FRIEDRICH DER GROSSE NATIONALE VERSAGER

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Dieser Artikel ist in der MSZ 10-1986 erschienen.
Systematik: 

Rudolf Augstein: Preußens Friedrich und die Deutschen
FRIEDRICH DER GROSSE NATIONALE VERSAGER

Es war sehr geschickt von Rudolf Augstein, sein Buch so zu timen, daß er zum 200. Todestag des Titelhelden die Neuauflage als "Jubiliäumsausgabe" placieren konnte: 20 Jahre Rudolf Augstein "Preußens Friedrich und die Deutschen". Solange ist das her, daß er meinte, mit einem neuen Friedrichbild dem neuen deutschen Geist auf die Sprünge helfen zu müssen.

Der neue deutsche Geist, das war damals der, der mit dem alten nichts mehr zu tun haben wollte - und das gleich so radikal, daß er die Demokratie, die er "mehr wagen" wollte, vorher mit Notstandsgesetzen risikoversicherte und nachher mit Radikalenerlaß und Antiterrorgesetzen aufrüstete.

Die historische Sicht der Sozialliberalen hat dabei nichts an Aktualität eingebüßt; sie steht der Wende gut zu Gesicht. Das liegt einfach daran, daß Augstein weder den Alten Fritz noch die von ihm ins Visier genommenen "konservativen" Friedrich-Historiker einer Kritik unterzieht. Statt dessen überprüft er in seinen "Mitbringseln seines Abstiegs zu den Vätern" (16) den "realen" Fritz daraufhin, ob er den Idealen, die diese deutsche Wissenschaft ihm zuspricht, auch gerecht geworden ist. Logisch, daß dabei die nationalistischen Tugenden nicht nur gänzlich ungeschoren bleiben, sondern zum quasi objektiven Maßstab avancieren. Das Schema des Schinkens ist also so einfach wie blöde: Friedrich war nicht das, wofür man ihn ausgibt.

Schlesien nicht unser!

Wer die Frage stellt: "War Friedrich ein großer Feldherr?" (294), will natürlich nie den Feldherrn kritisieren, sondern wissen, ob dieser Friedrich seine Sache gut gemacht hat oder nicht. Die Sache selbst - mit dem Einsatz von Material und Leuten Raum gewinnen - wird der Maßstab, nach dem dem Kriegsherrn Lob oder Tadel zugemessen wird. Beispielhaft am Raum Schlesien:

"Insgesamt also 16 Siege und sieben Niederlagen, pas trop mal." (293)

Gelohnt hat sich die Sache also, weswegen sich die Errechnung des Verhältnisses von Leuten pro Quadratmeter auch erübrigt (Diese beliebte Rechnung steht bei Niederlagen oder Phyrrussiegen an). Augstein will ja vor allem wissen, ob die von Friedrich angezettelten Kriege und geführten Schlachten ihm auch als militärische Leistung zugeschrieben werden können. Und da sieht's dann schon weniger gut aus. Im Unterschied zum Erfolg errechnet sich die Leistung nicht aus der Formel Aufwand/Raumgewinn. Als zusätzlicher Faktor tritt die Zahl der Gegner auf: Viel Feind, viel Ehr'! Der Gegner war jedoch gar nicht so überlegen, wie vielfach behauptet:

"Das oft bestaunte Zahlenverhältnis des Siebenjährigen Krieges - fünf Millionen Bevölkerung gegen neunzig Millionen - ist ein wenig schematisch aufgestellt. ... So kann man über den Daumen schätzen, daß die Zahlenstärken der beiden Lager sich bis zum Ausscheiden der Russen aus dem Krieg selten anders als im Verhältnis 1:1 befunden haben." (294/295)

Das Lob, das er ihm so gerechterweise immer noch spenden müßte, erspart sich der Autor, indem er - ganz Fachmann - dem Gegner Unfähigkeit und mangelnde Zusammenarbeit, seinem Helden dagegen ein paar gelungene "Pfadfindertricks" und vor allem jede Menge Glück attestiert:

"Vor dem Untergang hätte sie (seine Strategie) ihn nicht bewahren können, wenn die Zarin Elisabeth ein oder zwei Jahre länger am Leben geblieben wäre." (296/297)

Den großen Feldherrntitel mag der kritische Augstein ihm nicht verleihen; da hätte er auf dem Gebiet des staatlich organisierten Massensterbens schon mehr leisten müssen:

"Wäre Friedrich jener Kriegsgott, den der preußische Heroenkult aus ihm gemacht hat und der Napoleon in der Tat war, so hätte ihm vielleicht schon lange vor dem Krieg eine seine eigenen Fesseln sprengende Aushilfe einfallen können, eine neue Heeresorganisation etwa oder sonst eine revolutionäre Neuerung." (326)

Glück oder nicht. Schlesien bleibt Schlesien. Die Frage ist nur, ob er es überhaupt "für uns" erobert hat. Die Antwort ist vernichtend: Subjektiv nicht und objektiv auch nicht! Subjektiv fühlte er gar nicht als Deutscher, sondern als Franzose. Hämisch zitiert Augstein den Alten selbst:

"Ich mache Ihnen (einem echten Franzosen MSZ) streitig, ein besserer Franzose zu sein als derzeit ich." (93)

Natürlich stört den aufgeklärten Augstein nicht Friedrichs Französelei. Schließlich versteht er es selbst pas trop mal, seine Weltoffenheit französisch zur Schau zu stellen. Aber offensichtlich hält er es gegen die rechtsnationale Geschichtsschreibung für ein schlagendes Argument, ihrem Heros das nationale Prüfsiegel zu verwehren. Bei aller Wertschätzung fremder Kulturen weiß Augstein doch, daß ein Patriot die eigene auf keinen Fall geringer einschätzen darf. Und darum kann er Friedrich den Vorwurf nicht ersparen, über der Förderung französischer Dilettanten die deutschen Geistesleuchten vernachlässigt zu haben. Daß diese ihn in ihren Werken nicht verewigt haben, belegt erst recht seine mangelnde Tauglichkeit zum deutschen Helden:

"Weder Goethe noch Schiller, noch Kleist, weder Wieland noch Hölderlin, noch Büchner, noch Grabbe, noch Jean Paul haben der deutschen Nation ihren ersten und eigentlichen und einzigen Helden vorgestellt, weder in einer Epopöe noch sonstwie, wiewohl doch Wallenstein und Kurfürst Friedrich Wilhelm, Herzog Alba und Tell, wiewohl Hannibal und Danton die deutschen Bretter betreten haben. Schiller konnte 'diesen Charakter nicht liebgewinnen', er mochte an ihm 'die Riesenarbeit der Idealisierung' nicht vornehmen; lieber wollte er sich mit Gustav Adolf beschäftigen." (135)

Der Kulturnationale hält mit peinlichem Eifer dem König vor, daß er den Duden nicht beherrschte, den es damals noch gar nicht gab:

"Friedrichs deutsche Grammatik freilich, wenn er keinen Sekretär zur Hand hatte, war eines Kutschers würdig." (96)

Seitenweise mokiert sich der Autor über die "Rechtschreibfehler" Friedrichs, indem er ihn - ganz im Gegensatz zu den "wahren" Größen deutschen Geistes - ausgiebig in der damals üblichen willkürlichen Schreibweise zitiert. Ein Kutscher soll den Grundstein für die deutsche Nation gelegt haben? Ein Hanseat darf doch bitten, daß die Macht, die er repräsentiert, sich durch mehr Geist auszeichne!

Wo sich die Augstein-Konkurrenz den Teufel drum schert, ob nun Schlesien ganz bewußt für Deutschland oder nur für Preußen erobert worden ist - ihr reicht der Erfolg und der daran geknüpfte Rechtstitel als Ausweis der nationalen Großtat -, zitiert er den historischen Mißerfolg, um dem Preußenchef die nationale Leistung zu bestreiten:

"Ohne Friedrichs Preußen, schrieb der Populärbiograph Ludwig Reiners 1952, wäre die Mitte Europas machtpolitisch leer geblieben, wäre Europa gegen Asien nicht geschützt worden. Aber was Reiners Asien heißt, das sitzt jetzt in Königsberg, wo das preußische Königtum seinen Ursprung hat. 'Asien' hat Schlesien abgetrennt, das nun weder zu Preußen noch zu Österreich gehört." (53)

Unser Königsberg in der Hand des Unaussprechlichen! Das ist, weiß Gott!, wahrer Patriotismus: Friedrich am maßlos radikalisierten Maßstab der Friedrich-Verehrer scheitern zu lassen mit dem Vorwurf, er habe unser Schlesien nicht nur nicht über den Tod hinaus gesichert, sondern letztendlich den Russen in die Hände gespielt.

Wie der Herr, so's Gscherr!

Natürlich war Friedrich auch als Mensch nicht der erste Diener seines Staates. Tapferkeit und Männlichkeit? Eine aufrechte Soldatennatur? Das glatte Gegenteil! Zum Beweis setzt Augstein Mutmaßungen über die Homosexualität des Alten in die Welt, um sie als "uninteressant" zurückzuweisen, damit dann die wahnsinnig subtilen Anzüglichkeiten um so besser sitzen.

Über eine solche Unregelmäßigkeit im Sexualleben ist ein moderner Mensch natürlich erhaben. Eine regelmäßige Aktivität wenigstens in dieser Richtung soll nämlich für Preußen immer noch besser gewesen sein als gar keine:

"Zu Preußens Unglück müssen wir sogar für möglich halten, daß der König ziemlich früh geschlechtslos lebte." (206)

Was für Preußen rausgesprungen wäre, wenn Friedrich sein Sexualleben an Rudolfs Ordnungsgesichtspunkten ausgerichtet hätte, bleibt im Dunkeln. Aber wie man die Liebe des Rudolf A. zu tiefsinniger Symbolik so kennt, hält er vermutlich Stockhiebe, Spießrutenlaufen und Kriege für (un-)königliche Formen der Masturbation. Der Phallus steckt da im Detail! Friedrichs bekannter Mut - "Er hat kein Pulver auf der Pfanne!" -: bloße Legende! Beweis: Friedrichs Absicht, sich im Falle einer drohenden Niederlage das Leben zu nehmen. Die vielen Belege dafür leben von der - Demokraten und Faschisten gemeinsamen - Unterstellung, daß das Leben des Bürgers dem Staat gehört: Suizid als Flucht vor der Fahne oder aus der Verantwortung - kurz Feigheit vor dem Feind und dem Vorgesetzten, was Friedrich sehr wohl wußte und sich doch nicht schämte:

"Zwar, ein Selbstmordversuch wurde in der preußischen Armee als schwerstes Verbrechen bestraft, oft, wenn der Täter sich verstümmelt hatte, mit einer solchen Menge Spießrutenlaufen, daß der Delinquent einen 'anständigen' Tod sterben konnte. Erfolgreiche Selbstmörder in der Armee des 'Soldatenkönigs' waren an den Füßen aufgehängt und von den Pferden auf den Schindanger geschleift worden. Derlei Skrupel fochten aber den König und seine Lieblingsschwester nicht an." (81)

Im eifrigen Bemühen, dem König Mangel an Mut nachzuweisen, erscheint dann der Gedanke an Selbstmord wie auch das Abstandnehmen davon gleichermaßen als Beleg der Feigheit. Er will Friedrichs brutales Ideal, daß alles Volk, ihn - an der Spitze allerdings - eingeschlossen, nur Staatsdienst zu leisten habe, ganz radikal auch an ihm selbst wahr machen, weil er meint, daß es nur so an den Untertanen verwirklicht werden könne. Diese wären dann keine Untertanen mehr, sondern "mündige Bürger". Daß letzterer die perfekteste Form des ersteren ist, weil er die Unterwerfung unter den staatlichen Zwang als freien Entschluß zum Dienst an der Gemeinschaft auffaßt, wird nirgends klarer als an Augsteins Gemecker über die mangelnde Zivilcourage der preußischen Staatsdiener:

"Nur nicht auffallen, die Devise des preußischen Beamten und Soldaten, war gefunden." (260)

"...hier und nicht später, wurde Preußens Beamten das Rückgrat gebrochen." (274)

Die Praktizierung der Beamten- und Soldatenpflicht durch die Unterwerfung unter den Apparat und das Kommando erscheint dem Kritiker schäbig. Was ihm ganz offensichtlich vorschwebt, ist der Beamte, der ohne Rücksicht auf eigene Verluste das Staatswohl pur im Auge hat, und der Soldat, der ohne Zwang zu den Fahnen eilt und selbstbewußt Disziplin statt bloßen Gehorsam übt. Eine Armee, die funktioniert, aber ohne beständige Desertion, drastische Strafen und dauernde Bewachung - das ist zweifellos die Wunscharmee für den, der solche Wünsche hat. In der sächsischen Armee entdeckt er diesen Traumsoldaten, der ohne Zwang fürs "Vaterland" kämpft und tapfer fällt. Das Ideal des "Bürgers in Uniform" dürfte hier Pate gestanden haben in Absehung davon, daß seine Realität ohne Bestrafung der Fahnenflucht nicht auskommt, obwohl ihr erheblich weniger Erfolgsaussichten beschieden sind als zu Friedrichs Zeiten. Alle Kritik an Friedrichs Staat löst sich schießlich auf in den Vorwurf, daß er nicht demokratisch gewesen sei und so seinen Zweck, staatliche Unterwerfung, bloß als Unterwerfung und nicht als freiwillige Unterordnung verfolgt und damit verfehlt habe:

"Preußen hat sich nicht ,hochgehungert',... Es wurde hochgeprügelt." (158)

Wo die Opfer genehmigt sind, wenn sie nur aus freien Stücken erbracht wurden, wo Freiheit und Unfreiheit so grundsätzlich als Alternativen sach- und menschengerechter Ordnung behandelt werden, kann die welthistorische Generalabrechnung nicht ausbleiben:

"Aber Bo-Russien wurde unter Friedrich, wenn man die französische Politur abkratzt, mehr als östlicher, denn als europäiicher Staat behandelt. ... Russische Knutengesinnung wurde hier, diszipliniert von preußischer Pedanterie, effektiv." (155 f.)

Die Bo-Russen als fünfte Kolonne - und das seit mindestens 250 Jahren. Wenn nicht andere dasselbe schon von Hitler gesagt hätten, müßte man dem Augstein glatt noch den Vorwurf der Originalität machen.