FORTSCHRITTE DER US-ARBEITERBEWEGUNG

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1982 erschienen.
Systematik: 

FORTSCHRITTE DER US-ARBEITERBEWEGUNG

Die United Auto Workers (UAW) haben sich immer als die Avantgarde der US-Gewerkschaftsbewegung betrachtet; bei der die Interessen der Arbeiter sauber und konsequent aufgehoben sind. So trat diese Gewerkschaft, deren Mitglieder größtenteils bei den 3 Autokonzernen GM, Ford und Chrysler arbeiten, aus dem Dachverband AFL/CIO aus wegen der notorischen Korruption bei einzelnen Mitgliedgewerkschaften und wegen der Verflochtenheit des Gesamtverbands mit Big Business und dem politischen Establishment in Washington. Sauber ist die UAW auch unter der Führung von Douglas A. Fraser geblieben: Dessen Deal mit Chrysler, ihn für eine Lohnsenkung von 203 Mio. Dollar in den Aufsichtsrat wählen zu lassen, wurde in einer korrekten Abstimmung von der Basis bestätigt. Auch Avantgarde bleiben die UAW: Als erste Gewerkschaft in den USA verhandelt sie dieses Jahr erfolgreich um massive Lohnsenkungen, langfristigen Lohnverzicht und gravierende Beschränkungen gewerkschaftlicher Rechte im Betrieb. Auf die Rechnung der Automobilkapitalisten, daß die Lohnkosten pro Stunde beim US-Autoarbeiter um 8-10 Dollar über denen seines japanischen Kollegen liegen, weshalb sich die US-Automobilindustrie "leider gezwungen" sähe, ganze Fabriken stillzulegen bzw. wesentliche Teile der Produktion ins Ausland, vorzugsweise Mexiko, zu verlagern, konterten die UAW mit einem Angebot, das zunächst Chrysler, dann GM und vor kurzen auch Ford unmöglich ablehnen konnten:

  • Tarifverträge mit. 0%-Lohnerhöhung mit einer Laufzeit von 2-3 Jahren
  • Streichung von 9-21 arbeitsfreien Tagen pro Jahr,
  • umfassende Konzessionen bei den work rules. Das sind betriebsspezifische Manteltarifverträge, in denen festgelegt ist, wer welche Tätigkeiten ausführen darf/muß, wer zuerst entlassen oder befördert wird usw.,
  • Kollaboration im Kampf gegen den "Absentismus" (wer bei GM künftig mehr als 25% seiner Arbeitszeit fehlt, wird massive Lohnkürzungen hinnehmen müssen,
  • Zustimmung zur Durchbrechung des closed-shop-Systems: GM z.B. darf ab sofort Arbeiter zu niedrigeren Löhnen einstellen, als die bereits beschäftigten Arbeiter erhalten.

Allein bei GM rechnen die Unternehmer aus, daß ihnen das zwischen 2-3 Milliarden Dollar während der Laufzeit des 31-Monate-Tarifvertrags einbringt. Was kriegen die UAW dafür:

  • GM verspricht, die Autopreise zu senken,
  • GM kündigt an, sich künftig jede Entlassung dreimal zu überlegen,
  • GM verheißt eine Prämie für den Fall, daß seine Profite 15% des angelegten Kapitals übersteigen (wobei es netterweise gleich ankündigt, daß auch die nächsten 31 Monate nur Verluste rausschauen werden!).

Vorläufiges Fazit: Die Automobilkapitalisten kriegen ein Geschenk ihrer Arbeiter, diese weniger als nichts; sie werden sich einschränken müssen. Bleibt nur noch offen, was für die Gewerkschaft dabei herausspringt. Eine ganze Menge:

  • Bei einem arbeitslosen Mitgliederanteil von 25% droht ihr die "finanzielle Auszehrung". Die Gewerkschaft argumentiert hier wie der deutsche Sozialstaat, dem auch immer seine Einnahmen zu gering und die Ausgaben zu hoch sind. Die Aussicht, daß das Kapital zu günstigeren Preisen bereit ist, UAW-Mitglieder anzuwenden, verheißt eine Konsolidierung der Gewerkschaftskasse.
  • Die Aufnahme Frasers in den Chrysler-Aufsichtsrat kündigt nach Frasers eigener Einschätzung "ein Ende der Gegnerschaft" zwischen Kapital und Arbeit an und läutet eine Ära "wechselseitigen Respekts" ein.

In der Tat wirkten die Abschlüsse der UAW bahnbrechend: Die Stahl- und Gummiindustrien warten bereits auf ähnliche Vorschläge ihrer zuständigen Gewerkschaften und die UAW plant den Wiedereintritt in die AFL/CIO, deren Chef Lane Kirkland den Kollegen Fraser als "großen amerikanischen Arbeiterführer" gelobt hat.