FRIEDE DEN FREUNDEN DER FREIHEIT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1982 erschienen.
Systematik: 

CDU-Demo in Bonn, ein Reisebericht
FRIEDE DEN FREUNDEN DER FREIHEIT

"...und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen."

Daß man Feste feiern soll, wie sie fallen, ist eine Volksweisheit, die auf der traurigen Einsicht beruht, daß es sonst wenig zu feiern gibt. Ein Anlaß zur Dankbarkeit war dies bislang allerdings nicht. Das hat sich geändert: Neuerdings sucht sich die Politik ihre Feiertage sehr genau aus und mobilisiert den Dank ans Vaterland, wie es bislang nur einer in Deutschland verstanden hatte:

"Das deutsche Volk... hat ihn wie keinen Staatsmann vor oder nach ihm geliebt. Er schien ihm alles auf einmal zu geben: Enthusiasmus, Mythen, Zlele, das im 'Brückenschlag der Nation' erlebte Gefühl der Einheit, Selbstbewußtsein, Disziplin und die klassenlose Gesellschaft.... Er befriedigte sowohl den Machttglauben wie das Schutzbedürfnis der Nation, während sein Voranstaltungsgenie ihr gleichzeitig schenkte, was sie auch noch wollte: alle Tage Geburtstag feiern." (J. Fest)

Heute konkurrieren Politiker sogar um nationale Gedenktage wie den 17. Juni (bzw. um dessen sinnvollste Gestaltung), und die großen Parteien setzen anläßlich des Besuchs des amerikanischen Präsidenten in der Bundesrepublik gleich mehrere Termine an, an denen das deutsch-amerikanische Bündnis gegen den Feind im Osten bejubelt werden darf. Die CDU hatte diesmal die Nase vom und schon zum 5. Juni '82 nach Bonn geladen, was andererseits der SPD gestattete, in der folgenden Woche die deutschen Massen am Bildschirm mitfiebern zu lassen, ob jemand den Besuch stören - würde, der ihnen nun, von ihrer eigenen Präsenz gesäubert, als reine Staatsfeier geboten werden konnte. So großzügig war der Führer vor 40 Jahren nicht, und auch das Programmangebot der SED-Führer an ihre zum Jubeln bestellten Bürger hält sich da in Grenzen. - Mit blindem, daher gefährlichem "Hurra-Patriotismus" haben die staatlich inszenierten Festlichkeiten zur Ehre der Nation also weder im Osten noch im Westen etwas zu tun: Schließlich befehlen die Politiker, die Völker folgen. An dem dem nationalen Anlaß entsprechenden Eifer werden sie es aus diesem Grund schon nicht fehlen lassen. Wie das geht, konnte ein Genosse als Begleiter der großen CDU-Sternfahrt zur Bonner Hofgartenschau der "guten Deutschen" studieren. Hier sein Bericht.

Ein Tag mit der CDU

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Die von der CDU gecharterten Omnibusse stehen auf dem Bahnhofsvorplatz in Bremen versammelt, behängt mit Demonstrationsplakaten und Kohl-Porträts. Gegen sechs Uhr morgens treffen die ersten Demonstranten ein. Eine halbe Stunde später haben sich etwa 250 bis 300 Leute eingefunden, offenbar viel weniger, als die CDU erwartet hat, denn von den elf bereitstehenden Bussen fahren nur sechs nach Bonn, keiner voll besetzt. (Die CDU spricht am nächsten Tag von 1.500 Teilnehmern.)

Die Leute kennen sich; man begrüßt sich mit Handschlag. Der eine oder andere wird vermißt. Wo man sich doch selber aufgerafft hat - und das bei der Hitze -, auf Freizeit zu verzichten. Prognosen laufen um, daß wahrscheinlich viel weniger kommen werden als erhofft, auf jeden Fall aber weniger als zur Demo der Friedensbewegung am 10.6. Es will keine rechte Stimmung aufkommen. Nach der Autobahnauffahrt ergreift ein älterer Herr das Mikrophon:

"Ich begrüße Sie im Namen der CDU zum heutigen Tage. Mein Name ist Hustmann vom CDU-Ortsverband Wümme. Wir werden sicher in Bonn unser aller Anliegen so ausdrücken, daß dies in der nächsten Zeit ein bleibender Eindruck sein wird. Ich wünsche Ihnen, daß Sie auch später in diesem Sinne weiterwirken. Es ist dafür Sorge getragen, daß bei unserer Großveranstaltung auch Abwechslung geboten ist. Es gibt Spielmannszüge, um die Zeit abzukürzen. Unser Bus wird direkt nach Bonn durchfahren. Was die sanitären Verhältnisse angeht, so werden wir versuchen, den letzten Rastplatz vor Bonn anzusteuern."

Die Busbelegschaft klatscht Beifall. Schwarz-rot-goldene CDU-Plaketten werden ausgeteilt und beflissen aufs Hemd geklebt. Bald ist mir klar, daß ich der einzige Unorganisierte in diesem Bus bin.

Etwas später treffen wir verspätet beim Sammelplatz in Bonn ein. Der Großteil der Demonstranten ist bereits abmarschiert. Die Mannschaft aus Bremen wird zusammen mit den ebenfalls gerade eingetroffenen Vereinen aus Lüneburg und Kleinbittersdorf-Saar zum Kundgebungsplatz abgeführt. Daß Polizei bereit steht, wird etwas verwundert registriert; um so wichtiger ist es offenbar für die Demonstranten, sie freundlich zu begrüßen. Ansonsten unterhält man sich über die unterschiedlichen Benzinpreise in Bonn und Lüneburg.

Der Trupp kommt gerade in dem Augenblick zum Kundgebungsplatz, als Geißler in seiner Begrüßungsrede stolz den Satz ins Mikrophon brüllt:

"So sieht eine friedliche Demonstration aus."

Der vordere Teil des Hofgartens ist gefüllt mit weißen Transparenten, amerikanischen und schwarn-rot-goldenen Fahnen. Schwarz-rot-gold sieht man auf jedem Hemd und auf jeder Bluse. Alte Weiber tragen Papphüte wie bei Parteikongressen der Republikaner in den USA. Bildtafeln mit Reagan zu Pferd und Reagan im Porträt werden von schwarz-rot-golden beklebten CDUlern herumgetragen. Zwischen den Parolen zur Freundschaft mit den USA, zu Afghanistan, für die NATO, immer wieder: Frieden in Freiheit, Frieden durch Freiheit, Frieden braucht Freiheit, Frieden und Freiheit.

Auf dem Podium spielt inzwischen der Showmaster Rosenthal Conferencier. Er sagt, daß er eigentlich beim Fernsehen in der Unterhaltung tätig sei, wo keine Politik gemacht werde. Dennoch habe er nicht umhin können, bei diesem schönen Ereignis mitzumachen. Ein wundervolles Erlebnis habe er anzukündigen, es sei nämlich gelungen, einen ganz seltenen Gast aus den USA herzubringen:

"Sie liebt französische Küche, italienischen Salat und machtvolle deutsche Friedensdemonstrationen --- Julia Migenes."

(riesiger Beifall)

Sie erzählt zunächst, daß Musik keine Politik kenne und sie eine lange Reise hinter sich habe, um von Frieden und Freiheit singen zu können. Danach schmettert sie ein paar amerikanische Gassenhauer in die Lautsprecher.

Dann kommen die bestellten Co-Redner aus dem Volk zu Wort, die alle überzeugend die Parole "Frieden in Freiheit" auf die Abteilung anwenden, die sie jeweils vertreten.

Eine Auswahl:

Die Vertreterin der Jugend, eine Abiturientin ("gestern Abitur gemacht" - Beifall) stellt die Frage, warum in Europa ein Gespenst umgeht - "das Gespenst der Angst", an dessen Auftreten die Politiker nicht ganz schuldlos seien. Deshalb schließt sie mit einem Appell an die Freiheit der Politiker:

"Ich rufe den Politikem zu, seien Sie nicht zimperlich. Gerade wir Jungen tragen sonst doch auch Konflikte aus. Z.B. in der Familie, um kleine Freiheiten durchzusetzen. Da geben wir doch auch nicht um des lieben Friedeas willen nach. Wir sollten erst nicht, wenn es um die große Freiheit geht, den Mut zu Konflikten haben."

Eine Frau Prof. Höhler aus Paderborn gibt in ihrer drögen Art den pädagogischen Segen:

"Die Jugend braucht Raum für eigene Leistung. Sie braucht echte Autorität, keine schulterklopfende Partnerschaft. Für letzteres hat die Jugend nur Verachtung übrig. Wir müssen der Jugend Werte und Sinn geben, dann ist sie stark und zu großen Leistungen fähig. Die Träume und Phantasie der Jugend können dann sehr nützlich sein. Denn friedensfähig ist nur der Realist und nicht der Träumer. Auch die Spielräume der Freiheit haben ihre Grenzen. Wer hier Spielverderber ist, bringt Verderben."

Das Publikum ist geduldig und dankbar für jedes Stichwort, das ohne Umschweife ausdrückt, was hier und heute Sache ist. Begeisterte Zustimmung als ein Hoesch-Betriebsrat die Parole ausgibt:

"Gegen Chaoten und Randalierer, dagegen werden die deutschen Arbeiter sich zur Wehr setzen. Hier sind wir gegen die Arbeitsteilung, die heißt, die einen arbeiten und die anderen demonstrieren."

Die Kundgebungsteilnehmer fühlen sich offenbar als das bessere Deutschland, das sich dank ihrer Anwesenheit manifestiert. Mittlerweile ist man sich nämlich sicher, daß die Friedensbewegung nie und nimmer so viele Leute mobilisieren kann, und wenn doch, ist das auch nicht weiter schlimm, "weil die Demo am 10.6. von mehr als 100 Organisationen veranstaltet wird, die CDU aber nur eine Organisation ist".

Zufrieden nimmt man die eigene Präsenz für die Masse der "guten Deutschen" zur Kenntnis und schaut sich nach Exemplaren um, die diese Eigenschaft besonders gelungen verkörpern. Ein paar Schritte weiter steht der CDU-Oberbürgermeister Rommel aus Stuttgart mitten und volkstümlich unter dem Parteivolk, eine überdimensionale schwarz-rot-goldene Papierblume am Revers. Getreu seinem liberalen Standpunkt, daß ein Politiker bei den Bürgern zu sein hat, wenn diese ihre Politiker fordern, läßt er sich andachtig beglotzen, die Hand schütteln und Autogramme abbetteln. - Ein Pfeifkonzert wird nur einmal angestimmt, als ein Flugzeug mit einer Parole im Schlepptau erscheint. "Sonne statt Reagan" heißt der Spruch am Himmel. Unten auf dem Platz wird kurze Zeit später ein Spruchband durch die Menge getragen: "Sonne und Reagan". Die Massen sind begeistert. Zwei Kundgebungsteilnehmer neben mir sind sehr verärgert über den Vorfall. Sie befürchten, daß das Flugzeug mit dem Spruchband in den abendlichen CBS-News in den USA vorkommen könnte.

Dabei ist der politische Star des Tages, Helmut Kohl, gerade dabei, die Höhepunkte der Veranstaltung zu setzen (minutenlange Jubelrufe: "Helmut, Helmut"):

"Der Unterschied zwischen Leipzig und Bonn ist, hierzulande kann jeder sein Transparent hochhalten. Das ist Freiheit, das ist Frieden, das ist Demokratie."

- Aber natürlich hatte er die Transparente seiner Veranstaltung gemeint, und die werden ja auch nicht hochgehalten, um "hierzulande" die Freiheit zu dokumentieren, wo sie so selbstverständlich ist, sondern um denen "drüben" den Anspruch des freien Westens aufzumachen - ganz rechtmäßig und ohne Hetze:

"Bei uns gibt es keine Revanchisten und Militaristen. Unser Volk will Frieden in Freiheit, um selbst seinen Weg bestimmen zu können. Wir sind die einzige, gemeinsame, große Friedensbeweeung." Aus Zehntausenden von Kehlen ertönt zum Abschluß das Deutschlandlied, zu dem die Menschen aufstehen und ihre Sonnenmützchen absetzen.

Dann geht's zurück zum Bus. "Eine runde Sache", ist das einhellige Urteil. Obwohl die Hitze im Bus am Nachmittag ziemlich drückend ist, das Parteivolk ist überaus fröhlich gestimmt. Jung-Unionisten singen Wanderlieder, dazwischen lassen sie die Nationalhymne nachklingen. Faschistische deutsche Soldatenlieder aus dem spanischen Bürgerkrieg reihen sich nahtlos an. Ein etwa zehnjähriger Junge, der auf der Hinfahrt noch etwas verschüchtert im Bus saß, wird von der Stimmung angesteckt und plärrt: "Adenauer, Adenauer, auf der Mauer auf der Lauer, mit dem Messer in der Hand, wartet er auf Willy Brandt."

Seine Eltern amüsieren sich köstlich.