und sonstigen liberalen Idealisten harmonischer gesellschaftlicher Verhältnisse. Sie nehmen die zweifelhaften Komplimente an die Gastarbeiter - "Die deutsche Wirtschaft ist doch auf sie angewiesen", "Sie machen doch für euch die Dreckarbeit, die ihr nicht machen wollt!" -, also das falsche Lob ihrer besonderen Nützlichkeit, beim Wort und entdecken darüber die moralische Pflicht für jedermann, diesen neuen Mitgliedern der Arbeiterklasse Dankbarkeit und Respekt entgegenzubringen, als hätten sie selbst "gerufen", und zwar nur damit man schöner leben kann:

"Wir (!) riefen Gastarbeiter, und es kamen Menschen ". (Max Frisch)

So benutzt ein guter Mensch die Erinnerungen an den ökonomischen Grund der Existenz von Gastarbeitern hierzulande zu einer Anklage gegen "uns" und nach mehr zwischenmenschlichem Kontakt und staatlicher Fürsorge. Damit will er "uns" allen auch noch die moralische Bringschuld aufhängen, ganz freundlich und nett zu den Fremdlingen zu sein, von denen sie stets betonen, daß jene "auch (!) Menschen" seien. Eine sehr menschenfreundliche Sorte von Rassismus! Am Ende stellt sich ein moderner deutscher Kosmopolit auch noch auf den Standpunkt, er könne von der "urwüchsigen Mentalität der Südländer durchaus (!) noch etwas lernen", begeistert sich an deren erzeugter Dummheit und Borniertheit, bloß weil es nicht die gewöhnliche deutsche ist. Gebildete Menschen sorgen sich gemeinsam mit dem bayerischen Kultusminister Maier, der den Ausländern die "kulturelle Identität" nicht durch "Assimilation" nehmen möchte, um den "Kulturschock", den diese armen Hascherl in der "westlichen Zivilisation" angeblich erleiden. Und mit alledem teilen sie der Öffentlichkeit ihre Botschaft mit, daß man die Gastarbeiter in unsere Gesellschaft "integrieren" muß! Ein dickeres Lob kann man sich für den westdeutschen Kapitalismus gar nicht ausdenken!

Unser Tip: Wer sich über Lohnarbeit nicht aufregen will, soll sich sein Mitleid mit den Gostarbeitern an den Hut stecken.