FAMILIENGLÜCK IN THEORIE UND PRAXIS

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1980 erschienen.

Erziehung
FAMILIENGLÜCK IN THEORIE UND PRAXIS

Nach unseren Entdeckungen über das unstillbare Sinnbedürfnis der Intelligenz, welches sich gegenwärtig wieder mebr dem Familienkreis zuwendet und im Kind den Gegenstand von Engagement und Opfer entdeckt, der dies den Eltern danken soll, getrauen wir uns nicht mehr auszuschließen, daß auch MSZ-Leser, nachdem sie sich jahrelang von Freund und/oder Freundin haben enttäuschen lassen, auf die Idee verfallen, sich Kinder anzuschaffen, um endlich einmal ungetrübte Zuneigung verströmen und empfangen zu dürfen, nach der Devise

Vater werden ist nicht schwer...

Etwas Gewaltsames hat dieser Gedanke schon, weshalb sich auch in schöner Regelmäßigkeit Klagen darüber einstellen, daß mit den Kindern Probleme heranwachsen und Erziehung schwieriger sei, als einen Sack Flöhe zu hüten. Aber niemand läßt sie deswegen sein. Im Gegenteil - guter Rat wird sehr geschätzt und soll deshalb an dieser Stelle unterbleiben. Mit der eifrigen Begutachterei elterlicher Erziehungspraxis soll diese ja nicht kritisiert, sondern ihr Erfolg bejammert werden, der sich nie so recht einstellt, wie die Erziehungsideologie es gern hätte. Das heißt natürlich nicht, daß es ihn nicht gibt: Die brisante Mischung aus überschwenglicher Liebe und erzieherischem Verdruß, die sich über das Kind ergießt, hat noch allemal ein Resultat: Das Kind lernt, seinen Willen lavierend einzusetzen - ein ebenso trostloses wie gelungenes Abbild seiner an der Erziehungsfront kämpfenden Eltern.

...Vater sein dagegen sehr

"Mach ich es auch richtig?" ist die ängstlich an einem allgemeinen Erziehungsmaßstab ausgerichtete Frage der keineswegs nur akademisch gebildeten Mütter und Väter. Als ob Erziehung versagen könnte. Noch hat jede Gesellschaft mittels Lob und Tadel, Zuckerbrot und Prügeln die junge Generation daran gewöhnt, sich auf diese Wirklichkeit einzustellen und anständig mitzumachen. Die alberne Sorge und Unsicherheit der Eltern in Bezug auf die "richtige Erziehung" entlarvt sich an ihrer praktisch vorgetragenen Sicherheit, daß ihre tagtäglichen willkürliclien Zurechtweisungen des Kindes diesem nicht unbedingt schaden und alle möglichen Nebenwirkungen und eventuelle Spätfolgen beschert. Die Ideologie der Erziehung will dagegen z.B. glauben machen, daß das Schlimme an prügelnden Eltern nicht darin besteht, daß sie den Willen ihres Sprößlings brechen wollen, sondern darin, daß sie die künftige Lernfähigkeit des Erdenwurms und damit dessen Lebenschancen beeinträchtigen. Weswegen sich auch hartnäckig die Auffassung hält, daß eine Tracht Prügel noch niemandem geschadet habe. Auch sein Hosenscheißen zu beenden lernt jedes Kind ebenso wie Laufen und Sprechen, und "determiniert" wird deshalb in "den wichtigsten beiden ersten Jahren" noch lange nichts. Hier äußert sich eben nicht die an sich brave Hoffnung der Eltern, daß es ihrem Kind besser gehen möge als ihnen, die sich im übrigen einfach dadurch praktische Geltung verschaffen könnte, daß es so gut umsorgt wird, wie es die Mittel der Eltern erlauben. Vielmehr setzen sich die, die es ja so "gut meinen" mit ihren noch so unfertigen und daher als 'süß' geltenden Geschöpfen flott über deren bißchen Subjektivität hinweg mit der lieblosen Problematisierung, ob das, was man tut, der Zukunft des Kindes nützt. Daß die sich daraus bestimmt, was die Gesellschaft in Ausbildung und Beruf über die Tauglichkeit ihrer Mitglieder befindet, können auch die besorgten Erziehungsberechtigten nicht vergessen machen, möchten sie diese Tatsache doch ausgerechnet dadurch leugnen, daß sie ihr in der Familie Rechnung tragen und ihren lieben Kleinen das Leben schwer machen mit dem Anspruch, sie müßten lernen, sich 'ordentlich' aufzuführen, weil nur 'brave' Kinder lieb seien. Auch wenn kindlicher 'Anstand' keine Karriere als Bundeskanzler garantiert, so ist man doch stolz, 'alles getan' zu haben, den Jungbürger im Laufstall mit blöden Vorschriften oder Versprechungen im richtigen Moment zum Kuschen zu bringen und ihn so gesellschaftsfähig zu machen.

Die Gewißheit, daß so einem Zwerg gar nichts anderes übrig bleibt, als seinen Willen in der geforderten unvernünftigen Manier, was sich im einen Augenblick 'gehören' soll und dann wieder nicht, auszubilden, trägt sich elterlicherseits als aufmerksamer Kommentar vor, wie fortgeschritten der 'Entwicklungsstand' des jeweiligen Häwelmanns gerade ist. Zweifelhaft, wie die Freude der Alten an der Fähigkeit des Nachwuchses ist, sich auf deren Gebote einzustellen und auszuprobieren, ob und wie sie sich eignen, eigene 'Ansprüche' anzumelden, kann nicht ausbleiben, daß in der Familie häßliche Töne aufkommen, wenn der kindliche Wille sich gegen den seiner Erzieher dessen moralischer Mittel bedient: was die Blagen gezwungenermaßen ziemlich schnell und nach ihren kindlichen Bedürfnissen und Möglichkeiten raushaben. Dann läuft das quengelnde Balg voll auf und kriegt hingerieben, daß sie eben nur Mittel sind, deren Einsatz den Interessen der Erwachsenen obliegt und ihrer Erziehungsgewalt die irrationale Wucht verleiht, berechtigt zu sein. 'Noch haben wir das (!) Sagen', heißt es da, und das plärrende Kind lernt, sich beim nächsten Mal taktisch klüger auf die Großen einzustellen, die es zwar nicht verstehen kann, von denen es aber abhängig ist.

Glück im Winkel

Alles Gezerre um Renitenz und alberne Besserwisserei der Gören, an dem die Eltern sich über den Grund solch hausgemachter Schwierigkeiten - ihre eigene von erzieherischer Willkür notwendig durchsetzte Bildungsarbeit an einem 'anständigen Menschen' - klar werden könnten; gilt ihnen deshalb nicht als das, was es objektiv ist, sondern lediglich als 'Problem', weil sie ihre ganze Freiheit und ihr Glück darin sehen, die Bornierung des Jungvolks als deren höchsten Lebenszweck durchzuhalten: Dafür werden 'Schwierigkeiten' - die der Kinder zumal - gern in Kauf genommen, belegen sie doch einer dümmlichen Erzieherlogik, daß Unglück und Opfer die edle Absicht der Kinderaufzucht nur umso strahlender erscheinen lassen. Die arschige Zufriedenheit solcher Abstraktionskünstler beschert indes weder ihnen noch ihren Opfern die kleine heile Welt, die sie sich abseits der großen bösen einzurichten trachten. Häuslichen Zank und Streit mit ihren Bälgern halten sie allein deswegen durch, weil sie ihre Liebe zu diesen als Ausschluß von Kritik an sich selbst und ihren Erziehungsvorstellungen sowie an ihrer Brut begreifen - auch eine Art von Luxus, die zudem Platz in der kleinsten Hütte hat. Wie sagte doch eine einfache Frau: "Mein Kind ist mein Leben".

Wo diese Affenliebe hinschlägt, wächst kein Kind mehr gescheit auf. Seine Dummheit und Schwäche sind ja gerade die Eigenschaften, auf die der Zirkus angewiesen ist, der um sie herum abgezogen wird. Da wird getätschelt und gehätschelt, gejubelt, daß der kleine Kerl zu seinem niedlichen Dingsda schon Wiwimacher sagen kann und nicht ohne Rührung registriert, wenn er ihn wieder mal nicht beherrschen kann. Und obwohl es dann manchmal etwas setzt, weil es Dreck ist, der ja weggemacht werden muß, sehen ihn die Muttertiere stets noch im rosigen Licht der perversen Lobrede Mephistos glänzen: "Von hinten anzusehen - die Racker sind doch gar zu appetitlich!"

Herrscht diese Einstellung auch über die Geschlechtsunterschiede des Erziehungspersonals hinweg, so nimmt sie doch in der mütterlichen Physiognomie zusätzlich noch körperliche Gestalt an - wie sich an ihrem stupiden Gluckengesicht unschwer feststellen läßt. Das liegt natürlich nicht daran, daß solche Frauen der Magie dreier K (Kind, Kochtopf, Kirche) verfallen wären, gegen die dann gern die Berufstätigkeit als 'selbständige' magisch hochgehalten wird, sondern hat damit zu tun, daß sie gerade als in der Regel zur beruflichen Abhängigkeit gezwungene zusätzlich gebunden sind an den familiären Zusammenhalt, in dem sie ihre Handvoll Bedürfnisse regeln können, zu denen für sie auch das Hecken und Aufziehen von Kindem gehört; diesem Zwang nämlich stellen sie sich freiwillig als ihrer sie vor den Männern auszeichnenden "größten Aufgabe".

Auch keine reine Freude

Hierfür zu werben haben sich allerdings vor allem ausgesprochene Profi-Mütter wie die dümmlich glotzende Karin Struck ("Die Mutter") als lukratives Geschäft vorbehalten, wenngleich zu allen Zeiten auch schon besonders aufgeschlossene männliche Begutachter der Erziehungsszene mit dieser Propaganda erfolgreich auftraten:

"Das bedeutet das Hüten und Wahren jenes Unbewußten, des noch ungeballten, deshalb aber gerade ursprünglichen Lebens." (Rosenberg, Der Mythus des 20. Jahrhundeits, 551)

Es wird damit auch klar, daß die ideologische Forderung nach "Aufhebung geschlechtsspezifischer Erziehungsrollen", die die Väter bis aufs Gebären der erzieherischen Freuden der Mutterschaft teilhaftig werden lassen möchte, nicht auf der Grundlage männlichen Neides auf weibliche Privilegien erwächst, sondern sich der freien intellektuellen Spinnerei verdankt, dem Kindererziehen auch noch theoretisch alle möglichen sinnbedingten Seiten abzugewinnen, um das imaginäre Vergnügen an ihm noch zu steigern.

Diesen Luxus leisten sich mehr und mehr Eltern, die offenkundig mehr Zeit als ihre ins Berufsleben eingespannten Nachbarn haben, die angeblich nicht so kinderlieb sind - was zwar nicht stimmt, von erzieherisch gebildeten Eltern aber trotzdem regelmäßig damit "bewiesen" wird, welches Theater sie mit ihren Superbabies anstellen: Was sie "alles fürs Kind" tun, unterscheidet sich nämlich neben einem gewissen materiellen Mehraufwand für dessen Versorgung im wesentlichen nur durch mehr Unsinn bei dessen blödem Belabern als Erziehungsproblem. Da will man wissen, daß "Hautkontakt" besser ist als Kinderwagen, weshalb man sich die süße Last auf den Buckel schnallt, streitet über die notwendige Länge der Stillzeit, die mangels Milch dann doch nicht so lange ist wie bei irgendwelchen Negervölkern ('wie machen die das bloß?'), rennt mit Handbüchern und Fachzeitschriften durch die Gegend, die unwidersprochen behaupten, seinen Kindern mit Süßigkeiten "etwas Gutes" zu tun, sei höchst gefährlich, weil die sich "später dann nicht selten mit anderen Stoffen, die durch den Mund aufgenommen werden: durch Zigaretten, Alkohol oder sogar Drogen", (Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit) trösten, usw. usf.

Wo bleibt da der Klassencharakter?

All diese albernen Annahmen ändern im Prinzip überhaupt nichts an der erzieherischen Praxis, die auch in bürgerlichen Familien die kleinen Ekel hervorbringt, die es mittels der verrückten Zuwendung ihrer Eltern gelernt haben, wie man eine sachgerechte Behandlung ihres "Falles" von Erziehung zu fordern hat. Weil sie in den elementaren Kunstgriffen moralischer Verarschung des lieben Nächsten so gut geschult werden und nach allen Regeln der Kunst aufgeklärt sind über die an ihnen verfolgten Erziehungsziele, entdecken sie alsbald eine Chance darin, sich als das Erziehungsproblem aufzuspielen, als das sie zur Ausbildung ihrer kleinen Persönlichkeit immerzu behandelt worden sind. Bei der Entfaltung dieser Kunst mögen Kindsköpfe, die in den exzessiven Genuß tagtäglicher Vorführung als angehende Erwachsene gelangen, größere Fähigkeiten entwickeln, sich entsprechend darzustellen. Das erlaubt ihnen dann zwar, ihren kindischen Charakter besser zur Geltung zu bringen - sie sind entweder brav nicht nur in dem Bewußtsein, das bringe vielleicht was, sondern in dem Selbstbewußtsein, das sei schon was, oder sie sind ungezogen, wobei sie sich dieselbe gehobene Bedeutung andersherum ausrechnen -, aber der Vorteil, auch gegenüber ihren Altersgenossen, liegt deshalb noch lange nicht auf ihrer Seite, weil ihre Mittel sich im Unterschied zu denen der Älteren aufs Bravsein und dessen Verweigerung beschränken und ein Gleichaltriger ihnen allemal eins auf die Nase geben kann. Die besondere charakterliche "Bildung" der Widerlinge aus "gutem Hause" darf man also getrost übergehen - ebenso wie die besondere Einbildung ihrer Erzeuger, was einige Freunde egalitärer Erziehung zwar auch wieder nicht gern hören werden, aber in diesem Land dank elterlicher Hilfe schon durchgesetzt ist.