FLIEGE IN AUFBRUCHSSTIMMUNG

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Dieser Artikel ist in der MSZ 12-1985 erschienen.
Systematik: 

Bonner Charaktere: Dr. Heinz Friedrich Ruppert Forschungsminister, Riesenhuber
FLIEGE IN AUFBRUCHSSTIMMUNG

Wo immer gerade ein deutscher Weltraumflug zu feiern, ein deutscher Nobelpreisträger zu beglückwünschen oder ganz viel deutsche Beteiligung am europäischen Technologieprojekt EUREKA herauszustreichen ist, ist Dr. Heinz Friedrich Ruppert Riesenhuber mit einem infantilen Grinsen zwischen den Ohren zur Stelle und findet mit ein paar breiigen Worten, "wir" seien auf der Welt ziemlich "Spitze".

Dieser Stolz und der kleine Umstand, daß es der Bundesforschungsminister ist, der "uns" auf dem Vormarsch sieht, hat dem Mann seitens der auf nationale Erfolge scharfen Presse vom "Stern" bis zum "Spiegel" den Ruf eingebracht, "ebenso kompetent wie selbstbewußt" zu sein, ein "brillanter Kopf", der "sich inmitten Mittelmaß und Versagen als Musterschüler profiliert und für höhere Aufgaben empfohlen" hat.

"Unser aller Zukunft", die uns der Primus der Koalitionsregierung bereiten will, ist die der "Industrienation" Deutschland:

"Wenn wir heute nicht bereit sind, industriepolitische Verantwortung zu tragen, auch mit allen Konflikten, die dies in unserer Gesellschaft mit sich bringt, dann haben wir langfristig als Industrienation keine Zukunft. Dies ist aber die eigentliche Grundlage unserer Existenz."

Daß den Geschäften der Industrie und der Weltgeltung der Nation die Zukunft gehört, ist das Credo des Ministers, und dafür sollen sich die Deutschen gefälligst erwärmen:

"Versäumnisse aufholen und an die Weltspitze gelangen... Es muß eine Aufbruchsstimmung geschaffen werden, wie seinerzeit nach dem zweiten Weltkrieg beim Marshallplan... Wenn mit dem richtigen Biß und Unternehmungsgeist etwas gewagt wird, dann bekommen wir es hin."

Hier spricht sich der Optimismus eines Politikers der Bonner "Wende" aus, der sich in der ziemlich eitlen Vorstellung gefällt, die Arbeit anderer, die ihm solch anspruchsvolles Daherreden erlaubt, sei Ergebnis seiner Spruchbeutelei, und es komme gegenüber der Welt darauf an, ihr unverdrossen das Gebiß zu zeigen. Den studierten Naturwissenschaftler in sich hat Riesenhuber mit dieser forschen Betrachtungsweise ebenso hinter sich gelassen wie den geschäftstüchtigen Manager, den er vor Jahren bei einer Frankfurter Metallgesellschaft abgegeben hat, und den Milliarden in die technologische Entwicklung steckenden Politiker, der er heute ist: Als auf allen drei Gebieten reüssierter Mann lehnt er sich gewissermaßen geistig aus der Realität zurück und sieht sie rein ideell als schöne Herausforderung, in ihr das nationale Glück zu versuchen.

Daß Riesenhuber seine "neue Forschungspolitik" vornehmlich als eine mutigen "Unternehmungsgeistes" darstellt, zeigt nicht nur, daß hier der Oberfinanzier von Wissenschaft und Forschung in Sphären höheren Blödsinns ahgehoben hat, sondern vor allem, wie sehr internationaler Erfolg Größenwahnsinn beim zuständigen Politiker erzeugt: Diese Figur beansprucht locker, die deutsche Nation hahe aufgrund des überragenden Geistes ihrer Führung ein Recht darauf, für den Rest der Menschheit "die Zukunft" zu gestalten. Unter dem vereinnahmenden Titel "Zukunft" marschieren in großer Unschuld all die "technischen Mittel" der Bundesrepublik Deutschland an, als handele es sich dabei um so etwas wie Teflonpfannen für Eskimos oder Kabelfernsehen für jedermann. Daß "die Technik" als Mittel der Wehr- und Wirtschaftskraft des Staates existiert und diesem zur Stärkung seiner internationalen Stellung dient, soll man getrost ansehen wie einen schwer berechtigten Sieg der Nationalmannschaft. So liefen auch die jüngsten ministeriellen Einlassungen zur deutschen Weltraummission 1 bei aller Betonung der Friedlichkeit der an Bord vorgenommenen Experimente in dem einen Punkt zusammen, die Bunderepublik habe sich hier den USA gewachsen gezeigt, die mit ihrem militärischen Weltraumprogramm SDI den dann nicht mehr eigens zu benennenden Maßstab setzen. Der Zweck der Veranstaltung wird von Riesenhuber vornehm ausgespart; ihm genügt es, in öligem Pastoralton herauszustellen, wie notwendig es ist, "Innovationen" an vorderster Front mitzuentwickeln:

"Wir können nicht konkurrenzfähig sein, wenn wir nicht wirklich die Spitze in allen diesen Techniken haben."

Wozu ist dieses Riesenbaby schließlich überzeugter Katholik, der sich jedes Jahr regelmäßig für eine Woche zu Schweigeexerzitien der Dominikaner begibt, um sich dort

"das sichere Wissen um eine Ordnung, in der alles miteinander zusammenhängt",

beweihräuchern zu lassen? Für den politischcn Eiferer in Sachen "Fortschritt" hängen eben die Deutschen gottgewollt mit den Plänen zusammen, dem Antichristen im Osten eine souveräne Politik zu bestreiten, und dafür muß unter ihnen ganz viel Konkurrenz sein, weil so die Bundesrepublik am besten beweisen kann, wie unverzichtbar sie mit ihrem Beitrag für dieses hohe Ziel ist.

Bei seiner missionarischen Sendung kennt der Minister für Wissenschaft und Forschung natürlich nur lauter Grenzfragen, die "unser aller Überleben" betreffen. Näselnd bekennt er sich zur "verantwortungsethischen Technikfolgenabschätzung" - eine seiner wenigen genialen Wortschöpfungen - und meint damit, wie recht die katholische Bischofskonferenz gehabt habe, als sie ihn zu folgender Überlegung animierte:

"Die Kernenergie sei nur dann uneingeschränkt zu bejahen, wenn sie ohne Schaden für die Menschheit einsetzbar sei. 'Die Menschheit' - das heißt: Ein Schaden für einzelne Personen kann als zumutbares Risiko durchaus ins Kalkül gezogen werden. Dies ist bereits der Übergang von einer gesinnungsethischen zu einer verantwortungsethischen Diskussion."

Wenn bei "unserer" tollen Technik Leute auf der Strecke bleiben - was soll's, wo "wir" doch für die ganze Menschheit die Verantwortung tragen möchten. Wer so abgebrüht über "die" Folgen "der" Technik moralisiert, weiß natürlich, daß diese Abstraktionen gar nichts Schädliches anrichten können, daß "Technik" vielmehr in Gestalt beispielsweise von Atomraketen nebst passender Logistik existiert, die auf politischen Beschluß hin gebaut, stationiert und für den erfolgreichen Einsatz vorgesehen sind. Hier liegt das "zumutbare Risiko", das ein "verantwortungsethisch" denkender Politiker in lauthals vorgetragener Begeisterung darüber, was "deutsche Technik" alles kann, "durchaus ins Kalkül gezogen" haben will.

Mit solchem Hurra-Gefühl ist der deutsche Forschungsminister zur Motivation seiner Wissenschaftler und Unternehmer angetreten. Mit der Logik eines Fußballtrainers, der seinen Mannen "die Angst" nehmen will, damit sie sich wie die Blöden als die Größten fühlen, hat Dr. Riesenhuber schnell eine von ihm selber erfundene "Technikangst" diagnostiziert, etwas, das

"von der Politik aufgearbeitet gehört, damit es nicht zum Hemmnis unserer technologischen Entwicklung wird."

Entsprechend fallen die Ratschläge des Meisters aus: Als verstünden die Leute in den Labors und den Chefetagen der Konzerne ihr Handwerk nicht und als käme es darauf auch gar nicht weiter an, werden sie angehalten, ganz viel "Gesinnung" zu zeigen. Die Wissenschaftler und Ingenieure sollen jede Menge Selbstbewußtsein entwickeln, das ihnen am besten steht:

"In den Köpfen der Mitarbeiter hat es anfangs zu öffentlich-rechtlich ausgesehen. Risikobereitschaft, Eigenverantwortung, Leistungsbereitschaft und Spaß an der Arbeit sind Eigenschaften, die wir fördern müssen... Ich hoffe nur, daß die Wissenschaftler dies wirklich als eine Chance sehen."

Ob die Betreffenden ein solch verrücktes Selbstgefühl nicht nebenbei schon ein bißchen selber pflegen, tut in diesem Zusammenhang weniger zur Sache - Minister Riesenhuber zielt auf eine generelle Verhimmelung deutschen Geistes, an dem "wir alle" Freude haben sollen und an dessen Vortrefflichkeit bei strikt parteilicher Betrachtungsweise die Welt nicht vorbeikommt. Die Bundesrepublik Deutschland gilt ihm daher auch als "Wissenschaftsnation" - ein moralischer Ehrentitel für die Ansprüche dieser Republik, sich "entwickeln" zu dürfen.

Derselbe Patriotismus kommt auch "unserer" deutschen Wirtschaft und ihren Führern zugute, auf deren Mut man als Deutscher stolz sein können soll. Zu diesem Zweck täten die Industriekapitäne gut daran, ihre Lieblingslüge, sie trügen charaktervoll die unendlichen Risiken ihres Geschäfts, noch ein bißchen breiter unters Volk zu streuen - dann könnten "wir" uns noch engagierter hinter sie stellen:

"...Das gilt ebenso für die Wirtschaftler, die nicht davon ausgehen dürfen, daß ihre Aufgabe damit endet, ihre Bilanz in Ordnung zu halten... Das eigentliche missing link ist, es fehlen wagemutige Kapitalgeber."

Kritisch ist er also durch und durch, der Riesenminister Forschungshuber, weil er sich den Schulterschluß von Kapital, Staat und Know-how gar nicht eng genug vorstellen kann. Dem Genie deutscher Wirtschaftsführung und dem Wirtschaftssinn deutschen Erfindergeistes soll sich die Welt nicht entziehen können; so wünscht sich das der "brillante Kopf" aus Bonn, der doch selber tagtäglich mit Fliege demonstriert, wie sehr "wir" aufs Parkett der auserwählten Gestalter der "Zukunft" dieser Welt gehören.