FORTSCHRITTS-GLAUBE

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1980 erschienen.

Küngs "Ökumenische Theologie"
FORTSCHRITTS-GLAUBE

Professor Hans Küng, infolge des erwarteten Weggangs seines Freundes und Bruders im Geiste, Walter Jens, nach Hamburg Solo-Star in der Tübinger Sinn-Szene, darf seit Beginn dieses Semesters als "fakultätsunabhängiger" Frei-Geist seine sattsam bekannten Einfälle zu Kirche, Papst, Gott und Welt als "studium generale" präsentieren. Die Adressaten, von Haus aus mit einem ziemlich unausrottbaren Faible für die "letzten (tja...) Fragen der Menschheit" ausgestattet, danken ihm dies Unterfangen haufenweis': bis zu 1500 Studenten und sonstige Geisthänger strömen in den Fest(!)-Saal um zu hören, was dieser fortschrittliche Mann Gottes in seinem Vorlesungszyklus: "Ökumenische Theologie" zu bieten hat. Und das ist wahrlich allerhand:

Schon wieder: Küng wagt seinen Hals

Damit gleich jeder wußte, worum's geht - schließlich ist die "Orientierungslosigkeit" das Hauptübel in der heutigen Welt -, zog Küng als erstes seinen gewohnten und nach wie vor publikumswirksamen Standard-Knüller ab: Die Verfolgung und Unterdrückung des kritischen Kirchenfreundes Hans Küng dargestellt von ihm selber unter Anleitung von Herrn Jesus von Nazareth; welchselbiges Drama er mit der Feststellung einleitete: "Ökumenische Theologie - ein waghalsiges Unternehmen?" Ist doch gar keine Frage! Kaum hat er, wie man weiß, mit seinen kritischen Anfragen und sonstigen Quengeleien so erfolgreich seinen Hals gewagt, daß er wohldotiert weiterquengeln darf, wagt er schon wieder... wieviel Hälse hat der Mann eigentlich?

Wenn man's recht bedenkt, sind so betrachtet die Christen beider Fraktionen überhaupt ein ungeheuer mutiges Volk: Bekanntlich sind sie ja alle (einschließlich Papst) mehr oder weniger für Ökumene. Was natürlich nicht heißt, sie würden nicht mehr darauf insistieren, daß ihre Variante, gläubig zu sein, die einzig richtige Tour ist - man anerkennt sich halt als Gläubige, demonstriert also Toleranz, was eben schon einschließt, daß man auf dem jeweils eigenen Schmarrn besteht. Und daß der Küng die Sache im Prinzip auch so sieht, hat er unlängst vor den Amis, mit denen er auch sein studium generale durchzog ("Zu Tausenden strömten Amerikaner, Gläubige und religiöse Zweifler, zu den Veranstaltungen"...), bekräftigt: "Er habe keinen Zweifel daran gelassen, daß er in der katholischen Kirche zu bleiben beabsichtige..."

Der Papst: ein Stalinist?

Um seinen Mut im Kampf für die Ökumene im rechten Licht erscheinen zu lassen, muß er schon ein paar gar nicht unwesentliche Veränderungen an der Realität vornehmen. Er bastelt sich einen Kirchenstaat zurecht, der es mit seiner ganz real vorgestellten Macht ständig darauf abgesehen hat, die Ökumene zu boykottieren und Leute wie ihn, und d.h. hauptsächlich ihn zu unterdrücken: Als Auftakt zu seiner "Kritik am Papst kriecht er ihm erstmal kräftig in den Arsch, damit klargestellt ist, wie sie gemeint ist, "durchaus konstruktiv" nämlich:

"Nicht zu leugnen der persönliche Charme, eine Faszination und Publikumswirksamkeit, die an Pius IX., Pius X. und Pius XII. erinnern; nicht zu tadeln die betonte Weltoffenheit, Sportlichkeit, auch Betriebsamkeit, gar Reisefreudigkeit des Papstes, voll zu bejahen selbstverständlich alle die sozialen und humanitären Appelle an die Erste, Zweite und Dritte Welt für Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit, Menschenwürde."

Einfach begeisternd, dieser Mann; aber - und jetzt wird's hart:

"Aber in all dem doch, zum Bedauern vieler, ein eklatanter Unterschied zwischen einer zumindest im Sozialen fortschrittlichen Außenpolitik (?!) und einer - theologisch wie praktisch - rückschrittlichen Innenpolitik (?!). Zweifellos hat unter diesem Papst, der von seiner polnischen Heimat her bestimmte Überzeugungen und ein bestimmtes Modell von Einheitskirche zu übertragen scheint, innerkirchlich eine Epoche der Restauration begonnen, die ökumenisch verheerende Auswirkungen haben kann."

Keiner hat bis jetzt gemerkt, daß sich die Kirche - bei aller Nützlichkeit, die es für den Westen hat, daß der Papst ein Polacke ist - damit einen Bärendienst erwiesen hat: Da braucht's schon das pfiffige Pfäffchen aus der Schweiz, das nachweist, daß dieser Vizegott auf Erden - zumindest nach innen - ein heimlicher Stalinist ist, der "Menschenrechte in der Welt predigt und in der Kirche unterdrückt." So kann man auch sagen, daß man dafür ist, daß die höchst eigene professorale Meinung in der Kirche endlich gebührend gewürdigt wird.

Aber es kommt noch schlimmer: "Und während der Papst reist, regiert in Rom die Kurie." Die veranstalteten "Geheim- und Scheinsynoden" verfolgen überhaupt "eine Linie der Repression", so daß das Resultat unvermeidlich ist: "Angst und Schweigen breiten sich aus, und nur noch Mutige protestieren." Die Angst vor der Kurie in Rom soll ja unter der Menschheit mittlerweile so verbreitet sein, daß die Millionen beim letzten Papstbesuch nur mit größter Mühe vom Schweigen abzubringen waren.

Wer hier mutig protestiert, ist mittlerweile ja klar, und warum auch: Wenn die ihn mit-synodeln ließen, wäre der ganze kritische Zauber augenblicklich vorbei.

So geht er halt weiter, und damit er so richtig ans Laufen kommt, macht der kämpferische Hans eine zweite Front auf: Auch evangelische Oberpfaffen sind nicht gescheit für die Ökumene und lassen sich von ihren Konkurrenten einmachen:

"Der Eindruck drängt sich auf: Protestantische Bischöfe überlassen das Protestieren heutzutage lieber kritischen Katholiken."

Ist ja auch ein unbestrittener Sachverhalt, daß die Protestanten eigentlich alte Protestler sind und nichts anderes im Sinn haben, als eine Demo nach der anderen "gegen Repression und Verletzung der Menschenrechte in der katholischen Kirche" durchzuziehen, wenn ihre Führung sie nur ließe. In seiner Demonstration toleranter Aufgeschlossenheit sprengt Küng lässig die "verkrustete"' Abgrenzung beider Glaubensvereine und präsentiert sich als protestantischster Protestant und katholischster Katholik ("Rom sei paradoxerweise unter einem polnischen Papst römischer geworden. Sie, Küngs Theologie, aber sei katholisch geblieben") zugleich; was kein Widerspruch nicht ist, weil er beides ist - in "dialektischer Einheit" versteht sich.

Um schließlich seinem "Kampf" für eine Sache, gegen die niemand was hat (weshalb er sich sein Recht darauf eben auf die geschilderte Art und Weise ganz exkulusiv reserviert hat), die ganze Wucht weltweiter Bedeutung zu verleihen, ist der aufrechte Hans unverschämt genug, das Elend in der Welt zu bemühen:

"Und dies alles in empfindlichem Kontrast zum ökumenischen Bewußtsein an der Basis, wo man es weiterhin als anachronistisch empfindet, noch immer in getrennten Kirchen sich gegenseitig zu 'ex-kommunizieren' - statt zu kommunizieren - und dies angesichts der ungeheuren ökonomisch-politisch-sozialen Nöte der Ersten, Zweiten und vor allem Dritten Welt."

Wie man we iß, verschwände ja auch die Not in der Welt mit einem Schlag, wenn sich die Kath- und Evangelen endlich friedlich zusammensetzten und so manches freundliche Wort des Verständnisses füreinander austauschten.

Und würde der Stellvertreter Gottes auf Erden - wie es sich in einer aufgeklärten Welt eigentlich gehören tät' - endlich basis-demokratisch gewählt, statt von finsteren elitären Kuttenmännern in Rom ausgemauschelt zu werden - der Tübinger Theologe hätte ohne Zweifel ernsthafte Chancen, als ökumenischer Alternativ-Papst Johannes Küng I. in die Geschichte einzugehen.

Diesem Mann liegt die Glaubensfreiheit, die Freiheit also, seinen Geist ganz selbstständig aufgeben zu dürfen, so sehr am Herzen, daß er sich so manchen Zwang ausdenkt - "Repression" geheißen - und glatt leugnet, daß die Zeiten des "cuius regio, eius religio" doch irgendwie vorbei sind, und ihn und andere keine Sau auf der Welt daran hindern kann, aus seinem Verein auszutreten. Aber er will ja drin bleiben und entdeckt - urdemokratischer Erzkatholik, der er ist - in der Hierarchie der Kirche und der "Nicht-Hinterfragbarkeit" der Dogmen ein überflüssiges Hindernis für ihren und seinen Zweck. Weshalb Küng seinen Oberhirten mit der ihm eigenen Radikalität "im brüderlichen Geist der Versöhnung" und so freundlichst darauf aufmerksam macht, daß es doch vielleicht der gemeinsamen Sache recht dienlich wäre, wenn dieser sich entschließen könnte, die Dogmen - keinesweg zu suspendieren; da sei Gott vor! vielmehr - für (s)eine geistreiche Neubegründung freizugeben.

Dogmen: Pflöcke im Chaos

Weil Küng es für den Glauben gar nicht förderlich erachtet, daß die Kirche von ihren Schafen den Glauben an die Dogmen einfach verlangt, bietet er das ganze Repertoire seines beschränkten Geists auf, um die Menschheit davon zu überzeugen, daß sich in der Welt durchaus kein Grund findet, nicht daran zu glauben, im Gegenteil: Die Welt schreit nachgerade nach nichts anderem als nach "Deutung" durch die Theologie - und es wäre unverzeihlich, den Lesern vorzuenthalten, was ein moderner Theolog aus der Welt machen muß, um ihr dieses Bedürfnis anzuhängen:

"Horizont einer neuen Theologie kann nur unsere eigene historische Welt sein und die Erfahrungen unserer Welt. Der Horizont hat Wirklichkeit zu sein. Wirklichkeit ist per definitionem allumfassend, umgreifend, ein vielschichtiger, vieldimensionaler Begriff... Wirklichkeit ist die Welt und das ist der Makrokosmos und der Mikrokosmos mit all den Abgründen, mit all den Wunden und Schrecken, dem realen Elend und der Not, mit dem Kampf ums Dasein von Tier und Mensch; das ist die Welt in ihrer Ambivalenz... Wirklichkeit, das sind besonders die Menschen, die Rassen, die Familien, die Nächsten, alle die miteingeschlossen, die uns die Welt zur Hölle machen (J. P. Sartre); das bin auch ich, der kein Idealmensch ist mit all dem, was C. G. Jung die Schatten nennt, was ich von mir denke, zu dem ich gemacht wurde. Heute wird dem modernen Menschen die Selbstannahme zum Problem. Theologie beschäftigt sich mit all diesem, sie schafft keine Wirklichkeit, sondern deutet sie, das ist die Erfüllung ihres Sinns. Und nur solche Theologie, die sich kritischer Prüfung verpflichtet weiß, hat Platz an der Universität." Entzug der Lehrerlaubnis für alle Nicht-Küngs?

Die Welt - eine komplexe Vor-Hölle, in der's ohne theologische Deutung drunter und drüber geht: So macht sich dieser Methodiker der Irrationalität die Irrationalität der anderen Wissenschaften (Erstes Gebot: Die Welt ist saumäßig vielschichtig) zunutze und bietet dem versammelten Publikum, das die Welt so ähnlich sieht, die Theologie als den fundamentalen Ausweg aus der "Sinnkrise", die die Menschheit befallen haben soll, an. Daß dafür "die kirchlichen Dogmen... keineswegs nötig sind" - wenn man auch vielleicht nicht so wie die Amtskirche drauf rumreiten und sie eher mal ganz modern und aufgeschlossen "Werte, Normen und Maßstäbe" nennen sollte - macht dieser Professor der Theo-Logie an folgender feinsinniger Dialektik von Pflock und Straße klar:

"Bei einer verschneiten Straße geben die Wegpflöcke die Straße an, doch in den Boden gerammt werden sie erst dann, wenn die Straße schon besteht."

Merke: Ramm' dir die Dogmen erst dann ins Hirn, wenn du schon an sie glaubst, denn dann weißt du, warum du daran glaubst, und wirst nie vom rechten Weg abkommen. Und so durfte das Publikum heimgehen in der Gewißheit, einer bedeutenden Veranstaltung beigewohnt zu haben, in der ihm der Professor ein Licht aufstecken wollte über den durchaus irdischen Sinn des höchsten Sinns: Wer um die Nützlichkeit des Glaubens ans Jenseits fürs Diesseits weiß, darf sich fürderhin ohne rot zu werden mit dem Ehrentitel schmücken, ein intellektueller Gläubiger bzw. gläubiger Intellektueller zu sein.

Ökumene ökonomisch

Daß ein derartig geistreicher und aufgeschlossener Theologie-Professor prima als Festredner taugt, ist auch den Verantwortlichen der "Industrie- und Handelskammer Reutlingen" aufgefallen. Als Verzierung des Festakts zum 125jährigen Bestehens derselben durfte er vor 600 altangestammten schwäbischen Kapitalhirnen und sonstigen "Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft" seinen üblichen Sermon ablassen und sich darin sonnen, einer so wichtigen Versammlung mit seinem Geist dienstbar sein zu können. Allerdings vergaß er nicht, angemessen auf sein Publikum einzugehen: Selbige seien - wie alle anderen "gesellschaftlichen Gruppen" auch, wann immer Küng zu ihnen spricht - ganz besonders verantwortlich für höhere Ziele wie etwa "die Menschwerdung des Menschen" und ebenso - weil wichtig - ganz besonders zuständig für die Überwindung der "geistigen" Krise. Dafür dürften sie allerdings nicht "nur an den Markt glauben" - aber wer tut das schon? Weshalb ihnen Küng schließlich folgende "tröstliche Antwort mit auf den Weg zum anschließenden Empfang und Umtrunk" gab:

"Auch Sie dürfen an Gott glauben! Denn der es begriffen hat, der weiß: Das ist kein Sollen im Sinn verdammter Pflicht und Schuldigkeit, das ist ein Dürfen im Sinn großer Chance und großer Freiheit."

Und die muß man doch einfach wahrnehmen, nicht wahr?