FÜHRERLOS

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1982 erschienen.
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Die BRD nach Kanzler Schmidt
FÜHRERLOS

Selten hat ein demokratischer Staatsmann der Nachkriegsgeschichte den Abgang von der Macht derart versüßt bekommen wie der westdeutsche Kanzler Schmidt. Eine "Aktuelle Sonderausgabe Helmut Schmidt", dem "Kanzler für Frieden und Wohlstand", "Kämpfer für soziale Gerechtigkeit", "Staatsmann und Mensch", also seinem "Leben, Kampf, Werk" gewidmet, ferner ein "Tagebuch" des ehemaligen Regierungssprechers, ein "Dokument der Zeitgeschichte" über die "schicksalshaften Tage der Republik", sowie ein Wust von Kommentaren demonstrieren die bedingungslose Verehrung für demokratisch bestallte Staatsdiener und räumen mit dem sorgsam gepflegten Vorurteil auf, ein Führerkult gedeihe nur in tausendjährigen Reichen oder jenseits der Mauer.

Das demokratische Mehrheitsprinzip hat seine "Führernaturen ", und anläßlich des Koalitionswechsels wurde allenthalben ins staatsbürgerliche Bewußtsein gehoben, was ein wirklicher Verlust für das deutsche Volk ist: Es hat (s)einen Führer verloren!

Seine Taten

Eine Kostprobe selbstgerechten Nationalismus':

"Am Nachmittag besucht mich Samjatin (...) Er kommt auf jene denkwürdige Begegnung zwischen der sowjetischen Führung und dem Bundeskanzler im Juli 1980 zurück, als der Kanzler durch die Härte seiner Sprache Breschnew, Suslow und die anderen Politbüromitglieder beinahe dazu brachte, die Tafel am Kreml zu verlassen."

Ein forscher Kerl, unser Exkanzler. Aber worum ging's eigentlich bei der Party? Was macht einen deutschen Kanzler so "mutig", unter Verzicht auf diplomatische Formen der Kompromißsuche vom Feind kompromißlos Gefügigkeit zu verlangen, was so mächtig, daß die "zornigen" Herren der Weltmacht Nr. 2 ihn nicht vor die Tür setzen?

"Es ist dem ZK-Abteilungsleiter anzumerken, daß der unbequeme Schmidt für seinen Generalsekretär und manchen anderen jedenfalls ein berechenbarer Partner ist, ein nicht zu erweichender Gegner des Kommunismus, aber ein Politiker, der mit den Russen Frieden halten will, ihre Sicherheitsinteressea anerkennt," (SS 20?) "und der die Vorstellungen Präsident Reagans über die Sowjetunion für realitätsfern, ja eigentlich für gefährlich hält."

Wo sich Gründungsauftrag und Staatsprogramm der Republik 'Weg mit dem Kommunismus!' von selbst verstehen, gereicht die Kompromißlosigkeit der Gegnerschaft dem Menschen Schmidt zur Ehre. Zumal die Macher der BRD seit je festgelegt haben, daß sich ihr Beitrag zur imperialistischen Weltordnung wie "Frieden" buchstabiert und deshalb logischerweise jeder Akt der Feindschaft "den Frieden halten will" - bis die anderen sich ihm nicht mehr beugen. Dabei haben die Menschen auf dem Kanzlerstuhl den unbestreitbaren Vorzug, immer ganz "nah" an der Realität zu sein, weil sie die zusammen mit ihren Verbündeten festlegen...

Wie man sieht, brauchen Böllings gebildete Leser nicht das Geringste über den radikalisierten Antikommunismus des westlichen Kriegsbündnisses oder sonst irgendeinen selbstgesetzten Auftrag der alten Koalition zu wissen (schließlich werden sie ja auch nicht gefragt, ob er ihnen einleuchtet und sie deshalb für ihn geradestehen wollen); es genügt vollauf, wenn sie dieses praktizierte weltherrschaftliche Programm für eine irgendwie honorige Angelegenheit halten, die sie als Charakterstärke des demokratischen Führers respektieren.

Damit sind sie reif für das eigentliche Thema.

Der Verrat

Die öffentlichen Nachrufe auf den zum einfachen Abgeordneten degradierten Kanzler erreichen den Rang einer methodologischen Lekttion in Sachen demokratischer Technik des Machterhalts - und in Sachen Sinngebung dieser Techniken durch eine devote Staatsöffentlichkeit. Wenn der Kanzlerintimus Bölling in Bestsellerdimensionen die Untertanen an den letzten Tagen des Kanzlers H.S., den "schicksalshaften Tagen der Republik" teilnehmen läßt, läuft auch jedem Demokratieverächter das Wasser im Munde zusammen. Allein so sehr er auch fündig wird - "Karrieresucht und höfische Andienerei, Pfründewirtschaft und Heuchelei, Schmierenkommödiantentum und Cliquenstreit" -, es will nichts taugen zum Beleg staatlicher Schwäche, dient diese "Innenansicht" doch nur als Folie der Herrschaftstugenden von H.S. Immer schon waren höfische Günstlinge und Neider die Insignien großer Herrscher - glaubt man ihren Hagiographen.

Und was muß der "oberste Souverän" da lesen, wie mit seinem obersten Repräsentanten umgesprungen worden ist:

Der Kanzler, schützend umringt von einem "heimlich regierenden" "Kleeblatt", wird von "Chargenschauspielern" belästigt, die "zu Macht und Pfründen kommen" wollen, oder sich aa ihm festhalten, weil er "sie warmhält (!)".

Doch "im Kleeblatt wird abermals deutlich, daß Schmidt den Kampf nicht aufgeben will, solange auch nur die kleinste Chance gegeben ist...", wodurch natürlich klar wird: "...um Machterhalt geht es ihm bestimmt nicht mehr."

Woher denn auch, ist es ihm doch immer nur um die Verantwortung für Deutschland gegangen, die ohne Macht nicht zu tragen ist und immer den zum Verantwortlichen qualifiziert, der sie gerade innehat. Da wird die Sorge laut, dem Koalitionsführer

"gelinge es nicht, die Herren Genscher und Lambsdorff in den Schwitzkasten zu nehmen", die "ihn auf Null bringen wollen" - ihm, der schon als junger "Schmiddel" einen ganzen Ruderclub befehligte! Und wer will es dem Kanzler ernsthaft verübeln, wenn er angesichts der Aufforderung, "die Regierungsgewalt mit Klauen und Zähnen zu verteidigen", "auch an sein eigenes Bild in der Geschichte zu denken" bat. Daß ausgerechnet ein "Sachse" ("...hat uns dieser Mann einzuschüchtern, ja gleichsam zu erpressen versucht") ihm sein Amt stiehlt, war ihm "ein richtig großer Schmerz". Doch kurzerhand nimmt der Kanzler ein "Stahlbad" in der Krise ("jetzt bin ich richtig lustig"). Soll er sich denn "immer weiter in die Wäsche treten lassen"?

Mit der Bescheidenheit eines Regierungschefs, der weiß, daß seine Person für die Staatsgeschäfte steht, und deshalb auf die Umkehrung pocht, der Gang der Politik falle mit seiner Person zusammen ("Ihm ist bewußt, was alles kaputtgehen kann. Mag sein, es überträgt sich irgendwie, was die Menschen draußen für ihn empfinden, daß sie irgendwie Angst davor haben, daß der Mann mit der Lotsenmütze weggeht" ), diktiert er den taktischen Plan, auf daß der Volkswille auch richtig entscheide.

  • "Wir dürfen nicht den Eindruck begünstigen (!), daß wir in Wirklichkeit an unseren Sesseln kleben" ("Ich bin der Kanzler und überlasse diese Republik nicht einem Mann, der das nicht kann.").
  • "Wir dürfen nicht den Eindruck begünstigen, daß uns die Trauer um die verlorene Macht langsam ersterben läßt" ("das frustrierende Erlebnis der Oppositionspartei, dieses Immerzu-nur-reden-und-nicht-gestalten-können, dieses Abgeschnittensein vom Herrschaftswissen...").
  • Man muß "die Verantwortung für den noch ausstehenden letzten Akt des Verrats festhalten", "die SPD muß überneugend dastehen", der "Graf darf nicht zum Märtyrer werden", "Genscher müsse... vorgeführt werden", und nicht zuletzt gehört die "Schuldfrage" richtig "angehängt".

Sich als Opfer des "FDP-Verrats" und zugleich als standhafter Aktivist eines "unausweichlichen Bruchs" zu stilisieren, das zieht bei einer Öffentlichkeit, die zwar die Inszenierung durchschaut, aber gerade deshalb die parteipolitische Raffinesse zu würdigen weiß und für ungefähr dasselbe wie Führungstugend und Verantwortung nehmen will. Das Szenario des Kampfs um den Machterhalt innerhalb der Parteienkonkurrenz belegt eine gesunde Portion Emanzipation vom Wählerwillen, auf den man sich beruft.

Der praktische Vollzug der demokratisch geforderten Trennung von Staatsamt und Person gelingt bei Führern wie dem Kanzler eben nur durch Verrat, jedenfalls in den Augen seiner Anhänger. Die teilen mit dem Kanzler den öffentlichen Glauben an die Selbstverständlichkeit seines persönlichen Machtanspruchs und mobilisieren damit parteitaktisch die Untertanen für den letzten großen Auftrag, den "Königsmord" zu sühnen - bei den nächsten Wahlen. Der selbsternannte Kanzlersprecher und Hofschreiber auf Lebenszeit betätigt sich dabei nach Kräften als der Verkünder der Wahlkampfbotschaft vom großen Steuermann Schmidt. Und er braucht sich dafür nicht einmal zu verstellen - gehört er doch zu den demokratischen Hofschranzen, die heutzutage Legenden nicht mehr bloß für die Nachwelt, sondern für die gegenwärtige Kontinuität der Macht stricken.

Daß die Herrschaft sich beim Beraten der nächsten, Belastungen und der Methoden ihrer Durchsetzung ein wenig über die Schulter sehen läßt und dazu ein wenig vom Geschmack an der Macht preisgibt, läßt für einen SPIEGEL-Leser das Mitmachen zu einer wohlbegründeten Angelegenheit werden. Und sein Urteilsvermögen wird mit Auskünften folgender Art vollauf zufriedenstellend versorgt: Genscher "blickte eisig", Ertl ist "hitzig", Lambsdorff "wirkt bedrückt", "Schmidt (ist) tief innerlich mit dem Mann aus Halle beinahe am Ende", "...kehrt fröhlich aus dem hessischen Wahlkampf zurück" usw. usf. Dabei dementieren Böllings Notizen den beliebten Intellektuellenwahn, in der Psychologie oder Psychopathologie von Staatsfiguren sei der geheime Grund der Politik ausfindig zu machen. Die getreulich protokollierten Gemütslagen der dramatis personae bezeugen nie etwas anderes als eben die Überlegungen und Beschlüsse, wie und von wem - ja, was eigentlich? - durchzusetzen ist.

Für das Interesse "Atmosphärischen" der Politik ist der Witz an der herrlichen bundesdeutschen Staatsmacht '82, daß sie von Menschen mit Temperament und Lust an der Macht exekutiert wird. Erschütternd!

Diese Betrachtungsweise fördert nichts anderes zutage als die Hochachtung, die sie der Staatsmacht in Gestalt ihrer Repräsentanten entgegenbringt, und legt sich die außergewöhnlichen menschlichen Vorzüge der Machtfiguren selbst zurecht. Da werden aus den berufsnotorischen Dummheiten und Gemeinheiten wahre Offenbarungen. Das bißchen berechnende Schlauheit im Umgang mit dem politischen Konkurrenzverein ist gleich "richtig analysiert", "schlüssig dargelegt", jedenfalls stets von einer bemerkenswert unterschwelligen intellektuellen Güte.

Etwas für die Geschichte...

"Nicht Geschichte machen wollte er, sondern weitermachen, und das war schwierig genug." (Golo Mann)

Weil man ihn das nach Aussagen der Autorität in Sachen historische Persönlichkeiten nicht ließ, machte er halt doch Geschichte.

"The Chancellor", nicht nur ein deutscher, ein europäischer, nein ein weltweiter Führer, mit allen wichtigen Menschen per du - kurz, ein nationales Prestigesymbol für Weltpolitik, made in Germany.

"Die Westdeutschen haben Glück gehabt: In jeder der drei Phasen ihrer Geschichte sfand der richtige Mann bereit."

Ob er "der bei weitem stärkste Bundeskanzler war, seit dem ersten" oder nicht - "er konnte sich nicht schwächer machen, als er war". Zwar gilt Adenauer als "wohl der größte", doch nur, "weil er die Gnade des Nullpunkts genutzt" habe. Dem "Aufbaukanzler" folgte der nächste Große, der Aufbruchs- und Hoffnungskanzler Brandt, doch auch dessen "geschichtliche Leistung steht auf einem schmaleren Podest". Dann endlich kam die Zeit für Schmidt, der sich

"den Mantel eines Kanzlers der Bundesrepublik Deutschland mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes anlegte, der für diese Rolle geboren ist."

In dieser Stunde von einem "Gescheiterten, auf sein richtiges Maß reduzierten Politiker" (Strauß) zu sprechen, grenzt an Blasphemie. Nein, die historische Einordnung in die Ehrengalerie großer deutscher Führer hat ihre eigenen Maßstäbe dafür, wem "ein Stammplatz in der Geschichte" gebührt: Das "Prädikat der Größe" verdient sich alleine der, der die Zeit prägt, von der er geprägt ist, der "das in der jeweiligen Situation Notwendige" vollzieht, nachdem er es für notwendig erklärt hat. Der zufrieden konstatierte Aufstieg der Bundesrepublik zur europäischen Führungsmacht und zum weltweit engagierten Partner der USA erscheinen für den Historiographen der Macht ohne Umschweife als Verdienst, ja Charakter der politischen Oberverwalter dieses gemütlichen Gemeinwesens. Das Quidproquo welthistorischer Würdigung eines Mannes, der neudeutsche Größe im Rahmen der NATO und ein gehorsames Volk benutzen konnte und ohne Rücksicht benutzt hat, läßt die Frage nach dem Inhalt dieser Leistung und seinen Leidtragenden gar nicht erst aufkommen. Nicht einmal die - nach Demokratenideologie einzig legitime - Frage nach den Leistungen des deutschen Volkes kommt auf. Umgekehrt geht die Betrachtung: Glücklich das Volk, das einen solchen Mann hervorgebracht und über sich gewählt hat. Ein mit dem Ideal einer großen Staatspersönlichkeit bebildertes Lob der erfolgreichen Freiheit deutsch-demokratischer Politik, das ist "historische Einordnung". Die Phantasie im Ausmalen von Kanzlerfähigkeiten, die den bundesrepublikanischen Erfolg ausgemacht haben sollen, läßt sich durch die Zufriedenheit beflügeln, einem Repräsentanten der Macht huldigen zu dürfen, der sich mit allen Insignien deutschen Geistes zu schmücken wußte. Da ist dann auch Regieren - ohne demokratisches Drumherum und Gewaltenteilungsideologien - der erste Ausweis geschichtswürdiger Qualitäten.

Keine Frage, "Helmut Schmidt war ein großer Kanzler". Und das ganz ohne "Pathos" und Ghostwriter. Er, der sich "wohlgefühlt haben mag, als Offizier im Krieg", der Naturkatastrophen bändigte wie Widerspruch in der eigenen Partei ("dirigiert schließlich im militärischen Stil den Einsatz Tausender. Schmidt ist zweifellos in seinem Element, kurz und knapp kommen seine Anordnungen."), der Terroristen jagte und Krisen vertrieb - er hat ein gehorsames Volk verdient, das er "in die Normalität einübte", die fälligen Opfer bei seinem Führer abzuliefern. Und wer mag ihm "Arroganz gegenüber den Massen" zum Vorwurf machen, ihm, dem "Intellektuellen so hohen Grades", der "ständigen Umgang mit Oberhäuptern der Christenheit und der Heiden" pflegte wie andere ihren Rasen.

Ja, Helmut Schmidt hat Deutschland "die Weltgeltung verschafft, die es vorher nicht besaß", hat Breschnew zurechtgewiesen wie keiner vor ihm, hat die Engländer zur EG gebracht ("einen englischen Vortrag konnte er in freier Rede halten, die Hände in den Hosentaschen") - "eine überall hochgeachtete Persönlichkeit an der Spitze in Bonn". "Im Dienste des Vaterlandes verbrauche ich mich", schwarz kam er, grau ging er - er war der richtige Vorkriegsführer zur richtigen Zeit, und die Solidarität seiner Untertanen, ihm seine weltpolitischen Pläne zu bezahlen, war das mindeste, was er verlangen konnte. ("Die Leute spendeten eine Menge Beifall, auch wenn er von den nötigen Opfern sprach.")

Nun ist er "am Ende, doch nicht gescheitert".

"Das einzige, was mit Sicherheit feststeht, ist, daß es lange, sehr lange dauern wird, ehe wieder ein politisch so begabter, intellektuell so überragender Chef im Bundeskanzleramt sitzen wird." (Dönhoff)

Deutsche Intellektuellensprachrohre jedenfalls trauern ihm jenseits aller Parteigrenzen nach. Das demokratische Denken zeichnet sich dabei nur durch eines aus: daß es bei allem Überschwang der Lobhudelei über den Ex-Kanzler zugleich die Einsicht in den notwendigen Fortgang der Politik unter neuer Führung pflegt. Der Wille zur persönlichen Identifikation mit der legitimen Gewalt sucht sich seine Personen und ist doch mit den überpersönlichen Staatsnotwendigkeiten vertraut und einig. Rundum mit der Herrschaft zufrieden - so trauert die gebildete Öffentlichkeit demjenigen nach, der acht Jahre regiert hat, also ein großer Deutscher gewesen sein muß.

Tragik

heißt deswegen auch der vergleichsweise unwesentliche Umstand, daß bundesrepublikanische NATO-Beteiligung und politische Verwaltung einer effektiven Ausbeutung jetzt von anderen Figuren erledigt werden. Daß eine solche Führernatur wie Schmidt aus der obersten Etage der Macht ausziehen mußte, liegt nie an den unpathetischen handfesten Mechanismen demokratischer Regelung der Herrschaft durch Parteienkonkurrenz; liegt nicht daran, daß die Mehrheit der FDP eine neue Koalition für sich als günstiger befand; liegt auch nicht an den Berechnungen der CDU, wie sie an die Macht kommt; schon gar nicht daran, daß in Zeiten forcierter Rüstungs- und Sozialsparpolitik eine Partei mit "Modell Deutschland"- und "Entspannungs"image sich an ihrer eigenen Propaganda einer "leider" notwendigen Wende als halbherzig blamiert. Das muß tiefere und höhere Gründe haben. Gerade weil die wirklichen Inhalte der Politik unter die Selbstverständlichkeiten eingeordnet und die Techniken der Herrschaft zum eigentlichen Inhalt erklärt werden, ist der Führungswechsel ein historisches Datum, eine Eigenschaft, die so banal entscheidende Daten wie die Aufstellung von Pershing-Raketen, die Aufnahme von Milliardenkrediten dafür oder die "Sanierung" des Sozialstaates niemals für sich beanspruchen können. So tritt denn die historische Persönlichkeit - aller wirklichen Gründe und Kalkulationen ihrer politischen Taten, aber auch ihres Auftretens im demokratischen Konkurrenzgetriebe entrückt den höheren historischen Umständen gegenüber, einer mit allen Attributen des Schicksals ausgestatteten bedeutungsvollen Lage, die den Großen trotz seiner Fähigkeiten stürzen ließ. Zur Deutung der Politik als einer Kunst tritt die der Politik als einer Verstrickung, Ausdruck einer höheren Notwendigkeit, die nur eines beweist: Der Politiker ist nicht nur Subjekt, sondern auch Opfer, Gegenstand der Bewunderung und des Mitgefühls für seinen tragischen Weg bis ans bittere Ende. Die Tragik

"liegt nicht so sehr an Schmidt wie an den historischen Bedingungen seiner achteinhalb Regierungsjahre." (Mann) Es geht um nichts weniger als um "die Tragik Helmut Schmidts in einer Dekade des Niedergangs".

Der Lotse wurde selbst zum Opfer, und zwar gleich mehrere Male. Der "gravierende Fehler des Kanzlers": "Er hat versäumt, die Führung seiner Partei zu übernehmen", "entfernte sich von der SPD" und dait "wuchs seine Vereinsamung". Zum zweiten: "Auf die Umweltbewegung, die Friedensbewegung, die Grünen, die Alternativen reagierte er viel zu spät." Und doch wäre er mit allem fertig geworden, "aber der Kanzler warf kaum noch einen geistigen Schatten".

Da wird eine "bürgerliche Krise" aufgetan, zusätzlich noch zur Weltwirtschaftskrise und überdies zur "weltpolitischen Krise" - und da stand er nun, als "Arzt im Weltspital", alleingelassen - tragisches Opfer seiner eigenen politischen Aktion:

"Jetzt wird ihm vieles angekreidet, was wahrscheinlich auch ohne ihn gekommen wäre; manches, das er nicht verhindern konnte; einiges, das im Zug der Zeit lag, nicht so sehr in der Konsequenz seines Wollens."

Der Kanzler aber wäre nicht der Kanzler, ließe sich das "Dilemma" einfach durch einen Personaltausch lösen. Das kann bei einem Führer seiner Klasse gar nicht sein. Ein Führer mag Fehler machen, für die er nichts kann, "zu diesem Fehler werde er sich auch in seinen Memoiren bekennen".

So ist denn schließlich die Tatsache des Koalitionswechsels selber schon der eigentliche Ausdruck der Krise, die den Wechsel unausweichlich gemacht haben soll. Die Kanzlerperson steht mit ihrem beklagten "Schicksal" dafür ein, daß der Politik der geistige Sinn abhanden gekommen sei. Während längst die Nachfolger den leicht modifizierten Rüstungsaufbau- und Sozialabbau Haushalt verabschieden, der NATO als einer "Idee" und den USA als "Partner" Treue schwören und das Volk entsprechend rannehmen, sehen die Krisenauguren aus dem Kanzlerhofstaat "die Politik" am Ende. Es gehört schon viel Sicherheit und sorglose Zufriedenheit mit dem reibungslosen Gang demokratischer Konkurrenz und konkurrenzloser Kontinuität der bundesrepublikanischen Politik nach innen und außen dazu, um gleichgültig gegen diese Politik tiefschürfende Perspektiven nach dem Muster zu entwerfen: Der Kanzlerwechsel - Ausdruck des Tiefpunkts deutscher Herrschaftskultur,

"Am Ende dieser schwierigen 13 Jahre ist die deutsche Politik - und das gilt für alle Parteien - ideell ganz ungesättigt und konzeptionell erschöpft."

Schmidts Niedergang ist so nicht mehr und nicht weniger als "eine Erschüttenng unseres parlamentarischen Systems." Ja, das ist doch was! Wenn ein Führer abtritt, hat die Bühne zu zittern!

Und schon stürzt sich die gesammelte Linke auf die "historische Chance", beim Aufpolieren der Opposition gewordenen Sozialdemokratie ein wenig Mitverantwortung übernehmen zu dürfen. "Einschnitt", "Wende", "Wechsel", "Ende einer Epoche" - so wie "Die Zeit sich ihren großen Mann sucht", geht sie mit ihm zuende, wenn ein richtiger Führer verabschiedet wird - das gehört sich so.

Verzicht und letzte Größe

Weil man von einem solchen Lotsen wie dem Kanzler eigentlich erwarten durfte, daß er sich so leicht ein angestammtes Amt nicht stehlen läßt, legten sich die Tage seiner Bedenkzeit schicksalsschwer über die Republik ("kandidiert Schmidt?"). Und dann wurde der bereits grob vollzogene Abgang feinpoliert, die Patina des über der Parteienkonkurrenz stehenden "eigentlichen Führers" aufgetragen, der Wermutstropfen beigefügt, wie fertig einen demokratischen Staatsmann die Ausübung der Herrschaft über seine Untertanen machen kann, für die er sich "opfert", und die Nation erfuhr: Der Kanzler verzichtet. Bevor er in einer "für die öffentlichkeit bestimmten Erklänng" wohlgewägte Gründe vortng, hatte es sich der Mann "nicht leicht gemacht". Ja, daß Schmidt gar zuvor einen Pastor konsultierte ("Ich wollte wissen, ob ich nicht gegen meine eigenen moralischen Pflichtvorstellungen verstoße"), ließ keinen Zweifel mehr aufkommen:

"Damit hat Schmidt nicht gekniffen. Wenn es jemals einen gab, auf den dieses Wort nicht anwendbar war, dann ist es er."

Nein, das Volk erfährt, der "Kanzler ist nicht gesund": "Sein Herz schafft es nicht." Einerseits macht das einiges klar: "Wäre Helmut Schmidt im vergangenen Jahr ein gesunder Mann gewesen, die Dinge hätten vielleicht einen anderen Verlauf genommen." Aber einen kranken Mann fertigmachen - pfui!

Andererseits hat sich einer was verdient, wenn er "bis zur völligen körperlichen Erschöpfung" mit der Staatsgewalt gegenüber seinen Untertanen hantiert: "Sie verweisen zudem auf sein Anrecht auf mehr Lebensqualität nach so vielen strapaziösen Regierungsjahren, in denen die physische Belastbarkeit oft überstrapaziert wurde."

Doch die Gesundheit allein kann der Grund für den Verzicht nicht sein, weiß man doch, daß der Exkanzler nach seiner Erweiterung um einen Herzschrittmacher nur an seine Zähne dachte ("am liebsten würde er so tun, als käme er gerade vom Zahnarzt"!), Auch Loki scheidet aus:

"Ich habe Ihn nicht gedrängt." Die historische Kontur des Kanzlers ist es vielmehr, die ebenfalls bedacht gehört. Loki: "Sicher, der Wechsel ist nicht gerade elegant gewesen, aber mein Mann hat dabei eine gute Figur gemacht." "Eher haben jene das Ohr des bisherigen Kanzlers, die ihm raten, sich den glänzenden Abgang nicht zu verderben."

Darüber hinaus ist der Kanzler eigen und ist deshalb schon prinzipiell nicht mehr der geeignete Mann für unsaubere Geschichten; er kann sich

"nicht vorstellen, daß ich nach dem 6. März Koalitionsverhandlungen führe, weder mit den Schwarzen, noch mit den Grünen und schon gar nicht mit Herrn Genscher."

Schmidt'ist nun wahrlich zu Höherem berufen, und der letzte Grund für den Verzicht, der öffentlich gehandelt wird, macht ganz fein aus dem Abgang einen Aufstieg. Denn für den zum lebenden Beweis der politischen Sinndeutung seines Abtritts Ernannten bleibt nur noch eines zu tun: Durch die Inszenierung seines Abgangs und seines Übergangs aufs staatsmännische Altenteil sich endgültig zu adeln und zum Führer jenseits des politischen Tagesgeschäfts zu werden. Die Szenerie eines um seine Pflicht für Deutschland und seine Partei ringenden, prinzipientreuen Politikers ist nicht nur der nachträgliche Beweis des Verrats, der an ihm verübt wurde, sondern so macht sich Schmidt schon zu Lebzeiten frei für die historische Würdigung, die aus dem ehemaligen Schmidt-Schnauze endgültig den überparteilichen Nestor der Nation macht:

"Denn Helmut Schmidts Entscheidung... ist mer als nur eine Personalentscheidung. Sein Rückzug aus dem politischen Parkett in die Loge des Elder Statesman bedeutet nichts geringeres als eine Veränderung der politischen Landschaft der Bundesrepublik."

Der Führer tritt heraus aus der Parteienkonkurrenz und wird zum Chefberater der Nation:

"Er wird - Gott sei Dank - im Bundestag bleiben, gewiß als eine Art Elder Statesman, aber bestimmt keiner voller Milde und Nachsicht, sondern ein unbequemer Mahner zu Vernunft und Augenmaß. Die SPD und die Republik werden ihn in dieser Rolle dringend brauchen, gerade in den kommenden Jahren."

Und nicht nur politisch will er die Nation bereichern. Bücher wird er schreiben, Memoiren natürlich, Kunst und Geschmack neu bestimmen ("in der darstellenden Kunst hingegen bevorzugt er die Modernen - sofern sie in Form und Farbe seinen Vorstellungen von Harmonie entsprechen"), sich mit anderen angemessen großen Führer-Figuren treffen, von Philosoph zu Philosoph mit Sir Popper schwätzen (der wolle ihm noch was Wichtiges sagen), weiterhin Klavier spielen, Schachgroßmeister werden und in seinem bescheidenen Ferienhaus am Brahmsee Loki zur Hand gehen.

Das Prädikat "groß" will eben nicht nur politisch verdient sein. Auch im Vergleich mit seinen Gegnern läßt sich die "Größe" eines Führers dokumentieren. Angesichts des in Bonn nun herrschenden "Phänomens eines Zwei-Zentner-Nichts", das kein Englisch kann und von vielem wenig wisse, wird der Verlust des Lotsen in aller Grausamkeit sichtbar:

"Ein großer Mann geht, ein Langer ist gekommen". Ja, was hält denn der für Reden ("das hätte mein Pastor in 10 Minuten spannender erzählt")?

"Birne" nennt man ihn und fragt: "Helmut Kohl - Kanzler der neuen Mitte oder der neuen Mittelmäßigkeit?" Er, dem "bis heute das Image des Provinzlers anhaftet", hat überdies gar jemand zur Gattin, deren Vater die Panzerfaust erfand und die früher "Sportschützin" war.

Der Verehrung des alten Führers wird so noch in den "miesen Qualitäten" seines Nachfolgers ein lebendes Denkmal gesetzt. Solch einen Führer hat der deutsche Bürger nicht verdient. Jedoch,

"die Schlichtheit seiner Wunschwelt - für Intellektuelle ein Graus - kommt bei einfachen Leuten an, die sich wie viele vom linksliberalen Zeitgeist verunsichert fühlten."

So linksliberal ist der gebildete politische Verstand, daß er den Neuen als Volksführer würdigt, sich den Alten als seine geistige Führerfigur in ehrenvoller Erinnerung behält, und sich damit über das gemeine Volk erhebt, das längst das neue geistige Klima im alten Sinn zu spüren bekommt. Daß Politiker eine Frage des guten Geschmacks sind; daß es allein zu beurteilen gilt, wem die Macht gebührt, steht ebenso unverrückbar fest, wie die Kriterien, die es dabei zu beachten gilt.

Das Ideal der Führernatur

Ein Kanzler ist:

  • von außergewöhrilicher Begabung zum Führen und Lenken;
  • sensibel für des Volkes Wunsch nach einem Steuermann, der ihm von "nötigen Opfern sprechen" kann;
  • von imperialistischer Weltoffenheit, die dem "chancellor" bei der Nr. 1 "am Potomac" Respekt verschafft;
  • beseelt von dem unbedingten Willen, "seine Pflicht u tun", und zu herrschen...

Kurz: alle fingierten menschlichen Besonderheiten des "Helden" formulieren das Ideal einer echten Führernatur. Der "SPIEGEL"-Report dekliniert auf über 30 Seiten die demokratische Idiotie vor, sich die Zustimmung zur Herrschaft, also zur Rücksichtslosigkeit gegenüber den eigenen Interessen und Bedürfnissen, als ganz persönliche Vorliebe zu Eigenschaften ihrer Figuren zu rechtzulegen. Der ach so individuelle Geschmack bezieht dafür seine Maßstäbe stets von oben. Nichts annehmlicher für Politiker, als über Bürger zu verfügen, die jetzt das "Ende der fetten Jahre" immer schon erwartet haben und sich in ganz persönlich definierte Tauglichkeitskriterien für die heute nötige demokratische Führerfigur verlieben. So wünscht sich die Obrigkeit ihre Gebildeten: als gehorsame und dabei selbstbewußte Affen einer ganz krisenfrei praktizierten Politik.

Alle Zitate aus:

Helmut Schmidt. Leben, Kampf, Werk. Aktuelle Sonderausgabe (seit November im Zeitschriftenhandel)

Klaus Bölling, Die letzten 30 Tage des Kanzlers Helmut Schmidt. Ein Tagebuch (in: "Spiegel", Nr. 44/1982),

Golo Mann, Nicht Geschichte machen wollte er (in: "Spiegel"; Nr. 44/1982)

sowie Süddeutsche Zeitung, Abendzeitung München, Die Zeit.