FRIEDENSSTÖRUNG DURCH ANTI-KRIEGSDEMONSTRATION

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1980 erschienen.
Systematik: 

Marburg an der Lahn
FRIEDENSSTÖRUNG DURCH ANTI-KRIEGSDEMONSTRATION

Was passiert, wenn die MARXISTISCHE GRUPPE die Initiative zu einer Demonstration, "Kampf dem demokratischen Militarismus!" ergreift? Ruhe und Frieden werden gleich dreifach gestört: bei der Marburger Linken; bei der fortschrittlichen Wissenschaft an der Universität, vertreten durch Lehrende und Studierende, die das Ansinnen über die Kriegsvorbereitungen des Staates zu diskutieren für eine Provokation hält, und bei den grün-bunten-alternativen Bündnispartnern, die, nachdem sie mit zur Demonstration aufgerufen hatten, weil ihnen nichts dagegen eingefallen war, den passiven Boykott der Aktion betreiben.

1. Die Marburger Linke

Die Jungsozialisten-HSG in Gestalt des 2. AStA-Vorsitzenden kam angesichts öffentlicher Rekrutenvereidigungen auf die Idee, eine Lanze für die Entspannungspolitik der Bundesregierung zu brechen. Zu dieser "gebe es keine Alternative". Als Indiz für ihre "friedenssichernde Wirkung" führte er lauter Kriegsgründe auf: Wirtschaftsbeziehungen, Abrüstungsverhandlungen, Ostverträge. Neben ein klares Bekenntnis zur Bundeswehr setzte er die ominöse Warnung, sie könne auch mißbraucht werden. Eine originelle Idee: Kriegsmaschinerie wird zum Kriegführen mißbraucht!

Den professionellen Friedensfreunden von der Gewerkschaftlichen Orientierung fiel wieder einmal ihr schlagendes Argument gegen das Töten im Staatsauftrag ein: es ist zu teuer. "Die Bundeswehr verschlingt pro Jahr 50 Mrd. DM!" Nicht zu teuer, so kam es vom MSB, sondern gut angelegt sind die Rubel für die Sowjetarmee, weil diese wirklich der Friedenssicherung diene.

2. Die Marburger Universität

Versuche der MG, in Seminaren und Vorlesungen den demokratischen Militarismus zu diskutieren, stießen auf einhellige Ablehnung der Dozenten, die allesamt ihren jeweiligen Stoff für weit wichtiger hielten. Einige repräsentative Aussagen:

Prof. Vogt, Germanist in seinem Seminar "Alltagserfahrung und ihre ästhetische Verarbeitung" verbannte das Thema Soldat, Staat und Krieg aus dem Bereich des Alltags, weil es sich nicht ästhetisch verarbeiten läßt: "Das Thema Rekrutenvereidigung kann man ja durchaus diskutieren, aber nicht hier!" Von keinem Studenten kam an dieser Stelle, wo er endlich einmal gepaßt hätte, der Elfenbeinvorwurf.

Wenigstens im Ansatz politisch die Replik des Neuhistorikers Prof. Hardach: "Ich kann doch zu diesem Thema nichts sagen, schließlich bin ich Parteigenosse des Verteidigungsministers."

Frau Prof. Langer- el- Sayed, Politologin, lehnte es schroff ab, ausgerechnet im Rahmen einer "Einführung in die Politikwissenschaft" über Militärpolitik zu diskutieren. In dieser beklagte sie dann engagiert den heutigen "allgemeinen Rechtstrend", der es kritischen Lehrern sehr erschwere, eine "Politisierung" ihrer Schüler zu erzeugen.

Prof. Mattenklott, Germanist: "Wieso über Militarismus? Genauso gut könnte ich Sie auffordern, über Schnabels 'Insel Felsenburg' zu diskutieren!"

Psychologisch reagierte der Psychologe Prof. Schneider. Er sprach von "hergelaufenen Horden", welche "die Mehrheit der Studenten terrorisieren", meinte damit nicht die Bundeswehr, sondern die MG und fährt im Stoff seiner Vorlesung fort. Die Studenten neigten zum Teil Herrn Schneiders Einschätzung zu, andere gaben vor, von 16-14 Uhr wie die Teufel gegen die Bundeswehr zu kämpfen, so daß es ihr gutes Recht sei, sich wenigstens von 14-16 Uhr mit einem angenehmeren Thema zu beschäftigen. Die Früchte dieser Betätigung kamen auf den Tisch, wo über den demokratischen Militarismus diskutierte werden durfte. Psychologisch als Aggressivität der menschlichen Natur; soziologisch als gesellschaftlich interdependente Verstrickung; politologisch als Kette von Mißverständnissen aufeinander reagieren müssender Verantwortlicher; historisch als die Kriegsschuldfrage; philosophisch als existentielle Grenzsituation oder so ähnlich. So wußte jeder immer schon Bescheid, konnte Staat und Wehrmacht distanziert gewähren und brauchte sich von der MG schon gar nichts sagen lassen.

3. Gegner und Bündnispartner

Die gewerkschaftlich orientierten Kommilitonen empfanden den Versuch der MG, die Rekrutenvereldigung an der Universität zum Thema zu machen, als Versuch, die Studenten vom "Kampf für ihre Interessen" = "wirklicher Kampf für Frieden und Fortschritt" abzuhalten, folglich als "Provokation", die die "Einheitsfront gegen die Stellenkürzungen spaltet". In den Lehrveranstaltungen traten sie dementsprechend als Bündnispartner der Dozenten auf, Die Bündnispartner der MG, Grün/Bunt/Alternativ und Marburger Spontis, die auf der Studentenvollversammlung für die Demonstration und vor allem gegen den MSB gestimmt hatten, setzten ihr Abstimmungsverhalten konsequent fort. Sie waren für die Demo und gegen die GO, mehr aber auch nicht. Die Alternativen interessierte der Widerstand gegen den demokratischen Militarismus nur am Rande. Im Aufruf der GBAL (= Grünbuntealternative Liste) stand allein der Satz "Kommt in Rudeln" neben einer Federzeichnung dreier fröhlich hüpfender Menschen. Der Rest des Flugblatts befaßte sich hauptsächlich mit der Abholzung eines Waldes zum Ausbau des Frankfurter Flughafens. Was juckt solche umweltbewußten Individualisten auch die Bundeswehr, wenn es um Lebenswichtiges geht wie den Tod von 3 Mio. Bäumen? Entsprechend sah das "Rudel" auf der Demonstration dann auch aus: Ein Häufchen Aktivisten schwang weiße und schwarze Fahnen und tanzte die Straße entlang, als wäre Karneval.

4. Die Demonstration

fand dann am 12. November statt. 1.200 Menschen, vor allem aus dem Umkreis der MG (wie der "Arbeiterkampf" vom Bündnispartner KB durchaus nicht in selbstkritischer Absicht bemerkt) hinter der Hauptparole "Kampf dem demokratischen Militarismus!"