FLIEGER RUST AUF DEM ROTEN PLATZ

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Dieser Artikel ist in der MSZ 10-1987 erschienen.
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Wovon Napoleon träumte, Was Hitler nicht gelang -
FLIEGER RUST AUF DEM ROTEN PLATZ

Da macht sich ein 19-jähriger Hobbyflieger aus Wedel in Holstein Ende Mai zu einer Lufttour auf, besucht Reykjavik, kurvt über Norwegen und Schweden nach Helsinki und beschließt von dort aus die illegale Einreise in die Sowjetunion. Am 28. Mai gegen 19.00 Uhr wird sein Flieger beim Kurvendrehen über dem Roten Platz in Moskau gesichtet, offenbar in der reichlich irrsinnigen Absicht, genau dort - trotz hohen Menschen- und Verkehrsaufkommens und ohne alle Not - ein Landemanöver abzuziehen. Mit viel Schwein bringt er dann auch seine Flugkiste vor der Basilius-Kathedrale zum Stehen, steigt aus und - verteilt schon vorgefertigte Autogramme.

Ein Verrückter mit Amokambitionen?

Nichts dergleichen!

Wie die gesamte freie Presse der westlichen Welt am nächsten Tag in nicht zu bremsender Euphorie und in gewohnt dogmatischer Einhelligkeit weiß, handelt es sich um einen Helden, einen "Teufelskerl", einen "deutschen Husaren", der in die ruhmreiche Tradition deutscher Kampfflieger wie des "roten Barons" von Richthofen gehört.

Außenminister Genscher läßt die Presse wissen, daß er sich über den Coup von "Kreml-Rusty" schier "kaputtgelacht" hat, und prompt wird demoskopisch ermittelt, daß 79% der Bundesbürger astrein mitgelacht haben. Worüber eigentlich?

Die von Deutschland-West ausgehende und NATO-gerecht sich ausbreitende Zwerchfellerschütterung gilt der

Bestätigung des feststehenden Feindbilds

- zur Abwechslung mal in Papiertiger-Form. "Hamburger Kreml-Flieger - Russen-Abwehr blau - Gorbatschow tobt" bringt ein Massenblatt den Grund der Freude auf den Begriff. Daß die als waffenstarrend und schießwütig bekanntgemachte Sowjetunion die Verletzung ihres Luftraums nicht mit einem gezielten Abschuß belohnt hat, wird ihr als Blamage dem, der sich "über alle, aber auch alle Regeln der internationalen Luftfahrt hinwegsetzte", als "tollkühner Lausbubenstreich" angerechnet. Die mit der Entlassung des Verteidigungsministers und des Luftabwehrchefs gezeigte Reaktion der sowjetischen Staatsführung steigert noch das nationalistische Hochgefühl, das nur die Form der Häme kennt: "Jux-Pilot stürzt Moskau in die Krise". Der "tolle Mathias mit seiner fliegenden Kiste" trickst nicht nur die aberwitzig überrüstete Luftabwehr der Russen aus, er schafft's auch, ins "Sanktuarium" des Weltkommunismus einzudringen und säbelt dabei maßgerecht (mindestens!) zwei rote Kommißköpfe ab.

Schadenfroh wird sich in Leitartikeln aller meinungsbildenden Organe um die Funktionstüchtigkeit des sowjetischen Militärapparates gesorgt, der sich "sündhaft teuer" und "technologisch überzüchtet" nicht einmal eines Propellermaschinchens erwehren kann. Was - so spekuliert ganz frei das "linke" Kampfblatt "Spiegel" -, wenn Rust einen Bombenwurf aufs "Kreml-Heim" des russischen Parteichefs vorgehabt hätte? Immerhin, Gorbatschow hätte nochmal Glück gehabt - er war gerade zu Besuch bei Honecker.

Überhaupt kann selbiger Gorbatschow "unserem Mathias" nur dankbar sein - eruieren auch die Herren von der hiesigen feinen Presse, die das Feindbild gern "nachdenklich" polieren. Eigentlich nämlich - so "Zeit"-Leitartikler Theo Sommer - "verdient Rust dafür einen hohen sowjetischen Orden", daß er dem Russenstaat Gelegenheit gab, "die Scharten auszuwetzen", die sein "ungehinderter Abenteuerflug aller Welt sichtbar gemacht hat". Bleibt nur abzuwarten, daß die Herren in Moskau jetzt endlich Schluß machen "mit jener tumben Tonnenideologie, nach der die Kreml-Marschälle bisher immer mehr Waffen und Kriegsgerät in ihren Zeughäusern anhäuften" (ebd.). Schließlich hat doch eine einzige deutsche Cessna - die gut und gern auch eine Cruise missile hätte sein können - genügt, um sie des Rüstungswahns, der vor gar nichts schützt, zu überführen. Überlegen nämlich ist der Westen allemal - wie in diesem Glücksfall so schön zivil an der "Pfiffigkeit" und dem "Wagemut" einer "Einmann-Invasion" ganz ohne offiziellen Marschbefehl bewiesen wird.

"Nix Konspiration. Einzelleistung" höhnt da "Bild" gen Osten, dessen Politiker bei soviel westlicher Gleichlauthetze auf den Verdacht einer von "Hintermännern" gesteuerten Aktion verfallen.

Mag ja sein, daß der deutsche Fliegerdepp seine Sponsoren hatte (im nachhinein hat er sie bestimmt); die einhellige Begeisterung, die er mit seiner Tat bei freiheitlichen Nationalisten auslöst, ist jedenfalls deren Eigenleistung. Ihre Propaganda verdankt sich der Gewißheit, daß es das Ostsystem gar nicht bringen kann, wo doch die eigenen Herrschaften dagegen eine ganze NATO in Anschlag bringen. Zur Bestätigung des feststehenden Resultats ihres Systemvergleichs ist ihnen kein Beweis zu blöde. So auch der, daß die - russischen Ordnungskräfte mit Rauchverboten auf dem Roten Platz zwar nach wie vor den Freiheitsdurst ihrer Bürger unterdrücken, wenn aber einmal ein westlicher Zeitgeist ("Frechheit, die auch Charme besitzt", Tempo) in ihr modriges Heiligtum einfliegt, einfach keine passenden Handschellen finden können:

"Über eine Stunde hat es laut Augenzeugen gedauert, ehe es der Weltmacht UdSSR gliückte, ein dem Anlaß entsprechend würdiges Empfangskomite zusammenzustellen" (Stern).

Da nützt es den Sowjets auch gar nichts, daß sie fast spiegelbildlich zu den unverbrüchlichen Urteilen westlicher Feindbild-Propaganda praktische Dementis inszenieren.

- Wo die russischen Behörden offenkundig bemüht sind, den zur politischen Provokation hochgeputschten Fall Rust als juristische Angelegenheit zu behandeln, um die "zwischenstaatlichen Beziehungen nicht zu belasten" (Falin), und eine zeitlich terminierte Voruntersuchung bekanntgeben, da enttarnen dies hier ansässige Russenkenner als ganz aussichtslosen Taschenspielertrick, weil "die tiefen Wunden", die Mathias "in den Stolz und das Selbstverständnis des gesamten Militärapparates der UdSSR geschlagen" hat, durch keine rechtsübliche Behandlung zu heilen sind. Wie wär's also mit

Rust als Gastgeschenk für unseren Bundespräsidenten?

Da ließe sich noch einmal schön in den Wunden stochern, und russische Koexistenzler müßten sich nicht weiter vorwerfen, ihrem Ideal von der internationalen Staatenharmonie schweren Schaden zuzufügen.

- Wo Moskau der geifernden Westjournaille bereitwillig das Gefängnis bekanntgibt, in dem Rust in Untersuchungshaft genommen wird, wo es die frisch vom "Stern" aufgekauften Rust-Eltern dort zu mehrmaligen Besuchen bittet und fast peinlich freundliche Staatsschutz-Angestellte aufbietet, da mögen zwar Mutter Rust die Maßstäbe aufgrund ihres schlichten Gemüts kurzzeitig durcheinanderkommen (sie "übernimmt bei Erzählungen in ihrer Aufregung (!) sogar KGB-Floskeln": Mathias "arbeitet gern mit seinen Vernehmungsbeamten zusammen", sagt sie beispielsweise (Stern).), nicht so aber geübten deutschen Feindaufklärern. Das Verwerfiche an den russischen Gefängnissen ist, daß sie russisch sind und ein deutscher Nationalheld ("populärer als Boris Becker") in ihnen festgehalten wird, der hier schon auf der Vorschlagsliste für den Friedensnobelpreis steht. Dementsprechend darf ein amerikanischer Agent namens Daniloff aus eigener Erfahrung und exklusiv für den "Stern" das völkische Bewußtsein mit Hafterlebnissen aus dem Lefortowo-Gefängis schockieren, die den westlichen Adressaten als Praxis ihrer Staatsgewalt ganz geläufig und in der Regel viel zu lau ist. Man stelle sich nur vor, die sadistischen Russen stecken ihre Rechtsbrecher doch glatt "in kleine Zellen ohne regelmäßige Kontakte nach außen", rauben ihnen dadurch "den Realitätssinn" und halten sie noch "dreimal am Tage" mit "fast ungewürztem Essen" am Leben. Infam auch, wie sie ihren Untersuchungshäftlingen "mit langen Haftstrafen drohen, wenn sie nicht auspacken". Russische Ungeheuerlichkeiten, die selbst und gerade Gauweiler-Fans einleuchten, auch wenn sie sie in bezug auf ihre Vollzugsorgane als wenig geeignete "Glace-Handschuhe" verachten.

- Wo die sowjetische Bürokratie international auf Glasnost macht und den Fernsehanstalten der imperialistischen Welt eine eigens gefilmte Dokumentation samt Interview mit Hauptdarsteller Rust anbietet, wo sich "Bild" rühmt, vom KGB ein Haftphoto für "null Mark" erhalten zu haben, da wissen BRD-Propagandisten sofort: schmutzig! "Moskau läßt Prozeß gegen Rust vermarkten" (Süddeutsche Zeitung). Derweil übernachten "Stern"-Reporter auf der Wohnzimmer-Couch der alten Rusts, um sich diesen lebendigen Marktvorteil in Sachen Feindhetze von der Konkurrenz nicht abkaufen zu lassen ("Der alte Rust hat uns selbst bei einer halben Million noch ausgelacht", ein "Quick"-Chef laut"Spiegel"), und T-Shirts mit der überaus witzigen Aufschrift "International Airport Roter Platz" finden reißenden Absatz.

Weil aber nun einmal die Sowjet-Oberen am Fall Rust partout Rechtsstaatlichkeit beweisen wollen, wird das "Medienereignis des Jahres" in der Zeit bis zum Prozeß mit Hintergrund-Recherche warmgehalten. Die Vorzüge demokratischer Öffentlichkeit beweisen sich hier in der Übung, aus den beabsichtigten Antwort eine Frage zu drechseln: "Was waren die Motive von Mathias Rust?"

Wer als Deutscher den Hauptfeind im Osten so grandios bloßstellt, muß mit seinem Anliegen bruchlos in die große nationale Geschichte des Antikommunismus eingereiht werden. "Vermutlich" also wollte Rust "die Freilassung von Rudolf Heß zur Sprache bringen" (kurz bevor dieser das dafür geeignete Stromkabel fand). Gleichgültig ob, gepaßt hätte das auf jeden Fall. Immerhin soll sich auch Heß als Flieger in einer vom interpretierten Prinzip her ähnlichen Mission betätigt haben. Derselbe Effekt läßt sich auch aus einer ganz individuellen, aber nichtsdestotrotz exemplarischen Genialität herausholen. Konkurrenzlose Höchstleistungen in der Überwindung eiserner kommunistischer Vorhänge können nur aus einer zutiefst freiheitlich-westlichen Gesinnung entspringen. Dafür wird Rusts Großtat mit sämtlichen Ballon- und sonstigen Fluchtflügen in die Gegenrichtung gleichgesetzt. Dafür bescheinigt ihm ein ganz echter Lufthansa-Kapitän "Das ist eine irre Leistung!"

Zum Beweis, daß politisch senkrechte Rekorde durchaus mit schrägen privaten Verhältnissen in Einklang zu bringen sind, wird prompt eine spröde "Herzensdame" gefunden, der - und mag sie auch noch so verflossen sein - Rusty mit seinem Flug nach Moskau imponieren wollte.

Dann zum Prozeß-Beginn das Geständnis des Mathias Rust. Der Verdacht, daß dem Heldenstück irgendwelche schlecht ins Bild passende verquere Friedensabsichten zugrundeliegen könnten, hat den für staatstragende Hintergrund-Aufklärung berüchtigten "Spiegel" schon vorher zur Nachfrage beim Verfassungsschutz veranlaßt - mit negativem Bescheid. Etwas peinlich und auch undankbar gegenüber seinen heimatlichen Public-Relations-Managern muß es schon anmuten, wie Rust sich jetzt an die Russen anwanzt, weil ihm das sein Verteidiger so geraten hat:

"Im Westen würden die Menschen von Regierungen und Medien irregeführt. 'Ich war auf der Suche nach der Quelle des Friedens', sagte Rust. Ihm scheine, daß es das nur in der Sowjetunion gebe. Die westlichen Regierungen lehnten immner wieder die sowjetischen Abrüstungsinitiativen ab." (Süddeutsche Zeitung)

Mit derselben Verantwortlichkeit, mit der sie "unseren Mathias" zum Entlarver östlicher Disfunktionalität hochgeputscht haben, schlagen jetzt die BRD-Meinungsmacher einen nüchternen Ton an.

Die Art, wie Rust sich in nahezu allen Punkten der Anklage - illegale Einreise, Verletzung der internationalen Flugvorschriften und gefährliches Rowdytum - schuldig bekennt, wie er seine "Friedensmission" mit Entschuldigungen an die russische Seele (er wäre nie auf dem Roten Platz gelandet, wenn er gewußt hätte, daß dort ihren Hauptwohnsitz hat) und Komplimenten an die Sowjetregierung begründet, fordert

Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Idols

heraus. Wer sich in die Rolle eines "Friedensfreunds" schmeißt, nach Reykjavik und Helsinki nur deshalb gereist sein will, um die Orte verpaßter Abrüstungschancen auf sich wirken zu lassen und sich dann ausgerechnet Moskau aussucht, um dort "in eine sofortige Konversation mit der sowjetischen Regierung über zahlreiche Vorschläge, die ich vorbereitet hatte", einzutreten, ist nicht nur für die "Frankfurter Rundschau" ein komischer Heiliger, "ein Friedensapostel mit Denkfehlern". Westdeutsche Journalisten, die es an ihren hausgemachten Friedensbewegten zu schätzen gelernt haben, daß sich deren demonstrierte "Kriegsangst" aus der Einsicht in die Abhängigkeit von ihrer Herrschaft speist und sich so bestens für die Verantwortlichkeit nationaler Autrüstungspolitik in die Pflicht nehmen läßt, haben kein Verständnis, wenn ein Bundesbürger - und sei es auch nur, um sich taktisch geschickt zu verteidigen - diesen Vertrauensbeweis ausgerechnet vor dem System ablegt, dessen Existenz erklärtermaßen einem NATO-Frieden im Wege steht. So wird Rusts ehedem "fliegerische Glanzleistung" zur "gefährlichen Bauchlandung für den Frieden".

Dem Mißtrauen von Richter Tichomirnow, warum Rust denn bei seinem "riesigen Streben nach Frieden" nicht wie andere "Friedenskämpfer" an Demonstrationen zu Hause teilgenommen habe, widerspricht die hiesige Öffentlichkeit - wenn auch aus ganz anderen Beweggründen - nicht. Rusts Antwort nämlich, er wolle sich nicht immer nur von Wasserwerfern naßspritzen lassen und Beulen holen, sondern ganz spektakulär der Weltöttentlichkeit die "nur in Moskau" auffindbare "Quelle des Friedens" zeigen, ist für sie kein mildernder Umstand, sondern die Entgleisung eines "reinen Toren". Da hat sich ein typischer Untertan "im adretten Outfit eines strebsamen Banklehrlings" doch glatt mit einem ebenso typischen Untertanenanliegen (einem Friedensappell an die Machthaber, die - wie er wohl weiß - über den Krieg zu entscheiden haben!) um mindestens fünf Etagen zu hoch verflogen und ist dann auch noch bei der ganz falschen Adresse gelandet. Ein freiheitsbegünstigter Westbürger ist für Frieden nur gegen die Sowjetunion! Insofern vermag "der Friedensapostel Rust nicht so recht zu überzeugen".

Also wird er hinfort auch wieder als das gehandelt, wofür er einzig taugt: als

Mittel der Ostdiplomatie

und als Beweisstück für die Feindbildpflege nach Innen. Wenn den hier als "Unrechtsstaat" bestens eingeführten Sowjetregierenden schon so sehr daran liegt, anhand unseres "Kremlpiloten" "das Bild eines fairen Verfahrens zu bieten", so durchschaut natürlich jeder Westideologe sofort, daß es sich da - Perestroika hin, Perestroika her - um eine ganz schlechte Kopie nur in der Freiheit heimischer Rechtsstaatsmethoden handelt.

Schon bei der Abfassung der Anklageschrift scheinen deshalb Verhaltensvorschriften darüber dringend geboten, wie sich Russenrecht einem deutschen Fall, dessen einziger Ertrag als der der politischen Provokation geschätzt wird, zu nähern habe:

"Westliche Diplomaten in Moskau würde es als ein 'politischer Coup' überraschen, wenn in dem Prozeß über die bekanntgewordenen Anklagepunkte hinaus doch noch ein Vorwiurf der Spionage oder einzer verschwörerischen Provokation erhoben würde." (SZ)

Weil aber die russische Gerichtsbarkeit besagten Diplomaten diese Überraschung vergällt, pur auf die strafrechtliche Seite des Falls abhebt und auch die für eine Urteilsfindung rechtsstaatlich vorgesehenen arbeitsteiligen Rollen anstandslos besetzt, muß dringlich gleich mehreres enttarnt werden: Warum wählt Moskau nicht die für es eigentlich typische Form des politischen Schauprozesses (der unserm Rusty wahrlich gut angestanden hätte!), sondern ein Aburteilungsverfahren, "an dem Bonn zumindest formal (!) nichts auszusetzen" hat? - Eindeutig! Sie wollen die Blamage ihres Systems vertuschen. Man muß auf Basis dieser tiefen Einsicht in die tückische Feindnatur nur hinter die verdächtig makellose Rechtsstaatskulisse blicken und schon findet man bei den Russen das, wovor hier die Ideologie einer unabhängigen, blind auswiegenden Justizia schützt: Die Staatsgewalt, die den Bruch ihres Rechts rächt - und das noch nicht einmal konsequent.

Welch hohe Meinung die westdeutsche Presse vom demokratischen Schulungsgrad ihres Puhlikums hat, zeigen die Zaunlatten - Hinweise, mit denen sie ihre Prozeß-Berichterstattung würzt. Weil der Reim feststeht, darf man sich selber fragen: Warum bedient sich Richter Tichomirnow einer "ruhigen und geradezu freundlichen" Verhandlungsführung, wo er doch auf einem "thronartigen Sessel" sitzt? Was sagen uns "zwei Soldaten in Uniform mit Schirmmützen, die während der Verhandlung ständig hinter Rust" stehen? Welches Rechtssystem vertritt ein Anwalt, der seine Mandanten vor dessen Fanclub mit der Bezeichnung "molodjez" (Prachtkerl) schmeichlt und in seiner Kanzlei nur "schäbige Schreibtische" aber "keine Sekretärinnen" hat? Was schließlich ist zu halten von einem "Ankläger in Staatsanwaltsuniform", der mit seiner Forderung nach "acht Jahren Arbeitslager unter verschärften Bedingungen" den starken Mann spielt und sich dann doch mit einem Urteil von "vier Jahren unter allgemeinen Bedingungen" zufrieden geben muß?

Der Beweischarakter solcher Hinweise ist naturgemäß über jeden sachlichen Vergleich erhaben. Er dient ausschließlich der Bestätigung des ohnehin unterstellten Nationalismus. Eine fremde Obrigkeit - ein russische zumal - kann einem Deutschen nie gerecht werden. Nur vor der eigenen duckt man sich gern, weil man muß. Sowieso, aber spätestens nachdem die "Prawda" das Urteil gegen Rust "human" nennt, weiß fast jeder:

Das Urteil war zu hart!

Gar nicht im Widerspruch dazu werden überlegene Kommentare verstanden, die über die praktische Bedeutungslosigkeit dieses Scwjetischen Richterspruchs aufklären. Mögen die Russen auch mit einer ganz beachtlichen Laienspieltruppe mal Rechtsstaat aufgeführt haben, "letztlich wird sich das weitere Schicksal des Angeklagten aber doch auf diplomatischem Wege regeln". (FR) Ganz umstandslos wird der UdSSR von den Sprachrohren westdeutscher Politik die souveräne Handhahung ihrer Staatsgewalt gegenüber dem Bruch ihres Rechts bestritten und nur ein Ausweg diktiert: "Die Härte des Urteils kann nur durch eine spätere Begnadigung korrigiert oder auch zu einem Austausch genutzt werden." (SZ) "Bild"-Hetzer Kremp sieht selbst darin Gefahren. Denn wer - so schließt er messerscharf muß unseren "naiven sympathischen jungen Mann" ganz offiziell begnadigen - ein Russe, und der heißt Gorbatschow und kann dies tun, "wenn und wann es ihm in den Kram paßt".

Rust ist also eindeutig eine "Geisel Moskaus" und "der Fall Rust wird wieder zeigen, daß die Sowjets keine Gelegenheit auslassen, die Deutschen zu disziplinieren". Diese nationale Schmach der Deutschen wird erst enden, wenn die Herren im Osten sich nicht mehr als Staat aufführen können.

So gesehen ist der blöde Rust tatsächlich ein wenn auch zu früh gestarteter - "Kampfflieger".