FRIEDENSDIENST IN VIOLETT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1983 erschienen.

Evangelischer Kirchentag in Hannover
FRIEDENSDIENST IN VIOLETT

"Wahre Sicherheit stiften nur die großen Religionen." (Otto)

Das war ein heißer Kirchentag! Nur ein langes Wochenende brauchte die versammelte evangelische Christenheit, um jenen Verdacht gründlich auszuräumen, den ihr die "FAZ" und ein paar reaktionäre Pfaffen zuvor angehängt hatten: ausgerechnet in violett, der kirchlichen Farbe der Reue und Buße, drohe dem Glauben, ja der ganzen Republik die Gefahr eines Aufstandes.

Nicht nur, daß die alberne Frage, wer wann und wo einen lila Fetzen tragen darf, auch den leisesten Gedanken an die Vorhaben jener christlichen Politiker verdrängte, die im Herbst neue Raketen gegen den Osten aufstellen lassen. Spätestens beim Schlußgottesdienst erwies sich das modische Lila als die Farbe der Halsbänder, die christliche Schafsnaturen anno 1983 tragen, auf daß ihre Hirten sie nicht übersehen. Das kann nicht nur am Walten des Heiligen Geistes gelegen haben!

"Trotz aller Befürchtungen im Vorfeld ist es ein harmonischer Kirchentag gewesen. Am Schluß des Gottesdienstes vom Sonntag, als ein Meer von lila Tüchern wogte, flogen auch welche auf die VIP-Tribüne-, und eines landete auf dem Schoß des Bundespräsidenten. Der hat gelacht und es dem Helmut Kobl gereicht." (Süddeutsche Zeitung, 13.6.83)

Das nennt man dann einen "fröhlichen Kirchentag" (Eppler)! Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte der fromme oberste Heerführer der Nation das Zeichen des Friedens aus dem Kirchenvolk angenommen und mit dem Tuch lächelnd in die Menge gewedelt - wie drei Tage zuvor Willy Brandt in einer der Messehallen. Wahrscheinlich hätte die versammelte Jungschar im Niedersachsenstadion in Kohl dann nur noch den Bruder in Christo gesehen und ihm Beifall gezollt für seine persönliche "Umkehr". Das Versöhnungsfest mit Wein/Traubensaft und Brot wäre vollkommen gewesen.

Zwar hat sich der Kanzler diesen Auftritt versagt. Aber auch so konnte vier Tage lang kein Politikerauftritt - ob Bahr oder Wörner, Blüm oder Geißler -, noch nicht einmal die reichlich vorhandene uniformierte Garde der Nation das einfältige Weltbild der Christenmannschaft trüben. Gleich, ob lila gewandet oder nicht, sahen sie überall auf der Welt nicht den Gegensatz von Machern und Opfern, von Ausbeutern und Ausgebeuteten, von Befehlshabern und Kanonenfutter, sondern bestenfalls die Trennung von Bekehrten und Unbekehrten, wobei vor Gott über die Zugehörigkeit nicht definitiv entschieden ist, so daß erstere ständig auf der Schuldsuche sind - eigentümlicherweise immer bei sich selbst - und letztere, auch und gerade, wenn sie für den nächsten Krieg rüsten, immer gut sind für ein Gebet. Mit jeder neuen Persbing II setzt der christliche Glaube ein neues Stückchen Hoffnung in die Welt, und mit jedem neuen Erpressungschritt eines westlichen Politikers tritt ein moderner Flagellant auf die Bühne, der alle Schuld auf sich nimmt, wie der alte Bischof Scharf, der auf der Friedensdemonstration in Hannover mit violettem Halstuch sein mea culpa ausrief:

"Wir schreien zu Gott, daß er uns Verblendeten die Augen öffnet" (die er dann auch am Sonntag noch zu hatte, als Kohl und Carstens, Barzel und Vogel mitten unter der Gemeinde waren!) -

passenderweise umrahmt von den christlichen Friedensschlagern "Sing ein Lied und schlaf rubig ein. Denn nur so kann Frieden sein" und "Kehr um, du Mensch, leg' deinen Irrsinn ab". Von Indoktrination will da keiner reden! Es gab nur einen einzigen Gegensatz, den die über 100000 alten und jungen Pfadfinder auf dem Kirchentag austragen wollten, den zwischen Glauben und Verstand. Alle Indizien sprechen leider dafür, daß der Kampf 100%ig zugunsten des ersteren entschieden wurde.

Umkehr zum Leben

hieß das von allen Fraktionen einvernebmlich praktizierte Selbstverständnis des Kirchentages. Diese seltsame Dativ-Konstruktion war nicht nur eine Sache zwischen dem Cbristenmenschen und seinem geistigen Herrn, worüber das amtliche Programmheft eine erschöpfend trostlose Auskunft gibt:

"Diese Losung enthält zwei Dimensionen: Sie enthält eine Warnung und zugleich Hoffnung und Zuversicht. Auf der einen Seite mahnt sie uns, daß wir in vielen Bereichen des Lebens in Sackgassen geraten sind, aus denen wir nur herausfinden können, wenn wir umkehren und uns neu orientieren. Jeder weiß, daß wir oft vor unüberschreitbaren Grenzen stehen. Wir werden aber (!) nicht nur von außen bedroht, wir bedrohen auch uns selbst. Deshalb (!) müssen wir nicht nur die Welt, wir müssen auch uns selbst verändern."

Zu einer Zeit, da durch und durch christliche Politiker ihren Brüdern und Schwestern ohne Ansehen der Konfession Arbeitslosigkeit und Sozialkürzungen und die Aussicht auf einen Waffengang bescheren, führt sich der Kirchentag als der fromme Kollektivmahner der Nation auf. Keine einzige Maßnabme der Politiker gibt dabei zur Warnung Anlaß, sondern der angebliche Holzweg, auf dem wir uns alle befinden - ein wahrhaft übergreifendes Dach, unter dem Klerikalfaschisten ihre Anti-Abtreibungssprüche ebenso loswerden wie ein Alt-Bundeskanzler sein Geseiche von der letztendlichen Ohnmacht aller Politik (tosender Beifall!). Keiner anderen Bedrohung soll sich der Christenmensch gegenübersehen als der, die angeblich von ihm selbst und seinem übermäßigen Wollen ausgeht. Und Schließlich bietet nichts und niemand auf der Welt einen Grund zur Veränderung und Abschaffung, denn verändern muß sich der Menschenwurm selbst. Tuet Buße und kehret um - kirchengeschichtlich gesehen nicht gerade ein origineller Auftrag, aber in seinem selbstgerechten Zynismus, in seinem unerschütterlichen Glauben an die Macht, in seiner widerwärtigen Demut so richtig passend für den Konfirmandenunterricht in Vorkriegszeiten! 1981, auf dem Kirchentag in Hamburg, fiel wenigstens dem einen oder anderen Besucher bei der Umdrebung der damaligen Losung "Fürchte Dich nicht!" noch auf, wie sehr die Herren Schmidt und Apel einen das Fürchten lehren können. Die Entdeckung der überkonfessionellen Eigenschaften von Eiern zeugte zwar nicht von Gottvertrauen, dafür von einiger Einsicht in christliche Politik. Hannover 1983 war demgegenüber in jeglicher Hinsicht ein frisch-fromm-fröhliches Treffen. Ehe auch nur einer der Kirchentagsbesucher ein böses Wort gegen die gar nicht spärlich vertretenen Bonner Politiker verlieren wollte, zog er lieber sein Gesangbuch aus der Tasche und intonierte Lied Nr. 724:

"Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag." (Bonhoeffer)

- oder er schwieg ein Viertelstündchen für den Frieden.

Erhard Eppler, der im Amt des Kirchentagspräsidenten seine Traumrolle gefunden hat, sprach weder die Wahrheit, noch hat er gelogen, als er bekannte, der Kirchentag diene nur dem Herrn. Man kann als Christenmensch durchaus der Diener zweier Herren sein.

Politisierung

hat nämlich dem diesjährigen Kirchentag zuallerletzt gefehlt. Und nicht etwa wegen einer violetten Rebellion, sondern allein schon wegen der Agit-Prop-Auftritte der Bonner Prominenz, die auch außerhalb von Wahlkämpfen weiß, wo ihre Schäfchen zu finden sind. Anders als vor zwei Jahren kamen sie nicht ex officio, sondern "wie ganz normale Christen" (Die Welt). Kreide brauchten sie dabei nicht zu fressen, denn bibelfest und gewissenstark ist die neue Crew; und mit Sicherheit plagte Helmut Kohl kein schlechtes Gewissen, als er in einer Grußadresse auf den zweckmäßigen Gebrauch christlicher Nächstenliebe hinwies, was vor Ort seine Wörners, Mertes' und Geißlers in aller Penetranz wiederholten.

"Staaten, die ihre Grenzen schließen und ihren Bürgern die Begegnung und freie Information verwehren, gefährden den Frieden. Sie streben eine totale Kontrolle über ihre Bürger an, um bei ihnen Haß gegen andere wecken zu können." (ein Wahnsinnsgedanke!) "Gegenüber totalitären Staaten ist Vorsicht geboten. Ihnen darf man keine Überlegenheit zugestehen, denn Sie stehen immer in Versuchung, dies zur Ausweitung ihres Machtbereichs zu nutzen. Gegenüber demjenigen, der Krieg als Mittel der Politik nicht ausschließt, hilft nicht allein das Vertrauen auf die Kraft der Liebe - ihn gilt es, vor der Versuchung des Bösen zu bewahren. Das ist die moralische Rechtfertigung für die Politik des militärischen Gleichgewichts." (Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, 12.6.83)

Dieser Mann hat sich das Kirchentagsmotto voll zu Herzen genommen. Ganz Missionar weiß er, wer zur Umkehr gebracht werden muß - der Osten nämlich. Ganz Christ weiß er, daß zur Reue auch die Strafe gehört. Ganz Christdemokrat, weiß er, wie sich die Welt in Gut und Böse teilt. Wozu soll man diesen Mann bekehren - und was hilft es, wenn man ihm keinen Glauben schenkt? Und wem schließlich nützt der Mantel der Nächstenliebe, den die versammelte Christenschar über diese und andere Sprüche ihrer Oberhirten deckt?

"Alois Mertes, der Staatsminister im Auswärtigen Amt, nahm die kurzen Mißfallensäußerungen bei der Debatte um die Sicherheitspolitik gelassen hin. Niemand wurde aggressiv, schließlich (!) stand dieser Kirchentag im Zeichen des Friedens." (FAZ, 11.6.83)

Leider rannte die "FAZ" mit ihrer eindeutigen Beantwortung der Gewaltfrage bei den

Christlichen Friedensgruppen

offene Türen ein. Der Gegenstand ihrer ganz in violetter Farbe gehaltenen "fünftägigen Dauerdemonstration" war einzig und allein die friedensbewegte Christenschar selbst:

- in ihrem unerschütterlichen Glauben an beide höhere Wesen:

"Es wird gesagt, die Stationierungsfrage ist eine politische Ermessensfrage, die uns niehl betrifft. Wir aber sagen, da ist der Glaube gefragt" (Amd Henze vom Friedensbüro Hannover)

- in ihrer leidenschaftlichen Werbekampagne für den "friedlichen" Gott:

"'Umkehr zum Leben'ist die Losung des Kirchentages. Diese Umkehr ist möglich, weil uns Gott in Jesus Christus vorausgegangen ist und uns immer wieder neu auf seinen Weg ruft. Auch in Zeiten, in denen Ängste wachsen, bleibt er unsere Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit." (Aufruf)

- in ihrer aufdringlichen Bereitschaft zur Anerkennung der Macht unter dem Titel des Glaubens:

"Wir suchen die verbindliche Aussprache mit jedem, der anders denkt, denn wir wollen niemanden ausschließen und sprechen niemandem seinen Glauben ab." (dito)

- in ihrem durch nichts zu beeindruckenden Versöhnungswillen:

"'Gib, daß die Genfer Verhandlungen erfolgreich sind, gib, daß die Friedensbewegung gestärkt. wird, betete der Pfarrer. 'Herr, erbarme Dich', antworteten einhellig Zivildienstleistende und Bundeswehrsoldaten in der Kleefelder Petrikirche." (Neue Presse, 11.6.83)

Leider hat deswegen auch das in die Schlagzeilen gerückte NEIN der christlichen Friedensbewegung -

"Die Zeit ist da für ein Nein ohne jedes Ja zu Massenvernichzungswaffen." -

herzlich wenig zu tun mit einem Einspruch gegen die Raketen im Herbst. In "der Bombe" bzw. in den "Massenvernichtungswaffen" wollen die Tuchträger nicht die Instrumente einer weltweiten Kampagne für den westlichen Frieden sehen, streng genommen noch nicht einmal Menschenwerk, sondern einen Verstoß gegen den göttlichen Schöpfungsauftrag.

Der Träger des Demo-Transparents "Atomwaffen sind Gotteslästerung" und jene Kirchentagsreferentin, die ihre Erfahrung aus faschistischer Zeit in der Entscheidung zusammenfaßte, heutzutage stehe nicht der Widerstand "gegen das Regime, - sondern gegen die Bombe" an, haben jedenfalls ihre Umkehr schon vollzogen; welches kritische Wort in Richtung Bonn sollte man von ihnen denn wohl noch hören? Die lila drapierten Friedenskämpfer in Christo wollen sich gar nicht erst den Anschein eines Widerstandes geben: Als Vorreiter eines besseren Lebens können sie nicht umhin, ihren violetten Protest loszuwerden.

"In dieser Kampagne soll unsere ganze Betroffenheit angesichts von Rüstungswahnsinn, Welthunger und nuklearer Bedrohung, aber auch unsere ganze Lebensfreude, unsere Phantasie und unser JA zu der von Gott geliebten Schöpfung zum Ausdruck kommen." (Aufruf)

Seit dem Hannoveraner Schlußgottesdienst weiß man, daß sich ein Gebet auch auf ein 100 Meter langes Transparent schreiben läßt, und seit Hannover kennt man auch das billigste Angebot, zu dem der Friedenskampf heutzutage zu haben ist. Das Tuch kostet DM 5.-

Das wird zumindest ein farbiger Herbst 1983; und nebenbei haben die Vorbereitungen zum Kirchentag 1985 in Düsseldorf schon begonnen. Die Losung: Gott überlebt alles!

Christliches Friedenstraining in Vorkriegszeiten

Beobachter des Kirchentages legten Wert auf die Feststellung, in den Arbeitsgruppen sei es auch um ganz andere Themen gegangen denn um Frieden. Sie täuschen sich: Denn die Einübung in die christliche Schafsnatur ging auch in den Messehallen vonstatten, in denen das Wort Frieden nicht an der Eingangstür stand. Die Zuschauerfrequenz der im folgenden dokumentierten Veranstaltung bestätigt leider den alten materialistischen Befund, daß der Glaube gerade in "schweren" Zeiten seinen Aufschwung nimmt.

"IN ZUSAMMENHÄNGEN LEBEN - DIE KRAFT DER OHNMACHT ENTDECKEN

Jeder spürt es: Wir leben in Zusammenhängen. Wirtschaft und Umwelt, Frieden und Entwicklung sind nicht mehr voneinander zu trennen. Emerseits erschreckt uns das, denn wir fühlen uns klein und ausgeliefert. Andererseits: liegt darin nicht eine Chance? Denn wenn alles zusammenhängt, können wir es beeinflussen.

Sich die Kehle frei singen

Gesangsorchester Peter Janssens, Telgte

Bibelarbeit in erweiterter Gestalt zu Jona

Einführung in die Jona-Geschichte durch Hans-Eckehard Bahr. Fortführung unter Einbeziehung von Bewegung, Gesprach, Meditation und Musik

Wir können noch viel zusammen machen

Erste Kontakte mit den Initiativ- und Aktionsgruppen der Halle 13

Musik vor dem Essen

Gesangsorchester Peter Janssens, Telgte

Mitgebrachtes teilen

Unter diesem Motto laden wir alle ein, ihren Proviant zum Bestandteil einer gemeinsamen Mahlzeit zu machen, ergänzt durch frisches Wasser und ein Zubrot der Seemannsmission

Erweckung der Müden - Musik mit Texten

Irrwege - Rückwege

Konkretisierung in den Bereichen Wirtschaft, Umwelt, Frieden und Entwicklung. Im Zusammenhang des Tages dargestellt von Reimer Gronemeyer, Witten

Möglichkeiten des Engagements

Erfahrungsaustausch untereinander und mit den Gruppen in der Halle 13

Im Zeichen der Kartoffel - Abendimbiß mit Zutaten

Wo kann ich anknüpfen? - Em festlicher Abend

Aussteiger ein Theaterstück

Es hängt an einem Faden

Wegzehrung

Verflechtungen

Gesamtgestaltung des Tages mit den Initiativ- und Aktionsgruppen

- Artgerechte Nutztierhaltung

- Deutsche Seemannsmission

- Friedensdienste. Kriegsdienstverweigerung Ohne Rüstung leben

- Gemeinschaftsdienst für Arbeitslose

- Gegen Tierversuche

- Partnerschaft Dritte Welt

- Saubere Meeresforschung

- Studenten gegen Fachidiotentum

- Robin Wood

Halle 13, Messegelände

IN ZUSAMMENHANGEN LEBEN - DIE KRAFT DER OHNMACHT ENTDECKEN

Sich die Kehle frei singen

Gesangsorchester Peter Janssens, Telgte

Bibelarbeit in erweiterter Gestalt:

Verlorene Söhne

Einführung in das Gleichnis vom verlorenen Sohn durch Hans-Eckehard Bahr. Fortführung unter Einbeziehung von Bewegung, Gespräch, Meditation und Musik."